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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Die Freunde hatten in letzter Zeit, als Ferdinande noch das Bett hütete, Onkel Ernst sein Zimmer fast nicht mehr verließ und das Schmidtsche Familienleben infolgedessen so gut wie zerstört war, ihre Abende ziemlich gleichmäßig, wie sie sagten, oder sehr ungleichmäßig, wie Tante Rikchen sagte, zwischen dieser und Kreisels geteilt. Reinhold mußte der Tante recht geben und versuchte auch weiter nicht, sich zu entschuldigen, da er nicht lügen mochte und den wahren Grund doch nicht bekennen durfte. Die Wahrheit aber bestand darin, daß ihm die ewigen Klagen der Tante den Rest des Lebensmutes zu rauben drohten und er umgekehrt in der sonnigen Atmosphäre, die das liebe blinde Mädchen um sich her verbreitete, den Trost und die Labung fand, deren er so sehr bedurfte. Freilich war auch diese sonnige Atmosphäre in letzter Zeit ein wenig getrübt gewesen. Es war eine Vermutung der Freunde, daß der wunderliche alte Herr, nachdem er einmal, wie er sich ausdrückte, mit Ehren doch nicht länger Sozialist sein könne, dem Lieblingswunsch seines Herzens, für Cilli auch nach seinem Tode zu sorgen, nun sogar seine Abneigung gegen das Börsenspiel zum Opfer gebracht habe und mit dem winzigen Vermögen, das er sich im Laufe der Jahre mühsam zusammengespart, eifrigst spekuliere. Er tat zwar sehr geheimnisvoll damit und leugnete es, wenn Justus ihn damit neckte, aber Justus ließ sich nicht irremachen und wollte sogar aus einer gelegentlichen Äußerung entnommen haben, daß es der trübe Stern der Berlin-Sundiner sei, dem der alte Herr das schwankende Schifflein seines Glückes anvertraut. Damit schien denn freilich übereinzustimmen, daß in den letzten Tagen, während derer das fast entwertete Papier infolge der neuen glückverheißenden Aspekte zu einem Gegenstande wildester Spekulation geworden und fast um das Doppelte gestiegen war, auch die gute Laune des alten Herrn sich wieder eingefunden hatte. Cilli sagte, nun wäre alles wieder gut für sie, und Reinhold hatte, wenn sie das mit ihrem holden Lächeln versicherte, sich eine andere, viel schlimmere Sorge auszureden gesucht – eine Sorge, die er einmal gegen Justus angedeutet, worauf dieser in seiner leichten Weise erwidert: Unsinn! Liebe ist eine Schwachheit; Engel haben keine Schwächen; Cilli ist ein Engel, und damit – basta!

Er fand Cilli allein in dem bescheidenen Wohnzimmerchen, im Begriff, die Teesachen auf dem alten, vergilbten, harten Sofa zu ordnen.

Wo bleibt Justus? fragte sie.

Er wollte sich nur eben umziehen.

Wie weit ist er mit Ihnen?

Ich werde morgen oder übermorgen fertig.

Dann komme ich dran. Ich freue mich so darauf – ich meine: auf das Bild. Ich möchte gar zu gern wissen, wie ich aussehe. Wenn ich auch noch so oft so mache – sie strich langsam mit dem zarten Zeigefinger über ihr Profil – das ist gerade, als ob ihr in den Spiegel blickt; ihr wißt doch nicht, wie ihr ausseht, bis es euch ein großer Künstler in eurem Bilde zeigt.

Mein Gott, Cilli, sagte Justus, die Tür öffnend und auf der Schwelle stehen bleibend: Geben Sie mir zur Abkühlung eine Tasse Tee mit ein wenig Rum. Die Berlin-Sundiner sind wieder um ein halbes Prozent gestiegen – das soll mal ein heitrer Abend werden!

Und ein heitrer Abend war's; und als Reinhold spät in der Nacht auf sein Zimmer kam, fand er einen Brief des Präsidenten, in dem ihm in offizieller Weise mitgeteilt wurde, daß der Herr Minister seine Anstellung genehmigt und er sich sofort betreffenden Ortes vorzustellen habe, da er spätestens am ersten Dezember seinen Posten antreten müsse.

*

Muß ich dem Droschkenkutscher für meine kleine Person und meinen kleinen Koffer wirklich zwanzig Silbergroschen bezahlen? fragte Mieting, die Tür zu Elses Zimmern aufreißend.

Mein Gott! Mieting!

Erst beantworte mir meine Frage!

Ich weiß es nicht.

Das gnädige Fräulein weiß es auch nicht, August! rief Mieting auf den Korridor hinaus; bezahlen Sie ihm also, was er haben will. – Und nun, du Liebe, Einzige, Beste, sage mir, ob ich dir willkommen bin!

Mieting flog Elsen um den Hals, lachend und weinend: Siehst du, nun bin ich doch hier – ohne Brief, nachdem ich mich hundertmal angemeldet.

Und Mieting tanzte im Zimmer umher und fiel Elsen dann wieder um den Hals und rief. Dies ist der schönste Abend meines Lebens, und wenn du mich morgen früh wieder wegschickst – der schönste Abend war es doch!

Und ich hoffe, daß diesem Abend noch manche glückliche folgen werden – für uns beide! Ach, du weißt gar nicht, liebes Mieting, wie willkommen du mir bist! rief Else, Mieting Umarmung und Kuß herzlich zurückgebend.

Wenn ich das nur weiß, sagte Mieting, so will ich das andre gar nicht wissen, das heißt: Ich möchte es eigentlich schrecklich gern; aber verständig sein und diskret sein ist jetzt für mich Ehrensache, weißt du; und von dieser Seite kennst du mich noch gar nicht; – ich mich auch nicht. Wir müssen mich erst kennenlernen, das wird himmlisch amüsant sein – Gott, welchen Unsinn ich vor lauter Freude schwatze!

So war denn kaum eine Woche vergangen, als sich das heiter-gesprächige Mädchen bereits zum Liebling aller und jedem beinahe unentbehrlich gemacht hatte. Der General, der sich fast gänzlich in sein Zimmer zurückgezogen, brachte wieder, wie sonst, wenn man nicht in Gesellschaft war, ein paar Abendstunden in der Familie zu; ließ sich von Mieting über landwirtschaftliche Dinge, in denen sie Autorität selbst für ihren Papa zu sein behauptete, unterrichten und wiederum von ihr ausfragen: Was denn eigentlich eine Schlacht sei! Ob Moltke wohl manchmal gähne, wenn die Sache sich in die Länge ziehe? Selbst Ottomar, der seit seiner Verlobung sich kaum noch im Hause blicken ließ, – bei uns ist er nicht, sagte Carla, – erschien jetzt wieder, wenn er wußte, daß der Vater nicht zugegen sein würde, und neckte sich mit dem schelmischen Mädchen so lustig, daß es einem ins Herz schnitt, meinte Else. – Die Dienstboten selbst waren von dem gnädigen Fräulein entzückt. – Ottomars Bursche behauptete, die passe zehnmal besser für seinen Herrn Leutnant, die Kammerjungfer lobte an ihr, daß man sich doch wenigstens mit ihr zanken könne, was bei dem gnädigen Fräulein ganz unmöglich sei, und August sagte, sie sei eine aus dem Effeff.

In den beiden folgenden Tagen wurde Mieting in auffallender Weise ihrem Programm untreu. Sie war in der Gesellschaft, sehr gegen ihre Gewohnheit, zerstreut und schweigsam, legte dafür vor der Dienerschaft eine indiskrete Neugier über die Verhältnisse und Gewohnheiten der benachbarten Familien, besonders der Schmidtschen, an den Tag, trieb die Unverständigkeit sogar so weit, von ihrer bevorstehenden Abreise zu sprechen, und daß es die höchste Zeit sei, verschiedene Besuche bei Freunden der Eltern zu machen, die sie bisher in sträflicher Weise vernachlässigt habe. Sie ging auch in der Tat einige Male ohne Elsen aus und war besonders den Nachmittag des dritten Tages auf mehrere Stunden verschwunden, kam dann freilich zum Tee nach Hause, aber so wunderlich aufgeregt, daß es selbst Tante Sidonie nicht entging und Else anfing, sich ernstlich zu beunruhigen.

Doch wie erschrak Else, als Mieting ihr, nachdem sie beide sich früher als gewöhnlich zurückgezogen, um den Hals fiel und unter heftigstem Weinen rief: Else, Else, du brauchst dich nicht mehr zu ängstigen und zu grämen! Ich schwöre es dir bei dem, was mir das Heiligste ist, unsrer Freundschaft, er liebt dich! Ich weiß es von ihm selbst!

Die erste Wirkung dieser Worte schien nicht die von Mieting erwünschte und erhoffte zu sein, denn Else brach jetzt ebenfalls in Tränen aus. Aber Mieting fühlte, während sie die Freundin im Arm hielt und ihren Kopf an ihren Busen drückte, daß die Tränen, wie heiß und leidenschaftlich auch immer, doch keine Schmerzenstränen waren; daß der starre Gram, der Elses armes Herz so lange bedrückte, sich gelöst und daß sie stolz und glücklich sein durfte, der Freundin diesen Dienst geleistet und den Bann gebrochen zu haben. Und nun laß dir erzählen, wie ich es angefangen, sagte sie, indem sie Else zu sich auf das Sofa zog und die Hände in ihren Händen behielt. Die ganze Schwierigkeit, siehst du, lag darin, ihn einmal selbst zu sprechen. Aber nun sprich mal mit einem, der nicht kommt, dem man an keinem Orte begegnet, weder in der Gesellschaft noch auf der Straße, obgleich man Wand an Wand wohnt, und zu dem man auch nicht hingehen kann, und wenn man die reinsten Absichten von der Welt hat. Ich legte mich also aufs Horchen bei den Leuten. Und nun hörte ich zu dem, was ich bereits wußte, daß er die Vormittage auf seinem Zimmer arbeitet und die Nachmittage in dem Atelier von einem Bildhauer, Anders heißt er, verbringt, der ihn »moduliert«, sagte August; ich dachte, es würde wohl modelliert heißen, obgleich ich für meinen Teil auch nicht wußte, was das war. Mein Plan war fertig. Ich besuchte gestern Tante Valerie, brachte die Rede wieder auf die Bildhauerei, und daß ich so schrecklich gern einmal einen Bildhauer bei der Arbeit sehen möchte; ob Herr Giraldi mich nicht einmal in ein Atelier führen könne, aber womöglich in das von Herrn Anders, der uns so nahe wohne, und weil meine Zeit jetzt doch nur noch sehr beschränkt sei? Herr Giraldi – das muß man ihm lassen: Was die Höflichkeit betrifft, da ist er allen unsern Herren über – war gleich bereit, und auch deine Tante sagte zu; aber nur, wie mir schien, weil Herr Giraldi es wünschte.

Also: Bist du schon einmal in einem Atelier gewesen? Natürlich nicht. Gott, ich hatte mir das alles so zurecht gelegt, unten beim Tee, und nun weiß ich rein gar nichts mehr. Ich weiß nur, daß, als wir hereinkamen – ganz unerwartet, weißt du – er von dem Stuhle aufsprang, wie elektrisiert, und vor Freuden ganz rot wurde und, als wir endlich ein vernünftiges Wort zusammen sprechen konnten, nichts sagte als: Fräulein von Strummin, mein gnädiges Fräulein! Gott, Else, er hätte wirklich weiter gar nichts zu sagen brauchen: Ich wußte, woran ich war! Aber es blieb natürlich nicht dabei, ich mußte ihm doch erzählen, wieso es möglich war, und daß ich schon seit zwei Wochen hier bei dir bin – und – du darfst nicht glauben, Else, daß ich unverständig oder indiskret gewesen – wir haben eben über dich gesprochen, wie sich das von selbst verstand, und weshalb er sich gar nicht mehr sehen lasse – das mußte ich doch fragen! Und da sagte er: Wie gern ich käme, das brauche ich Sie nicht zu versichern – mit einem Akzent auf »Sie«, Else weißt du! Jetzt paß auf, Else! Leider gibt es Verhältnisse, die mächtiger sind, als daß wir beim besten Willen uns darüber wegsetzen könnten, und ich bitte Sie, glauben zu wollen, daß ich unter diesen Verhältnissen mehr leide, als ich sagen kann und darf. Dabei strich er sich über die Stirn und sagte dann: Aber ich komme sicher noch einmal, bevor ich von hier fortgehe. – Wohin? – Ich habe gestern abend einen Brief von – nun rate mal, Else! – von dem lieben Präsidenten hat er einen Brief gehabt, und hat – denke dir nur, Else! – die Lotsenkommandeurstelle in Wissow wirklich erhalten – in Wissow, Else! Ich wußte vor Freude gar nicht, was ich sagen sollte, aber er las mir die Gedanken vom Gesicht und lächelte und sagte: Wir sind dann halbe Nachbarn, gnädiges Fräulein. – Und wollen gute Nachbarschaft halten, sagte ich. – Das wollen wir, sagte er. – Und wenn wir einmal Besuch aus Berlin haben, sagte ich; – Und Sie mich mit einer Einladung beehren, sagte er; – So kommen Sie, sagte ich; – und da sagte er – nein; da sagte er gar nichts, Else, aber er drückte mir die Hand! Hier, Else, hast du die Hand wieder! Denn sie war nicht für mich, sondern für dich, du liebe, liebe!

Die Freundinnen hielten sich lange umschlungen, und dann folgte eine eingehende Erörterung der wichtigen Frage: Was Reinhold unter den »Verhältnissen« verstanden haben könne? – Wir bringen's nicht heraus, sagte Mieting endlich; die Verhältnisse sind eben die Verhältnisse, weißt du: Daß du Else von Werben heißt und er Reinhold Schmidt und du eine reiche Erbin bist, und wenn du nur wolltest, den reichsten und vornehmsten Mann heiraten könntest, und er arm ist und »Frau Lotsenkommandeur« allerdings nicht wie Frau Baronin oder Frau Gräfin klingt. Vielleicht hat er auch gehört – man hört hier ja alles – daß du dein Erbe verlierst, wenn du deinem lieben Herzen folgst, und da hat er auch wahrhaftig recht, von »Verhältnissen« zu sprechen, ganz abscheulichen Verhältnissen!

Wir mußten, sagte Mieting, schließlich doch unser Gespräch abbrechen und uns ein bißchen um die andern bekümmern, die unterdessen auch in dem Atelier herumgewandert waren und sich italienisch unterhalten hatten, was Herr Anders wunderschön sprechen soll, sagte Herr Giraldi. Es war auch noch ein Italiener da – ein bildschöner Mensch mit einer Papiermütze auf den rabenschwarzen Locken – sie tragen alle Papiermützen – des Marmorstaubes wegen, sagte Herr Anders, der übrigens gar nicht wunderschön ist, – ich hätte nie geglaubt, daß ein Künstler und noch dazu ein so großer, sagen sie ja, so wenig stattlich aussehen und so klein sein könne. Und wenn man ihn erst sprechen hört, so glaubt man's erst recht nicht; denn wie der schwatzen kann, Else, der ist mir noch über, weißt du; und wie der lachen kann, Else, das läßt sich gar nicht beschreiben, daß einem das Herz im Leibe mitlacht vor lauter Vergnügen, ihn lachen zu hören und zu sehen. So etwas Drolliges gibt es gar nicht mehr. – Wir stehen also vor dem Bilde von Reinhold, – so rund, weißt du, und erhaben – in Relief, nennen sie's – und die Ähnlichkeit! Für wen ist denn das? frage ich. – Für die zukünftige Frau Gemahlin des Herrn Originals, sagt Herr Anders. Sie soll es an einem schwarzen Sammetbande als Medaillon um den Hals tragen. – Denke dir, Else, den Unsinn! Ein Medaillon, so groß wie ein kleines Wagenrad! So redet er nun immer. – Es ist eine Studie für die Skizzen dort, sagt Reinhold. »Hilfsbereitschaft«, wo ein alter Herr hinter einem Tische sitzt, und ein blindes Mädchen kommt heran mit ihrer Gabe – ich habe weinen müssen, wie ich das sah. – Wer doch auch dabei sein könnte, sage ich, so recht aus Herzensgrunde. – Das Vergnügen können Sie jeden Augenblick haben und mir nebenbei noch eine unaussprechliche Freude machen, sagte Justus – so heißt er nämlich mit Vornamen – drolliger Name, nicht? – Wieso? sage ich. – Sehen Sie, hier ist noch ein »famöser« Platz, sagt er; – famös ist nämlich sein drittes Wort – für ein recht lebensfrohes, heitres Gesicht, wie ich es mir schon längst gewünscht, weil mir die Geschichte sonst zu sentimental wird, nur daß ich kein gutes Modell hatte. Bitte, bitte, liebes Fräulein, sitzen Sie mir Modell! – Gott, Else, ich wußte ja gar nicht, was das war; aber ich blickte nur deinen Reinhold an, und er sagte: Ja, tun Sie's – so mit den Augen! Herr Giraldi sagte, eine Königin könne mich um die Ehre beneiden, in einem solchen Kunstwerk verewigt zu werden, und übermorgen werde ich verewigt!

Else hätte die ganze Nacht zuhören können; aber Mieting, die einen so ereignisreichen Tag glücklich hinter sich und die Gewohnheit, um zehn Uhr spätestens todmüde zu sein, noch immer nicht ganz überwunden hatte, fielen über dem Reden fast die Augen zu, und Else brachte sie zu Bett und küßte das gute Kind, das seine Arme um ihren Hals schlang.

*

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