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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Ferdinande hatte sich längst von jeder Beaufsichtigung ihrer Tante frei gemacht. Sie war gewohnt, zu gehen und zu kommen, wie es ihr beliebte; die einzige Rücksicht, die sie zu nehmen hatte, war, daß sie sich pünktlich zu den Mahlzeiten einfand. Heute nun mußte sie eine Freundin besuchen und hinterlassen, daß sie wahrscheinlich zum Abendbrot, das regelmäßig auf Schlag neun Uhr angesetzt war, nicht zurück sein würde. Ihr Stolz krümmte sich unter der Notwendigkeit dieser Lüge, die noch dazu so unwahrscheinlich war, aber sie hatte ihr Wort gegeben. Ob Glück oder Unglück das Ende war, für sie war ihr Schicksal entschieden – es mußte eben sein.

So ging sie denn, schon in Hut und Mantel, bereits um halb acht zu der Tante hinab.

Aber, um Gottes willen, ist denn heute alles gegen mich armes Wurm verschworen? rief sie. Eben ist Reinhold auch hier gewesen, um zu sagen, daß er nicht kommt!

Wo ist Reinhold?

Ja, hat er dir denn das nicht gesagt? Eine große Soiree – so heißt es ja wohl – er meint, er müsse am Ende gar seine Uniform anziehen –

Bei wem?

Bei Werbens! Der junge Herr von Werben ist ja heute morgen selber hier gewesen – du hast ihn ja auch gesprochen in deinem Atelier! – Ich weiß von nichts, ich brauche ja auch natürlich nichts zu wissen! – Zu acht Uhr – es ist ja wohl schon halb?

Ferdinande ließ den Kopf sinken: bei Werbens! Zu acht Uhr! – Wie war das möglich?

Und wo willst du denn hin, wenn man fragen darf?

Ferdinande sagte die vorbereitete Lüge. – Sie hatte in der Ausstellung Fräulein Marfolk, die Malerin, gesprochen: Fräulein Marfolk hatte so dringend gebeten, sie doch wieder einmal zu besuchen; sie habe ihr einige eigene Sachen und Photographien zu zeigen, die sie aus Rom mitgebracht – heute abend sei sie gerade frei – Professor Seefeld aus Karlsruhe komme auch, der sie – Ferdinande – dringend kennen zu lernen wünsche – sie habe eben zugesagt und könne nicht mehr absagen.

Sie hatte bereits ein paar Schritte nach der Tür gemacht, als die heruntergelassenen Portieren langsam auseinandergezogen wurden.

Signora Frederica – meine gehorsamste Reverenz!

Ferdinande blieb erschrocken stehen. – Was wollte Antonio? In diesem Augenblick?

Ich fürchte, daß die Damen mein Klopfen draußen nicht gehört; so habe ich gewagt einzutreten.

Und er deutete in seiner leichten italienischen Weise kaum merklich auf ein paar Bücher, die er in der Hand trug.

Heute ist nicht unsere Stunde, sagte Ferdinande.

Ich bin morgen verhindert, Signora, und da wollte ich mir erlauben –

Ich habe heute keine Zeit. Sie sehen, ich bin im Begriff auszugehen!

Sie hatte es in einem heftigen Tone gesagt, zu dem scheinbar nicht die mindeste Veranlassung war.

Ferdinande horchte auf den leisen, sich entfernenden Schritt und auf das Geräusch der Tür. Würde es die Glastür, die nach dem Garten, würde es die andere sein, die nach dem Flur führte? Es war die Glastür; er blieb im Hause! Weshalb hatte sie auch nur gesagt, daß sie ausgehen wolle? Sollte sie es nun aufgeben?

Aber es war keine Zeit mehr, sich zu besinnen.

Sie hatte die Absicht gehabt, an der Ecke eine Droschke zu nehmen, aber der Halteplatz war leer; sie mußte sich entschließen, die Springbrunnenstraße bis zur Parkstraße hinab zu gehen, wo sie sicher eine zu finden hoffte. Vielleicht war das gut; sie konnte sich so besser als in dem geschlossenen Wagen versichern, daß sie nicht verfolgt werde. Sie wandte sich im eiligen Dahinschreiten ein paarmal verstohlen um: Ein paar Menschen kamen ihr entgegen, keiner hinter ihr her; sie atmete leichter – er war ihr nicht gefolgt. Vor niemandem fürchtete sie sich, nur vor ihm.

Aber er, den sie hinter sich fürchtete, war ihr in diesem Augenblicke schon weit voraus.

*

Unterdessen war die Droschke nur eine ganz kurze Strecke gefahren, bis zum Eingang in den Bellevuegarten. – Es ist absolut sicher hier, ich schwöre es dir, hatte Ottomar geflüstert, als er Ferdinande beim Aussteigen half. Der Kutscher steckte seinen Taler zufrieden in die Tasche und fuhr sofort weiter; Ottomar nahm Ferdinandes Arm und führte die Verwirrte, Geängstigte, halb Betäubte in den Garten hinein. Er hörte deutlich ihr tiefes Atmen: Ich schwöre es dir! wiederholte er.

Schwöre, daß du mich liebst! Ich verlange nur das!

Er legte statt der Antwort den Arm um sie, sie umschlang ihn mit beiden Armen; ihre Lippen zitterten aufeinander in einem langen, glühenden Kusse. Dann eilten sie, sich an den Händen haltend, tiefer in den Park, bis Busch und Bäume sie rings umdunkelten, und sanken sich wieder in die Arme, glühende Küsse tauschend und Liebesschwüre stammelnd – trunken von einer Seligkeit, die sie so lange, so lange geträumt hatten und die nun doch köstlicher war als alles köstlichste Träumen.

So wenigstens empfand Ferdinande, und so sagte sie, während ihre Lippen immer wieder seine Lippen suchten; und so sagte Ottomar, und doch, in demselben Moment, wo er ihre glühenden Küsse erwiderte, war in seinem Herzen ein Gefühl, das er nie zuvor gekannt: ein Grauen vor der Glut, die ihn umloderte, eine Empfindung, wie die der Ohnmacht, gegenüber einer Leidenschaft, die mit der Allgewalt eines Sturmes ihn umrauschte und erdrückte.

Jenes bange Gefühl mochte ja eine Täuschung sein; aber sie, die getan, um was er sie so oft, so flehentlich gebeten, ihm endlich die Zusammenkunft bewilligt hatte, in der er ihr seine Pläne für die Zukunft darlegen wollte – sie durfte, sie mußte erwarten, daß er jetzt endlich das Bild jener Zukunft entwarf, über dem er so lange schon gegrübelt haben wollte und das ihm in diesem Augenblick noch so unklar war wie je. Er glaubte nicht, was sie versicherte, daß sie nichts wolle, als ihn lieben, von ihm geliebt sein, daß alles, wovon er spreche, von seinem Vater, von ihrem Vater – Verhältnissen, die beachtet, Schwierigkeiten, die überwunden werden müßten – alles, alles ja nur Nebel sei, der vor den Strahlen der Sonne verschwinde, Kleinigkeiten, nicht der Rede wert, daß sie auch nur einen Moment der kostbarsten Zeit, nur einen Atemzug davon verlören! Er glaubte es nicht; aber er nahm sie nur zu gern beim Wort, bereits jetzt sich im stillen von der Verantwortung der Folgen freisprechend, die eine solche Vernachlässigung der einfachsten Gebote der Vorsicht und Klugheit haben könnte, haben mußte.

Und dann vergaß er doch selbst wieder das Zunächstliegende und mußte sich von ihr daran erinnern lassen, daß seine Zeit um sei, daß man ihn zu Hause erwarte, daß er nicht zu spät zu der Gesellschaft kommen dürfe.

Oder willst du mich mitnehmen? sagte sie. Willst du mich der Gesellschaft als deine Braut vorstellen? Du sollst dich meiner nicht zu schämen haben; es dürften nicht viele deiner Damen sein, auf die ich nicht herabsehen kann, und ich habe immer gefunden: Auf andere herabsehen können, ist schon die halbe Vornehmheit. Zu dir werde ich immer hinaufsehen müssen, groß, wie ich bin, ich muß mich doch zu dir und deinen geliebten Lippen erheben.

Es lag eine wundervolle, stolze Anmut in diesem Scherz, und innigste Liebe in dem Kuß, den ihre lächelnden Lippen auf seine Lippen hauchten: Er war entzückt, berauscht von dieser liebevollen Anmut, dieser stolzen Liebe.

Das war der letzte Kuß, sagte Ferdinande. Ich muß die Verständigere sein, weil ich es bin. Und nun gib mir deinen Arm und begleite mich bis zur nächsten Droschke; und dann gehst du direkt nach Haus und bist heute abend sehr schön und liebenswürdig und brichst noch ein paar Herzen zu denen, die du schon gebrochen und die du mir hernach zu Füßen legst zum Dank für mein Herz, das größer ist als sie alle zusammen.

Ottomar blickte dem Wagen nach. Es war ein elender Gaul und ein elender Wagen; und als das Fuhrwerk jetzt in dem spärlichen Licht der wenigen Laternen in das Dunkel hineinschwankte, überkam ihn ein sonderbares Gefühl des Grauens und des Ekels; es sieht wie ein Leichenwagen aus, sagte er bei sich; – ich mochte den nassen Griff kaum anfassen.

Er bog in die Große-Stern-Allee; es war der kürzeste Weg nach Hause. Unter den gewaltigen Stämmen dunkelte es bereits so stark, daß er nur eben den harten Promenadenweg, auf dem er eilends dahinschritt, deutlicher unterschied; auf der andern Seite des breiten Reitweges, an dem ein schmaler Fußpfad hinlief, hoben sich die Stämme der Bäume kaum noch von dem Waldesdunkel ab. Wie unzählige Male war er diese prächtige Allee hinauf- und hinabgeritten – allein, mit Kameraden, in der glänzenden Gesellschaft von Herren und Damen – wie oft mit Carla! Else hatte recht: Carla war eine ausgezeichnete Reiterin – die beste vielleicht von allen Damen, die eleganteste sicher. Man hatte sie beide so oft zusammen gesehen und zusammen genannt – es war im Grunde ganz unmöglich, jetzt noch zu brechen. Es gab einen furchtbaren Eklat.

Ottomar stand still. Er war zu schnell gegangen; der Schweiß rieselte ihm von der Stirn; es war ihm so beklommen um die Brust, daß er sich Rock und Weste aufriß. Er hatte niemals die Empfindung physischer Furcht gekannt, und jetzt schrak er zusammen, und seine Augen bohrten sich ängstlich in das Dunkel, als hinter ihm ein leises Geräusch ertönte – vermutlich ein Zweig, der im Falle zerbrach. – Mir ist, als hätte ich einen Mord auf der Seele oder als sollte ich selbst im nächsten Augenblick ermordet werden, sprach er bei sich, als er, laufend fast, seinen Weg fortsetzte.

Er ahnte nicht, daß er dem Knacken des Zweiges sein Leben verdankte.

Antonio hatte, wie von einem Zauber gebannt, am Eingang der Allee gelauert, bald auf den Eisengittern sitzend, die dort den Fußpfad für Reiter unpassierbar machen, bald hin und her gehend, bald an einem Baumstamm lehnend, immer in denselben schwarzen Gedanken wühlend, Rachepläne schmiedend, sich in der Phantasie an den Qualen ergötzend, die er ihr, die er ihm zufügen wollte, sobald er sie in seiner Macht hätte. Er hätte die ganze Nacht da zubringen können, wie ein Raubtier, grimmig über die entflohene Beute, eigensinnig in seinem Versteck liegen bleibt, trotz des quälenden Hungers.

Und was war das? Da kam er über den Platz herüber, gerade auf ihn zu: Sein an das Dunkel gewöhntes Auge erkannte ihn so deutlich, als ob's hellichter Tag gewesen wäre. Sollte die bestia die Dummheit haben, in die Allee zu kommen? Aber das war gut, so konnte er ihn desto sicherer auf seiner Seite verfolgen; hernach war nur der Reitweg zu überspringen, in dessen tiefem Sande die ersten Schritte sicher nicht gehört wurden und dann mit ein paar Sätzen an ihn heran und das Stilett in den Nacken oder, sollte er sich wenden, unter die siebente Rippe bis an den Griff!

Und seine Hand preßte sich um den Griff, als wären Hand und Griff eines, und mit dem Finger der andern prüfte er wiederholt die nadelscharfe Spitze, während er mit langen Schritten von Baum zu Baum huschte – leise, leise – die weichen Tatzen eines Tigers hätten nicht leiser sich heben können.

Ein trockener Zweig geriet ihm unter den gleitenden Fuß und brach knackend. Er drückte sich hinter den Stamm – gesehen konnte er nicht sein; aber gehört mußte es der andere haben: Er stand still – horchend, vielleicht den Angreifer erwartend – jedenfalls jetzt nicht mehr unvorbereitet – wer weiß? – Ein mutiger Mann, ein Offizier – umkehrend, dem Angreifer die Stirn bietend. Desto besser! Dann war's ein Sprung nur hinter dem Baum hervor! Und – er kam!

Das Herz schlug dem Italiener bis in die Kehle, wie er sich jetzt, den linken Fuß vorsetzend, zum Sprunge bereit hielt; aber die Mordgier hatte ihm die sonst so scharfen Sinne betäubt, das Geräusch der Schritte war nicht nach ihm zu, war nach der entgegengesetzten Seite gewesen! – Als er seines Irrtums inne wurde, hatte sich die Entfernung mindestens um das Doppelte vergrößert, und um das Dreifache, bis er in seiner Bestürzung darüber sich entschließen konnte, was nun zu tun war.

Die Jagd aufgeben! Es blieb nichts übrig.

*

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