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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Sind Sie nicht engagiert? fragte eine tiefe Stimme hinter Reinhold.

Reinhold wandte sich: Nein, Herr General.

Sind Sie kein Tänzer?

Doch Herr General; aber der Herr General hatten die Güte, mir zu sagen, daß Sie mit mir zu sprechen wünschten; ich wollte mir eben erlauben –

Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen; auch kam ich, Sie mir zu holen.

Ich bin zu Ihren Befehlen, Herr General.

Kommen Sie!

Der General blieb trotzdem stehen. Der Anblick des Saales, der jetzt von den Tanzenden fast gefüllt war, schien ihn zu interessieren und zu fesseln. Reinhold, der unwillkürlich die Richtung, in die der General blickte, aufgenommen, sah, daß seine Augen auf Ottomar haften blieben, der mit Carla unter dem Kronleuchter in den künstlichen Variationen, zu denen die Polka herausfordert, herumwirbelte. Ein Lächeln flog über das ernste, strenge Gesicht. Dann, wie aus einem Traume erwachend, strich er sich mit der Hand über die Stirn und sagte noch einmal: Kommen Sie! Sie waren in das kleine Kabinett getreten.

Setzen wir uns! sagte der General, indem er selbst auf einem Fauteuil Platz nahm und Reinhold an seine Seite winkte; ich will Sie nicht lange aufhalten.

Ich bin wirklich nicht pressiert, Herr General, ich bin nur einmal engagiert zu einem späteren Tanz – mit Ihrem Fräulein Tochter.

Das ist recht, sagte der General, – Else ist Ihnen Dank schuldig; und dabei bin ich selbst schon wieder im Begriff, Ihre Güte in Anspruch zu nehmen. Um es in einem Wort zu sagen: Sie haben vorhin mit dem Oberst Sattelstädt und mit Schönau gesprochen und den Herren Ihre Ansicht über die bewußte Frage ausführlich dargelegt. Die Herren sagen beide, daß Ihre Auseinandersetzungen ihnen ganz neue Gesichtspunkte gegeben hätten, die von der größten Wichtigkeit schienen und die Frage in den Augen aller, die überhaupt sehen könnten, entscheiden müßten: In unserem, das heißt, in meinem und der beiden Herren Sinne, die wir leider mit unserer Ansicht etwas vereinzelt dastehen und alle Ursache haben, uns nach Bundesgenossen umzuschauen. Ich bitte Sie nun, in unser aller Namen, dieser Bundesgenosse zu sein und uns ein schriftliches Elaborat über die Angelegenheit anfertigen zu wollen, von dem wir unumschränkten Gebrauch machen dürfen. Karten und sonstige Hilfsmittel, die Sie irgend wünschen mögen, wird Ihnen Schönau, mit dem Sie sich dieserhalb in Vernehmen setzen würden, bereitwilligst zu Gebote stellen. Die erste Frage ist nun: Wollen Sie uns den Gefallen erweisen?

Ganz gewiß, Herr General, – und ich werde meine ganze Kraft daran setzen.

Ich war im voraus davon überzeugt, aber ich glaube, Sie auf eines aufmerksam machen zu sollen. Der Präsident von Sanden hat mir gesagt, daß er auf Sie reflektiere, und meine Else mir mitgeteilt, daß Sie nicht abgeneigt sind, auf des Präsidenten Wünsche einzugehen und die betreffende Stelle anzunehmen. Die Stelle ressortiert nicht vom Kriegsminister, aber Ihre Relation wird böses Blut machen in mehr als einem Ministerium, und wir könnten in die Lage kommen, den Namen unseres Gewährsmannes nennen zu müssen – haben Sie daran gedacht?

Nein, Herr General, aber ich habe mich meines Namens nie geschämt und, Gott sei Dank, niemals Ursache dazu gehabt; von dem Augenblicke, wo er in dieser Gemeinschaft und in dieser Sache genannt wird, würde ich glauben, stolz darauf sein zu dürfen.

Der General nickte.

Und nun noch eines: Die Sache pressiert – sehr. Wann glauben Sie, mit der Relation zustande kommen zu können?

Wenn ich morgen vormittag mit Herrn von Schönau konferieren darf – bis übermorgen früh.

Da würden Sie die Nacht zu Hilfe nehmen müssen.

Ich bin ein guter Schläfer, Herr General – und ein guter Wacher.

Der General lächelte.

Ich danke Ihnen, lieber Schmidt.

Es war das erste Mal, daß er Reinhold mit jener Vernachlässigung der Form anredete, durch die höhere Offiziere jüngere Kameraden auszeichnen. Er hatte sich erhoben; seine sonst so strengen Augen ruhten mit einem fast väterlichen Wohlwollen auf dem jungen Mann, der, errötend vor Glück und Stolz, dastand.

Und nun gehen Sie und seien Sie noch eine Stunde vergnügt mit der Jugend; Sie sind ja selber, Gott sei Dank, noch jung genug.

Da kommt mein Sohn, gewiß, um Sie zu holen.

In der Tat, sagte Ottomar, der aufgeregt, eilig in der Tür erschien. Ich bitte um Entschuldigung; aber Else –

Schnell, schnell! sagte der General.

Ottomar zog Reinhold fort.

Der General blickte den beiden jungen Männern sinnend nach: Schade, schade – murmelte er, aber man kann nicht alles zu gleicher Zeit haben, und wenn Ottomar – was gibt es?

Der Brief wurde soeben abgegeben.

Ein Brief? Jetzt? Wie ist das möglich?

Das Haus ist offen, Herr General; der Mann, der ihn brachte, sagte, es wäre sehr gut gewesen, sonst hätte er schellen müssen; es sei sehr eilig.

Wunderlich! sagte der General, den Brief, den er dem Diener abgenommen, betrachtend.

Es war ein großer, geschäftsmäßig zusammengefalteter Brief und die Aufschrift in einer kanzleimäßigen Hand.

Wunderlich! sagte der General noch einmal. Er hatte mechanisch den Brief erbrochen und begann zu lesen – Was war das? – Er strich sich über die Augen und blickte wieder hinein: Aber da stand es noch immer ganz deutlich, in ganz deutlichen, frechen Worten. Sein Gesicht wurde dunkelrot.

Befehlen der Herr General noch sonst etwas? fragte August, der noch gewartet hatte, ängstlich.

Nein, nein! Nichts, nichts! Du kannst gehen, murmelte der General, indem er den Brief sinken ließ und zusammenfalten zu wollen schien.

Aber der Diener hatte sich kaum entfernt, als er wieder hineinblickte, um zu Ende zu lesen. Und jetzt zitterte der starke Mann vom Kopf bis zu den Füßen, während er, sich scheu umblickend, den Brief schnell zusammenfaltete und, die Uniform aufreißend, in die Tasche steckte.

Der Unglückliche! murmelte er.

*

Der Vater stand an seinem Arbeitstisch, über dem die Hängelampe brannte. Auch auf der Konsole vor dem Spiegel brannten die Lampen noch, es war unheimlich hell in dem Zimmer, und unheimlich aufgeräumt, obgleich es heute genau so war, wie es Ottomar gesehen, solang er denken konnte. Er hätte am Ende doch die Uniform anziehen sollen.

Ich bitte um Entschuldigung, Papa, daß ich im Negligé komme, ich war im Begriff, zu Bett zu gehen, und August machte es so eilig –

Der Vater stand noch immer an dem Tisch, die eine Hand aufgestützt, ihm den Rücken zukehrend, ohne zu antworten. Das Schweigen des Vaters legte sich wie ein Alp auf Ottomars Seele; er schüttelte mit einer gewaltsamen Anstrengung die dumpfe Verzagtheit ab: Was wolltest du, Papa?

Zuerst dich bitten, diesen Brief zu lesen, sagte der General, sich langsam umwendend und auf ein Blatt, das vor ihm auf dem Tische ausgebreitet war, mit dem Finger deutend.

Ein Brief? An mich?

Dann würde ich ihn nicht gelesen haben; ich habe ihn gelesen.

Er war von dem Tisch zurückgetreten und ging, die Hände auf dem Rücken, langsam gleichmäßigen Schrittes in dem Zimmer auf und nieder, während Ottomar auf derselben Stelle, wo eben der Vater gestanden, ohne das Blatt zur Hand zu nehmen – die Handschrift war deutlich genug – las:

»Hochwohlgeborner, hochzuverehrender Herr General!

Ew. Hochwohlgeboren wollen gütigst entschuldigen, daß der ergebenste Endesunterzeichnete es wagt, Ew. Hochwohlgeboren Aufmerksamkeit auf eine Angelegenheit zu lenken, die das Wohl Ihrer werten Familie auf das ernstlichste zu gefährden droht. Es handelt sich aber um ein Verhältnis, das Ihr Herr Sohn, der Herr Leutnant von Werben, seit längerer Zeit mit der Tochter Ihres Nachbarn, des Herrn Marmorwaren-Fabrikanten Schmidt, unterhält. Ew. Hochwohlgeboren wollen dem Unterzeichneten erlassen – obgleich er sehr wohl dazu imstande wäre –, auf Einzelheiten einzugehen, die besser in der Verschwiegenheit bleiben, in der sie die Beteiligten – allerdings vergeblich – zu halten suchten, und wenn der Unterzeichnete sie bittet, den Herrn Sohn zu fragen, wo er heute abend von 8 – 9 Uhr und mit wem er eine Zusammenkunft gehabt, so ist es nur, um Ew. Hochwohlgeboren anzudeuten, wie weit das erwähnte Verhältnis bereits gediehen ist.

Es würde so töricht wie unerlaubt sein anzunehmen, daß Ew. Hochwohlgeboren von dem allen unterrichtet wären und gleichsam nur ein Auge zugedrückt hätten, wenn Ihr Herr Sohn auf dem Punkte steht, sich mit der Tochter eines ultra-radikalen Demokraten zu verloben; im Gegenteil, der Unterzeichnete kann sich im voraus die schmerzliche Überraschung ausmalen, die Ew. Hochwohlgeboren bei Lesung dieser Zeilen empfinden dürften. Aber, Ew. Hochwohlgeboren, der Unterzeichnete ist auch Soldat gewesen und weiß, was soldatische Ehre ist – wie er denn seinerseits Zeit seines Lebens auf Ehre gehalten – und er hat es nicht länger mit ansehen können, daß mit der Ehre eines so braven, hochverdienten Offiziers hinter seinem Rücken ein freventliches Spiel getrieben wird von demjenigen, der mehr als jeder andere zum Wächter eben dieser Ehre berufen scheint. Der Unterzeichnete glaubt, daß es nach dem Obigen keiner besonderen Versicherung der ungemeinen Hochschätzung bedarf, mit welcher er ist Ew. Hochwohlgeboren und Ew. Hochwohlgeboren ganzer Familie

treuester Verehrer.«

Der General hatte seinem Sohn mehrere Minuten Zeit gelassen; jetzt, als Ottomar immer noch regungslos vor sich hinstarrte – nur die Zähne nagten geschäftig an der blassen Unterlippe – blieb er, durch die Länge des Zimmers von ihm getrennt, stehen und fragte: Hast du eine Ahnung, wer diesen Brief geschrieben hat?

Nein.

Hast du den leisesten Verdacht, die Dame, um die es sich handelt –

Um Gottes willen! rief Ottomar heftig.

Ich bitte um Verzeihung; aber ich bin in der peinlichen Lage, fragen zu müssen, da du mir die Erklärungen, die ich erwartete, schuldig bleiben zu wollen scheinst.

Was soll ich hier erklären? fragte Ottomar mit verbissenem Trotz; – es ist, wie es ist.

Kurz und bündig, erwiderte der General, – nur nicht ebenso klar. Mir wenigstens bleiben noch verschiedene dunkle Punkte. Hast du der Dame – ich darf mich doch so ausdrücken?

Ich würde dich sonst darum ersuchen müssen –

Also, hast du der Dame irgend etwas, und wäre es das Geringste, vorzuwerfen, was – abgesehen von den äußeren Verhältnissen, wovon später – dich verhindern könnte, sie in Elses Gesellschaft zu bringen? – Bei deiner Ehre!

Bei meiner Ehre, nein!

Weißt du von ihrer Familie – abermals abgesehen von den äußeren Verhältnissen – irgend etwas, auch nur das Geringste, was einen andern Offizier, der nicht in deiner exzeptionellen Lage wäre, verhindern würde und müßte, sich mit der Familie zu verbinden? – Bei deiner Ehre!

Ottomar zögerte einen Moment mit der Antwort. Er wußte von Philipp absolut nichts Ehrenrühriges; er hatte gegen ihn nur den eingeborenen Instinkt des Gentleman gegen einen Menschen, der in seinen Augen kein Gentleman ist; aber es dünkte ihm Feigheit, sich hinter dies dunkle Gefühl verkriechen zu wollen.

Nein! sagte er grollend.

Du hast die Dame mit deinen Verhältnissen bekannt gemacht?

Im allgemeinen: ja.

Unter anderem damit, daß du enterbt bist, sobald du eine Dame, die nicht von Adel ist, heiratest?

Nein.

Das war ein wenig unvorsichtig, indessen: Ich begreife es. Aber im allgemeinen, sagst du, kennt sie die Schwierigkeiten, die auch im günstigsten Falle eine Verbindung zwischen ihr und dir haben würde?

Ja.

Hast du sie je fühlen lassen, daß du weder willens noch imstande seiest, die Schwierigkeiten zu beseitigen?

Nein.

Sondern sie vielmehr glauben lassen, sie vielleicht versichert, daß du sie beseitigen könntest und würdest?

Ja.

So wirst du die Dame heiraten.

Ottomar zuckte zusammen, wie ein Roß, dem der Reiter die Sporen in die Flanken schlägt. Er hatte gewußt, daß das das Ende sein würde, sein mußte. Trotzdem, wie es jetzt ausgesprochen war, bäumte sich sein Stolz gegen den Zwang auf, den irgend jemand, und wäre es auch der eigne Vater, seinem Herzen antun wollte. Und im Hintergrunde lauerte wieder gespensterhaft die fürchterliche Empfindung, die er im Park gehabt, daß er schwächer sei als sie, die sich so vertrauensvoll in seine Arme schmiegte. Sollte er überall der Schwächere sein? Überall folgen, wohin er nicht wollte? Sich überall seinen Weg von andern vorschreiben lassen?

Nun und nimmermehr! stieß er hervor.

Wie, nun und nimmermehr? sagte der General. – Ich habe hier doch mit keinem eigenwilligen Knaben zu tun, der das Spielzeug zerbricht, das ihm nicht mehr gefällt, sondern mit einem Manne von Ehre, einem Offizier, der die Gewohnheit hat, sein Wort pünktlich einzulösen?

Ottomar fühlte, daß er einen Grund, den Schatten eines Grundes – irgend etwas vorbringen müsse.

Ich meine, sagte er, daß ich mich nicht entschließen kann, nach einer Seite einen Schritt zu tun, der mich in die Lage brächte, notwendig nach der andern Seite ein Unrecht zu begehen.

Ich glaube, deine Lage zu verstehen, erwiderte der General, – sie ist nicht angenehm; aber, wer so vielseitig ist, sollte doch auf dergleichen gefaßt sein. Übrigens bin ich dir die Gerechtigkeit schuldig zu erklären, daß ich mich in deinem Betragen gegen Fräulein von Wallbach jetzt wenigstens zu orientieren beginne und darin nur die Konsequenz vermisse, an die du mich freilich leider niemals und in keinem Punkte gewöhnt hast. Nach meiner Auffassung war es deine Pflicht, ein für allemal zurückzutreten in dem Augenblicke, wo dein Herz ernstlich nach einer andern Seite engagiert war. Es wäre das immerhin, bei unsern engen Relationen mit Wallbachs, sehr unbequem und unangenehm gewesen, aber schließlich: Man kann sich in seinen Gefühlen täuschen, und die Gesellschaft akzeptiert auch dergleichen Wandlungen des Herzens und die praktischen Konsequenzen, wenn alles zur rechten Zeit und mit guter Manier geschieht. Wie du diesen Rückzug jetzt ausführen wirst, ohne dir und uns die ernsthaftesten Verlegenheiten zuzuziehen, weiß ich nicht; ich weiß nur, daß es geschehen muß. Oder hättest du dein Unrecht auf die Spitze getrieben und dich hier gebunden, wie du dich dort gebunden hast?

Ich bin gegen Fräulein von Wallbach durch nichts gebunden, als was alle Welt gesehen hat, durch kein Wort, das nicht alle Welt gehört hat oder wenigstens hätte hören dürfen, und mein Gefühl für sie ist vom ersten Augenblicke an so schwankend gewesen –

Wie dein Betragen. Sprechen wir also nicht mehr davon, fassen wir lieber die Situation ins Auge, die du dir selbst bereitet hast, und ziehen wir die Konsequenzen. Die erste ist, daß du dir deine diplomatische Karriere verscherzt hast – du kannst nicht mit einer bürgerlichen Gemahlin an dem Petersburger Hofe oder irgend einem Hofe erscheinen. Die zweite, daß du dich zu einem andern Regiment versetzen lassen mußt, da du, mit einem geborenen Fräulein Schmidt zur Gattin, in deinem Regiment aus den widerwärtigsten Konflikten und Kollisionen nicht herauskommen würdest. Die dritte, daß, wenn die Dame dir nicht ein Vermögen oder zumindestens einen sehr erheblichen Zuschuß mitbringt, das Arrangement deines äußeren Lebens für die Zukunft ein wesentlich anderes sein muß, als es bisher war, und ich fürchte, eines, das deinem Geschmacke wenig zusagen dürfte. Der vierten Konsequenz, daß du durch diese Verbindung – und wäre sie in bürgerlich-moralischem Sinne so ehrenwert, wie ich wünsche und hoffe – nach dem einfachen Buchstaben des Testamentes des Anrechtes auf die Erbschaft verlustig gehst, tue ich nur noch einmal Erwähnung, um alles gesagt zu haben.

Ottomar wußte, daß der Vater nicht alles gesagt, daß er großmütig die fünfundzwanzigtausend Taler verschwiegen hatte, die er im Laufe der letzten Jahre für ihn an Schulden bezahlt – das heißt, bis auf einen winzigen Rest das ganze eigene Vermögen – und daß er dem Vater dies Geld in nächster Zeit nicht wieder zurückgeben konnte, wie es doch gewiß seine Absicht gewesen; vielleicht nie wieder würde zurückgeben können. Der Vater war dann auf sein Gehalt angewiesen, schließlich auf seine Pension. Er hatte in der letzten Zeit wiederholt davon gesprochen, seinen Abschied nehmen zu wollen!

Sein Blick, der verwirrt den Boden gesucht hatte, irrte scheu zum Vater hinüber, der langsam, wie vorhin, im Zimmer auf und nieder schritt. War es die Beleuchtung? War es, daß er ihn heute anders sah als sonst: Der Vater erschien ihm um zehn Jahre gealtert, zum ersten Male als ein alter Mann. In das Gefühl ehrfürchtiger Liebe, das er stets für ihn gehegt, mischte sich eine Empfindung des Mitleids fast; er hätte ihm am liebsten zu Füßen stürzen und, seine Knie umklammernd, rufen mögen: Vergib mir, was ich vor dir gesündigt habe! Aber er war wie an die Stelle gebannt, die Glieder wollten sich nicht fügen, nicht folgen; die Zunge war wie an den Gaumen geklebt; er brachte nichts heraus als: Es bleibt dir dann noch immer Else.

Der General war vor den lebensgroßen Bildern seiner Eltern, welche die eine Wand schmückten, stehen geblieben – einem höheren Offizier in der Uniform der Freiheitskriege und einer noch jungen Dame in der Tracht jener Zeit, der Else um Stirn und Augen auffallend ähnelte.

Wer weiß, sagte er.

Noch eins! Ich habe vergessen, zu sagen, daß ich mir vorbehalte, die nächsten Schritte selbst zu tun. Da du so lange gezögert, die Initiative zu ergreifen, wirst du mir diese Gunst wohl gewähren müssen. Ich bitte, daß du bis dahin keinen Schritt ohne mein Wissen tust. Wir müssen doch jetzt im Einvernehmen handeln, nachdem wir uns verständigt haben.

Er hatte die letzten Worte mit einer Art melancholischem Lächeln gesagt, das Ottomar durchs Herz schnitt. Er konnte es nicht länger ertragen und stürzte aus dem Zimmer.

Auch der General hatte bereits die Hand auf dem Drücker gehabt; aber, als Ottomar jetzt verschwunden war, zog er sie wieder zurück, trug die Lampe auf den Schreibtisch, von dem er ein Kästchen aufschloß und herauszog, worin er zwischen einigen, wenig wertvollen Schmucksachen seiner verstorbenen Gemahlin und seiner Mutter auch die eisernen Ringe der Eltern aus den Freiheitskriegen aufbewahrte.

Er nahm die Ringe.

Es ist eine andere Zeit gekommen, murmelte er, – keine bessere. Wohin, ach, wohin sind sie verschwunden: Eure Frömmigkeit, eure Pflichttreue? Eure keusche Einfachheit, eure heilige Entsagung? Ich habe mich redlich bemüht, euch nachzueifern, der würdige Sohn eines Geschlechts zu sein, das keinen andern Ruhm kannte als die Tapferkeit seiner Männer und die Keuschheit seiner Frauen. Was habe ich gesündigt, daß es so an mir heimgesucht wird?

Er küßte die Ringe und legte sie in den Kasten und nahm von mehreren Miniaturbildern aus Elfenbein das eines bildschönen, braunäugigen, braunlockigen Knaben von vielleicht sechs Jahren.

Lange betrachtete er es unverwandt.

Der Mannesstamm der Werben würde mit ihm aussterben, und – er war mein Liebling. Vielleicht soll ich dafür bestraft werden, daß ich so unsäglich stolz auf ihn war.

*

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