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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Sidonie rauschte durch die Tür und stand einer schlanken, blassen Dame gegenüber, die, sich auf Elses Arm stützend, ihr eine schmale, weiße Hand entgegenstreckte und wohl gewiß ihre Schwester Valerie war, nur, daß sie der Valerie, die sie gekannt und vor siebenundzwanzig Jahren zum letzten Male gesehen, auch nicht im mindesten ähnelte. Nicht, daß die Dame hier nicht noch immer fein und vornehm gewesen wäre – sie war es im Gegenteil noch mehr als früher, wie es Sidonie dünkte – auch war sie noch immer schön in ihrer Weise, sehr schön sogar; – aber der strahlende Glanz der dunkeln Augen, das verführerische Lächeln des kleinen, roten Mundes, die üppige Fülle des köstlichen, kastanienbraunen Haares, das in reichstem Kranz ihre Stirn umgab und, im Nacken leicht zusammengeknotet, in ein paar duftigen Locken auf die weißen, rundlichen Schultern herabringelte – wohin war all der zauberhafte Reiz geschwunden, über dessen Weltlichkeit und Sündhaftigkeit sie so oft geseufzt und geklagt hatte!

Und dann, je länger sie in das edelbleiche Gesicht sah, das mit mildem Lächeln ihr zugewandt war, überkam sie ein sonderbares, aus alter Liebe und frischem Mitleid wundersam gemischtes Gefühl, so daß sie, sich mitten in den gewundenen Phrasen, an denen sie sich abmühte, unterbrechend, mit einem herzlichen: liebe Valerie! teure Schwester! ihre Arme ausbreitete, Valerien auf beide Wangen küßte und dann, wie erschrocken über diese unverantwortliche Wallung, in steifer Würde in dem Fauteuil saß und so streng und unnahbar blickte, wie ihre kurzsichtigen, gutmütigen Augen es nur irgend erlauben wollten.

Aber das Eis war nun einmal gebrochen, und Else sorgte dafür, daß es nicht wieder ins Stocken kam, obgleich noch manche schwierige Stelle zu passieren war, so gleich, als Tante Sidonie nun doch wenigstens im Vorübergehen erwähnen mußte, daß der Bruder beim Eintreffen von Valeriens Brief das Haus bereits verlassen hatte, mithin von dem Besuch der Damen nichts wußte und wissen konnte, »dazu aber gewiß seine nachträgliche Genehmigung geben werde« – Else errötete für Tante Sidonie, als sie sah, wie schmerzlich es bei den ungeschickten Worten um Tante Valeriens feine Lippen zuckte. Sie beeilte sich, festzustellen, daß der Papa nach dem letzten, gestern eingetroffenen Briefe die Tante erst am Abend dieses Tages erwartet habe, bis ihr dann einfiel, daß ja nun auch der Gruß des Papa höchst unwahrscheinlich geworden war, und sie selbst, über die Widersprüche, in die sie sich verwickelte, errötend, schwieg. – Laß es gut sein, gute Else! sagte Valerie, ihr liebevoll die Hand drückend; – ich bin ja schon dankbar genug; es kann sich nicht alles auf einmal wenden; – und bei sich fügte sie hinzu: Es wird sich nichts wenden, solange ich in der Gewalt des Fürchterlichen bin, der wieder mit einem Blick der untrüglichen Augen gesehen hat, was mein sehnendes Herz nicht sehen konnte.

Und dann flog ihr ängstlicher Blick nach der Tür. Wie mochte es zugehen, daß er sie so lange allein ließ? Welche Absicht verfolgte er dabei, er, der niemals etwas tat ohne eine bestimmte Absicht!

*

Der Eintritt des Grafen in den Salon war für die Baronin überraschend genug gewesen; aber ein Augenblick hatte für die Kluge hingereicht, um den Zusammenhang herauszufinden und daß diese Überraschung ein Werk Giraldis sei, das sie zu beobachten und über dessen Resultat sie hernach zu berichten habe. Es bedurfte freilich für sie dieses Anreizes nicht; Else war ihr in dieser einen Stunde so teuer geworden, jeder Blick der fröhlichen braunen Augen, die – sie wußte es – auch so ernst dreinschauen konnten.

Als der Graf so unerwartet eintrat, hatte kein freudiger Aufschlag ihrer Augen, in denen sich sonst jede Regung widerspiegelte, kein lebhafteres Rot der Wangen, auf denen die Farbe so leicht wechselte, ihn begrüßt; – eine Miene des Staunens nur, wenig schmeichelhaft für den Ankömmling und für Valerie ein Beweis, wie gut der Schreckliche durch seine Späher berichtet war. Und nun würde er hereintreten – an der Hand des armen Ottomar, den er, wie alle, die in seine Nähe kamen, in den wenigen Minuten umgarnt, gewonnen, bezaubert, – würde hereintreten, einem Fürsten gleich, der, als der letzte, erscheint, nachdem dienstbeflissene Schranzen jedem der Befohlenen seinen Platz im Saale angewiesen, auf daß des Gebieters Auge nicht ängstlich zu suchen brauche, zufrieden lächelnd über die Versammlung schweifen könne, die nur auf ihn geharrt hat!

Und da trat er herein, sich nur so lange auf Ottomars Arm stützend, daß jeder die vertrauliche Beziehung, die bereits zwischen ihm und dem Neffen der Dame des Salons bestand, bemerken konnte, und dann, seinen Schritt beschleunigend und Ottomar hinter sich lassend, auf die um das Sofa gruppierte Gesellschaft zuschreitend, in der das Gespräch sofort verstummte, während sich aller Augen neugierig, bewundernd auf den so eifrig Erwarteten richteten.

Und wie unzählige Beweise Valerie auch von der Gewandtheit des Mannes hatte, sie war wieder einmal gegen ihren Willen gezwungen, die Überlegenheit zu bewundern, mit der er, ohne daß selbst sie zu sagen vermocht hätte, wie, in kürzester Frist der Mittelpunkt des Kreises geworden war, um den sich alles zu drehen, von dem jede Anregung, jedes Interesse auszugehen, zu dem jeder Gedanke, jede Empfindung wieder zurückzufließen schien. Else hatte wohl alles, was ihr sonst das Herz bewegt haben mochte, in diesem Moment vergessen, und als sie sich nach einiger Zeit mit einem tiefen Atemzuge zur Tante wandte, lag auf ihrem Gesichte das heimliche Bekenntnis: Dies ist mehr, viel mehr, als ich erwartet habe.

Die Gesellschaft war fort; Giraldi, der sie bis an die Tür begleitet, kam wieder zurück, langsamen Schrittes mit erhobenem Haupt.

*

Der Herbst war gekommen und machte seine Herrschaft ungestüm geltend; es waren dunkle, häßliche Tage.

Selbst in Reinholds Augen. Die häßlichsten und dunkelsten, die du je erlebt hast, sagte er jeden Morgen bei sich, wenn sich ihm, sobald er das Fenster öffnete, immer wieder dasselbe Schauspiel zeigte: schwarzes, tiefziehendes Gewölk, hinüber und herüber schwankende Bäume, von deren Zweigen rauhe Winde die braunen Blätter fegten und durch die regenschwere, raucherfüllte Luft seitwärts über die Dächer der Fabrikgebäude wirbelten, die so verregnet und traurig aussahen, als könnten aus ihnen nur noch Grabsteine hervorgehen.

Und doch habe ich dunklere und häßlichere Tage durchgemacht, ohne den Mut zu verlieren, philosophierte Reinhold weiter. Das Wetter draußen ist es nicht, es ist, daß du hier, wohin du blickst, Menschen in Not und Jammer siehst wie auf dem Deck eines Schiffes, das in kürzester Zeit sinken wird, und nichts tun kannst, sie zu retten, sondern die Hände in den Schoß legen und all dem Jammer müßig zusehen mußt.

Justus' Freundschaft war für Reinhold in diesen schlimmen Tagen unschätzbar; er richtete sich an dem ewig heitern Gleichmut des Künstlers wieder auf, wenn er fast verzagen wollte. – Ich begreife Sie nicht, sagte Justus; – ich habe gewiß alle Hochachtung vor Onkel Ernsts famösen Eigenschaften und nehme doch wahrlich aufrichtigen Anteil an Ferdinande – von Tante Rikchen, der armen Seele, die sich nächstens die Augen ausgeweint haben wird, ganz zu schweigen – aber die Sympathie und das Mitleid und dergleichen muß doch, wie alles auf der Welt, seine Grenzen haben, und wo mir so etwas ans eigne Leben geht und mich unfähig macht, rechtschaffen zu arbeiten, – sehen Sie, lieber Reinhold, da sage ich mit dem Grafen Egmont: Das ist ein fremder Tropfen in meinem Blut! Und – weg damit! Haben Sie an den Präsidenten geschrieben?

Bereits vor drei Tagen.

Das ist recht. – Weiß es Gott, wie ungern ich Sie verliere, aber Sie sind schon viel zu lange hier gewesen. Sie müssen wieder Schiffsbalken unter den Füßen haben und sich den Nordost um die Ohren pfeifen lassen, das wird Ihnen die Melancholie und Hypochondrie bald genug aus den Gliedern wehen und Hirn und Herz frei machen – glauben Sie mir! Vor der Hand können Sie mir einmal zu meinen Reliefs Modell sitzen. Ich brauche Sie eigentlich noch nicht, aber man muß die Rose pflücken, eh' sie verblüht. Ich werde Ihren Kopf deshalb, um Sie für alle Fälle sicher zu haben, gleich in Lebensgröße machen.

Justus hatte alle anderen Arbeiten zurückgestellt und schaffte vom frühen Morgen bis in den Abend, der dem Fleißigen jetzt nur zu früh herabsank, an den Skizzen zu seinen Reliefs.

Ich weiß nie, worüber ich mehr staunen soll, sagte Reinhold: über Ihre Kunst oder über Ihren Fleiß.

Das ist dasselbe, erwiderte Justus; – ein fauler Künstler ist eine contradictio in adjecto, ist im besten Falle ein geistreicher Dilettant. Denn was unterscheidet den Künstler vom Dilettanten? Daß der Dilettant will und nicht kann, oder etwas will, was er nicht kann, und der Künstler kann, was er will, und nichts will, als was er kann. Dazu aber – zu der relativ vollständigen Herrschaft über die Technik und zum Bewußtsein der Grenzen seiner Kraft – gelangt er eben nur durch unablässigen Fleiß, der für ihn keine besondere Tugend, sondern vielmehr eben er selbst, seine Kunst selber ist. Das macht ihn freilich einseitig, borniert ihn nach tausend andern Richtungen – ich bin ja, wie Sie längst herausgefunden haben werden, zum Anbrennen dumm und unwissend, aber fragen Sie bei der Ameise an, die ihre Straße, weil es der kürzeste Weg ist, quer über den betretenen Fußpfad zieht, oder bei der Biene, die im Herbst so lustig mordet, um im Frühjahr wieder idyllisch schwärmen zu können, oder bei dem übrigen Kunst-Getier – die ganze Sippschaft ist dumm und borniert und grausam, aber sie bringt es zu was. Kühl bis ans Herz hinan muß der Künstler sein. So hab ich's bisher gehalten und denke es fürder so zu halten, und wenn Sie jemals den Namen Justus Anders in einem Ehestandsregister lesen, suchen Sie ihn nicht mehr in dem goldenen Buche der Kunst – Sie würden einen dicken Strich an der Stelle finden, wo er nach dem Alphabet einst gestanden haben könnte.

Reinhold wollte das nicht gelten lassen, so wenig wie Justus' Theorie von der notgedrungenen Einseitigkeit des Künstlers. Er sehe in dem Künstler vielmehr den ganzen, vollen Menschen, dem nichts Menschliches fremd sei; den übervollen Menschen sogar, der eben seine Überfülle, an der er sonst zugrunde gehen würde, in seine Werke ausgieße und so neben der realen Welt, in der die gewöhnlichen Menschen lebten, eine zweite ideale Welt zu schaffen imstande sei. Und wenn Justus behaupte, daß er nie geliebt habe, so möge das ja wahr sein, obgleich er für sein Teil an der strikten Wahrheit der Behauptung seine bescheidenen Zweifel sich erlaube. Aber dann habe der große Finder eben die Rechte noch nicht gefunden, und wie er ja denn sich rühme, daß ihm das Rechte stets zur rechten Zeit käme, so würde ihm auch die Rechte zur rechten Zeit kommen.

Das sind so Laienansichten, lieber Reinhold! rief Justus: Unsereiner, der nach eurer Meinung so etwas wie ein halber Gott sein soll, weiß es besser, mit welchem Ach und Krach die herrliche Schöpfung zustande kommt, und daß auch im besten Falle, wo es möglichst glatt geht, mit Wasser gekocht wird. – Und was die Liebe anbetrifft, so haben Sie darin gewiß mehr Erfahrung, und Erfahrung, sagte Goethes grauer Freund in Leipzig, sei freilich alles; aber besser sei es manchmal, wenn man die Erfahrung nicht erfahren habe.

Und Justus summte die Melodie von: »Kein Feuer, keine Kohle« – während er, das Modellierholz in beiden Händen, an der Stirn des Tonbildes glättete.

Er spritzte seine Figuren an, wickelte Reinholds angefangenen Kopf in nasse Lappen und wusch sich die Hände – So, ich bin fertig!

Sollten Sie nicht wenigstens Ihr Stehpult zuschließen? sagte Reinhold, auf ein wurmstichiges altes Möbel deutend, auf und in welchem Justus' Korrespondenzen und sonstige Papiere herumzufahren pflegten.

Wozu? sagte Justus; – an den Schmiralien wird sich keiner so leicht vergreifen. Das wird Antonio schon in Ordnung bringen; Antonio ist die Ordnung selbst. – Antonio!

Räumen Sie hier mal ein bißchen auf, Antonio! – Kommen Sie!

Die beiden jungen Leute standen vor dem Atelier.

Überlassen Sie dem Antonio nicht zu viel? fragte Reinhold.

Wieso?

Ich traue dem Italiener nicht, so wenig, daß ich schon wiederholt die Empfindung gehabt habe, der Bursche müsse an dem Verrat Ferdinandes beteiligt gewesen sein.

Justus lachte: Wahrhaftig, lieber Reinhold, ich fange an zu glauben, daß Cilli recht hat und daß Sie ein unglücklicher Mensch sind! Wie kann ein glücklicher Mensch sich mit solchen greulichen Gedanken plagen? Ich will nur eben hinaufspringen und ein bißchen Toilette machen; gehen Sie immer voran, ich komme in fünf Minuten nach.

Justus war im Begriff, davonzueilen, als sich die Tür von Ferdinandes Atelier öffnete und eine ganz in schwarz gekleidete, mit einem dichten, schwarzen Schleier verhüllte Dame heraustrat, die, als sie der beiden ansichtig wurde, einen Moment stutzte und dann schnellen Schrittes und gesenkten Hauptes an ihnen vorüber an dem Gebäude hin nach dem Hofe zu ging. Die Freunde glaubten im ersten Augenblick, daß es Ferdinande selbst sei, aber Ferdinande war größer, es war auch nicht ihre Gestalt und ihr Gang.

Wer aber könnte es sonst sein? fragte Reinhold.

Ich weiß es nicht, sagte Justus, – vielleicht ein Modell – es gibt auch verschämte Modelle. Ich wünsche wenigstens, daß es eines sei. Es wäre das beste Zeichen, daß sie wieder arbeiten, das heißt vernünftig sein will.

Justus sprang die Treppe, die zu seinen Wohnräumen führte, hinauf, Reinhold ging weiter. Als er um die Ecke des Gebäudes bog, verschwand die schwarze Gestalt eben in dem Flur des Wohnhauses.

Auch Antonio, der, sobald die Freunde das Atelier verlassen, Justus' Pult aufzuräumen begann, hatte die schwarze Dame, als sie an dem Fenster vorüberhuschte, bemerkt. Er warf sofort die Papiere, die er in der Hand hielt, in den Kasten und wollte davon stürzen, besann sich aber, daß er in seinem Atelieranzuge doch wohl nicht folgen könne, und blieb verdrießlich stehen. Die schwarze Dame war bereits gestern um dieselbe Stunde bei Ferdinanden gewesen, er hatte, da noch alle im Atelier waren, seine Beobachtungen an der Tür nicht anstellen können. – Ein Modell war es nicht – er kannte das besser! Vielleicht kam sie ein drittes Mal zu gelegenerer Stunde. Er wollte es schon herausbringen!

Er machte sich wieder an das Pult. – Pah, sagte er, da finde einmal einer was – Rechnungen, Kontrakte – die alte Leier! Und was hilft es, ihr Gespräch zu belauschen? Immer dasselbe leere Geschwätz. Ich weiß nicht, wozu er wissen will, was der Capitano mit dem Maestro schwätzt.

Ich will alles tun, was er befiehlt. – Er ist sehr klug, sehr mächtig und sehr reich; aber wie kann er hier helfen? Ist sie nicht jetzt noch unglücklicher als zuvor? Und wenn sie je erführe, daß ich es gewesen bin – aber darin hat der Signor recht: Eines bleibt mir immer, das Letzte, das Beste – die Rache!

*

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