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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Viertes Buch

In einem goldstrahlenden Salon des Hotel Royal schritt – wenige Tage später – die Baronin Valerie von Warnow unruhevoll auf und nieder. Sie hatte, auf Giraldis Rat, ihre gestern abend erfolgte Ankunft heute morgen in das Haus des Generals melden lassen, mit dem Hinzufügen, daß sie sich leider zu angegriffen fühle, um sich in Person vorzustellen. – Du darfst dich nicht dem Affront aussetzen, zurückgewiesen zu werden, hatte Giraldi gesagt; – Tugendnarren sind unberechenbar wie andere Narren auch; möglicherweise hat ihn das unverhoffte Glück, seinen Sohn endlich verlobt zu sehen, weich gemacht, und es kitzelt ihn, den Großmütigen, den Verzeihenden zu spielen. Wir werden ja hören, wie er die Botschaft aufnimmt, und danach unsere Maßnahmen treffen und unser Verhalten regeln.

Valerie wußte zu gut, daß ihr Bruder keine Rolle spielte, daß er stets war, was er schien, und daß, wenn er je verzieh, es nicht die Folge einer augenblicklichen Wallung sein würde, sondern die Überzeugung, daß sie ohne seine Verzeihung nicht länger leben könne und daß sie seine Verzeihung verdiene, wenn tiefste Reue, der heißeste Wunsch, das Vergangene wiedergutzumachen, soweit es noch möglich war, sie dazu berechtigten. Aber der Tag würde eben nie kommen. Er würde heute, wie immer, jeden Versuch ihrer Annäherung mit kühler Höflichkeit zurückweisen, würde ihr auf ihre Anmeldung durch Sidonie antworten lassen, daß er ihr Unwohlsein bedauere und hoffe, es werde schnell vorübergehen, damit sie ihre Reise nach Warnow, zu der er bestes Glück wünsche, möglichst bald fortzusetzen imstande sei.

Und nun vor fünf Minuten war die Antwort gekommen: nicht von Sidoniens steifstelliger zeremoniöser Hand, – in einer kleinen zierlichen Schrift, die nur zu sehen Valerien wohltat, bevor sie – mit erwartungsvollen, starren Augen, die sich zuletzt mit Tränen füllten – las: »Teure Tante! Wir freuen uns so, daß Du endlich hier bist! Papa, der Dich bestens grüßt, hat heute vormittag wieder einmal Sitzung – es ist im Kriegsministerium jetzt wie in einem Bienenkorbe – aber wir, d. h. Tante Sidonie und ich, werden, wenn es Dir recht ist, um 12 Uhr vorsprechen, uns nach Deinem Befinden zu erkundigen, ich noch speziell, eine liebe Verwandte endlich einmal kennenzulernen, die ich nie gesehen und die zu sehen, ich mich doch schon recht oft gesehnt habe. – Else.

P. S. Ottomar war schon fort, als Dein Billett eintraf, ich lasse ihm Nachricht zurück und schicke auch zu Wallbachs, im Falle er, wie wahrscheinlich, dorthin gegangen sein sollte; er wird dann wohl mit Carla und Wallbachs kommen.«

Du gutes, süßes Kind! Wie gern hätte sie die liebe Briefstellerin allein empfangen! Wie gern hätte sie ihm wenigstens den Brief unterschlagen, aber auch das durfte sie nicht wagen – jetzt um so weniger, wo ihr Mund ja sagen sollte, während ihr Herz nein schrie; wo ihre Lippen lächeln mußten, während eine Hölle in ihrem Busen tobte; wo sie üben mußte und wollte, was sie in seiner Schule gelernt!

Sie drückte auf die Glocke und befahl dem Kammerdiener, der in dem Vorzimmer wartete, woraus man in ihre und in Giraldis Gemächer gelangte, den Signor zu bitten, sich einen Augenblick zu ihr zu bemühen. Sie hatte den Auftrag im gleichgültigsten Tone gegeben. Der Mann – ein junger Franzose, den Giraldi in Rom engagiert – war freilich erst seit einigen Wochen in ihrem Dienst; aber er stand ganz gewiß mindestens ebenso lange in Giraldis Solde wie die andern alle.

Es war noch keine Minute vergangen, als sie seinen Schritt im Vorzimmer hörte, er war heute, wie immer, bereit, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Sie strich sich noch einmal flüchtig über die Stirn und Augen und versuchte, ob ihre Stimme leicht angab: Lieber Freund, ich habe – da öffnete ihm François schon die Tür.

Lieber Freund, ich habe bereits die Antwort in den Händen – von meiner Nichte – so überaus liebenswürdig, daß es nur eine Falle sein kann.

Sie hatte ihm den Brief gereicht, den er nur eben mit den Augen zu überfliegen schien – um ihn noch nach einem Jahre auswendig zu wissen, wie Valerie bei sich sagte, als er sich jetzt, den Brief zurückgebend, an demselben Tische niederließ, an welchem sie saß.

Der Brief könnte nur eine Falle werden, wenn du ihn ernsthaft nähmest, dann freilich eine recht schlimme.

Wie meinst du?

Die junge Dame hat ihn für ihre eigene Rechnung geschrieben, ich meine ohne Auftrag des Vaters, der vermutlich, als sie ihn schrieb, gar nicht zu Haus gewesen ist.

Das ist nicht möglich!

Weshalb?

Sie würde es nicht gewagt haben.

Was wagt ein junges Mädchen nicht, wenn sie glaubt, daß es sie gut kleidet? Und doch! Hast du nicht gesehen, daß ihre Hand gestockt hat, als sie die Worte »Papa, der Dich bestens grüßt« schrieb, und erst wieder frei wird, nachdem sie sich bis zu der Wahrheit »er hat heute vormittag wieder einmal Sitzung« durchgelogen? Es ist immerhin interessant und vielversprechend, daß das Mädchen nicht einmal mit der Feder in der Hand zu lügen vermag. Von der können wir sicher alles erfahren, was wir noch zu wissen wünschen müssen.

Aber was brauchten wir noch zu wissen?

Wie?

In Giraldis dunklen Augen zuckte der flüchtigste Schimmer eines Lächelns: Gestern abend, Herrin, waren meine Taschen noch beinahe leer; seitdem –

Geschah ein Wunder?

Kaum weniger als das.

Giraldi sah nach der Uhr: halb zwölf, es ist noch gerade Zeit; und dreiviertel erwarte ich den Geheimrat Schieler: Ich habe nur ein paar Minuten mit ihm zu sprechen, – Nachträgliches zu einer langen Unterredung, die ich gestern abend mit ihm hatte – so daß ich bei dem Empfang deiner Verwandten zugegen sein und dir das Peinliche einer ersten entrevue erleichtern kann.

Und der Geheimrat ist der Wundertäter?

Der Geheimrat ist ein brauchbares Werkzeug, um so brauchbarer, als er von vielen gebraucht wird und in seiner Eitelkeit und Dummheit – was nicht ganz dasselbe ist, aber beinahe auf dasselbe herauskommt – immer noch die Spur der Hand, die ihn zuletzt gebraucht hat, als Trophäe seiner vermeintlichen Wichtigkeit und Klugheit an sich trägt. Es ist gut, daß ein Gewisser sich nicht ganz klar darüber zu sein scheint, wie zweischneidig ein solches Werkzeug ist: Er würde sonst in dem Gebrauche etwas vorsichtiger sein. Doch das nebenbei. Übrigens sind wir ihm zu Dank verpflichtet, soweit man jemand, der uns, ohne es zu wollen, einen großen Dienst leistet, zu Dank verpflichtet ist. War er es doch, der uns auf die günstige Konjunktur, die Güter an den Grafen Golm verkaufen zu können, aufmerksam gemacht hat, als es sich für ihn und seine Gesellschaft herausstellte, daß sie den Grafen, den sie notwendig brauchten, um keinen geringeren Preis haben könnten. Nun schnappt der Herr Graf nach dem fetten Köder genau so gierig, wie sie nach dem Herrn Grafen schnappen. Sie haben keine Ahnung von dem Angler, der dem Spiel ganz gemächlich zusieht, um, im rechten Augenblick, die dummen Fische mit einem Ruck vor seine Füße auf den trocknen Sand zu schnellen, wo sie sich dann zu Tode zappeln mögen. Aber das interessiert die Herrin nicht!

Doch, doch! rief Valerie.

Ich sehe an dem zerstreuten Lächeln um ihre Lippen und der Starrheit ihrer Augen, daß sie kaum zugehört hat. Glücklicherweise habe ich noch etwas in petto, das ihr Interesse erregen wird.

Das Wunder?

Noch nicht; noch geht alles mit natürlichen Dingen zu. Denn, was ist natürlicher, als daß Graf Golm die Güter, die ihm so gelegen kommen, um sich zu arrondieren und zu rangieren, so billig wie möglich haben will? Und wie könnte er sie wohl billiger haben, als wenn er ein Dritteil mit der Aussteuer seiner zukünftigen Gemahlin, das heißt, so gut wie geschenkt, und ein zweites Dritteil als präsumtives Erbe eben dieser seiner Gemahlin, das heißt, abermals so gut wie geschenkt, bekommt? Bleibt nur der dritte Teil, der leider, seit vorgestern, unwiederbringlich verloren scheint. Sieht die Herrin nun? Man braucht nur ein bißchen Liebe ins Spiel zu bringen, – sofort ist das Interesse der Damen da.

Valerien schlug das Herz. Wie richtig war ihre Ahnung gewesen! Das holde Kind, zu dem sie noch eben wie zu einem Engel gebetet, – im nächsten Augenblicke schon hineingezogen, hineingezerrt in das schmutzige Spiel der Intrige von dieser grausamen, unerbittlichen Hand!

Der Graf Golm liebt meine Nichte!

Das habe ich nicht gesagt; ich bin sogar, ohne der Liebenswürdigkeit der jungen Dame im geringsten nahe treten zu wollen, überzeugt, daß es nicht der Fall ist. Er kennt sie erst seit kürzester Zeit – seit der Reise des Generals in den letzten Tagen des vergangenen Monats. Deine norddeutschen Landsleute sind ja im allgemeinen den Gefahren einer Romeoleidenschaft nicht sehr ausgesetzt. Überdies ein zu eklatanter materieller Vorteil ist an und für sich der Entfaltung der zarten Blume Liebe nicht eben günstig, und so ist denn die junge Dame in diesem Falle entweder durch den allzu ersichtlichen Positivismus des Bewerbers wirklich beleidigt oder stellt sich doch so, um sich nach einer andern Seite – ich werde hernach darauf zurückkommen – frei zu halten. Wenigstens beklagt sich der Herr Graf bitter über die ihm zuteil gewordene Behandlung und droht, zum Entsetzen des Geheimrats, mit Abfall, nur daß er glücklicherweise die Unvorsichtigkeit begangen hat, in Form eines bedeutenden, durch den Geheimrat ihm vermittelten Vorschusses auf die geplante Verbindung Handgeld zu nehmen, und infolgedessen vorläufig gebunden ist.

Valerie staunte. Noch waren nicht zweimal vierundzwanzig Stunden vergangen, als Giraldi bei dem Empfang der Depesche, in der ihnen durch Sidonie die Verlobung Ottomars mit Fräulein von Wallbach nach München gemeldet wurde, in hellem Zorn aufflammte, trotzdem sie dieses Ereignis längst vorausgesehen und erwartet hatten; und heute schien derselbe Mann eine zweite Verbindung zu protegieren, durch die abermals, wenn nicht sichere Pläne, so doch stille, von ihm, wie sie wußte, zärtlich gehegte Hoffnungen vernichtet wurden!

Giraldi hatte ihr diese Gedanken vom Gesicht gelesen; er fuhr lächelnd fort: Ich sagte: vorläufig, liebe Freundin; nur so lange, bis der Tropf – so lautet ja wohl euer deutsches Wort? – uns die Kastanien aus dem Feuer geholt hat – dann mag er gehen, und je ärger er sich die Finger verbrannt hat, desto lieber soll es mir sein. Er muß aber vorläufig festgehalten werden aus folgendem Grunde. Wir brauchen den Konsens des Generals zum Verkauf der Güter nicht, denn er ist – durch Herrn von Wallbach und unsern Freund, den Geheimrat, zweimal überstimmt. Was wir aber unbedingt brauchen, wenn der Handel abgeschlossen werden soll – das ist der Konsens der Regierung zum Bau der Bahn, und – der Geheimrat ist hier wieder mein Gewährsmann. Wenn dieser Konsens gegeben wird, so ist es nur, weil der Graf in die Sache verwickelt ist und sich der speziellen Protektion in gewissen höchsten Kreisen erfreut, deren Einfluß in den ausschlaggebenden ministeriellen Regionen gerade jetzt besonders mächtig ist. – Ich habe bereits wieder nicht das Glück, deine Aufmerksamkeit zu fesseln.

Ich bin ganz Ohr.

Es ist in unserm zwingendsten Interesse, und meine dringende Bitte geht dahin, daß du deiner Nichte gelegentlich zu verstehen gibst, wie du diese Verbindung ganz besonders konvenabel fändest und nur, um den Schein zu vermeiden, durch den Verkauf der Güter einen naheliegenden Vorteil daraus ziehen zu wollen, nicht wünschtest, daß die Sache so schnell publik oder auch nur faktisch – unter uns: rechtsgültig – werde. Das wird die junge Dame mindestens stutzig machen, bis wir nach dieser Seite im reinen sind und dann vielleicht auch wieder etwas für sie und ihre speziellen Neigungen tun können. Ist dir dies alles klar?

Vollkommen, bis auf den letzten Punkt. Du deutetest schon vorhin an, daß meine Nichte nach einer andern Seite eine wirkliche Neigung habe, die uns nicht hinderlich sein würde?

Die ich sogar, wenn die Zeit gekommen, auf alle und jede legitime Weise zu befördern gedenke, und wäre es auch nur, um den Herrn General in gleicher Münze zu bezahlen für das, was er einem gewissen Signor Gregorio Giraldi und einer gewissen Signora Valeria, verwitweten Frau von Warnow, geborenen von Werben, vordem und jetzt getan hat und tut. Bevor ich aber weiter von der liebenswürdigen Nichte berichte, muß ich eine kleine Geschichte von dem herrlichen Neffen erzählen, die zugleich als ein Beweis gelten mag der Gnade, mit der die Vorsehung dem hilft, der ihr gläubig vertraut.

Das Wunder also?

Entscheide selbst!

Ich war gestern mittag, nachdem ich einige Besuche gemacht und empfangen, nach der Kunstausstellung gegangen.

In der Nähe eines der Fenster erregte eine Figur in Lebensgröße zuerst meine Aufmerksamkeit, weil sie eine von den wenigen war, die wirklich gutes Licht hatten. Gewiß ein Meisterwerk, dachte ich, auf das sie besonders stolz sind. Es war keines, wenigstens nicht ersten Ranges. Auch der Gegenstand hätte kaum mein Interesse erregt, ein junger Hirte der Campagna in dem üblichen Kostüm, der mit erhobenen Augen und gefalteten Händen das Ave Maria betet. Nichtsdestoweniger fesselte mich das Bild in sonderbarer Weise. Ich glaubte mich selbst zu sehen vor fünfundzwanzig, dreißig Jahren, als ich so oft allein durch die Campagna streifte und Träume träumte, über die ich jetzt lächle, und schwärmerisch zum rosigen Himmel aufschaute, der für mich mit Engelscharen bevölkert war, und glühende Gebete emporsandte, von denen ich glaubte, daß sie erhört würden. Und seltsamer noch: Im nächsten Augenblicke sah ich nicht mich, sondern dich, wie ich dich gesehen an jenem unvergeßlichen Abend, als ich deiner Prinzessin und dir im Park vorgestellt wurde – den beiden Leonoren, wie man euch scherzend nannte, und ich mit dem ersten Blick in deine Augen mich verloren wußte, ohne zu ahnen, daß du mir damals schon verloren warst.

Er strich sich über die gesenkten Augen, die er dann – wie zufällig – zu ihr erhob. Auch sie hatte die Wimpern gesenkt; aber auf ihren bleichen Wangen zitterte ein Rot. War es der Widerschein der Sonne jenes Abends? Giraldi hoffte es; er ahnte nicht, wie wundersam das Gefühl gemischt war, das bei diesen Erinnerungen die Seele der unglücklichen Frau durchbebte. Er hoffte auch, daß sich die Augen zu einem Blick heben würden, in dem ein Schimmer der alten Liebesglut glänzte, aber die Wimpern hoben sich nicht.

Und dann sah ich weder mich, noch dich, oder vielmehr: Dann sah ich uns beide in einer dritten Gestalt – der Knechtsgestalt, in der er vielleicht jetzt, trotz alledem, nach Gottes Ratschluß und der heiligen Jungfrau Willen auf Erden wandelt.

Nein, nein, nein! rief sie. Das kann der gerechte Gott nicht wollen! – Dann, sich besinnend, wie fürchterlich zweideutig ihre Worte waren, fügte sie hinzu: in Knechtsgestalt! Mein Sohn!

Und meiner, sagte Giraldi sanft. –

Aber er lebt ja nicht mehr! rief sie, – kann ja nach allem, was wir erfahren haben, nicht mehr leben! Wer war es denn, der mir das mit so grausamer Klarheit bewies, damals, als ich alles gegeben hätte für ein Lächeln von ihm.

Damals, und jetzt nicht mehr?

In ihr schrie es abermals: Nein, nein, nein! Denn dann wäre die Fessel, die mich an dich bindet, unzerreißbar. Aber sie wagte nicht, es auszusprechen, und beugte wiederum stumm ihr Antlitz in die Hände.

Sein dunkles Auge ruhte fest auf der gebrochenen Gestalt. – Und jetzt nicht mehr? – Die Frage war nicht beantwortet worden. War es wirklich nur der Schmerz der Wunde, die so lange nicht vernarben konnte und nun nicht wieder aufgerissen sein wollte? War es der Zweifel, der in Verzweiflung verstummt ist, oder lauerte in dem Schweigen der Verrat? War es eines jener Zeichen, deren er in letzter Zeit mehrere beobachtet: ein Zeichen still geplanten Abfalls, heimlicher Empörung gegen seine Herrschaft?

In dieser Stunde arbeite, plane ich noch für sie. Mag sie sich hüten, daß die Stunde kommt, wo ich es für mich allein und dann notwendig gegen sie tue!

Giraldi hatte sich erhoben, dem Diener, der eben mit einer Visitenkarte in den Salon gekommen war, einige Schritte entgegenzugehen. – Ah, rief er, die Karte von dem Teller nehmend, – bitten Sie Seine Exzellenz, in mein Zimmer zu treten! Ich folge im Augenblick!

Er hatte die Karte Valerien hingehalten. – Wer ist es? fragte sie, einen Namen lesend, auf den sie in ihrer Verwirrung sich nicht besinnen konnte.

Wer das ist? Der Mann, der, halb erblindet, schärfer sieht als die meisten Menschen mit ihren beiden gesunden Augen! Der Mann, der, aller amtlichen Autorität entkleidet, dem Kanzler des deutschen Reichs mehr zu schaffen macht, als der Bevollmächtigte eines Großstaates es vermochte; der Mann, mit einem Worte, auf dessen gebrechlicher Gestalt die Last des Kampfes, den wir in Deutschland zu kämpfen haben, fast ganz allein ruht! Aber freilich, ich will mich gern bescheiden, daß meine Herrin für die Leiden unserer heiligen Kirche kein lebhaftes Mitgefühl habe, wenn sie nur ihre eigenen Leiden nicht ungeduldig trägt, wenn nur die unverhoffte, wie durch ein Wunder aufgetane Aussicht, die Unbill langer Jahre vielleicht mit einem Schlage zu rächen, sie zu locken vermag! Dann, wie weggezaubert, war alles Heroische aus Stimme, Miene, Haltung, Gebärde verschwunden. Er beugte sich zu der Sitzenden herab, nahm ihre Hand, auf die er mit ehrfürchtiger Zärtlichkeit seine Lippen drückte.

Er war gegangen, noch in der Tür mit anmutiger Bewegung ihr einen Gruß zuwinkend, den sie, gehorsam lächelnd, erwiderte; dann sank sie, wie zerschmettert, in ihren Sessel zurück.

Vergebens, vergebens! murmelte sie. Ich werde mich nie frei machen können, nie! Er ist der tausendmal Stärkere, und er weiß es – nur zu gut!

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