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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Fünftes Buch

Auf Schloß Warnow hatte die Gesellschaft seit einer Stunde abgespeist; Frau von Wallbach, Else und Graf Golm, der zu Mittag geladen gewesen, saßen in dem Salon um den Kamin, in dem nur ein spärliches Feuer brannte. Es war den ganzen Tag, trotzdem heute erst der Februar zu Ende ging, seltsam schwül gewesen – François hatte sogar vorhin die Fenster öffnen müssen.

Der Graf hielt es für die höchste Zeit, die Unterredung abzubrechen.

Ich glaube, die Pferde werden vorgeführt, sagte er, sich erhebend und Frau von Wallbach die Hand küssend, – entschuldigen Sie mich für heute, gnädige Frau! Spreche, wenn Sie erlauben, morgen wieder vor; wollte Fräulein Carla die Hafenanlagen endlich einmal zeigen – interessiert sich sehr dafür – hoffe, gnädige Frau werden von der Partie sein – au revoir, gnädige Frau!

Er entfernte sich schnell, ohne die Antwort der Dame abzuwarten.

Als er eilig durch das Vorgemach schritt, von dem Portierentüren nach mehreren Seiten führten, kam Carla, das Reitgewand mit der einen Hand in die Höhe hebend, in der andern Hut und Handschuhe haltend, ihm entgegen. – Ihre Frau Schwägerin ist noch im Salon, sagte er laut.

Danke! erwiderte Carla ebenfalls laut.

Er machte ihr mit Hand und Augen ein Zeichen.

Haben Sie dies entzückende alte Bild schon betrachtet?

Welches?

Dies hier, bitte!

Sie waren so weit seitwärts getreten, daß sie aus dem Salon, zu dem die Portieren offen waren, nicht wohl gesehen werden konnten.

Einen einzigen! flüsterte der Graf

Du bist toll!

Den ersten – letzten heute!

Sie hob die Lippen zu ihm auf.

Engel!

Wirklich entzückend! sagte Carla laut, und wieder im Flüsterton:

Um Himmels willen, mach', daß du fortkommst!

Sie huschte in den Salon; der Graf stürzte auf den Korridor.

Beide hatten, während ihre Aufmerksamkeit nach dem Salon gerichtet war, nicht bemerkt, daß in dem Moment, wo ihre Lippen sich berührten, die Portiere einer zweiten Tür, die zu den innern Gemächern führte, gehoben und ebenso schnell wieder geschlossen wurde.

Ist Else nicht mehr hier? fragte Carla. Ich wollte euch Adieu sagen.

Frau von Wallbach wandte den Kopf so weit, daß sie Carla zur Not sehen konnte: Ich habe mit ihm gesprochen.

Was hast du gesagt? fragte Carla eifrig.

Es ist zu langweilig, – ich halte es hier nicht mehr aus.

Das war alles?

Mir ist es genug. Seht zu, wie ihr allein fertig werdet.

Aber Eduard hat doch selbst deine Anwesenheit hier für nötig gehalten!

Dein Bruder kann nicht verlangen, daß ich mich eurethalben zu Tode langweilen soll.

Carla zuckte die Achseln: Du wirst morgen bei besserer Laune sein; adieu!

Ich reise morgen ab, verlasse dich darauf!

François blickte in den Salon: Verzeihen die Damen, der Herr Graf läßt anfragen, ob Mademoiselle –

Ich komme! rief Carla, die Hand nach dem Hut ausstreckend. Nicht wahr, liebe Seele? – Bitte, schling' mir das Gummiband hinten durch! – Du bleibst? – Danke! Adieu, liebe Seele!

Sie hatte ihre Schwägerin noch einmal umarmt, die Handschuhe vom Sessel genommen und eilte, das Gewand weit hinter sich schleifend, davon.

Wenn es nur nicht so langweilig wäre! sagte Frau von Wallbach, in ihren Fauteuil zurücksinkend.

Als der Graf hinabkam, wurden die Pferde eben vorgeführt. Herr von Strummin saß auf der runden Bank, die den dicken Stamm einer breitästigen Linde umgab, und schlug mit der Spitze seiner Reitpeitsche in den feinen Kies.

Kommst du endlich? fragte er, ärgerlich aufblickend.

Fräulein von Wallbach will sich von den Damen noch verabschieden, sagte der Graf, an des Freundes Seite Platz nehmend, – dergleichen geht nicht so schnell; wir werden wohl noch einige Minuten warten müssen.

Desto besser, sagte Herr von Strummin; – ich habe ja, sowieso, noch nicht das Vergnügen gehabt, dich eine Minute lang allein zu sprechen. Also, ohne Umschweife: Es tut mir leid, aber ich muß meine fünftausend Taler wiederhaben.

Das tut mir ebenfalls leid, lieber Strummin, erwiderte der Graf lachend, denn ich kann sie dir nicht wiedergeben.

Nicht wiedergeben! rief Herr von Strummin, während ihm das Blut noch mehr in das rote Gesicht schoß. Du hast mir doch gesagt, daß ich zu jeder Zeit darüber disponieren könne!

Wobei ich natürlich voraussetzte, daß du nicht gerade die unpassendste wählen würdest. Du weißt, daß ich morgen die Hypothek zurückzahlen muß.

Weshalb hast du gekündigt! Es war unbesonnen genug! Ich habe es dir ja gleich gesagt.

Ich wollte die Zinsen sparen, und wenn man für eine Million zwei wiederbekommt, – indessen – allerdings – wie die Sachen heute liegen –

Kannst du von Glück sagen, daß dir das Kuratorium einen neuen Termin zur Zahlung der zweiten Rate gegeben hat, die ja morgen auch fällig war.

Gewiß, sagte der Graf, es ist sehr liebenswürdig von den Herren; ich wäre in einer verteufelten Lage; aber angenehm ist meine Situation darum noch immer nicht. Die verdammte Hypothek! Mein Gläubiger ist von einer unbequemen Dringlichkeit. Er sagt, er müsse das Geld zurückhaben.

Bei der Gelegenheit erfährt man vielleicht, wer dein Gläubiger, mit dem du so geheimnisvoll tust, eigentlich ist.

Ich habe mein Ehrenwort gegeben –

Dann nicht! Ist mir übrigens auch ganz gleich, und wenn du morgen eine halbe Million an den betreffenden Herrn zahlen kannst, wirst du meine fünftausend auch wohl aufbringen.

Ich weiß ja noch gar nicht, ob ich werde zahlen können! rief der Graf ungeduldig; – das ist es ja eben! Ich habe meinem Bankier – es ist nicht Lübbener mehr – Haselow & Kompagnie – ich konnte mit Lübbener nicht mehr auskommen – illimitierte Verkaufsorder gegeben. Wenn aber morgen unsere Aktien noch mehr heruntergehen – sie standen vorgestern schon fünfundvierzig –

Und gestern fünfundzwanzig.

Unmöglich! rief der Graf.

Ja, Mann, bekümmerst du dich denn um gar nichts?

Ich – ich – ich habe meine Korrespondenz in letzter Zeit – die Anwesenheit der Damen hier – ich bin jetzt so in Anspruch genommen –

Scheint so, erwiderte Herr von Strummin, einen Brief aus der Tasche ziehend. Habe es mir gestern von meinem Bankier schreiben lassen, da ich die Geschichte kommen sah; trage es seit heute morgen mit mir herum, war auch schon vorhin in Golm, es dir zu sagen.

Er hatte den Brief entfaltet: »Sundin-Wissower heute massenhaft zu fünfunddreißig offeriert, ohne Abnehmer zu finden, stiegen dann wieder auf fünfundvierzig, da große Posten verlangt. Als aber bekannt wurde, daß Lübbener selbst der Käufer, um den Kurs zu halten, fielen rapide auf fünfundzwanzig bis Postschluß. Überzeugt, daß weiterer Rückgang unaufhaltbar.« – Da hast du die Bescherung!

Das ist allerdings arg, murmelte der Graf

Und wem verdanken wir das alles! schrie Herr von Strummin. Dir! Einzig und allein! Du hast uns erst in die Geschichte hineingesetzt, uns goldene Berge versprochen, uns dann wohlweislich im dunkeln gelassen, bis ihr euren Gründerprofit in der Tasche hattet. Dann sind wir doch wieder auf den Leim gegangen, und schließlich wirfst du eine halbe Million an die Börse und diskreditierst unsere eigenen Aktien, und ich Esel gebe dir noch mein letztes bares Geld. Und anstatt die Nase in deine Geschäfte zu stecken, wie es deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit wäre, dammelst du hier mit den Frauenzimmern herum, und –

Ich glaube, daß der letzte Punkt nichts mit der Angelegenheit zu tun hat, sagte der Graf, sich erhebend.

So! rief der andere, ebenfalls aufspringend; – nichts zu tun hat! Meinetwegen, meinetwegen! Ruinier dich, wie du willst! Aber laß wenigstens andere Leute aus dem Spiel; und ich sage dir, wenn übermorgen, Schlag zwölf Uhr, nicht meine fünftausend Taler, die ich dir auf Ehrenwort geliehen habe, bei Heller und Pfennig auf meinem Tisch in Strummin liegen –

Mein Gott, schrei' doch nur nicht so! sagte der Graf – du sollst dein Geld ja haben. Unsere Aktien können ja wieder steigen. Und – der Steinklopfer läuft dir nicht weg!

*

Else hatte die Zeit zu einem Spaziergange benutzen und – da sie Carla und den Grafen bereits entfernt glaubte – Frau von Wallbach aus Höflichkeit zur Begleitung auffordern wollen. Hut und Tuch bereits in der Hand, war sie, aus den Zimmern der Baronin kommend, arglos die Portiere zum Vorzimmer öffnend, eine sehr unfreiwillige Zeugin der pikanten Szene geworden, welche dort zwischen dem Grafen und Carla stattgefunden. In ihrer Bestürzung hatte sie die Portiere wieder fallen lassen, ohne auch nur daran zu denken, ob man sie bemerkt habe oder nicht, war die Treppe hinabgeeilt und irrte jetzt in dem Garten umher, versuchend, sich einzureden, was sie gesehen, müsse ein Irrtum, ein Blendwerk ihrer Augen gewesen sein; es sei nicht möglich, daß Carla sich so weit vergessen, ihren Bruder so schmählich verraten könne. Aber je gewaltsamer sie das abscheuliche Bild zurückdrängen, zu zerstören suchte, in desto häßlicherer Deutlichkeit stand es vor ihrer Seele.

Was würde Ottomar – erfahren mußte er es ja – sagen, was tun? Vielleicht aufjauchzen, daß die Kette, die ihn fesselte, zerrissen – zur rechten Zeit! Aber das hätte Ottomar wieder nicht ähnlich gesehen. Kein Mann würde es geduldig hinnehmen – und er! Der Aufbrausende, Empfindliche, Jähzornige, der schon so oft um kleinerer und kleinster Dinge willen – ein mißfälliges Wort, ein Blick, der ihn beleidigt – im Duell sein Leben aufs Spiel gesetzt!

So würde er nicht einmal eine verratene Liebe, so würde er nur die verletzte Eitelkeit zu rächen haben, mit seinem Leben eintreten für eine Sache, an die er selbst nicht glaubte, nur, weil die Gesellschaft es wollte, nur, weil in den Augen der Gesellschaft die traurige Komödie dieser Irrungen und Verirrungen durchaus einen blutigen Abschluß verlangte! Oh, dieser elenden Sklaverei, in der sie sich doch selbst einst wohlig und frei gefühlt.

Es duldete sie nicht länger zwischen den hohen, geradlinigen Taxushecken und dem wirren Gestrüpp der Buchengänge, aus denen hier und da Götter und Göttinnen aus Sandstein hervorschauten in verzwickten Stellungen und mit übertriebenen Gebärden, wie erschrocken über sie, die anders denken, anders empfinden wollte als die Menschen, die ihren Stolz und ihre Freude an diesen verschnörkelten und abgezirkelten Herrlichkeiten hatten. Hinweg, hinaus! Am liebsten zu ihm, dem Liebsten, um in seinen starken Armen Schutz zu suchen vor dieser hohlen Gespensterwelt; an seiner treuen Brust ihren Zorn, ihren Schmerz auszuweinen, sich in seiner reinen Nähe rein zu fühlen von all diesem selbstgeschaffenen Jammer, diesem sinnlosen Elend, ihn nie – nie wieder zu verlassen! Und, wenn dies höchste Glück ihr auch noch versagt war, wenn sie zurückkehren mußte in die Sklaverei unmöglicher Verhältnisse – hinaus ins Freie doch! Über die braunen Wiesen, durch die grauen Felder zu den weißen Dünen, die aus der Ferne winkten, einen Blick zu haben auf das Meer, sein geliebtes Meer! Ob es ihr von dem Geliebten einen Gruß brächte, einen Anhauch seines Atems, ihr die heiße Stirn zu kühlen, die brennenden Augen zu erquicken, und wär's durch eine Träne ungestillter Sehnsucht nur.

*

Kein größerer Baum, hier und da nur ein paar verkrüppelte Weiden und wüstes Gesträuch an den Gräben, die sich hinüber und herüber zogen, und an dem breiteren, träge fließenden Bach, den sie jetzt auf einer baufälligen, hölzernen, geländerlosen Brücke passierte. Der Bach mußte von der Hügelkette rechter Hand kommen, an deren Fuße in großen Abständen Else die Gebäude der beiden anderen Warnowschen Güter, Gristow und Damerow, liegen sah. In ungeheurem Bogen sich herumschwingend, stieg sie allmählich zu dem Wissower Haken, der immer gerade vor ihr blieb, empor, während die Ebene nach links ohne die mindeste Erhebung sich hinstreckte bis zu den niedrigen Dünen, die nur hier und da weißlich über den Rand der Heide ragten. Nur einmal zeigte sich auf ein paar Minuten in einer Lücke, durch die der Bach seinen Ausgang nehmen mochte, ein bleigrauer Streifen, der das Meer sein mußte, obgleich es Else kaum von dem Himmel unterscheiden konnte.

Denn bleigrau war auch der Himmel über ihr, nur, daß er nach Osten über dem Meere noch etwas dunkler schien als nach Westen über den Hügeln, und an dem bleigrauen Gewölbe hier und da einzelne weißliche Flecke schwebten, wie Pulverdampf, der in regungsloser Luft an derselben Stelle stehen bleibt. Kein leisestes Lüftchen regte sich, und doch schauerte von Zeit zu Zeit ein seltsames Raunen durch die Öde, als ob die braune Heide sich aus ihrem starren Schlaf losringen möchte. Und durch die schwere, trübe Luft zog es wie ein leiser, langgezogener Klageton, und dann wieder grenzenlose Stille, daß Else das Klopfen ihres Herzens zu hören vermeinte.

Aber schrecklicher fast als das Schweigen der Öde war das Gekreisch einer großen Schar von Möwen, die sie aus einer der häufigen Senkungen der Heide aufgescheucht hatte und die nun, in der grauen Luft hin und her schwankend, die spitzen Schnäbel abwärts geneigt, sie lange Zeit verfolgten, wie in wütendem Zorn über den Eindringling in ihr Gebiet.

Dennoch schritt sie weiter und weiter, schneller und schneller, einem Drange folgend, der keinen Widerspruch der verständigen Überlegung aufkommen ließ, der selbst stärker war als das Grauen, das aus Himmel und Erde sie mit Gespensteratem anhauchte, mit dämonischen Stimmen drohte und warnte. – Und dann kam noch eine andere schreckliche Furcht. Schon aus weiter Ferne hatte sie – am Fuße des Vorgebirges, das sich immer mächtiger heraushob, – dunkle, sich bewegende Punkte bemerkt, wie sie, jetzt näher kommend, sich überzeugte: Arbeiter – mehrere Hundert, die an einem scheinbar endlosen Damme, der bereits zu einiger Höhe aufgestiegen war, karrten und schütteten. Sie konnte nicht anders, als den Damm überschreiten; ja, wenn sie nicht einen großen Umweg machen wollte, mußte sie die langgezogene Linie der Karrenschieber durchschneiden. Sie tat es mit einem freundlichen Gruß an die, die ihr zunächst waren. Die Leute, die schon verdrossen genug schafften, ließen die Karren stehen und glotzten sie an, ohne ihren Gruß zu erwidern. Als sie eine kurze Strecke weiter gegangen, schallten Rufe und rohes Gelächter hinter ihr her. Unwillkürlich sich wendend, sah sie, daß ein paar von dem Haufen ihr gefolgt waren und erst still standen, als sie sich wandte, vielleicht auch nur durch den Lärm, den die anderen erhoben, zurückgehalten. Sie setzte ihren Weg, beinahe laufend, fort. Es war jetzt nur ein schmaler Pfad über den kurzen, verdorrten Rasen und durch die breiten Sandstreifen, mit denen die aufsteigende Lehne des Vorgebirges abwechselnd bedeckt war. Else sagte sich, daß sie den Leuten unten noch lange, bis sie die Höhe erreicht, sichtbar bleiben werde, noch jederzeit von ihnen verfolgt werden könne. Oder wenn sie zurückkehrte, während die Dämmerung tiefer herabgesunken war, die Leute vielleicht schon Feierabend gemacht hatten, kein Aufseher ihre Rohheit in Schranken hielt, die wüsten Menschen, um sie zu beschimpfen, zu schrecken, zu ängstigen, die ganze unendliche Ebene bis Warnow vor sich hatten. Sollte sie gleich jetzt umkehren, wo es noch Zeit war, einen der Aufseher um seine Begleitung bitten?

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