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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Warum hat denn mein Bruder heute schon um vier Uhr nach dem Kaffee geschellt? fragte Tante Rikchen in der Küche.

Ich weiß es nicht, erwiderte Grollmann.

Ihr wißt nie was, sagte Tante Rikchen.

Grollmann zuckte die Achseln, nahm das Präsentierbrett, auf dem das zweite Frühstück für den Herrn bereit war, und ging, kam aber nach wenigen Minuten wieder und stellte das Brett, wie er es vorher hinausgetragen, auf den Anrichtetisch.

Nun? fragte Tante Rikchen empfindlich, – ist es einmal wieder nicht recht gewesen?

Der Herr schläft, sagte Grollmann.

Tante Rikchen ließ vor Schrecken bald die Kanne fallen, aus der sie eben für Reinhold den Kaffee abgegossen hatte.

- Um Gottes willen, rief sie, – wie kann mein Bruder um diese Stunde schlafen! Das hat er ja, solange die Welt steht, noch nicht getan. Ist er krank?

Glaube ich nicht, sagte Grollmann.

Ist denn heute morgen wieder was passiert?

Heute morgen – nein.

Oder gestern abend? fragte Tante Rikchen, deren scharfen Ohren die kurze Pause, die Grollmann zwischen heute morgen und nein gemacht hatte, nicht entgangen war.

Vermutlich! sagte Grollmann, starr vor sich hinblickend, während die Falten in dem verwitterten Gesicht sich mit jedem Moment zu vertiefen schienen.

Unglücksmensch, sagt es mir! rief Tante Rikchen, den Alten am Arm packend und schüttelnd, als ob sie das Geheimnis aus ihm herausschütteln könnte.

Ich weiß von nichts, sagte Grollmann, sich losmachend; – ist der Kaffee für den Herrn Kapitän fertig?

Weshalb will ihn denn mein Neffe heute auf dem Zimmer haben? fragte Tante Rikchen.

Ich weiß es nicht, erwiderte Grollmann und schlurfte mit dem Kaffeebrett davon, wie vorhin mit dem Frühstücksbrett.

Es ist ein gräßlicher Mensch, sagte Tante Rikchen; – ich werde noch einmal den Tod von seiner Geheimniskrämerei haben. Er muß es mir sagen, wenn er wiederkommt.

Aber Grollmann kam vorläufig nicht wieder, obgleich Tante Rikchen fast den Schellenzug abriß. Tante Rikchen war sehr ärgerlich und würde außer sich gewesen sein, wenn sie gehört hätte, wie Grollmann oben Reinhold alles unaufgefordert haarklein erzählte, was er ihr um keinen Preis erzählt haben würde.

Denn sehen Sie, Herr Kapitän, sagte Grollmann, sie ist ja sonst ganz gut, das Fräulein Schwester; aber was sie weiß, das muß heraus – so oder so, und wenn es sie das Leben kostete. Und das kann der Herr nun schon gar nicht vertragen, besonders von dem Fräulein Schwester nicht; und unsereiner hat die Unannehmlichkeiten davon.

Wie war es also? fragte Reinhold.

Wie wird es gewesen sein, sagte der Alte! So gegen zwölf heute nacht kam er nach Haus aus der zweiten Versammlung, die die Fabrikanten abgehalten; ich habe ihm auf sein Zimmer hinaufgeleuchtet, wie gewöhnlich, habe die Lampen im Arbeitszimmer hoch geschroben und bin in das Schlafzimmer gegangen, um die Fenster zu schließen, die, bis er zu Bett geht, Sommer und Winter offen bleiben. Und da, dicht neben dem Fenster auf dem Teppich, hat es gelegen, was ich anfänglich für ein Stück Papier hielt, bis ich es aufnahm und fand, daß es ein regelrechter Brief war, den jemand von der Straße hineingeworfen haben mußte, denn es war ein Bindfaden um den Brief geschlungen, und der kleine Stein, der an den Bindfaden geknotet gewesen war, lag dicht daneben. So habe ich ihn denn zum Herrn hineingetragen und gesagt, wo und wie ich ihn eben gefunden. Der Herr hat einen Blick auf die Adresse geworfen und gesagt: Das ist mit verstellter Hand geschrieben; ich will nichts damit zu schaffen haben, wirf's ins Feuer! Aber ich habe ihm denn so lange zugeredet, bis er sich endlich dazu herbeiließ und den Brief aufmachte. Nun ist der Herr an der einen Seite des Tisches gestanden und ich an der andern, und ich habe ihm natürlich ins Gesicht gesehen, während er las, und bin grausamlich erschrocken gewesen, denn das Blut ist ihm so in den Kopf gestiegen, und die Hand, in der er den Brief hielt, hat ihm so gezittert, daß ich – mit Verlaub – geglaubt habe, der Schlag werde ihn rühren. Das ist aber wieder vorübergegangen, der Herr hat den Brief nur eben so aus der Hand fallen lassen und gesagt: Es ist dummes Zeug, ich wußte es ja; du kannst ruhig zu Bette gehen. Ich bin dann auch gegangen, aber ruhig bin ich nicht gewesen und auch weiter nicht verwundert, als der Herr heute morgen schon um halb vier nach mir klingelte – er ist immer ganz besonders früh munter, wenn er den Abend zuvor Sorgen oder Ärger gehabt hat oder ihm sonst was im Kopfe herumgeht. Diesmal mußte es aber arg sein: Der Herr war noch genau in demselben Anzug, in dem er gestern abend nach Hause gekommen, und das Bett war wie gestern abend. Derogegen war die Flasche Wein, die ich des Abends immer auf sein Zimmer stellen muß und aus der er für gewöhnlich nur noch ein oder zwei Gläser – manchmal auch gar nicht – trinkt, bis auf den letzten Tropfen leer. Frage ich ihn, ob er nicht jetzt wenigstens noch ein paar Stunden schlafen wolle und bin glücklich gewesen, als er sich wenigstens auf das Sofa gelegt und sich hat zudecken lassen und gesagt: Um halb neun Uhr, Grollmann, will ich geweckt sein. Um ein halb neun bin ich dann wiedergekommen; aber die Decke lag neben dem Sofa auf dem Boden, und ich wußte auf den ersten Blick, daß der Herr keine Minute geschlafen. Derogegen hatte er sich gewaschen und angezogen und sah nun erst recht schlimm aus. Er habe nicht schlafen können, sagte er, und nun auch keine Zeit mehr; er wolle in einer halben Stunde das Frühstück; um zehn müsse er wieder in eine Versammlung, zu der diesmal auch die Herren Arbeiter ihre Leute schicken würden. – Ich habe versprochen hinzukommen, sagte er. Wenn er doch nur jetzt noch einschlafen wollte, dachte ich so bei mir, denn er hatte sich, als er so sprach, in das Sofa gesetzt und stierte vor sich hin, wie einer, der schon halb über den Weg ist. Na, Herr Kapitän, und richtig, als ich eben mit dem Frühstück komme, aber ganz leise – da sitzt er in der Sofaecke eingeschlafen. – Laß ihn um Gottes willen schlafen, denke ich, wieder raus aus der Stube mit samt meinem Frühstück; und nun frage ich Sie bloß, Herr Kapitän, soll ich ihn wecken, wenn es Zeit ist, oder soll ich ihn schlafen lassen?

Lassen Sie ihn schlafen, Grollmann, sagte Reinhold nach einiger Überlegung. Ich will die Schelte, die Ihnen zukommen sollte, auf mich nehmen.

Reinhold stand auf und trat ans Fenster. Es war ein rauher, verdrießlicher Tag. Aus den tief herabhängenden, dunkeln Wolken sprühte ein feiner, kalter Regen; in den großen Bäumen rauschte es dumpf, und manchmal stieß der Wind hinein, und welke Blätter stöberten durch die graue Luft. Wie anders war die Szene gewesen, als er vor wenigen Tagen – es waren ihrer nur wenige, obgleich sie ihm eine Ewigkeit dünkten – zum ersten Male, auch an einem Morgen, hier hinabgesehen! Da hatte der Himmel so köstlich geblaut, und weiße Wolken hatten hoch oben friedlich am blauen Himmel gestanden, ganz still, als könnten sie sich an dem Anblick nicht ersättigen der schönen, sonnebeschienenen Erde, auf der die Menschen, umwirbelt freilich von dem Rauche der Essen und umknirscht von dem Lärm der Räder und Sägen, sich im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot erwerben mußten.

Reinhold grüßte mit Auge und Hand nach dem Nachbarhause hinüber, von dem er längst schon zwischen den Zweigen der Platanen ein Fenster entdeckt hatte, das er seitdem eifriger beobachtete als je einen Stern; und hoffte dann, daß Ferdinande, die er plötzlich unten im Garten entdeckte, den Gruß, falls sie ihn gesehen, auf sich bezogen haben werde.

Sie hatte den Gruß schwerlich gesehen, sah ihn auch selbst wohl nicht am Fenster, während sie zwischen den Büschen unter den rauschenden Bäumen auf- und niederging und des Regens, der auf sie herabsprühte, nicht zu achten schien. Wenigstens war sie ohne Hut, ohne Schirm, in ihrem Atelierkleide, ohne ein Tuch selbst – manchmal stehen bleibend und hinauf in die jagenden Wolken schauend, dann weiter schreitend, den Blick auf den Boden geheftet, offenbar in tiefste Gedanken versunken. – Sonderbare Menschen, diese Künstler, dachte Reinhold, indem er sich wieder zu seiner Arbeit setzte.

Unterdessen stand Grollmann ratlos oben an der Treppe vor der Tür, die zu des Herrn Zimmern führte.

Sein Gewissen war durch Reinholds Versicherung, daß er die Verantwortung übernehmen wolle, wenn der Herr die Stunde verschliefe, nicht ganz beruhigt. Wenn nur etwas passierte, daß ich ihn wecken müßte! sagte Grollmann.

In diesem Moment hörte er die untere Flurtür gehen, und es kam jemand die Treppe herauf; Grollmann bog sich über das Geländer: ein Offizier – ein General! Der alte General von drüben! Das ist doch kurios – dachte Grollmann, richtete sich auf und stellte sich in Positur, wie es sich für einen alten Diener schickt, der auch Soldat gewesen ist.

Der General war die Treppe hinaufgekommen: Ich wünsche Herrn Schmidt zu sprechen; können Sie mich melden?

Es ist eigentlich nicht seine Sprechstunde, sagte Grollmann, – und –

Vielleicht nimmt er mich doch an, wenn Sie ihm sagen, daß ich in einer dringenden Angelegenheit komme – hier meine Karte.

Ist nicht nötig, Herr General – habe die Ehre, Herr General –

Nehmen Sie die Karte nichtsdestoweniger!

Grollmann hielt die Karte unentschlossen in der Hand, aber, wenn die Angelegenheit so dringend war – und er konnte doch einen General nicht so mir nichts dir nichts abweisen! – Wollen Sie einen Augenblick verzeihen, Herr General! –

Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen, flüsterte er, als müsse er für seinen Herrn um Entschuldigung bitten, da dieser selbst es voraussichtlich nicht tun würde.

Ich habe auch nicht geschlafen, erwiderte der General mit einem melancholischen Lächeln.

*

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