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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Alle Anstrengungen, das Schiff abzubringen, hatten sich als vergeblich erwiesen, ja, man durfte von Glück sagen, daß bei der gefährlichen Arbeit, die man ihr zumutete, die Schraube nicht gebrochen war. Auch war die Senkung des Rumpfes nach der Seite nicht weiter gegangen; und wenn die Nacht nicht stürmisch wurde, mochte man ruhig so liegen bleiben bis zum nächsten Morgen, wo ja dann ein vorübersegelndes Fahrzeug die Passagiere aufnehmen und weiter befördern werde, falls man wirklich bis dahin nicht wieder flott geworden sein sollte, was übrigens jeden Augenblick geschehen könne.

So sagte der Kapitän, den das Unglück, das er durch seinen Eigensinn herbeigeführt, nicht aus seiner Ruhe zu bringen vermochte.

Der Mann ist betrunken oder verrückt, sagte der Präsident, als der Kapitän seinen breiten Rücken gewandt hatte und wieder auf seinen Posten gegangen war. – Es ist eine Sünde und Schande, daß ein solcher Mann ein Schiff, und wenn es auch nur ein Schlepper ist, kommandieren darf Aber ich werde die strengste Untersuchung einleiten, und er soll exemplarisch bestraft werden.

Der Präsident bebte vor Zorn und Angst und Kälte an dem langen, hagern Leibe, der General zuckte die Achseln. – Das ist alles ganz schön und gut, lieber Herr Präsident, sagte er, nur daß es ein wenig zu spät kommt und uns nicht aus der üblen Lage hilft. Ich mische mich grundsätzlich nicht in Dinge, die ich nicht verstehe, aber ich wollte, wir hätten jemand an Bord, der einen Rat geben könnte. An die Schiffsleute darf man sich nicht wenden, das hieße, die Subordination untergraben – was willst du, Else?

Wende dich doch einmal an den Herrn! sagte Else.

An welchen Herrn?

Der dort; er ist Seemann. Er kann dir sicher den besten Rat geben.

Des Generals scharfes Auge heftete sich auf die ihm bezeichnete Person. Ah, der! sagte er; – sieht wirklich danach aus –

Nicht wahr? sagte Else. Und er hatte mir schon vorher gesagt, daß wir auflaufen würden.

Gehört natürlich nicht zum Schiff?

Bewahre! Das heißt: Ich glaube – sprich doch einmal mit ihm!

Der General ging auf den »Unermüdlichen« zu.

Mein Herr, ich höre, Sie sind Seemann?

Zu dienen.

Steuermann?

Kauffahrerkapitän – Reinhold Schmidt.

Mein Name ist General von Werben. – Sie würden mich verbinden, Herr Kapitän, wenn Sie mir über unsere Situation eine technisch-sachgemäße Aufklärung geben wollten – natürlich privatim und in aller Diskretion. Ich möchte Sie nicht veranlassen, gegen einen Kameraden auszusagen oder gar dazu beizutragen, seine Autorität zu erschüttern, die wir möglicherweise noch sehr nötig brauchen werden. Ist der Kapitän nach Ihrer Ansicht an unserem Unfalle schuld?

Ja und nein, Herr General. Nein, denn die Seekarten, nach denen wir uns vorschriftsmäßig richten müssen, rechnen diese Stelle zum Fahrwasser. Die Karten hatten auch recht, bis vor wenigen Jahren. Seitdem haben hier starke Versandungen stattgefunden; überdies ist der Wasserstand infolge des seit Wochen herrschenden Westwindes fortwährend gesunken, Vorsichtigere vermeiden deshalb diese Stelle. Ich für mein Teil würde sie vermieden haben.

Gut! Und was halten Sie von der Situation? Sind wir in Gefahr? Oder können wir in Gefahr kommen?

Ich glaube, nein. Das Schiff liegt fast gleichmäßig auf, und auf schierem glatten Sand. Es kann, wenn sonst nichts dazwischen kommt, sehr lange so liegen.

Wir sollten also von der Erlaubnis des Kapitäns, das Schiff zu verlassen, Gebrauch machen?

Da die Überfahrt leicht und vollkommen gefahrlos, so kann ich zum mindesten nicht abraten. Dann aber müßte es geschehen, solange es noch hinreichend hell ist, am besten sofort.

Und Sie? Sie würden bleiben – selbstverständlich?

Selbstverständlich, Herr General.

Ich danke Ihnen.

Der General griff mit einer leichten Neigung des Kopfes an seine Mütze. Reinhold nahm mit einem kurzen Griff die seine ab, die Neigung durch eine straffe Verbeugung erwidernd.

Nun? fragte Else, als der Vater wieder zu ihr trat.

Der Mann muß Soldat gewesen sein, erwiderte der General.

Das heißt? fragte der Präsident.

Das heißt: Ich wünschte von meinen Offizieren immer so klare, sachgemäße Rapporte zu bekommen. Die Sache ist also die –

Er wiederholte, was er soeben von Reinhold in Erfahrung gebracht, und schloß damit, daß er beim Kapitän die sofortige Ausschiffung der Passagiere, die dazu geneigt seien, befürworten werde. – Ich für mein Teil gedenke mich dieser Unbequemlichkeit, die noch dazu unnötig sein dürfte, nicht zu unterziehen; es wäre denn, daß Else –

Ich, Papa! rief Else, ich denke nicht daran!

Der Präsident war in großer Verlegenheit. Er hatte freilich erst heute morgen bei der Abfahrt von Stettin eine sehr oberflächliche frühere persönliche Bekanntschaft mit dem General von Werben erneuert, aber jetzt, nachdem er den ganzen Tag mit ihm verplaudert und sich als Ritter der jungen Dame bei zahllosen Gelegenheiten bewährt, konnte er doch wohl nicht anders, als mit einem Zucken der Lippen, das ein Lächeln sein sollte, erklären: Er wolle, wie bisher die Annehmlichkeiten, so nun auch die Unannehmlichkeiten der Reise mit den Herrschaften teilen; das preußische Ministerium werde sich schlimmsten Falls über den Verlust eines Regierungspräsidenten zu trösten wissen.

Else hatte längst gesehen, wie unbehaglich dem Präsidenten das Verbleiben auf dem Schiffe war, aber der Papa hatte sich einmal für das Bleiben entschieden. Es würde ganz vergeblich sein, ihn nun noch nachträglich zum Fortgehen zu bestimmen.

Reinhold war, seitdem er zuletzt mit ihrem Vater gesprochen, verschwunden und auch jetzt nicht auf dem Hinterdeck. So ging sie denn nach vorn, und da saß er auf einer großen Kiste und blickte durch ein Taschenteleskop nach dem Lande, so eifrig, daß sie in seine unmittelbare Nähe gekommen war, bevor er sie bemerkte. Er sprang eilig auf die Füße und wandte sich zu ihr.

Ich habe eine Bitte an Sie, sagte Else, ohne die Augen zu senken.

Und ich wollte eben eine an Sie richten, erwiderte er, ich wollte Sie bitten, daß Sie sich ebenfalls ans Land setzen lassen. Wir sind in einer Stunde flott; aber die Nacht wird stürmisch, und wir werden, sobald wir den Wissower Haken – er deutete auf das Vorgebirge – passiert haben, vor Anker gehen müssen. Das ist im besten Falle eine wenig angenehme Situation, im schlimmen Falle eine sehr unangenehme. Ich möchte Sie vor der einen und vor der anderen bewahrt wissen.

Ich danke Ihnen, sagte Else. Und nun bedarf es meiner Bitte nicht mehr. Und sie sagte Reinhold, weshalb sie gekommen.

Das trifft sich ja vortrefflich, rief er, aber es ist kein Moment zu verlieren. Ich will sogleich mit Ihrem Herrn Vater sprechen. Wir müssen unverzüglich fort.

Wir?

Ich werde Sie mit Ihrer Erlaubnis selbst ans Land bringen.

Ich danke Ihnen, sagte Else noch einmal mit einem tiefen Atemzuge. – Sie hatte ihm die Hand gereicht; er hielt die kleine, zarte Hand in der seinen.

Sie hatte ihm ihre Hand entzogen und eilte davon, dem Vater entgegen, der sich bereits über ihr langes Ausbleiben gewundert hatte und jetzt sie zu suchen kam.

Im Begriff, ihr zu folgen, sah Reinhold zu seinen Füßen einen kleinen blaugrauen Handschuh liegen. Sie konnte ihn eben erst abgestreift haben.

Er bückte sich schnell, hob ihn auf und steckte ihn in die Tasche.

Den bekommt sie nicht wieder, sagte er bei sich.

*

Reinhold hatte recht gehabt: Es war kein Moment zu verlieren gewesen. Während das kleine Boot, dessen Steuer er führte, die schäumenden Wogen durchschnitt, überzog sich der Himmel immer mehr mit schwarzem Gewölk, das bald auch die letzte Spur der Abendhelle im Westen auszulöschen drohte.

Ich fürchte, wir sind aus dem Regen in die Traufe gekommen, sagte der Präsident kläglich.

Es ist ein Trost für mich, daß wir die Veranlassung nicht gewesen sind, erwiderte der General nicht ohne einige Schärfe in dem Ton seiner kräftigen Stimme.

Ei, gewiß nicht, sicher nicht! bestätigte der Präsident; mea maxima culpa! Meine eigenste Schuld, gnädiges Fräulein. Aber, gestehen Sie: Trostlos ist die Situation, ganz verzweifelt trostlos!

Ich weiß nicht, erwiderte Else, ich finde das alles wunderschön.

Nun, da gratuliere ich von ganzem Herzen, sagte der Präsident, mir für mein Teil wäre ein Kaminfeuer, ein Hühnerflügel und eine halbe Bouteille St. Julien lieber. Aber, wenn es schon ein Trost, Leidensgefährten zu haben, so ist es ein doppelter, zu wissen, daß, was der traurigen Weisheit des einen als sehr reelles Leid, der jugendlichen Phantasie des andern als ein romantisches Abenteuer erscheint.

Der Präsident hatte, während er spotten wollte, das rechte Wort getroffen. Elsen kam das Ganze wie ein romantisches Abenteuer vor, an dem sie eine aufrichtige, herzliche Freude empfand. – Der stattliche Seemann mit den helleuchtenden blauen Augen hatte gesagt, es sei keine Gefahr. Er mußte es wissen. Weshalb sollte sie sich also fürchten? Und wurde trotzdem die Sache gefährlich werden, so war er der Mann, das Rechte im rechten Moment zu treffen und der Gefahr zu begegnen.

Und da stand sie nun, ein paar Schritte abseits von den beratschlagenden Männern, in ihren Regenmantel gehüllt, im Vollgefühl eines Glückes, wie sie es nie empfunden zu haben glaubte. – War es denn nicht auch wunderbar schön! Vor ihr das graue, wühlende, donnernde, unendliche Meer, über dem die schwarze Nacht drohend heraufzog, rechts und links in unabsehbarer Linie die weißlich schäumende Brandung! Sie selbst umrauscht von dem herrlichen feuchten Wind, der ihr um die Ohren knatterte und in ihren Gewändern wühlte und ihr einzelne Schaumflocken in das Gesicht trieb! Hinter ihr die gespenstisch-kahlen Dünen, auf denen, noch eben gegen den etwas helleren westlichen Himmel erkennbar, die langen Strandgräser nickten und winkten – wohin? Weiter in das lustige, prächtige Abenteuer, das ja noch lange nicht zu Ende war, nicht zu Ende sein konnte, nicht zu Ende sein durfte! – Es wäre jammerschade gewesen.

Die Herren traten an sie heran. – Wir haben beschlossen, Else, sagte der General, eine Expedition über die Dünen in das Land hinein zu machen.

Wenn wir uns in den Dünen nicht verirren, seufzte der Präsident.

Dafür bürgt uns die Ortskenntnis des Herrn Kapitäns, sagte der General.

Auf keinen Fall können wir hier die Nacht zubringen, rief der General. Willst du meinen Arm, Else?

Danke, Papa! Ich komme schon hinauf.

Und Else sprang die Düne hinauf, Reinhold nach, der, vorauseilend, bereits den Kamm erreicht hatte, während der Vater und der Präsident langsamer folgten und die beiden Diener mit den Sachen den Zug schlossen.

Seltsam genug ist es, sagte der General, daß der Unfall uns gerade an dieser Stelle der Küste treffen mußte. Ist es doch wahrhaftig, als sollten wir für unsere Opposition abgestraft werden; und wahrhaftig, wenn meine Ansicht, daß ein Kriegshafen uns hier nichts nützen kann, auch nicht erschüttert ist, so erscheint mir jetzt, nachdem wir hier selber beinahe Schiffbruch gelitten, ein Hafen denn doch –

Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen! rief der Präsident, – das mag der Himmel wissen! Und wenn ich an den gründlichen Schnupfen denke, den mir diese nächtliche Promenade in dem abscheulich nassen Sande zuziehen wird, und daß ich statt dessen jetzt in einem bequemen Coupé sitzen und heute nacht in meinem Bette schlafen könnte – so bereue ich jedes Wort, das ich gegen die Eisenbahn gesprochen und mich darüber mit unsern sämtlichen Magnaten überworfen habe, nicht zum wenigsten mit Graf Golm, dessen Freundschaft uns gerade jetzt sehr gelegen käme.

Wie das? fragte der General.

Schloß Golm liegt nach meiner Rechnung höchstens eine Meile von hier landeinwärts. Das Jagdschlößchen auf dem Golmberg –

Ich erinnere mich, fiel der General ein, der zweite höhere Ufervorsprung nach Norden – rechts von uns. Wir können bis dahin kaum eine halbe Meile haben.

*

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