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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Die Freunde wanderten auf dem hellerleuchteten Perron, der Abfahrt des Zuges harrend.

Sie werden sich nicht in Sundin aufhalten? fragte Justus.

Nur morgen, erwiderte Reinhold; – das wird hoffentlich genügen, um mich dem Präsidenten und meinem nächsten Vorgesetzten, dem Baurat, vorzustellen und meine Instruktionen in Empfang zu nehmen.

Ich denke, der Präsident ist hier, sagte Justus, – schon seit vier Tagen, er soll ja den Vorsitz in dem Verwaltungsrat der neuen Eisenbahn übernehmen. Man hat ihm ja die famösesten Anerbietungen gemacht.

So melden die Zeitungen, ich glaube es nicht, erwiderte Reinhold. – Ein Mann, wie der Präsident, kann auf den Schwindel nicht eingehen; überdies, wenn er hier wäre, er hätte mich sicher zu sich kommen lassen.

Und übermorgen sind Sie auf Ihrem Posten und lassen sich den Nord-Ost um die Nase pfeifen und wettern in Ihre Teerjacken hinein – ach, was sind Sie für ein glücklicher Mensch!

Justus seufzte; Reinhold blickte den Freund an, der mit niedergeschlagenen Augen trübselig neben ihm ging, und brach in ein helles Gelächter aus.

Sie haben gut lachen, sagte Justus, – ich habe Sie heute damit verschonen wollen, um Ihnen Ihr Glück und Ihre Freude nicht zu stören, aber es ist vielleicht besser, wenn ich es Ihnen jetzt sage, anstatt es Ihnen zu schreiben, wie ich wollte. Sie kommen ja nun in seine nächste Nachbarschaft und tun mir gewiß die Liebe, einmal hinüberzufahren und dem Alten – ich glaube, er ist nicht einmal alt – ins Gewissen zu reden.

O weh! sagte Reinhold, weht der Wind daher?

Und wie! rief Justus, – daß einem Hören und Sehen vergeht. Sie wissen, daß Mieting mir umgehend schrieb, es sei alles in der famösesten Ordnung. Die Mama sei, wie sie vorausgesagt, gleich auf ihrer Seite gewesen, der Papa habe – natürlich! – eine furchtbare Szene gemacht, um – wie sie vorausgesagt – eine Stunde später klein beizugeben, vorausgesetzt, daß »der Steinklopfer« seine Tochter anständig ernähren könne, denn er könne ihr nichts mitgeben – keinen Schilling – er sei ein armer, ruinierter Mann. Gut! Ich akzeptiere den ruinierten Schwiegervater, und er akzeptiert mich, als ich ihm nachwies, daß ich schon seit einer Reihe von Jahren nie unter – aber das wissen Sie ja alles, und ich wiederhole es auch nur, um Ihnen die grenzenlose Falschheit dieses Danaers ins rechte Licht zu setzen.

Justus war unter einer Laterne stehen geblieben und zog ein Blatt aus der Tasche –

Wenn auch die Orthographie zu wünschen läßt, es sind ellenlange Buchstaben, wie Sie sehen, und der Sinn ist wenigstens nach einer Seite deutlich genug.

Justus schlug mit der Rückseite der Hand auf das zerknitterte Blatt und las: »Geehrter Herr!« – das erste Mal war ich ein »Sehr geehrter Herr«! – »Infolge eines Telegramms, das ich soeben aus Berlin erhalte, ist der Stand meines Vermögens ein so anderer geworden, die Aussichten meiner Tochter für die Zukunft haben sich so wesentlich verändert, daß mir die Lage, die Sie ihr auch im besten Falle bieten können, nicht mehr für sie genügend erscheint, und ich, als ein gewissenhafter Mann und fürsorglicher Vater, bevor ich mich endgültig entscheide« – als ob er das nicht bereits getan hätte – »noch um einige Wochen Aufschub bitten muß, bis sich die eingetretene, für mich so glückliche Konjunktur vollständig überblicken läßt. Hochachtungsvoll, Otto von Strummin, Rittergutsbesitzer auf Strummin, Kreistagsdeputierter, Vize-Präsident des landwirtschaftlichen Vereins zu« – kann ich nicht lesen – ist auch genug!

Und Justus zerknitterte den unglücklichen Brief vollends und steckte ihn mit zornigem Schnauben in die Tasche.

Wenn ich doch nur wenigstens wüßte, was der Herr Rittergutsbesitzer meint? Ich glaube freilich, die ganze Geschichte: Telegramm, Konjunktur – es ist alles blauer Dunst, den er mir vormacht, um mich los zu werden – meinen Sie nicht?

Gewiß will er Sie los werden, erwiderte Reinhold; und das Benehmen des Mannes ist ja kläglich genug; aber mit der Sache, auf die er anspielt, wird es wohl seine Richtigkeit haben, und ich glaube, Ihnen sagen zu können, um was es sich handelt. Man hat Herrn von Strummin aus diesem oder jenem Grunde, wahrscheinlich um ihn von der ersten reichen Beute auszuschließen, im dunkeln über den Stand der Konzessionsfrage gehalten, ihm vielleicht eingeredet, die Konzession werde nicht erteilt werden. Aber trösten Sie sich, Justus! Nicht Sie – Herr von Strummin hat seine Sache auf Sand gebaut. Es wird bald genug zu Tage und er zu Ihnen kommen und sprechen: Sehr geehrter Herr, ich habe mich furchtbar blamiert, und da haben Sie meine Tochter.

Das wäre famös, sagte Justus, trotz seines Kummers lächelnd; aber – ich glaube nicht daran.

Justus! Justus! rief Reinhold. Muß man das am grünen Holz erleben? Von wem habe ich denn das Wort, daß Sandstein schwer zu bearbeiten sei, Marmor aber noch viel schwerer, und daß, wer sein Leben lang in Sandstein und Marmor arbeite, das Leben leichtnehmen müsse, wenn ihn nicht der Teufel holen sollte? Wollen Sie sich denn wirklich holen lassen – Sie?

Ja, das sagen Sie wohl! erwiderte Justus; – ich kenne mich selbst nicht mehr. Oh, diese Liebe, diese Liebe! Ich habe es ja immer geahnt, ich habe es ja immer gesagt, sie würde mein Unglück sein, sie ist noch jedes Künstlers Unglück gewesen! Ich habe heute mittag, während Sie ihre Visiten machten, einen Blick in Ferdinandes Atelier geworfen: Sie arbeitet an einer Bacchantin – in der Stimmung! Es ist aber auch danach! Das heißt: genial bis zur Tollheit, bis zur reinen Karikatur! Das hat sie nun davon, das herrliche Geschöpf! Onkel Ernst ist schön durch: Er hat sich zum Stadtverordneten wählen lassen, weil er noch nicht genug zu tun hat, und wird sich nächstes Jahr in das Abgeordnetenhaus und den Reichstag wählen lassen und sich mit Arbeit betäuben, was jedenfalls gesunder ist als mit Wein. Aber die arme, arme Ferdinande! – Ich glaube, Reinhold, Sie müssen einsteigen. –

Reinhold hatte sich gesetzt, das Signal zur Abfahrt ertönte bereits, als die Tür nochmals aufgerissen und ein Herr von dem Schaffner eiligst hineingeschoben wurde.

Bitte, hier! Ich habe kein leeres Coupé mehr; Ihr Billett auf der nächsten Station!

Der Schaffner warf die Tür zu.

Guten Abend, Herr Präsident! Wollen Sie mir erlauben? fragte Reinhold, dem Präsidenten die große Reisetasche abnehmend und auf das Gestell legend.

Mein Gott, sind Sie es? fragte der Präsident; – wo wollen Sie denn hin?

Ich wollte nicht verfehlen, Ihrer Ordre gemäß, mich morgen, am ersten Dezember, in Sundin Ihnen vorzustellen, erwiderte Reinhold, ein wenig erstaunt.

Ja so, ja so! sagte der Präsident; – verzeihen Sie die dumme Frage – ich bin so abgehetzt, verwirrt – noch einmal, verzeihen Sie! – Und er streckte Reinhold mit seiner gewohnten anmutigen Freundlichkeit die Hand hin.

Ich war vier Tage in Berlin, sagte der Präsident, – hätte Sie auch sicher gebeten, mich zu besuchen, indessen – offen gestanden: Ich habe mich herumgedrückt, wie ein Verbrecher, dem die Polizei auf den Hacken ist; mich vor keinem anständigen Menschen sehen lassen, wenn ich es vermeiden konnte. – Sie wissen vielleicht, was mich nach Berlin geführt hatte.

Die Zeitungen, Herr Präsident –

Ja, ja. Die Zeitungen! Gott sei es geklagt, es bleibt nichts mehr in einem anständigen Dunkel – alles wird ausgeplaudert, und wenn es doch noch immer die Wahrheit wäre! Leider ist es meistens weder die ganze noch die halbe. Was hat man, das heißt, was haben die Herren, denen daran gelegen war, nicht schon auf meine Kosten gelogen! Ich sollte mich für das Zustandekommen der Eisenbahn auf das lebhafteste interessieren, dafür agitieren, dem Herrn Minister fortwährend in den Ohren liegen, die Konzession zu erteilen – ich, der ich mich von Anfang an mit Händen und Füßen dagegen gesträubt, den Herrn Minister auf das dringendste gewarnt habe! Sehen Sie, das ist das Entsetzliche! Das Vertrauen zu der Ehrenhaftigkeit, der Integrität unsrer Beamten ist erschüttert – das ist für mich der Anfang des Endes, der drohende Schatten, den eine Zukunft vorauswirft, die ich Gott bitte, mich nicht erleben zu lassen.

Er schwieg ein paar Augenblicke und fuhr noch erregter als vorhin fort: Wenn man doch nur oben den Takt, ich sage, nur den Takt hätte, diese so höchst verderbliche, ich gebe es zu, weit über das Maß hinausgespannte Tendenz des Publikums zum Mißtrauen und Zweifel nicht noch zu bestärken! Aber es wird auch Sie aufs peinlichste berühren – es genügt ja schon die flüchtige Bekanntschaft, um ihn achten und schätzen zu lernen – der General von Werben –

Ich weiß, Herr Präsident, sagte Reinhold, als der Präsident wiederum schwieg – und meine Bekanntschaft mit dem hochverehrten Manne ist keine flüchtige geblieben.

Nun denn, was sagen Sie? rief der Präsident. – Es haben Differenzen zwischen ihm und dem Minister obgewaltet, ich weiß es – Differenzen, die ausgetragen werden müssen. Es ist schwer, es ist schließlich unmöglich, mit jemandem zu amtieren, der durchaus einen andern Strang ziehen will. Einer muß weichen, und selbstverständlich der Untergebene, aber – gerade in diesem Augenblicke! Das hätte man vermeiden sollen! Das wird wieder Öl ins Feuer schütten, als ob es nicht schon so hell genug brennte, als ob man den Herren Gründern die Sache nicht schon leicht genug gemacht hätte! Die werden sich ins Fäustchen lachen: Da seht ihr's ja! Wir wollten eigentlich, bescheiden wie wir sind, morgen unsre Aktien zu 75 Prozent an die Börse bringen, aber jetzt bitten wir um 80 und 85! Ein Papier, das einen General von Werben in die Luft schnellt, wird so schwer doch wohl sein! – Sehen Sie, werter Herr, so werden sie's in allen Zeitungen ausposaunen; und – wenn auch alles erlogen ist, wenn die Stellung des Generals schon längst unhaltbar war – die Menge geht nach dem Schein, urteilt nach dem Schein, und – der Schein ist gegen uns.

Und wäre es nur das! Aber wir, von denen unser erhabener Monarch mit solchem Recht gesagt hat, daß wir vom Schicksal bestimmt sind, unser Brot im Schweiße unsers Angesichts zu essen – wir fangen an, vom Schein leben zu wollen, von dem gleißenden, nichtsnutzigen Schein. Nehmen Sie diese Eisenbahnaffäre! – Sie ist Schein, wohin Sie auch blicken: Schein sind die Gründe, die für sie plädiert werden – gute Chausseen, anständige Kommunalwege sind alles, was wir für die bescheidenen Bedürfnisse unsrer Insel brauchen, die der Prospekt prahlerisch »die Kornkammer Deutschlands« nennt; – Schein ist die Kaution, auf deren Grund die Konzession nur erteilt werden darf – ich weiß, daß sie nicht einmal die paar hunderttausend Taler aufbringen können. Schein – schamloser Schein – und was von dem herrlichen Kriegshafen zu halten ist, der das Ganze krönen soll – nun, Sie wissen das ebensogut und besser als ich.

Der Präsident stand auf und trat an das Fenster, an welchem die Lichter der Stadt bereits seltener und schneller vorübertanzten. Dann kam er wieder zu seinem Platz zurück und sagte, sich näher zu Reinhold beugend, in einem beinahe geheimnisvollen Tone: Erinnern Sie sich eines Gespräches an dem Abend, als ich das Vergnügen hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen, an der Tafel des Grafen in Golmberg? Ich habe in diesen Tagen so oft daran denken müssen! Nun Ihre Sturmflut, – ich hoffe zu Gott, sie wird nicht kommen; – aber, wenn sie käme, wie Sie prophezeit haben – ich würde sie für ein Gleichnis dessen nehmen, was über uns hereindroht, ja! Für ein Zeichen des Himmels, ob wir vielleicht, aus unserm frevelhaften Taumel, aus unserm Schaum- und Traumleben erwachend, emporschreckend, uns den gleißenden Schein aus den Augen reiben, um – wie unser Fichte sagt, zu sehen, – »das, was ist«. Das kann so nicht bleiben – es ist unmöglich – ein Volk kann nicht auf die Dauer um das goldene Kalb tanzen und dem Moloch opfern. Es geht entweder unter in der Flut seiner Sünden, oder es klammert sich an den rettenden Ararat echter Mannes- und Bürgertugend. Gebe Gott, daß unser Volk zu dem letzteren die Kraft hat! Mir kommen Stunden, wo ich daran verzweifle!

Der Präsident lehnte sich zurück und schloß die Augen. Wollte er das Gespräch abbrechen? War er zu erschöpft, um es fortzusetzen? Jedenfalls wagte Reinhold nicht, die Gedanken zu äußern, von denen seine Seele erfüllt war.

So saß denn auch er still in seiner Ecke. Die letzten Lichter der Stadt waren längst verschwunden. Auf der weiten nächtlichen Ebene, die der Zug durchsauste, lag eine leichte Schneedecke, von der sich die Wälder dunkel abhoben. Droben an dem schwärzlichen Himmel funkelten und blitzten zahllos die ewigen Sterne.

Reinholds Auge war emporgewandt. Wie oft, wie oft hatte er so vom Deck seines Schiffes in winterlicher Sturmnacht aufgeschaut mit bangem, zagendem Herzen! Und sein Herz hatte wieder mutig geschlagen, so auch nur eines der lieben, vertrauten Lichter ihm den einsamen Pfad erhellte. Und heute, wo sie ihm alle leuchteten, die goldenen Sterne, – und größer, prächtiger als alle, der Stern seiner Liebe – heute sollte er verzagen? Nimmermehr! Mochte die Sturmflut kommen – sie würde ihn bereit, sie würde ihn auf seinem Posten finden.

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