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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Während Else so bei sich überlegte, eilte sie, als wenn ein Zauber sie zöge, mit klopfendem Herzen die Lehne hinauf, deren oberster Rand sich in gleichmäßiger, nach dem Meere zu hebender Linie scharf von dem grauen Gewölbe des Himmels absetzte. Mit jedem ihrer Schritte dehnten sich links das Meer und die Dünenkette breiter und weiter, halb schweifte der Blick hinaus, wo der dunstige Himmel mit dem dunstigen Meere zusammenfloß, und über den schön geschwungenen Bogen der Küste bis zu dem bewaldeten Golmberg, der in schwärzlicher Bläue herüberdrohte. Über die zu ununterscheidbarer Masse zusammengedrängten Wipfel ragte der Turm des Schlosses. Zwischen dem Golmberg drüben und der Höhe, auf der sie stand, – unwirtlich wie das Meer selbst, von dem sie nur durch den gelblichen Saum der Dünen geschieden war, – die braune Ebene, die sie durchwandert; – als einzige Stätte der Menschen das Fischerdorf Ahlbeck, das jetzt, hart an dem Fuße des Vorgebirges, fast unmittelbar zu ihren Füßen lag. Auch dort, zwischen den Häusern und der See auf dem breiten Strande, zogen sich lange bewegliche Linien von Arbeitern bis auf die beiden Molen, die, sich mit den Spitzen zusammenneigend, weit in das Meer hineinliefen. An den Molen ein paar größere Fahrzeuge, die ausgeladen zu werden schienen, während eine Flottille von Fischerbooten, alle in derselben Richtung, dem Ufer zustrebte. Sie hatten die Segel ausgespannt, wurden aber wohl nur von den Rudern getrieben. Seltsam stach die gleichmäßige Stellung der braunen Segel und die einförmige Bewegung der Ruder an den Fischerbooten von dem wirren Durcheinander der weißen Möwen ab, die, wie vorhin über ihr, jetzt in halber Höhe zwischen ihr und dem Ufer unaufhörlich kreisten.

Wie sie jetzt höher und höher stieg, trat rechts hinüber erst ein blasser Streifen hervor – die Küste des Festlandes – dann wieder die bleigraue Fläche des Meeres, auf der sich hier und da ein Segel zeigte; endlich diesseits, unmittelbar unter ihr, eine weiße Dünenspitze, die sich allmählich nach dem Vorgebirge zu keilförmig verbreiterte, bis es eine kleine flache Halbinsel wurde, in deren Mitte ein paar Dutzend größerer und kleiner Häuser zwischen den weißen Dünen auf der braunen Heide lagen. – Das war Wissow! Das mußte Wissow sein!

Und nun, da sie auf dem Punkte stand, den sie erstrebt mit dem Aufgebot all ihrer physischen und geistigen Kräfte, und, wie verlangend sie auch die Arme ausbreitete, das Ziel ihrer Sehnsucht noch so weit, so unerreichbar weit vor ihr lag – nun erst glaubte sie die stumme, schauerliche Sprache der Öde, der Einsamkeit um sie her zu verstehen: das Wispern und Raunen auf der Heide, die klagenden Geisterstimmen in der Luft: allein, allein!

Unendliches Weh stieg in ihrem Herzen auf, ihre Knie wankten, sie sank in der Nähe der Blöcke auf einen Stein, drückte das Gesicht in die Hände und brach in lautes Weinen aus, wie ein hilflos verlassenes Kind.

Sie sah nicht, wie ein Mann, der hinter den Blöcken, an die Signalstange gelehnt, das Meer beobachtend, gestanden hatte, von den seltsamen Lauten in seiner Nähe aufgeschreckt, hervortrat. Sie hörte nicht, wie er mit eiligen Schritten über den kurzen Rasen auf sie zukam: Else!

Sie fuhr mit einem dumpfen Schrei empor.

Else!

Und abermals schrie sie auf – ein wilder Freudenschrei, der seltsam durch die lautlose Stille hallte – und sie lag an seiner Brust, klammerte sich an ihn, wie ein Ertrinkender: Reinhold! Mein Reinhold!

Sie weinte, sie lachte, sie jauchzte immer wieder: Reinhold, mein Reinhold!

Sprachlos vor Glück und Staunen über das holde Wunder, zog er sie zu sich nieder auf den Stein, auf dem sie gesessen; sie drückte ihren Kopf an seine Brust: Ich habe mich so nach dir gesehnt!

Else! Geliebte Else!

Ich mußte kommen, ich konnte nicht anders. Es hat mich hergezogen, wie mit Geisterhänden! Und nun hab ich dich! Oh, verlasse mich nicht wieder! Nimm mich mit dir dort hinab in dein Haus! Da ist meine Heimat, bei dir, bei dir!

Er hatte sie die wenigen Schritte bis zu den Blöcken geführt und stand jetzt, seinen Arm um ihren Leib schlingend, hart an dem Rande des Vorgebirges, dessen trotzige Stirn so jäh abstürzte, daß sie da oben unmittelbar über dem grauen Meere in der grauen Luft zu schweben schienen.

Sieh, Else, das ist der Sturm! Ich höre ihn, ich sehe ihn, als ob er schon entfesselt wäre! Es können noch Stunden vergehen, aber kommen wird er, kommen muß er – wie alle Zeichen verkünden: mit furchtbarer Gewalt. Die metallne Fläche da unter uns wird, in wilde Wogen gewühlt, ihren Gischt hinaufspritzen bis auf diese Höhe! Wehe den Schiffen, die nicht jetzt schon in den Hafen geflüchtet und vielleicht selbst dort nicht vor der wilden Wut gesichert sind! Wehe den Niederungen da unter uns! Ich wollte es dir heute morgen schreiben, denn ich sah es schon seit gestern, und daß ihr besser tätet, von Warnow fortzugehen, aber du wärst ja doch nicht gegangen.

Ein dumpfer, rollender, in der Ferne verzitternder Ton machte sie aufhorchen, gleich darauf fuhr ein Sausen durch die Luft, ohne daß sie, selbst in dieser Höhe, eine Bewegung spürten, und dem alsbald wieder die regungslose Stille folgte. Reinhold sprang empor.

Es kommt schneller, als ich gedacht. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren.

Was willst du?

Dich zurückbringen.

Das darfst du nicht, du mußt auf deinen Posten. Ich würde mich verachten, wenn ich dich von deiner Pflicht zurückgehalten hätte; und wie könntest du mich noch lieben, deine Liebe nicht als eine Last empfinden, wenn ich es täte! Wie weißt du denn, ob du nicht in kürzester Zeit, vielleicht jetzt schon unten nötig bist? Und die Leute ratlos dastehen und nach ihrem Kommandeur ausschauen? Reinhold, bei deiner Liebe: Habe ich recht oder nicht?

Wohl hast du recht, aber –

Kein Aber, Geliebter!

Sie waren, Hand in Hand, eiligen Schrittes den Weg, den Else vorhin bis zur Höhe hinaufgestiegen, hinabgegangen und standen jetzt an dem Querpfad, der nach beiden Seiten, auf die Warnower Heide hüben, zu der Wissower Halbinsel drüben, hinabführte.

Bis zu dem Fuße bloß, bis ich dich auf dem rechten Wege weiß, sagte Reinhold.

Keinen Schritt mehr! Horch, was war das?

Auch er hatte es bereits vernommen – ein Geräusch, wie von Pferdehufen, die in schnellstem Tempo auf den harten Rasen schlugen, hinter der Hügelwelle, die sich vor ihnen erhob und ihnen den weiteren Blick unmöglich machte.

Im nächsten Moment wurde auch schon ein Reiter über dem Hügel sichtbar. Jetzt war er oben, hielt das Pferd an, hob sich im Sattel und schien um sich zu spähen.

Es ist der Graf, sagte Else.

Eine tiefe Glut war in das Gesicht geschossen: – Jetzt wirst du mich doch noch eine Strecke begleiten müssen, sagte sie mit einem tiefen Atemzuge – komm!

Sie hatte seinen Arm genommen. In dem Augenblicke hatte der Graf, der, über sie weg, nach der Höhe gesehen, den Blick abwärts wendend, die beiden bemerkt. Er gab seinem Pferde die Sporen und war, die Böschung hinabgaloppierend, im Nu bei ihnen.

Ohne Zweifel hatte er bereits vorher Reinhold erkannt, denn, als er jetzt sein Pferd parierte und den Hut zog, zeigte sein Gesicht keine leiseste Spur von Erstaunen oder Verwunderung; er schien vielmehr Reinhold gar nicht zu bemerken, als ob er Else hier allein getroffen hätte.

Das nenne ich Glück haben, gnädiges Fräulein! Wie Ihre Frau Tante sich freuen wird! Sie hält da drüben, der Wagen konnte nicht weiter – bitte um Erlaubnis, Sie bis zum Wagen zu begleiten – nicht zweihundert Schritt.

Er hatte sich aus dem Sattel geschwungen und das Pferd am Zügel gefaßt. Reinhold blickte Else fest ins Auge; sie verstand und erwiderte den Blick.

Wir sind Ihnen sehr dankbar, Herr Graf, sagte er, aber möchten Ihre Güte nicht einen Augenblick länger als nötig in Anspruch nehmen. Ich werde meine Braut selbst bis zur Frau Baronin begleiten.

Ah! sagte der Graf.

Er hatte sich im voraus an der grenzenlosen Verwirrung geweidet, die nach seiner Meinung die beiden Ertappten in seiner Gegenwart empfinden mußten, und an dem Schrecken, der die Baronin durchzucken würde, wenn er ihr sagen konnte, in wessen Gesellschaft er ihr Fräulein Nichte zu treffen das Glück gehabt. Denn daß der Mensch, nachdem er nun dazugekommen, mit einer gestammelten Verlegenheitsphrase sich hinab nach Wissow trollen würde, nahm er als selbstverständlich an. Und jetzt! Er glaubte, sich verhört zu haben; er glaubte, kaum seinen Augen trauen zu dürfen, als Else und der Mensch, als ob er gar nicht mehr da wäre, ihm den Rücken wendend, Arm in Arm weiterschritten. Er war mit einem Satz wieder in den Bügeln.

So erlauben Sie wenigstens, daß ich das freudige Ereignis der Frau Baronin melde, rief er, im Vorübersprengen ironisch tief den Hut ziehend und vor ihnen her den Hügel hinaufjagend, hinter dem er dann alsbald verschwunden war.

Die Baronin hatte den Wagen verlassen und kam auf die Liebenden zu. Else ließ Reinholds Arm los und eilte der Tante entgegen. Sie hatte, indem sie sie stürmisch umarmte, bereits alles Nötige mitgeteilt. Als Reinhold jetzt herantrat, reichte ihm die Baronin die Hand und sagte mit bewegter Stimme: Sie bringen mir das liebe Kind und – sich selbst; so haben Sie doppelt Dank!

Er hatte den Damen in den Wagen geholfen; noch einen Druck der geliebten Hand, und das Gefährt setzte sich in Bewegung.

Er durfte jetzt keine Minute mehr verlieren. Unten in Wissow waren die Leuchtbaken schon entzündet; in diesem Augenblick blinkte auch auf dem Meere ein Licht auf – das Signal nach einem Lotsen.

Er sprang in mächtigen Sätzen hügelab, als dicht vor ihm aus einer Falte des Terrains, die nach rechts, tief einschneidend, in der Längenrichtung des Vorgebirges lief, ein Reiter auftauchte und auf dem Pfade halten blieb. Es war so plötzlich geschehen, daß Reinhold fast gegen das Pferd gerannt wäre.

Sie haben es jetzt sehr eilig, scheint es, sagte der Graf.

Ich habe es sehr eilig, erwiderte Reinhold, atemlos von seinem raschen Lauf, und wollte an dem Kopf des Pferdes vorüber. Der Graf warf es herum, so daß er jetzt die Front gegen Reinhold hatte.

Geben Sie Raum! rief Reinhold.

Ich bin auf meinem Gebiet, erwiderte der Graf.

Der Weg ist frei.

Und Sie sind für Freiheiten aller Art.

Noch einmal: Geben Sie Raum!

Wenn es mir beliebt.

Reinhold griff dem Pferde in die Zügel, das von einem scharfen Sporenhiebe in beide Flanken hoch aufbäumte; Reinhold prallte zurück.

Im nächsten Moment hatte er das lange Einschlagemesser gezogen, das er, nach Seemannsweise, stets bei sich führte.

Es sollte mir leid tun um das Tier, rief er; aber wenn Sie nicht anders wollen –

Ich wollte Ihnen nur guten Abend sagen, Herr Kommandeur – ich hatte es vorhin vergessen: Guten Abend!

Der Graf zog mit höhnischem Gelächter den Hut, warf das Pferd abermals herum und jagte, seitwärts ab, in die Senkung zurück, aus der er hervorgekommen war.

*

Es war bis nach Hause wenig zwischen den Damen gesprochen worden. Die Tante schien unter einer tiefen Abspannung zu leiden; dazu die unsichere, eilige Fahrt auf dem schlechten Wege, der sich, wie Reinhold vorausgesagt, bei der seltsam schnell herabsinkenden Dunkelheit, kaum noch von der Heide abhob.

Else schrieb ein paar herzliche Zeilen an den Vater. Sie hatte das Briefchen einem alten, sichern Diener zur Versorgung übergeben und schritt nun in wundersamer, halb banger, halb freudiger, ja übermütiger Erregung in ihrem Zimmer auf und nieder: »Else von Werben, Lotsenkommandeur Reinhold Schmidt, Verlobte. Berlin – Wissow!« Ein Lotsenkommandeur? Was ist das eigentlich? – Und Wissow? Weiß keine von den Herrschaften, wo Wissow liegt? – Wissow, meine Herrschaften, ist eine kleine sandige Halbinsel mit etwa zwanzig Häusern, von denen keines ein Viertel so groß sein soll wie das Jagdschloß auf Golmberg oder auch nur wie eines der Wirtschaftsgebäude vom Stammschloß Golm, an dessen steinernem Hoftore man auf dem Wege von Prora nach Warnow vorüberkommt. – Wie wunderlich! – Freilich! Aber sie hatte immer einen wunderlichen Geschmack!

Else zuckte zusammen, als jetzt, wie sie so am Fenster des Erkers vorüberhüpfte, ein greller Blitz die weite Ebene vor ihr in ein fahles Licht tauchte und alsbald ein langhin rollender Donner die Fenster klirren machte. Und dann war's, als ob ein Erdstoß das Schloß in seinen Grundfesten erschütterte; von dem hohen Dach prasselten die Ziegel, Jalousien klapperten herunter, Türen krachten zu, ganze Fenster mußten auf einmal herausgerissen sein, während es um die Mauern, um die Giebel, durch die Fugen und Ritzen winselte und zischte und heulte.

Ein Laufen und Rennen und Rufen war im Schloß; Tritte näherten sich ihrer Tür. Es war die alte Kammerfrau der Tante: Ob das gnädige Fräulein nicht zur gnädigen Frau kommen wolle?

Else erschrak über das todbleiche, verweinte Gesicht. Sie konnte nicht anders denken, als daß der Schrecken über den fürchterlichen Donnerschlag das physische Unwohlsein der Tante bis zu diesem Grade gesteigert habe. Nein, nein, murmelte sie: Das ist es nicht, ich muß dich haben, du mußt bleiben, aber nicht, weil ich mich vor dem Wetter fürchtete – ich fürchte mich vor etwas, das viel schrecklicher ist. – Ich trage es nicht länger! Jetzt ist der rechte Augenblick, oder nie! Ich muß es von der Seele haben, ich muß – ich muß!

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