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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Sie wissen, daß die regierende Herzogin von ... eine Seitenverwandte unseres Hofes ist. Fräulein Valerie von Werben, ebenso wie ihre ältere Schwester Sidonie, waren hier in Berlin mit der Prinzessin aufgewachsen; die Prinzessin hatte, als sie sich vermählte, zuerst Valerie mit sich an den neuen Hof genommen, hernach, als diese heiratete, ließ sie – ich glaube aus Pietät – die allerdings sehr viel weniger interessante und pikante Sidonie nachkommen.

Der Baron Warnow lernte Fräulein Valerie in ... kennen, wo er – wir hatten damals noch die Courtoisie, Gesandte auch an kleineren Höfen zu unterhalten – in dieser Eigenschaft fungierte. Das schöne und geistreiche Mädchen sehen, lieben, heiraten, aus dem Staatsdienst treten, um ihr ganz leben zu können, war so ziemlich eins. Das war im Jahre 1840.

Von 40 – 43 lebten die jungen Gatten in Warnow, am Anfang glücklich, dann weniger glücklich, und – ich muß aus den Andeutungen, die mir der Baron im Jahre 43 machte, schließen – zuletzt bereits passabel unglücklich. Der Baron wollte eine andere Diät versuchen: mit seiner jungen Frau reisen, die Welt sehen. Als sie zurückkamen, besuchte mich der Baron wieder: Er sah erbärmlich aus; der ewige Ortswechsel hatte ihm die Nerven derangiert, er hatte das Klima nicht vertragen können und so weiter. Das Wahre von der Sache: Er war wirklich krank, nur, daß die Krankheit weniger im Magen und in den Nerven als im Herzen seinen Sitz hatte, daß er eifersüchtig war, und, wir dürfen getrost annehmen: nicht ohne Grund. Es schien sich anfänglich um mehrere Gründe gehandelt zu haben, die sich aber zuletzt auf einen konzentrierten, dessen Name auch allein genannt wurde: ein gewisser Gregorio Giraldi, den die Baronin noch als Mädchen kennengelernt, während er sich – in einer untergeordneten Stellung, als Sekretär oder dergleichen der päpstlichen Gesandtschaft – kurze Zeit an dem ... Hofe aufgehalten. Wie dem auch sei: Sie hatten Signor Giraldi in Rom getroffen oder wieder getroffen; ein alter Eindruck wurde aufgefrischt oder eine neue Liaison geknüpft, die unzweifelhaft zur Kategorie der dangereuses gehörte, obgleich mindestens der Schein gewahrt und dem unglücklichen Gatten ein Rest von Hoffnung blieb, sonst wäre es unmöglich gewesen, daß er ein Jahr später seine Zustimmung zu einer zweiten Reise nach Italien gegeben hätte. Von dieser kam er nicht ganz so schnell zurück als von der ersten, dafür aber – allein! Das Klima hatte sich für seine Nerven noch verderblicher gezeigt, so, daß er sich von dem Schock nicht wieder erholen konnte, in der Tat auch nie wieder erholt hat, sondern sechs oder sieben Monate noch so hinsiechte und 1845 starb – an gebrochenem Herzen, sagen sie in den Romanen – nach längerem Leiden an einem Herzschlage, wie es in der Todesanzeige hieß.

Glücklicherweise hatte der Tod ihm Zeit gelassen, sein Testament zu machen, und wir hatten unverhältnismäßig viel Zeit zur Abfassung gebraucht, infolge der Hartnäckigkeit des Generals, der damals noch Major, seit einigen Jahren verheiratet und Vater zweier Kinder war, die unterdessen gestorben sind – von den jetzt lebenden wurde Ottomar, wenn ich nicht irre, 1847, die Tochter mehrere Jahre später geboren. Der Baron hatte von dem Augenblicke, als er seinen Schwager kennenlernte, die zärtlichste Freundschaft für ihn gefaßt – eine Freundschaft, die durch die späteren ehelichen Zerwürfnisse um so weniger beeinträchtigt wurde, als Werben, der von vornherein die Partei seines Schwagers genommen, mit der Zähigkeit seines Charakters an diesem Programm festhielt und darum wiederholt die heftigsten Szenen mit der leichtsinnigen, übrigens auch von ihm sehr geliebten Schwester gehabt hatte. So sollten denn auch er, respektive seine Kinder, nach dem ersten Testamentsentwurf die alleinigen Erben sein, während der Baronin nur der verhältnismäßig geringe Pflichtteil zufiel. Werben lehnte die Erbschaft für sich definitiv ab, akzeptierte sie aber nach langen Verhandlungen für seine Kinder, freilich nur unter den seltsamsten Verklausulierungen. Er hatte von Anfang an befürwortet und zuletzt durchgesetzt, daß der Schwester die Möglichkeit einer Wiederverheiratung nicht abgeschnitten werden dürfe, weil dieser Schritt die Rückkehr zu einem geordneten Leben verbürge, vorausgesetzt, daß die Heirat eine standesgemäße und sonst zukömmliche. Ging die Baronin eine unstandesgemäße zweite Ehe gegen den Willen des Kuratoriums ein, so war sie eben auf den Pflichtteil reduziert. Blieb sie dagegen unvermählt, so sollte ihr der Genuß der halben Revenue des Vermögens nicht gestört und nicht geschmälert werden. Die andere Hälfte wurde zum Kapital geschlagen mit Abzug sehr bescheidener Erziehungsgelder für die Kinder des Generals, die ihrerseits in den Genuß des aliquoten Teils der Revenuen der zweiten Hälfte sukzessive treten sollten mit erlangter Volljährigkeit, respektive die Töchter bereits vor erlangter Volljährigkeit bei Eingehung einer Ehe, über deren Standesgemäßheit und sonstige Zukömmlichkeit wiederum das Kuratorium zu entscheiden hatte, wie im ersten Falle. Wollten sie – die Kinder – gleichviel ob Töchter oder Söhne – eine andere Ehe eingehen, so verlieren sie für ihr Teil jeden Anspruch auf die Erbschaft. Der aliquote Teil fällt an das Ganze zurück und wird dem, respektive den noch Erbfähigen zugeschlagen, ebenso als ob der oder die Betreffende aus dem Leben geschieden wäre.

Ein kurioses Testament, sagte der Graf, der mit so gespannter Aufmerksamkeit zuhörte, daß er selbst das Schaukeln darüber vergaß.

Ich bin nur für die Redaktion verantwortlich, erwiderte der Geheimrat. Die materiellen Bestimmungen sind fast ausschließlich das Werk des Generals, – nebenbei eines der gewissenhaftesten, d. h. pedantischsten Menschen, die existieren, und mit ihrer Parole: Gerechtigkeit, Billigkeit nach allen Seiten, sich und andern das Leben sauer machen. Ich sage Ihnen: Er hätte das Ganze haben können ohne alle und jede Mühe, und nun diese Hindernisse, diese Restriktionen! Ich erwähnte schon vorhin eine, die für uns speziell jetzt sehr wichtig ist.

Der Eintritt der Baronin in das Kuratorium?

Ganz richtig welcher Eintritt nun in wenigen Wochen stattfinden wird. Sind wir dann imstande, die Baronin oder ihr Faktotum, was auf dasselbe hinauskommt, für uns zu gewinnen, so haben wir freilich die Oberhand, und der Widerspruch des Generals ist, nach dieser Seite wenigstens, gebrochen. Andernfalls – und wir müssen auch auf den andern Fall gefaßt sein – unterscheidet sich unser schönes Projekt, die Warnowschen Güter in die Hände zu bekommen, von einer Seifenblase nicht mehr als ein Ei von dem andern.

Und Sie haben die Baronin nicht einmal zu sondieren gesucht? rief der Graf in vorwurfsvollem Tone.

Ich glaubte, es würde Zeit dazu sein, wenn die Baronin zu den bevorstehenden Verhandlungen, bei denen ihre persönliche Anwesenheit unabweislich ist, hier eintrifft. Sie ist bereits auf der Herreise, nach dem letzten Briefe in München, wo sie diesen Monat zuzubringen gedachte. Jetzt freilich will ich allerdings versuchen, sie zu bestimmen, entweder selbst früher zu kommen oder uns wenigstens ihr Faktotum zu schicken.

Sie kennen den Herrn?

Nicht persönlich, nur aus seinen Briefen. Signor Giraldi ist unzweifelhaft eine merkwürdige Persönlichkeit: Gelehrter, Künstler, Diplomat, Geschäftsmann – letzteres in erster Linie – zum Gegner möchte ich lieber den Gottseibeiuns selber haben.

Der Geheimrat hatte sich erhoben; der Graf schaukelte sich wieder mit verdrießlicher Miene. – Sehr gütig, sagte er, – aber, verzeihen Sie mir die Bemerkung: Ich bin jetzt noch ebenso klug wie vorher.

Dann verzeihen Sie auch mir die Bemerkung, Herr Graf, daß Sie ein wenig undankbar sind, erwiderte der Geheimrat, sich die Handschuhe anziehend. – Ich habe Ihnen gegenüber getan, was ich für unsere Aktionäre nicht tun würde, und wenn sie sämtlich auf den Knien vor mir lägen: Ich habe Ihnen den wahren Stand der Berlin-Sundiner Eisenbahngesellschaft angegeben; ich habe eingestanden, daß unsere einzige Rettung eine Fortsetzung der Bahn von Sundin durch Ihre Insel zu einem beliebigen Kriegshafen ist, der gleichsam den Kopf der Schlange bildet; mit andern Worten: daß wir unsere erste Gründung nur durch eine zweite retten können, die wir auf die erste pfropfen. Ich komme Ihnen entgegen, reiche Ihnen die weitausgestreckte Hand zur Verbindung, deute Ihnen die Mittel und Wege an, wie etwa nach menschlicher Klugheit die Ihnen, nicht uns – bedenken Sie das wohl, Herr Graf – entgegenstehenden Hindernisse beseitigt werden möchten, gebe zu diesem Zweck ein Familiengeheimnis preis, wie vorhin ein Geschäftsgeheimnis; offeriere Ihnen schließlich, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf, die Hand einer jungen, schönen, liebenswürdigen Dame – und Sie sagen mir, daß ich vergebens hier gewesen bin!

Der Geheimrat hatte seinen Hut genommen, der Graf sich noch immer nicht aus seiner Stellung gerührt.

Es ist gewiß recht undankbar von mir, sagte er, – aber Sie wissen, man ist selbst für die angenehmsten Perspektiven nicht sehr empfänglich, wenn man sich in einer so unangenehmen Lage befindet wie ich.

Ich möchte mir einen Vorschlag erlauben, Herr Graf. Wir haben uns beide warm gesprochen; ein Gang in der Abendkühle dürfte auch Ihnen wohl tun. Nehmen Sie Ihren Hut und erweisen Sie mir die Ehre, mich auf meinem Besuche zu begleiten.

Zu wem wollen Sie?

Zu dem General-Entrepreneur unserer Bahn, Herrn Philipp Schmidt.

Der Graf richtete sich aus seinem Stuhle auf, ließ sich aber alsbald wieder sinken.

Ich hasse den Namen, sagte er mürrisch.

Was um alles in der Welt hat der Name mit der Sache zu tun, erwiderte der Geheimrat. Und die Sache ist, daß Herr Philipp Schmidt es sich einmal selbstverständlich zu einer hohen Ehre schätzen würde, die persönliche Bekanntschaft des Herrn Grafen zu machen.

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