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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Drittes Buch

Der General arbeitete in seinem Kabinett; Tante Sidonie schrieb vermutlich an ihrem »Hofhaushalt«; Ottomar war noch nicht vom Exerzieren zurück; Else hatte ihre Wirtschaft in Ordnung gebracht, sich angezogen und jetzt, vor dem Frühstück, Zeit, Mietings Briefe zu lesen.

Es waren heute morgen wieder einmal zwei zugleich eingelaufen. Else hatte sie, als sie ihr ausgehändigt wurden, vorläufig ungelesen in die Tasche gesteckt – sie wußte, es war nicht so eilig mit Mietings Briefen. Nun war sie in den Garten gegangen und wandelte unter den hohen Bäumen neben der Wand nach dem Schmidtschen Garten, ihrem Lieblingsweg, den einen der Briefe, der ihr zufällig zuerst in die Hände gekommen – die Reihenfolge pflegte gleichgültig zu sein – unter Lächeln entziffernd. Es war das keine leichte Arbeit: Mieting schrieb eine originelle, aber nicht sehr lesbare Hand. Jeder Buchstabe führte nicht nur ein separates Leben, sondern wußte sich auch mit seinen Nachbarn nach rechts oder links durchaus nicht zu stellen; dabei hatten alle eine entschiedene Abneigung gegen die Horizontale und wollten entweder leichtfertig nach oben hinaus oder versenkten sich hypochondrisch in tiefere Regionen, die bereits der folgenden Zeile angehörten. Zwischendurch fuhren seltsame Zeichen, wie Schwerter oder Lanzen anzusehen, die vermutlich Interpunktionen sein sollten, aber, weil sie sich niemals da fanden, wo man sie vermutete, sogar in ihrem Übereifer nicht selten zwischen die Silben der Worte gerieten, die Verwirrung eher vermehrten als verminderten.

Was das nun wieder für dummes, lächerliches Zeug ist! sagte Else und ließ die Briefe erst in die Tasche gleiten, als jetzt Tante Sidonie in die Tür der Gartenstube trat und das Treppchen hinab in den Garten und auf sie zu kam. Ihre gutmütigen Augen fuhren umher und blieben zuletzt auf dem Spalier haften, an dem sie auf und nieder schritten.

Endlich habe ich doch Ordnung hineingebracht, rief sie; – siehst du, Else, seit drei Tagen das Beet nicht mehr zertreten, die Blätter am Spalier nicht abgerissen! Es ist ja nur wilder Wein, aber er fing schon an, so hübsch auszusehen. Der August schwört, er sei es nicht gewesen; aber wer kann den Leuten trauen? Nun, ich habe meinen Zweck erreicht.

Es ist heute so sonderbar still drüben, sagte Else. –

Wollte der Himmel, es wäre immer so, erwiderte die Tante.

Auch raucht der Fabrikschornstein nicht, fuhr Else fort, – mein Himmel, ich bemerke das jetzt erst: Es wird doch kein Unglück passiert sein? – Wissen Sie es nicht, August?

August, der die gnädigen Fräulein zum Frühstück zu rufen kam, war erstaunt, daß die gnädigen Fräulein es nicht wußten. – Der Herr Schmidt hatte ja wohl so an zwanzig oder dreißig letzten Donnerstag weggeschickt, weil sie – mit Respekt zu vermelden – Sozialisten und Kommunisten waren, und das werden sich ja die andern, die auch wohl nicht besser sind, zu Nutzen machen und von dem Herrn Schmidt einen ganz erschrecklichen Lohn fordern, der wird ja wohl die Rädelsführer zur Tür hinauswerfen, und die werden mit den andern in hellen Haufen wiederkommen, um den Herrn Schmidt totzuschlagen, als der Herr Kapitän, der mit den gnädigen Herrschaften in Golmberg war, in der Tür steht, und – hast du nicht gesehen – ein paar Pistolen herauszieht; und da werden sie ja wohl Fersengeld geben. Auf dem ganzen Hof ist seit gestern abend keine Katze nicht mehr, und das soll ja dem Herrn Schmidt täglich ein paar tausend Taler kosten, sagen sie ja, und daß er bald werde zu Kreuze kriechen müssen. Aber das glaube ich nicht.

Schrecklich! sagte Sidonie, den Kopf wiegend, – diese Nachbarschaft! Ich warnte deinen Papa, als er das Haus kaufte – man ist hier seines Lebens nicht sicher. Und solche Menschen soll man einladen!

Else antwortete nicht. Die Bemerkung der Tante hatte sie mit sprachlosem Unwillen erfüllt. Aber als sie wenige Minuten später dem Vater am Frühstückstische gegenüber saß, fragte sie ihn, zu Sidoniens nicht geringem Schrecken, ohne alle weitere Einleitung, ob er von den Ereignissen auf dem Schmidtschen Hofe gehört? Daß der Herr Schmidt und der Herr Kapitän, wie es scheine, in Lebensgefahr gewesen seien? Und ob Ottomar nicht heute hinübergehen und dem Kapitän seinen Besuch erwidern solle, um so mehr, als die Tante die bereits ausgeschriebene Einladung für die nächste Woche zurückgelegt habe?

Gewiß! erwiderte der General; – Ottomar soll die Einladung persönlich überbringen. Ich habe notwendig mit dem Kapitän zu sprechen und hatte sicher für heute Abend auf ihn gerechnet.

Else blickte auf den Schoß, um die verlegene Röte nicht zu sehen, die sich in diesem Moment sicher auf den Wangen der Tante entzündet hatte.

Ist mein Sohn schon zurück? fragte der General den aufwartenden Diener.

Der Herr Leutnant waren eben vom Exerzieren gekommen. – Der General trug den Damen auf, Ottomar seinen Wunsch betreffs des Besuches und der Einladung mitzuteilen und ihm zu sagen, daß auf seinem Arbeitstische ein Brief für ihn liege, er für sein Teil müsse zu einer Sitzung.

Der General erhob sich, machte den Damen seine stattliche Verbeugung und verließ das Zimmer. Er hatte gegen seine Gewohnheit nur ein paar Bissen gegessen, und seine Miene war zerstreut und finster gewesen. Elsen war das nicht entgangen, aber sie hatte nicht zu fragen gewagt. Glücklicherweise kam Ottomar bald, aber auch er brachte keine Heiterkeit mit: Der Major sei einmal wieder unausstehlich gewesen – dieselben Evolutionen hundertmal hintereinander, habe die Offiziere nach dem Exerzieren abgekanzelt wie Schulbuben, der ganze Dienst sei unausstehlich, er habe die Geschichte gründlich satt, er möchte lieber heute als morgen die ganze Geschichte an den Nagel hängen. Else hielt den Augenblick für übel gewählt, den verdrießlichen Bruder mit der Angelegenheit, die ihr so am Herzen lag, zu behelligen, und war froh, daß die Tante nicht, wie sie fürchtete, davon anfing. Aber der Brief, der für ihn auf des Vaters Tisch lag, ließ sich nicht wohl unterschlagen.

Warum hat man den Brief nicht auf mein Zimmer getragen? fragte Ottomar, die Augenbrauen in die Höhe ziehend, den Diener. Er rückte seinen Stuhl, ging auf die Tür zu, die in seines Vaters Arbeitszimmer führte, blieb aber auf dem halben Wege stehen und strich sich mit der Hand über Stirn und Augen. – Das verdammte Exerzieren, sagte er, – der gesundeste Mensch muß dabei nervös werden.

Er war gegangen; Elsen war sein Betragen peinlich aufgefallen; es wollte ihr nicht zu Sinn, daß das Exerzieren allein an seiner Verstimmung schuld sei: Dergleichen dienstliche Scherereien hatte er früher leicht genug getragen! Aber seit einiger Zeit war er wie umgewandelt: Seine herzerquickende Munterkeit und gute Laune waren wie verschwunden. Besonders war ihr in den letzten Tagen sein düsterverstörtes Wesen aufgefallen. Sie glaubte zu wissen, was es war, und hatte sich wiederholt vorgenommen, mit ihm darüber zu sprechen. Es war sehr unrecht, daß sie es nicht getan, bis es nun vielleicht schon zu spät war.

Else überdachte das alles, während sie wieder ihren Lieblingsplatz in dem Gärtchen aufgesucht hatte; sie war innerlich zu aufgeregt, um eine ihrer gewöhnlichen Beschäftigungen vorzunehmen. Vielleicht kam Ottomar ebenfalls in den Garten; oder sie wollte ihn auch rufen, wenn er das Zimmer des Vaters verließ.

Er hatte sie nicht bemerkt. Else sah, wie es um die feinen Lippen zuckte und bebte.

Um Gottes willen, was ist dir, Ottomar?

Wie du mich erschreckt hast!

Du mich sicher noch mehr! Was gibt es, Ottomar? Ich bitte dich, sage es mir! Ist es der Brief, eine Herausforderung?

Warum nicht gleich ein Todesurteil? – Ein ganz gleichgültiger Brief, der – der rekommandiert gewesen war und über den Papa für mich quittiert hatte.

Ein gleichgültiger Brief – rekommandiert – aber gleichviel, wenn es der Brief nicht war, so ist es, was dich schon so lange beschäftigt und quält. Wie stehst du mit Carla, Ottomar?

Mit Carla? Wunderliche Frage! Wie soll man denn mit einer Dame stehen, mit der man sich demnächst verloben wird?

Ottomar, sieh mir in die Augen: Du liebst Carla nicht!

Ottomar versuchte, den Blick auszuhalten, aber es gelang ihm nicht ganz. – Du bist närrisch, sagte er mit einem verlegenen Lächeln, – das sind Träume eines Mädchens.

Er blickte jetzt die Schwester an und lächelte.

Sieh, liebes Kind, die Sache ist ganz einfach. Ich gebrauche für mich und zur Verzinsung, respektive Amortisation, das heißt Tilgung der Schulden, die ich machten mußte, bevor ich dieses Frühjahr in den Genuß meiner Revenue kam, zehntausend Taler jährlich. Meine Revenue ist, bei der lächerlich billigen Verpachtung der Güter, wie du weißt, fünftausend; Carla hat fünftausend jährlich, macht zusammen zehntausend; das heißt, ich werde sie heiraten, und zwar sobald als möglich.

Um deine Schulden zu bezahlen?

Einfach, um leben zu können; denn dies hier – diese ewige Abhängigkeit, dieses ewige Versteckenspielenmüssen, um nichts und wieder nichts, da einem doch jeder in die Karten sehen kann, dies – dies – die Worte wollten ihm nicht mehr aus der Kehle, er bebte am ganzen Körper. Else hatte ihn noch nie so gesehen; auch ihr zitterten die Glieder. Aber sie war entschlossen, zu tun, was ihr Pflicht schien, was sie noch nie als Pflicht so klar erkannt hatte wie in diesem Augenblick.

Lieber Ottomar, sagte sie, ich will nicht fragen, ob du wirklich so entsetzlich viel Geld brauchst – der Papa hat uns oft erzählt –

Daß er als Leutnant mit achtzehn Talern monatlich ausgekommen ist – um Himmels willen, laß mich endlich damit in Ruh! Es waren damals andere Zeiten, der Papa stand in der Linie, ich bin in der Garde, und er und ich – wir sind himmelweit verschiedene Naturen –

Gut – du sollst so viel brauchen, wie du sagst; ich bin in drei Jahren ebenfalls mündig und habe dann auch fünftausend Taler, ich will sie dir mit Freuden geben, wenn –

- ich nicht bis dahin verheiratet bin? Das wolltest du doch wohl sagen?

Dann werde ich eben nicht heiraten – ich – ich will gar nicht heiraten.

Sie konnte die Tränen nicht länger zurückhalten, die ihr nun in Strömen aus den Augen brachen. Ottomar legte den Arm um sie: Du liebe, herzige Else, sagte er, – ich glaube wahrhaftig, du wärest dazu imstande, aber siehst du denn nicht, daß, sich auf Kosten einer Schwester retten zu wollen, die man von Herzen liebt, tausendmal häßlicher ist, als auf Kosten einer Dame, die man freilich nicht liebt, die aber sehr wahrscheinlich gar nicht einmal geliebt sein will?

Aber, Ottomar, das – das ist's ja eben! rief Else, ihre Tränen trocknend. Daß du Carla, gerade Carla heiraten willst, von der ich gar nicht sagen will, daß sie überhaupt nicht lieben könnte, ja, von der ich überzeugt bin, daß sie dich in diesem Augenblicke liebt – in ihrer Weise; aber ihre Weise ist nicht deine Weise; und das würde sich nur zu bald herausstellen, auch wenn du selbst sie liebtest, was du ja eingestandenermaßen nicht einmal tust. Ihr paßt so gar nicht zueinander.

Aber, Else, du weißt ja in Herzenssachen verzweifelt gut Bescheid! sagte Ottomar. – Von wem hast du denn das alles gelernt – vom Grafen Golm?

Else errötete bis in die Schläfen hinauf, sie zog ihren Arm aus dem ihres Bruders.

Das habe ich nicht verdient, sagte sie.

Ottomar griff nach ihrer Hand und zog sie an die Lippen: Verzeihe mir, sagte er; – ich fühle es selbst, daß meine Scherze jetzt immer verunglücken. Der Himmel weiß, wie das zugeht. Es sollte ein Scherz sein, zu dem mich Golm, vermute ich, selbst verleitet hat. Er schwärmt nämlich für dich, falls du es noch nicht wissen solltest, und hat noch vorhin, als er mir auf dem Nachhausereiten im Tiergarten begegnet, nur von dir gesprochen.

Ehe ich es vergesse, Ottomar: Papa wünscht, daß du hinüber gehst und den Kapitän Schmidt zu heute abend einlädst.

Das kann ja August oder mein Bursche ebensogut besorgen, sagte Ottomar.

Nicht ebensogut, sagte Else; – der Kapitän hat uns einen Besuch gemacht oder seine Karte gegeben, da niemand zu Hause war – was auf dasselbe herauskommt. Es ist doch nur schicklich, daß du ihm einen Gegenbesuch machst, und wenn du bei der Gelegenheit, was ja so bequem ist, die Einladung –

Ich bin so abgespannt und müde – ich muß notwendig eine Stunde schlafen –

Dann gehe hernach hin, es ist ja noch immer Zeit.

Ich glaube, Else, du hast ein kleines Faible für den Kapitän, sagte Ottomar, seiner Schwester in die Augen blickend.

Das habe ich, und das verdient er auch, sagte Else, den Blick mutig aushaltend.

Sein Blick ruhte nachdenklich auf dem freien, mutigen Gesichte seiner Schwester und glitt dann, wie zufällig, ab über ein paar Fenster des Schmidtschen Hauses, die man von der Stelle übersehen konnte. Die blauseidenen Gardinen an dem einen der beiden Fenster waren heruntergelassen; sie waren es schon seit drei Tagen. Es hieß: Ich erwarte dich heute abend nicht.

Ich werde hinübergehen, Else, sagte er, – und ich will es gleich tun, ich kann ja hernach schlafen.

Du guter, lieber Ottomar, rief Else, den Bruder umarmend und küssend, ich wußte es ja.

Else, auf einen Augenblick, wenn ich bitten darf! rief Sidonie aus der Tür des Speisezimmers.

Ich komme, Tante!

Else eilte davon. Ottomar schaute ihr mit düsterem Blicke nach. Die beiden Frauen verschwanden in dem Hause.

Er ging ein paar Schritte weiter, bis wo ihn die dichten Gebüsche völlig einschlossen und vor aller Augen verbargen. Dennoch blickte er sich noch einmal vorsichtig um, riß dann die Uniform auf und zog den Brief hervor, den er auf seines Vaters Tisch gefunden.

In dem Kuvert steckten mehrere Papiere, er nahm ein kleines Blatt heraus mit seines Vaters Handschrift. Auf dem Blatt stand:

»Heute morgen auf die beiden eingeschlossenen Offizierswechsel, die ich für Dich bezahlt und quittiert: 1200 Taler, mit dem Bemerken, daß es die letzten Schulden sind, die ich für Dich bezahle, aus dem Grunde, weil mein eigenes Vermögen, wie Du aus einliegender Abrechnung ersiehst, bis auf einen kleinsten Rest zu demselben Zweck verbraucht ist und ich keinen Pfennig mehr bezahlen kann, ohne uns der Mittel für ein standesgemäßes Leben zu berauben oder selbst Schulden zu machen. Wonach sich zu richten bitte.

v. Werben.«

Ein schöner bunter Schmetterling wiegte sich durch die blaue Luft; ein Sperling kam aus dem Baum herbeigeschossen, haschte sich den Schmetterling, flog mit ihm auf den Rand der Gartenwand und zerpflückte seine Beute.

Ein bitteres Lächeln spielte um Ottomars Lippen.

Das hätte sich nun ausgeflattert, lieber Schmetterling. Es muß eben alles einmal ein Ende nehmen – so oder so!

*

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