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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Ferdinande hatte in dem Uhrsaale mit den Damen ihrer Bekanntschaft nur so lange gesprochen, bis sie zu bemerken glaubte, daß Reinhold, der sich wiederholt nach ihr umgeblickt, sie für den Augenblick außer acht ließ und sich ganz der Betrachtung der Bilder hingab. Dann hatte sie den Damen eine Verbeugung gemacht, sich von einer Menschenwoge, die nach dem Nebensaale drängte, mit fortführen lassen, in dem Eingang des Nebensaales ein paar Momente gezögert, sich zu vergewissern, daß Reinhold ihr nicht folgte, und war dann mit schnellen Schritten und der Miene einer Dame, die nach der verlorenen Begleitung ausschaut und deshalb für die ihr begegnenden Bekannten nur ein flüchtiges Kopfnicken hat, durch diesen Saal und durch den Oberlichtssaal in den vierten Saal gegangen, aus diesem rechts ab in die lange Flucht der Kabinette gebogen, die sich von hier aus neben den Hauptsälen hinzieht und wohin, selbst in den ersten Tagen, die Besucher spärlicher kommen.

Auch heute war es verhältnismäßig leer; nur hier und da strichen einzelne vorüber, mit flüchtiger Neugier die Bilder musternd, nirgends sich lange aufhaltend, einen gelegentlichen Blick der Verwunderung auf einen Offizier werfend, der sich von einigen mittelmäßigen Landschaften nicht losmachen zu können schien. Nun mußte auch sein Interesse befriedigt sein; er schritt rasch den Gang hinauf, bis ganz am Ende ein Bild wiederum seine Aufmerksamkeit erregte. Es war dasselbe, vor dem Ferdinande stehen geblieben war. Das Licht fiel so ungünstig auf das Bild, es konnte nur von der einen Stelle recht gesehen werden. So mußte der Offizier sehr nahe an die Dame herantreten, er streifte dabei ihr Kleid: Pardon! sagte er laut, und dann in leisem Ton, der nur eben ihr Ohr berührte: Wende dich nicht um, bis ich es dir sage! Sprich nach der Ecke zu! Es kann niemand bemerken; – zuerst: Ich danke dir!

Wofür?

Daß du gekommen bist.

Ich bin nur gekommen, dir zu sagen; ich trage es nicht länger.

Trage ich nichts?

Nein – im Vergleich zu mir.

Ich liebe dich, wie du mich.

Beweise es!

Wodurch?

Dadurch, daß du nicht fragst, sondern handelst!

Wenn mir die Hände gebunden sind!

Zerreiße die Bande!

Ich kann es nicht.

Leb' wohl!

Sie wandte sich nach dem Eingang, durch den sie gekommen; er vergaß alle Vorsichtsmaßregeln und vertrat ihr den Weg. Sie standen sich gegenüber, Aug' in Auge blickend –

Ferdinande!

Ich will weiter!

Du mußt mich hören! Um Gotteswillen, Ferdinande, eine solche Gelegenheit kommt vielleicht in Wochen nicht wieder.

Sie lachte höhnisch: Wir haben ja Zeit!

Abermals wollte sie an ihm vorüber; er vertrat ihr abermals den Weg.

Ferdinande.

Noch einmal: Laß mich! Du brauchst eine Gelegenheit? Eine so gute, mich loszuwerden, kommt dir vielleicht nie wieder.

Er trat mit einer Verbeugung zurück. Sie hätte frei gehen können; sie tat es nicht; die heißen Tränen waren in die großen Augen geschossen; sie wagte nicht, sich so in die Menge zu begeben, und wandte sich wieder nach dem Bilde, während er sofort dieselbe geschickte Stellung von vorhin einnahm.

Sei gut, Ferdinande! Ich habe mich so auf diesen Augenblick gefreut – warum verbitterst du uns beiden die kostbaren Minuten? Du weißt, du mußt es wissen, daß ich zum Äußersten, wenn es sein muß, entschlossen bin. Aber wir können doch die letzten Schritte nicht tun, ohne alles überlegt zu haben.

Wir überlegen schon seit einem halben Jahr.

Über die Gartenwand hinweg in Worten, die man nur halb versteht, in Briefen, die nie sagen, was man sagen will. Das ist nichts. Du mußt mir das Rendezvous gewähren, um das ich dich so oft gebeten. Soll nie meine Hand in der deinen, meine Lippen auf deinen Lippen ruhen – und du verlangst Beweise der Liebe von mir!

Sie schaute von der Seite zu ihm auf und blickte in seine schönen hellbraunen, nervösen Augen. Ein Paar schönerer, dunklerer Augen hatte so vor einer Stunde sie angeblickt und mit leidenschaftlicherem Feuer. Sie hatte ihnen widerstanden, diesen widerstand sie nicht. Ihre Wimpern sanken auf die glühenden Wangen: Ich kann es nicht, stammelte sie.

Sage, ich will nicht. Ich habe dir unzählige Vorschläge gemacht. Ich habe mich neulich im Klub deinem Bruder vorstellen lassen. Er war entzückt, mich kennenzulernen – hat mich dringend gebeten, ihn zu besuchen – seine Bilder zu sehen – wie leicht können wir uns da treffen!

Ich darf meinen Bruder nicht besuchen – durfte es schon längst nicht mehr und nun seit gestern abend!

Dann dein Vetter! Er kommt gewiß zu uns. Ich werde ihm einen Gegenbesuch machen – dein Vater kann mir doch nicht die Tür weisen!

Ich habe bereits daran gedacht und ihn vorbereitet. Es würde im besten Fall nur auf wenige Minuten sein.

So will ich weiter nachdenken; wenn ich nur weiß, daß du willst – ich finde es schon und schreibe dir oder lieber, sage es dir, sobald du mir das Zeichen gibst.

Ich wage es nicht mehr.

Weshalb?

Jemand beobachtet mich auf Tritt und Schritt; ich bin keinen Augenblick vor ihm sicher – Antonio – ich habe es dir gesagt, ich fürchte –

Du fürchtest dich eben immer.

Er machte eine schnelle, unmutige Wendung nach der Fensternische, in deren Nähe er stand. In demselben Moment verschwand ein auffallend schöner, elegant gekleideter junger Mann aus der Tür am andern Ende der Galerie.

*

Zwei Damen hatten sich auf eines der wenigen Sofas geflüchtet, deren die Ausstellung sich rühmen konnte. Neben ihnen stand ein Herr, dessen zerstreute und abgespannte Miene deutlich genug verriet, wie gern er sich ebenfalls gesetzt hätte.

Mein Gott, das ist ja Golm! rief der Herr, aus seiner Gleichgültigkeit aufwachend.

Richtig, Graf Golm! Das ist ja unglaublich interessant! Bring ihn gleich einmal her, Eduard!

Aber der Graf hatte die Gruppe bereits bemerkt und kam mit großer Lebhaftigkeit auf sie zu, dem Herrn, der ihm ein paar Schritt entgegengegangen war, beide Hände hinreichend.

Mein lieber Wallbach, wie freue ich mich, Sie zu sehen!

Seit wann sind Sie hier?

Seit gestern abend – wollen Sie mich Ihren Damen vorstellen?

Meine Frau – meine Schwester Carla –

Ich hatte allerdings bereits vor zwei Wintern die Ehre – indessen –

Oh, man hat ein besseres Gedächtnis in Berlin, als Sie uns zuzutrauen scheinen, Graf! rief Carla, – besonders für Herren, die sich so selten machen.

Carla strich ihre unendliche Schleppe zurück.

Ich muß fürchten, die Damen zu derangieren, sagte der Graf, setzte sich dann aber doch in die ihm freigemachte Ecke.

Wir haben in diesen Tagen unglaublich viel von Ihnen gesprochen, sagte Carla. – Die liebe Else! Sie ist hingerissen von Golmberg – es muß ja das reine Paradies sein! Ist Else nicht entzückend? Wir verwöhnen sie hier alle, sagt Ottomar, der sie selbst am meisten verwöhnt.

Wer ist Ottomar, wenn man fragen darf?

Herr von Werben! sagte Wallbach mit einem mißbilligenden Blicke auf Carla; – der Leutnant –

Ah! Der heißt Ottomar! sagte der Graf.

Unsere beiden Familien sind so liiert, sagte Herr von Wallbach; – mein armer Bruder, wissen Sie, fiel vor Paris an Herrn von Werbens Seite –

Gewiß, gewiß – ich erinnere mich, sagte der Graf, der keine Ahnung von dem Umstande hatte.

Und das hat unsere Intimität natürlich noch erhöht, sagte Carla. Man schließt sich ja im Unglück immer enger aneinander – und sie strich die bauschige Robe noch etwas mehr zusammen.

Freilich! Freilich! sagte der Graf – im Unglück und – im Glück.

Sie sind ein Philosoph! Ich schwärme für die Philosophie – Schopenhauer hat mir eine unglaubliche Freude gemacht – finden Sie Hartmann nicht auch entzückend?

Wer ist das nun wieder? dachte der Graf, und laut sagte er: Gewiß – das heißt –

Dann kennen Sie ihn nicht – ich meine: nicht gründlich – ich weiß ihn auswendig. Es gibt in diesem Moment nur drei Männer, die man studieren und immer wieder studieren muß: Bismarck, Hartmann und Wagner: die Politik der Gegenwart, die Musik der Zukunft, vermittelt durch die Philosophie des Unbewußten – da haben Sie die Signatur des Jahrhunderts.

Herr von Wallbach zuckte mit den Achseln, trat dann aber mit lächelnder Miene Ottomar entgegen, der über die den Weg kreuzenden Schleppen sich glücklich bis zu der Gruppe am Fenster durchgearbeitet. – Sieh da, lieber Werben! Wir haben Sie lange erwartet.

Bitte um Verzeihung, sagte Ottomar; – habe Elsen verloren – halbe Stunde lang gesucht – seien Sie mir nicht bös, gnädige Frau, und Sie, Fräulein Carla!

Guten Morgen! sagte Carla, ohne die Lorgnette von den Augen zu nehmen. – Wer ist doch das, Luise? Frau von Elmar? Am Arm ihres Mannes! Nicht möglich!

Ottomar hatte während der drei Tage, die er auf der Jagd gewesen, nicht eine Zeile geschrieben – er mußte dafür abgestraft werden. Und dann war es selbst ihr, seitdem ihr Verhältnis mit dem glänzenden Gardeoffizier bekannt war, schwer geworden, die andern jungen Männer in derselben Weise wie früher an sich zu fesseln. Der Graf kam frisch vom Lande und konnte schon ein paar Tage die ihm im Notfalle zuzuweisende Rolle spielen. – Lieber Graf!

Meine Gnädige!

Der Graf, den Herr von Wallbach eben mit Ottomar bekannt machte, wandte sich.

Setzen Sie sich wieder her zu mir!

Ich dächte, wir gingen jetzt! sagte Herr von Wallbach.

Einen Augenblick! sagte Carla.

Herr von Wallbach zuckte die Achseln. Er fand Carlas Spiel, das er vollständig durchschaute, sehr deplaciert; Ottomars Gesicht war schon finster genug, so finster in der Tat, daß er ein Wort der Entschuldigung sagen zu müssen glaubte: Sie ist und bleibt ein Kind! flüsterte er mit einem bezeichnenden Blick auf Carla. – Sie dürfen ihr nicht bös sein.

Ich bin ihr nicht bös.

So haben Sie anderweitigen Verdruß gehabt, fuhr Wallbach fort, Ottomar etwas auf die Seite ziehend. – Sie sollten wirklich auf eine Zeit von Berlin fort; das faule Friedensleben ist nichts für Sie. Auch habe ich gestern erst wieder mit dem Minister gesprochen, er trägt Ihnen seine Differenzen mit dem Vater nicht nach. Im Gegenteil! Er wünscht, daß Sie den Posten annehmen; nur wünscht er – aus Gründen – gerade dort keinen unverheirateten Attaché. Sie sehen, lieber Werben, ich bin offen – das kann Sie ja nicht beleidigen. Seien Sie es auch, und machen Sie Ernst! Glauben Sie mir: Uns allen wird wohler und behaglicher sein: Ihnen – Carla – mir. Sie können uns nicht verdenken, wenn wir schließlich etwas ungeduldig werden.

Ich – ich bin selbst ungeduldig genug.

Dann wären wir ja d'accord! Wenn es Ihnen also recht ist – still! Die Heinrich August!

Die Prinzessin war, von der Gruppe am Fenster nicht bemerkt, in den Saal getreten und bereits bis in die entgegengesetzte Ecke gelangt und kam jetzt, indem das Publikum ehrerbietig zurücktrat, die Bilder flüchtig musternd, auf sie zu, dabei halb über die Schulter sich wendend, fortwährend mit Elsen plaudernd. Die Gruppe um das Sofa hatte sich eiligst erhoben und geordnet und verneigte sich tief.

Da haben wir sie ja alle beisammen, sagte die hohe Frau mit liebenswürdiger Freundlichkeit. – Ach! Graf Golm! Was führt Sie von Ihrer himmlischen Insel in die staubige Stadt? Freilich, auch hier blühen Rosen! Fräulein von Werben hat mir das Abenteuer erzählt, das sie nach Golmberg geführt – der reine Roman! Ich sage ja immer: truth is stranger than fiction. – Werden Sie länger hier verweilen, lieber Graf? Sie müssen mir das sagen. Ich interessiere mich so für Ihre Insel, auf der ich im vorigen Herbst acht schöne Tage verlebte. Wie geht es Fürst Prora? Ihr Schlößchen auf Golmberg soll ja noch schöner liegen als sein berühmtes Jagdschloß?

*

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