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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Der Wald hatte sich aufgetan. In der Mitte des freien Platzes vor ihnen lag ein stattliches, mit Türmen, wie es schien, flankiertes Gebäude, dessen Fenster vielfach erleuchtet waren – ein hellerleuchtetes Schloß mitten im Walde – Diener mit Fackeln vor dem Portale – in der altertümlichen Halle mit den sonderbar verschnörkelten Säulen, so ganz, wie es in einem Abenteuer sein mußte. –

Else schüttelte der behäbigen Frau von Strummin die Hand und dankte ihr für ihre Bemühungen und küßte die hübsche kleine Marie mit den schelmischen grauen Augen und bat um die Erlaubnis, sie auch »Miete« oder »Mieting« nennen zu dürfen, wie die Mutter, die eben das Zimmer verlassen hatte. Mieting erwiderte die Umarmung mit größtem Feuer; ob sie das fremde Fräulein »Du« nennen dürfe? Dann schwatze es sich noch einmal so gut!

Die bereitwillig gegebene und mit einem Kuß besiegelte Erlaubnis versetzte das übermütige Wesen in das größte Entzücken. – Du darfst nun gar nicht mehr weg, rief sie, – oder doch höchstens, um wiederzukommen, noch in diesem Herbst! Mich heiratet er ja doch nicht; ich habe nichts, und er hat nichts, trotz seines großen Majorats, und wenn wir die Eisenbahn und den Hafen nicht zustande bringen, machen wir hier alle bankrott, sagt mein Papa. Und dein Papa und der Präsident haben ja wohl die ganze Sache in der Hand, erzählte mein Papa, als wir herüberfuhren, und wenn du ihn dann heiratest, versteht es sich von selbst, daß dein Papa die Konzession gibt – so heißt es ja wohl?

Ich weiß es wirklich nicht, erwiderte Else. Ich weiß nur, daß wir ganz arm sind und daß du meinetwegen deinen Grafen immer heiraten kannst.

Ich tät's schon gern, sagte das kleine Fräulein ernsthaft, aber ich bin ihm auch nicht hübsch genug mit meiner kleinen unbedeutenden Figur und meinem Stumpfnäschen. Ich werde einmal einen reichen Bürgerlichen heiraten, dem unser alter Adel imponiert – denn die Strummins sind so alt wie die Insel, weißt du – einen Herrn Schulze oder Müller oder Schmidt. Wie heißt denn der Hauptmann, der mit euch gekommen ist?

Schmidt – Reinhold Schmidt!

Nein, du spaßt!

Wahrhaftig nicht, aber er ist kein Hauptmann.

Kein Hauptmann? Was denn?

Ein Schiffskapitän.

Von der Marine?

Einfacher Schiffskapitän.

Schade! Er ist ein so hübscher Mann! Ich hatte schon auf ihn für mich gerechnet! Aber ein einfacher Schiffskapitän!

Frau von Strummin kam in das Zimmer, die jungen Damen zur Abendtafel zu geleiten. Mieting stürzte der Mutter entgegen, ihr die große Entdeckung mitzuteilen. – Es ist alles bereits geordnet, erwiderte die Mutter, der Graf hat bei Ihrem Herrn Vater und bei dem Herrn Präsidenten angefragt, ob sie den Kapitän in die Gesellschaft gezogen wünschten. Die beiden Herren haben sich dafür ausgesprochen, und so wird er auch bei Tisch erscheinen. Er scheint ja auch soweit ein ganz anständiger Mann, schloß Frau von Strummin.

Ich bin wirklich neugierig, sagte Mieting.

Else sagte nichts. Aber als sie, auf den Korridor tretend, dem Vater begegnete, der eben aus seinem Zimmer kam, flüsterte sie ihm zu: Ich danke dir!

Man muß gute Miene zum bösen Spiel machen, erwiderte der General in demselben Ton.

Else war ein wenig verwundert. Sie hatte nicht geglaubt, daß er die Etikettenfrage, die er in ihrem Sinne entschieden, so ernsthaft nehmen würde.

Glücklicherweise für Reinhold selbst war ihm auch nicht einmal der Verdacht der Möglichkeit gekommen, sein Erscheinen oder Nichterscheinen bei Tische könne von seiten der Gesellschaft allen Ernstes debattiert werden.

Wer einmal A sagt, muß auch B sagen, sprach er bei sich, während er mit Hilfe der Sachen, die er in dem Reisesack vom Bord des Schiffes auf alle Fälle mitgenommen, seinen Anzug, so gut es gehen wollte, in Ordnung brachte; – und nun zum Kuckuck die böse Laune! Habe ich mich in meiner Dummheit auf den Sand gerannt, so werde ich auch wieder flott werden. Den Kopf hängen zu lassen oder gar zu verlieren, hieße, die Dummheit nicht wieder gutmachen, hieße, sie nur noch vergrößern; und sie ist gerade hinreichend groß. Wo sind denn aber nur die Schuhe?

Er hatte im letzten Augenblick an Bord die Schuhe, die er getragen, mit einem Paar großer Wasserstiefel vertauscht. Sie hatten ihm unterwegs im Spülwasser und Regen, im nassen Sande des Strandes und auf dem Wege die besten Dienste geleistet – aber jetzt! Wo waren die Schuhe? Jedenfalls nicht in dem Reisesack, in den er sie geworfen zu haben glaubte und aus dem sie nicht hervorkommen wollten, trotzdem er zuletzt in seiner Verzweiflung alles herausgewühlt und um sich geschleudert. Er mußte hier oben in der lächerlichsten Gefangenschaft bleiben oder unten vor den Herrschaften erscheinen in dem abgeschmacktesten Anzug: Wasserstiefeln und schwarzem Frack! Vor den Augen des Präsidenten, dessen lange, hagere Gestalt vom Scheitel des kleinen feinen Kopfes bis zu den Lackstiefeln, die er sogar an Bord getragen, das Bild peinlichster Akkuratesse war! Vor dem strammen, in seinen Interimsrock fest eingeknöpften General! Vor dem Grafen, der so schon einige Neigung zu haben schien, ihn gesellschaftlich nicht für voll anzusehen! Vor den Damen! – Vor ihr! Vor ihren lachlustigen braunen Augen! – Nun wohl, wenn ich der Tor gewesen, dem Winke dieser Augen zu folgen – so soll dies meine Strafe sein, so will ich jetzt Buße tun: in schwarzem Frack und Wasserstiefeln!

*

Hat man den Herrn Kapitän nicht gerufen? fragte der Graf den Hausmeister.

Zu Befehl, Herr Graf, vor einer Viertelstunde.

So wollen wir nicht länger warten. Die Höflichkeit der Könige scheint nicht auch die der Schiffskapitäne zu sein. Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein?

Er bot Elsen den Arm. Zögernd legte sie die Fingerspitzen hinein. Sie hätte dem Kapitän gern die Verlegenheit erspart, die Gesellschaft schon bei Tisch zu finden. Aber schon hatte der Vater Mietings Mutter, der galante Präsident Mieting selbst den Arm geboten. Die drei Paare bewegten sich nach der Tafel, welche zwischen ihnen und der Tür hergerichtet war, als die Tür sich öffnete und die wunderliche Gestalt eines bärtigen Mannes in Frack und hohen Wasserstiefeln erschien, in der Else zu ihrem Schrecken den Kapitän erkannte. Aber im nächsten Augenblick mußte sie lächeln, wie die andern. Mieting ließ den Arm des Präsidenten los und stürzte in eine Ecke des Saales, um das konvulsivische Gelächter, in das sie bei dem unerwarteten Anblick ausgebrochen war, hinter ihrem Taschentuche zu verstecken.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte Reinhold, aber die Eile, mit der wir heute von Schiffe aufbrachen, ist, wie ich leider erst jetzt bemerkte, einer strengen Auswahl meiner Garderobe nicht günstig gewesen.

Ich finde den Anzug sehr kleidsam, sagte Else mit einer verzweifelten Anstrengung, ihren Ernst wieder zu gewinnen, und mit einem strafenden Blick auf Mieting, die zwar aus ihrer Ecke hervorgekommen war, aber noch immer nicht wagte, das Tuch von dem Gesicht zu nehmen.

Das ist viel mehr, als ich irgend gehofft habe, sagte Reinhold.

Man hatte an der Tafel Platz genommen. Reinhold dem Grafen gerade und Elsen schräg gegenüber, während er zu seiner Linken Fräulein Mieting, zu seiner Rechten Herrn von Strummin hatte, einen breitschultrigen Herrn mit einem breiten roten Gesicht, dessen unterer Teil von einem breiten roten Bart bedeckt war und dessen breite laute Stimme Reinhold um so unbequemer war, als sie fortwährend in das leise lustige Geplauder der jungen Dame zu seiner Linken hineinschallte. Das gutmütige Kind fand, was sie gleich beim ersten Blick gesehen zu haben glaubte: daß der Kapitän mit seinen großen, hellen, blauen Augen, seiner braunen Gesichtsfarbe und seinem krausen braunen Vollbart ein hübscher, ein sehr hübscher Mann sei. Der Kapitän hatte so viel Geschichten zu erzählen! Und er erzählte so schlicht und treuherzig! – Du glaubst nicht, Else, wie interessant das ist! – rief sie über den Tisch herüber: Ich würde ihm die ganze Nacht zuhören!

Das gute Kind ist in ihrem Geschmack nicht eben wählerisch, sagte der Graf zu Elsen.

Das tut mir leid, sagte Else. Sie hat mich eben, wie Sie hören, zu ihrer Freundin erwählt.

Das ist etwas anderes, sagte der Graf.

Ihm gegenüber schrie Herr von Strummin dem General, der nur widerwillig zuzuhören schien, seine Ansichten über die Eisenbahn und den Kriegshafen ins Ohr. Er für sein Teil hatte sich vorgenommen, dies heikle Thema während der Tafel nicht zu berühren, jetzt war ihm jedes Thema recht.

Verzeihe, lieber Freund, sagte er, seine Stimme erhebend, ich habe da so einiges von dem gehört, was du dem Herrn General über unser Lieblingsprojekt mitteilst. Du sagst immer »wir« und »uns«, aber du weißt, daß unsere Ansichten in wesentlichen Punkten divergieren. Ich möchte dich daher, wenn du schon einmal von der Sache sprechen mußt, bitten, es nur in deinem Namen zu tun.

Ho, ho! rief Herr von Strummin, worin divergieren wir denn groß? Darin, daß ich auf Strummin ebensogut einen Bahnhof haben will wie du auf Golm!

Aber wir können doch nicht alle einen Bahnhof haben, sagte der Graf mit mitleidigem Achselzucken.

Natürlich wollen wir unseren Vorteil dabei haben – welcher vernünftige Mensch wollte das nicht – aber der steht dann doch in zweiter Linie: erst der Staat, dann das übrige. So halte wenigstens ich es, und so hält es hier der General.

Gewiß halte ich es so, sagte der General, aber wie komme gerade ich zu der Ehre?

Weil niemand durch die Ausführung des Projektes mehr gewinnen würde als Ihre Frau Schwester, oder wer immer Warnow, Gristow und Damerow einmal besitzen wird.

Ich werde nie einen Fußbreit von den Gütern besitzen, sagte der General, die Augenbrauen zusammenziehend. Ja, ich bekenne mich offen als den entschiedensten Gegner Ihres Projektes! Ich halte es für strategisch nutzlos, und ich halte es für technisch unausführbar.

Zwei Gründe, von denen jeder einzeln, wenn er zutrifft, zerschmetternd sein würde, erwiderte der Graf, ironisch lächelnd. Hinsichtlich des ersten beuge ich mich selbstverständlich einer solchen Autorität, obgleich wir ja nicht immer einen Krieg mit dem seeuntüchtigen Frankreich, sondern gelegentlich auch mit dem seetüchtigen Rußland haben könnten und uns dann ein Hafen mit der Front nach dem Feinde sehr nötig sein dürfte. Aber die Ausführbarkeit, Herr General, da glaube ich in aller Untertänigkeit ein Wort mitsprechen zu dürfen in meiner amphibischen Eigenschaft als wasseranwohnender Landedelmann. Unser Sand, so sehr er auch, zu unserm eigenen und unseres Herrn Präsidenten Leidwesen, die Wegebauten erschwert, ist ein vortreffliches Material für einen Eisenbahndamm und wird sich auch als ein guter Baugrund für die Fundamente unserer Hafenmauern erweisen.

Bis auf die Stellen, wo wir wieder zu Pfahlbauern werden müßten, sagte der Präsident, der um des Generals willen nicht länger schweigen durfte.

Es mögen dergleichen Stellen vorkommen, rief der Graf, der trotz des empörenden Widerspruchs von seiten der beiden Herren jetzt wenigstens die Genugtuung hatte, daß jede weitere Unterhaltung am Tisch verstummt war und er für den Augenblick allein sprach: Ich gebe es zu. Aber was würde damit anders bewiesen sein, als daß der Hafenbau ein paar Monate oder Jahre länger dauert und ein paar Hunderttausende, meinetwegen ein paar Millionen mehr kostet? Und was wollen die bei einem Werke sagen, das, wenn es einmal vollendet, ein unüberwindliches Bollwerk ist gegen jeden Feind, der von Osten droht? –

Bis auf einen! sagte Reinhold.

Der Graf hatte gar nicht daran gedacht, daß der Mensch sich ebenfalls in die Unterhaltung mischen könnte. Eine zornige Röte stieg ihm in die Stirn. Er warf einen finsteren Blick auf den neuen Widersacher und fragte in scharfem, wegwerfendem Ton:

Und der wäre?

Eine Sturmflut! erwiderte Reinhold.

Wir hierzulande sind der Stürme und der Fluten zu gewohnt, um uns vor den einen oder den andern zu fürchten, sagte der Graf, sich zur Ruhe zwingend.

Ich weiß es, erwiderte Reinhold, ich spreche aber auch nicht von den gewöhnlichen atmosphärischen und maritimen Ausgleichungen und Störungen, sondern von einem Ereignis, das nach meiner Überzeugung seit Jahren vorbereitet ist und nur auf die gelegentliche Ursache wartet, die nicht ausbleiben wird, um mit einer Gewalt hereinzubrechen, von der die kühnste Phantasie sich wohl keine Vorstellung machen kann.

Sind wir noch im Gebiet der Wirklichkeit oder bereits im Reiche der Phantasie? fragte der Graf.

Wir sind in dem Bereiche der Möglichkeit, erwiderte Reinhold, jener Möglichkeit, von der ein Blick auf die Karte uns belehrt, daß sie einmal oder mehrere Male bereits eine Wirklichkeit gewesen und nach menschlicher Berechnung in nicht allzulanger Zeit wieder eine solche werden wird.

Sie machen uns äußerst neugierig, sagte der Graf.

Er hatte es ironisch gesagt, aber er hatte nur der Stimmung der Gesellschaft den richtigen Ausdruck gegeben. Aller Augen hatten sich auf Reinhold gerichtet.

Ich fürchte, die Damen mit diesen Dingen zu langweilen, sagte Reinhold.

Nicht im mindesten, sagte Else.

Ich schwärme für alles, was mit dem Meere zusammenhängt, rief Mieting mit einem schelmischen Blick zu Elsen hinüber.

Sie würden mich in der Tat verbinden, sagte der Präsident.

Bitte fortzufahren! sagte der General.

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