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Studien zur Philosophie und Religion. Historische und politische Studien

Franz Grillparzer: Studien zur Philosophie und Religion. Historische und politische Studien - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Grillparzer
titleStudien zur Philosophie und Religion. Historische und politische Studien
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesGrillparzers sämtliche Werke
volumeVierzehnter Band
editorAugust Sauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidcdd4663f
created2007ß122
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Zur Zeitgeschichte.

Allgemeines

(1839.)

Man kann wohl sagen, daß der Papst durch seine letzten Angriffe auf den Protestantismus, ja auf die Grundsätze der Duldung im allgemeinen, seine Macht für immer zerstört hat. Eine verlorene Schlacht läßt sich durch eine gewonnene wieder ersetzen, ein verfehltes Werk läßt sich verbessern, aber eines ist, das sich nicht mehr herstellen läßt, wenn es einmal abgewiesen worden ist: die Autorität.

Hätte er länger zugesehen, so hätte die Begriffsmengerei in Deutschland, ja endlich in Frankreich so zugenommen, das Prinzip der Selbstzerstörung im Protestantismus sich so durchgearbeitet, daß er es nur mit der Orthodoxie nicht gar zu genau zu nehmen brauchte, um alle Tauben endlich in seinen Schlag zu bringen. So aber nötigte er durch seinen Angriff vor der Zeit, die verworrenen Begriffe sich zu sondern und zu fixieren, der noch nicht ganz entschlummerte Verstand erwachte, und die Schranke ist jetzt stärker als irgend vorher. Verliert er nun noch Spanien, wie er Portugal und Südamerika schon verloren hat, so mag er sich pensionieren lassen. Daran ist aber weniger er selbst schuld, als die Jesuitenpartei in Wien und München, die ihm den Zeitpunkt als günstig geschildert hatten. Der Italiener ist zu verständig, um sich eine klare Vorstellung von der Geisteszersetzung machen zu können, die in Deutschland einen Metallglanz von Christentum auf die Oberfläche getrieben hat.

(1844.)

Wenn man behauptet (wie Custine »La Russie«Paris 1843), der Papst werde durch seine weltliche Souveränität unabhängig als Oberhaupt der Kirche, so ist vielmehr das Gegenteil davon wahr. Er wird dadurch auch als Kirchenhaupt abhängig von den Mächten nämlich, die sein Land politisch in Schach halten. Er kann nicht einmal mehr ein Märtyrer sein, weil das ihm anvertraute Land die Leiden teilen müßte, denen er als einzelner vielleicht trotzte.

Der Papst ist daher auch gegenwärtig ein halber Vasall von Oestreich, das ihn gegen seine eigenen Unterthanen schützt, und muß sich dazu hergeben, von dieser Macht auf jeden gehetzt zu werden, der ihr im Wege steht. Die preußisch-kölnischen Wirren haben dieses bewiesen. Der Hermesianismus ist notorisch von Wien und München aus in Rom denunziert worden, und der Papst konnte nur schwer dazu gebracht werden, gegen eine Ketzerei aufzutreten, die seinen Einkünften keine Gefahr drohte. In Rom fürchtet man nur die Trennung, nicht die Irrlehre.

Eben deshalb auch sind die Schritte Rußlands gegen die katholische Kirche in seinen Staaten, zwar dem Vorgange nach abscheulich, der Sache nach aber ganz folgerecht und gerade durch die Kölner Geschichten herbeigeführt. Rußland mag sich nämlich nicht der Gefahr aussetzen, bei einem Konflikt mit einer katholischen Regierung vielleicht im prägnantesten Augenblicke den Papst als Bundesgenossen des Feindes auf den Hals zu kriegen. Mit Ausnahme der Griechen neigt sich jetzt die ganze Welt zum Katholizismus, als der einzigen konsequenten christlichen Konfession, aber den Papst will niemand, wenigstens in seiner gegenwärtig mittelalterlichen prätentiösen Fassung. Er ist das Haupthindernis der Ausbreitung der katholischen Kirche.

(1845.)

A force d'outrer tous les devoir, le christianisme les rend impracticables et vains.

Rousseau Emile II, 24.

Man kann sich in neuerer Zeit nicht genug wundern, daß wieder religiöse Bewegungen entstehen. Derlei hätte man als längst abgethan betrachtet. Es ist auch längst abgethan. Wenn man nämlich diese Bewegungen näher betrachtet, so haben sie allerdings die Religion zum Gegenstande – wie z. B. zur moralischen Abschätzung der Zeit auch die überhandnehmende Immoralität gehört – sie haben also die Religion zum Gegenstande, sind aber wesentlich irreligiös. Der Deutschkatholik will nicht glauben, was der römische Katholizismus vorschreibt, der protestantische Lichtfreund will das lutherische oder calvinische Symbolum nicht annehmen. Selbst der schweizerische Katholizismus ist nicht viel mehr als der rein menschliche Trotz gegen die Uebergriffe der Aargauer Radikalen. Der Rheinländer, der sich unter französischer Herrschaft um Religion wenig gekümmert hat, ist nur darum streng katholisch, weil sein Landesfürst streng protestantisch erscheint. Es liegt ebensoviel politische Widersetzlichkeit in seinem Eifer als religiöse Ueberzeugung. Nichts ist in der gegenwärtigen Bewegung positiv religiös als der abgeschmackte Eifer einzelner Fürsten und Minister, ihre individuelle Ueberzeugung Völkern aufzudringen, die davon gar nichts wissen wollen.

Wodurch sind denn nun aber diese gar nicht unverständigen Leiter der Völker dahin gekommen zu glauben, daß gerade jetzt der Zeitpunkt für derlei Reaktionen gekommen sei? Die Antwort ist einfach: Sie haben sich durch Worte täuschen lassen. Es ist letzter Zeit, namentlich in der deutschen Litteratur, so viel von Religion die Rede gewesen. Die Aufklärung und der Rationalismus wurden verspottet, ein religiöses Bewußtsein als das erste Erfordernis eines auf der Höhe der Zeit stehenden Mannes ausgesprochen, ja selbst die philosophischen Systeme fingen nachgerade an, sich nach positiven Stützpunkten umzusehen. Es war aber weiter nichts, als der Bankrott der Spekulation. Man fing endlich an einzusehen, daß aus allen diesen Begriffsmengereien nichts Haltbares herauskomme, und man zog Wechsel auf die Ewigkeit, weil das bare Geld der Gedanken ausging. Ein Erlöser des Menschengeschlechts, ja eine Dreieinigkeit wurde postuliert, ohne aber genau auszumachen, ob damit ein Wischnu oder Christus, eine indische Trimurti oder eine christliche Dreifaltigkeit gemeint sei. Der Deutsche ist von der Schule her gewohnt, mit Verachtung des gesunden Menschenverstandes sich mit Worten zu begnügen, die in den Adelsstand der Begriffe erhoben werden. Ausdrücke wie konkrete Idee, objektives Denken, historische Grundlage, ja Nationalität und deutsche Einheit wuchern daher lange fort, bis irgend ein realer Anstoß sie zur Fixierung zwingt; wo sie sich denn in nichts auflösen.

Dazu kommt noch eine schwache Persönlichkeit, die bei so vielen vortrefflichen Eigenschaften der Deutschen ihren größten, ja ihren Grundfehler ausmacht. Bedürfnis und Ueberzeugung, die bei andern Nationen nur zu vorschnell vorangehen, lösen sich in Deutschland in ein ewiges Suchen nach Gründen und nach dem Grunde des Grundes auf. Das Wirkliche übt eine geringe Macht über ihn aus. Er ist daher vor allen andern geeignet, sich Bedürfnisse zu machen und Ueberzeugungen einzubilden. So trat auch die Religion an die Stelle, die früher das Absolute, der objektive Begriff und was weiß ich für Nebelbilder eingenommen hatten.

Als letztes Unglück leben die deutschen Regierungen mit ihren Erinnerungen noch in einer Zeit, wo es für einen Staatsmann genug war, die Geheimnisse der Kabinette zu wissen, indes man jetzt die Geheimnisse der Völker kennen muß.

Kirchenstaat

(1846.)

Die gegenwärtige Erledigung des römischen Stuhles böte Gelegenheit, die politische Lage des Kirchenstaates auf eine bleibende Art zu regulieren. Ueberhaupt ist die ganze Idee eines Kirchenstaates nur insofern zulässig, anderseits aber notwendig, als dadurch dem Haupt der katholischen Kirche die erforderliche Unabhängigkeit verschafft wird. Sein dermaliges Gebiet aber macht ihn gerade abhängig, von jenen Nachbarn nämlich, die ihn nach Umständen entweder bedrohen oder beschützen. Es müßte ihm daher eine isolierte Stellung gegeben werden, von jeder unmittelbaren Nachbarschaft getrennt, und das wäre nur auf einer Insel möglich, die durch ihre Lage mit niemand und mit jedermann in Berührung kommt. Sollte auch eine einzelne Macht auf die Meere einen vorzüglichen Einfluß ausüben, so wäre dies glücklicherweise eine protestantische, England nämlich, deren Einwirkung durch eine glückliche Glaubensantipathie so ziemlich paralysiert würde. So viel für das Interesse des Katholizismus im allgemeinen. Zugleich aber haben die Bewohner des römischen Staates speziell den Anspruch auf eine bürgerliche und politisch regulierte Existenz, der bei der gegenwärtigen Priesterregierung niemals verwirklicht werden wird und jenes Mißvergnügen und jene Unruhe erzeugt, deren Ende, weil ohne Abhilfe, nicht abzusehen ist.

Glücklicherweise gibt die geographische Lage von Italien ein Auskunftsmittel an die Hand. Man räume dem Könige von Neapel den Kirchenstaat ein und gebe dem Papst die Insel Sizilien in voller Souveränität. Die Unterschiede der Einkünfte ließen sich leicht durch Oktroirung dieser oder jener Gefalle unter Garantie der englischen Regierung ausgleichen. Da aber die Erinnerungen des Katholizismus wesentlich an der ewigen Weltstadt haften, so hätte das Trastevere mit der Petruskirche und dem Vatikan als ausgeschiedene Domäne dem römischen Hofe zu verbleiben und zwar so, daß, wenn von Zeit zu Zeit der Papst selbst oder, bei vorher festzusetzenden Gelegenheiten, durch einen Stellvertreter die großen kirchlichen Zeremonien der katholischen Kirche in Rom abhält, das Trastevere in das Verhältnis einer vollkommenen Unabhängigkeit von der neapolitanischen Regierung tritt. Der Weg von Sizilien nach Rom auf einem guten Dampfschiffe ist weder weit noch beschwerlich, und der Papst macht ja jährlich Reisen und hält Villeggiaturen.

Sizilien, um vor dem Schicksale des dermaligen Kirchenstaates gesichert zu sein, müßte eine Konstitution bekommen, was bei der Romagna, der Nachbarschaft wegen, nun und niemals stattfinden kann. Es müßten dann die Geistlichen auf immer für unfähig erklärt werden, ein Staatsamt zu bekleiden, mit Ausnahme allenfalls desjenigen Kardinals, der die Stelle des Papstes in weltlichen Angelegenheiten zu vertreten hätte, da das Zusammentreffen des politischen Macchiavellismus mit der Leitung der kirchlichen Angelegenheiten in ein und derselben Person auf jede Art zu vermeiden wäre.

Bei einer solchen Scheidung der Obliegenheiten würde vor allem der Katholizismus selbst gewinnen. Das Zwitterwesen eines römischen Monsignore hörte auf, und man brauchte nicht abgefeimte Staatsmänner dahin zu stellen, wo Seelenhirten erforderlich sind.

Der Vorschlag mag abenteuerlich scheinen, und er ist es auch. Aber das Abenteuerliche ist immer noch besser als das Unmögliche: daß aber ein Fortbestehen des Kirchenstaates in den gegenwärtigen Verhältnissen unter die Unmöglichkeiten gehört, leuchtet jedermann ein.

Pius IX.

(1847.)

Die Welt hat sich noch nicht erholt von ihrem Erstaunen über das Benehmen des neuen Papstes. Eine Gewalt, die nur durch Uebereinstimmung mit sich selbst, durch eiserne Konsequenz das geworden ist, was sie ist, aus dieser Konsequenz hinauswerfen und auf einen neuen Weg bringen; die blinde Ehrfurcht der Diskussion preisgeben, indem man selbst diskutiert, um Nützlichkeiten Gehör zu geben, wo bisher nur Notwendigkeit gesprochen, das hat allerdings etwas in Erstaunen Setzendes. Der neue Papst ist entweder ein sehr rechtschaffener, ja geistreicher, aber etwas unvorsichtiger Mann, oder er ist schlauer, als man denkt. Wie, wenn er eingesehen hätte, daß das Papsttum in seiner bisherigen Fassung eine Unmöglichkeit geworden, daß die Zeit der Wunder und Zaubereien für immer vorüber sei? Wie, wenn er ein menschlicherer Hildebrand wäre, der die päpstliche Gemalt zu einer Zuflucht der Völker gegen den Druck und die Anmaßung der Regierungen machen wollte? Der das alte Sprichwort: unterm Krummstab ist gut wohnen, in neue Geltung zu bringen gedächte? Ob das Mittel auf lange vorhielte, wäre die Frage, aber Rettung für die nächste Zukunft läge allerdings darin. Die Zerwürfnisse in der katholischen Kirche hörten mit eins auf. Der Protestantismus, der sich seiner Haltlosigkeit eben jetzt am deutlichsten bewußt worden ist, müßte froh sein, einen Mittelpunkt gewonnen zu haben. Die in Deutschland auftauchenden Ideen von Einheit kämen auf die natürlichste Art entgegen. Die unmittelbarste Wirkung wäre auf Italien, das, als ein Fürsten- und Völkerbund unter der Suprematie des Papstes, innere Konsistenz gewänne. Es träte ein Waffenstillstand zwischen Wissen und Glauben ein, währenddessen man nach und nach, halb unmerklich, versuchen könnte, die Grenzen des letztern auf Kosten des erstern zu erweitern. Aber würde das angegriffene Pfaffentum ruhen? Würde der unfehlbare Papst nicht gerade bei seinen Anhängern den größten Widerstand finden? Meuchelmord und Gift sind schon einmal ähnlichen Bestrebungen entgegengetreten. Dann, wo fände sich ein Nachfolger oder vielmehr eine Reihe von Nachfolgern, das begonnene Werk im Geiste des Anfangs fortzuführen? Hildebrand hat sie gefunden, aber an Schurken und Tyrannen war nie ein Mangel; die Ehrlichkeit, selbst die halbe, ist selten mit der Gewalt verbunden. Was es sei, das Ganze ist ein Problem, dessen Lösung im negativen Wege nur zu bald, fürchte ich, eintreten wird.

(1856.)

Wenn die protestantische Geistlichkeit gescheit wäre, so würde sie gerade jetzt tolerant sein. Bei den Uebergriffen des Papsttums würde ein guter Teil der Katholiken protestantisch werden, wovon sich z. B. in Böhmen schon die Spuren zeigen. Da aber die protestantischen Pfaffen eben so gut Pfaffen sind als die der Katholiken, so suchen sie die Anmaßungen des römischen Hofes zur Vermehrung ihres eigenen Einflusses auszubeuten und so zerstören beide Teile, was sie erhalten möchten: die Religion oder wenigstens das Kirchentum.

(1846.)

Die Jesuiten und ihre Mission Chiquitos in Südamerika von Moriz Bach, Leipzig 1846. Eine merkwürdige Stelle p. 78, wo er die Jesuiten in den Missionen der Freimaurerei beschuldigt, eine Sache, die sich wohl hören ließe ( vide Tempelherren). Er gesteht übrigens selbst, nichts Schriftliches darüber in ihren Bibliotheken gefunden zu haben; als monumentalen Beweis beruft er sich aber auf die Bauart ihrer Kirche zu San Ignacio, ohne jedoch anzugeben, worin diese Kennzeichen denn beständen. Wir sollten also nach Südamerika reisen, um uns zu überzeugen! Alles was er sonst anführt, haben wir längst gewußt und worüber wir noch nichts wissen, davon schweigt er. Daß übrigens alle diese weitstrebenden Orden, die zu ihrer Berechtigung nach außen den römischen Stuhl als unbedingten Oberherrn anerkennen müßten, doch zugleich etwas notwendig hatten, um sich nach innen frei zu erhalten, leuchtet von selbst ein.

(1844.)

Es wäre möglich, daß, was für die Kultur der alten Welt die Völkerwanderung und der Einbruch fremder Barbaren gewesen sind, für unsere heutige und ihre Fortbildung das Emporkommen einheimischer Barbaren würde, eine Erscheinung, deren erste Keime schon in der Uebervölkerung und dem Kommunismus fühlbar werden.

(1839.)

Was die Spanier zu thun haben, wenn sie des navaresischen Aufstandes Herr werden? Keine Nachsicht, keine Güte! Der Selbst-Harte und Rachsüchtige sieht in jedem Nachgeben nur ein Zeichen der Schwäche. Er hält sich für furchtbar, wenn man ihn schont. Daher zum Anfang Strenge ohne Grausamkeit, um so mehr als für den ersten Augenblick der Erschöpfung kein Zurückfallen in die alten Wirren zu fürchten ist. Aufhebung der Fueros insoweit sie mit einem wohlgeordneten Staate unverträglich sind. Vom Augenblicke an aber, als sich der gute Wille der Unterworfenen zu zeigen anfängt, Nachgiebigkeit, Brüderlichkeit, Landsmannschaft, Gleichheit.

(1841?)

Wenn ich meine Hoffnung der Freiheit auf Frankreich gründe, so ist es nicht, daß ich wünsche, letzteres möge die teure Gabe ihren Nachbarn mit dem Schwerte aufdringen, sondern ich hoffe, die Freiheit werde durch ihre Ausbildung in jenem tonangebenden Lande nach und nach so in die Sitte und Gewohnheit des Zeitalters übergehen, daß man endlich einen Absolutisten auslachen werde, wie einen, der einen roten Rock trägt oder eine Weste mit langen Schößen. Wenigstens Deutschland kann auf keine andere Art dazu kommen; Deutschland, wo die Kräftigen ohne Geist, und die Geistigen ohne Kraft sind.

(1847)

Lessing hat einmal etwas gesagt, das den deutschen Gelehrten oder vielmehr den Deutschen überhaupt genau bezeichnet. Er sagt ungefähr: Wenn mir Gott die Wahl ließe zwischen der Wahrheit und dem Streben danach, so würde ich unbedingt das letztere wählen. So geht es den Deutschen in der Freiheitsfrage. Mit der Freiheit selbst wüßten sie nichts zu machen; aber das Streben danach beschäftigt sie angenehm.

(1856)

Wenn man die Deutschen für unfähig zur Freiheit erklärt, so meint man damit nicht ihren natürlichen Charakter. Ihre Ehrlichkeit, ihre Gutmütigkeit, ihre Mäßigung machten sie vielmehr zur Freiheit fähiger als die meisten andern Nationen. Ihre falsche Bildung macht sie unfähig, daß sie ihren natürlichen Charakter für einen gemachten aufgegeben haben, in dem kein Bestand ist, eben weil er gemacht ist.

(1847)

Es ist etwas Eigenes um das Aufblühen und Verwelken der Völker. In jedem ist eine hervorstechende Kraft, die heilsam wirkt, solange sie Hindernisse zu besiegen hat, nach diesem Siege aber sich gegen sich selbst kehrt. So war's mit dem Geiste der Freiheit in Athen zur und nach der Zeit des Perikles, so war's mit der Tapferkeit der Römer, nach Besiegung der Welt, in den Bürgerkriegen. Cäsar kam schon zu spät, zudem wurde er von kurzsichtigen Enthusiasten ermordet. Augustus wußte nichts Besseres zu thun, als die schädlich gewordene Kraft niederzuhalten. Darauf kamen seine unmittelbaren Nachfolger, die man kurz abgetan hat, indem man sie als Wahnsinnige bezeichnet. Sie waren aber nicht wahnsinnig, Caligula so wenig als Nero, der in seinen ersten Jahren als Weiser regierte. Ihr Wahnsinn war die rohe Selbstsucht und der Übermut der Gewalt. Das alles hat nichts Erstaunliches: aber nachdem die eigentümliche Kraft der Römer einmal gebrochen war, kam eine Reihe der vortrefflichsten Fürsten: Vespasian, Titus, Trajan, Hadrian, die Antonine; es entstand sogar eine zweite, höchst achtbare Literatur. Das alles aber konnte dem Verwelken keinen Einhalt tun. Die natürlichen Energien der Nation waren zerstört, Vaterlandsliebe und Heldenmut in der Selbstsucht untergegangen.

Einen solchen Kulminationspunkt hatte das grübelnde und untersuchende Deutschland in der Epoche zwischen Kant und Goethes Tode erreicht. Schon beginnt die Kraft, sich gegen sich selbst zu wenden. Wenn nicht bald ein Mann oder ein Ereignis das Gleichgewicht wiederherstellt, wird ein Späterer oder ein Späteres die Nation verwelkt und unfähig finden, sich aus der Zerstörung wieder emporzuarbeiten, wie es mit Italien z. B. schon wirklich der Fall scheint.

(1849.)

Es ist merkwürdig, daß in einer Zeit, die sich für so gebildet hält, die Albernheit, ja der Blödsinn oben auf ist. Nicht als wäre der Verstand ganz aus der Welt gewichen. Es gibt allerdings noch Verständige, und das sind die Schurken, die ehrlichen Leute aber sind geradezu albern, um nicht zu sagen blödsinnig. Wenige Charaktere schweben zwischen beiden Prädikamenten, insofern nämlich erst die Zeit, welcher Seite sie angehören, bestimmen wird. Bei Lamartine in Frankreich stellt sich die Eitelkeit als Mittelglied ein und gibt den Schlüssel des Rätsels. Schwerer dürfte es sein, in Deutschland dem Freiherrn von Gagern seinen Standpunkt anzuweisen. Man nennt ihn allgemein den edlen Freiherrn von Gagern. Ich will dieser allgemeinen Stimme glauben, dann ist er aber nicht verständig. Um nicht zu wiederholen, was tausendmal gesagt worden ist, daß durch die preußische Suprematie Deutschland verkleinert statt vergrößert, geschwächt statt gestärkt, ja vielleicht in ein Nord- und ein Süddeutschland auseinandergerissen werden würde, tritt noch der Umstand ein, daß Oestreich in seiner Abtrennung von Deutschland sich unwiderruflich in die russische Allianz hineingedrängt sähe, eine Allianz, die für die Größe, ja den Bestand Kleindeutschlands das Gefährlichste wäre, was sein erbittertster Feind nur irgend ersinnen könnte. Letzteres würde dann notwendig sich gegen Frankreich gedrängt finden, wo dann früher oder später die Rheingrenze sich als der natürliche Preis des Schutzbündnisses herausstellte.

Anders jedoch bestimmt sich das Verhältnis, wenn der Freiherr von Gagern zufällig nicht edel wäre. Damit sei nicht gesagt, als ob man ihm niedrige, eigennützige Absichten zutraute, als ob man glaubte, daß er durch seine Voranstellung Preußens sich habe persönliche Vorteile verschaffen wollen. Soweit verirrt sich das öffentliche Urteil nie. Einem solchen Manne wäre das Beiwort »edel« selbst nicht als Spitzname beigelegt worden. Wie aber, wenn Freiherr von Gagern ein heimlicher Republikaner wäre, zwar kein roter, aber ein dreifarbiger, ein schwarz-rot-goldner? Was die natürliche Folge einer Handlung ist, darf immer als der Zweck des Handelnden vorausgesetzt werden. Was muß nun aus der preußischen Hegemonie notwendig entstehen? Der König von Preußen ist in Deutschland, teils mit Unrecht, teils mit vollem Recht, wenig beliebt. Sein unmittelbarer Nachfolger ist in demselben Falle. Von dessen Kindern weiß man noch nichts. Man hätte also eine Folge von Regenten, denen niemand traut. Wem muß sich aber in einem konstitutionellen Staate das Vertrauen zuwenden, das man dem Herrscher und somit auch den von ihm gewählten Ministern entzieht? Notwendig der Volksvertretung, und da bliebe denn ein Reichstag mit diktatorischer Gewalt, was so ziemlich die demokratische Spitze wäre, von der die dreifarbigen Republikaner faseln. Eine allerdings gut angelegte Intrigue, um durch das scheinbare Gegenteil zu seinem eigentlichen Zwecke zu gelangen, eine Intrigue, in ihren Wirkungen unfehlbar, wenn der König von Preußen nicht scharfsichtig genug ist, des »Pudels Kern« herauszufinden. Wie man aber, wenn einmal die schwarz-rot-goldne Republik da ist, die nachdrängende rote abhalten will, und wie die getäuschte äsopische Fabelfigur, wenn ihr das Scheinbild im Wasser entging, wieder zu dem wirklichen Stück Fleisch kommen soll, das, seinem schnappenden Munde entfallend, in das demokratische Element des Wassers versank – das ist eine Frage, zu deren Entscheidung der Verstand notwendiger ist als der Edelmut und die Begeisterung.

(1852.)

Die südlichen Völker werden sich nie mehr erheben. Das kommt daher, daß die neuere Kultur einen nördlichen Charakter angenommen hat, und der ist: die Ausdauer. Das bringen aber die Südländer nicht zusammen. Im Kriege ist der Leidenschaft kaum ein Platz gelassen und das Stehenbleiben wichtiger als das Vorwärtsgehen. In der Industrie die Teilung der Arbeit bis zum ekelhaft Einförmigen für den einzelnen. In der Wissenschaft das Haarspalten der Untersuchung, indes der Südländer gern den ganzen Menschen operieren läßt. Dazu seine großen Erinnerungen, die jede, besonders politische Bestrebung ins Uebertriebene und Unpraktische spielen. Griechen und Türken, Spanier und Italiener werden es zu keiner staatlichen Größe bringen.

(1855.)

Das Traurigste in den Ereignissen der letzten Zeit besteht nicht in dem Unglück, das sie über die Gegenwart gebracht haben, sondern darin, daß der Glaube an die Perfektibilität der Menschheit, an die sogenannte Erziehung des Menschengeschlechtes darin höchst wankend geworden ist. In dem Augenblicke, als man die Welt auf einer weiß Gott wie hohen Stufe der Bildung glaubte, kommt der Tag der Prüfung, und sie steht schlechter und alberner da, als jemals. Ja, sie zeigt geradezu die Erscheinungen einer abwärts gehenden oder sich auflösenden Kultur. Das ist kein hypochondrischer Pessimismus, denn es kann allerdings ein Mann oder ein Ereignis alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Aber das Unberechenbare außer Rechnung gebracht, dürfte es unserer Bildungsepoche nicht anders ergehen, als es der griechischen und römischen vor uns ergangen ist. Das natürliche Denken durch ein künstliches Gedankenspiel verdrängt; die Vorurteile entfernt, aber durch keine Urteile ersetzt; die Empfindung nur noch in der Selbstsucht lebendig; Autorität und Vertrauen erloschen und die Rechtschaffenheit einer erlogenen oder geträumten Großartigkeit untergeordnet: wo wäre da noch ein fester Punkt, an den man den Hebel für ein Emporziehen des Versunkenen ansetzen könnte? Am übelsten daran ist Frankreich durch seine moralische und Deutschland durch seine geistige Verworrenheit. Ja, letzteres noch schlimmer, da man aus dem Verstande eine wenigstens notgedrungene Ehrlichkeit machen kann, aus der Ehrlichkeit aber – selbst diese den Deutschen zugegeben – ewig keinen Verstand. Wie die Deutschen dazu kommen sollen, ihrem Eigendünkel zum Trotz von der hohen Stufe herabzusteigen, die sie erreicht zu haben glauben, und die Sache wieder anzufangen, wo Lessing und Kant und Goethe sie gelassen haben, das übersteigt jede Voraussagungsgabe. Ein Mann, ein Mann! ein Königreich für einen Mann! In einer gleich prekären Lage befinden sich aber Rußland und England. Die andern Staaten gehen zu Grunde, weil sie wollen, England, weil es muß. Sein erkünstelter Produktionszustand muß brechen. Lord Palmerston hatte als eigensüchtiger Engländer ganz recht, den Kontinent anzuzünden, denn nur der Brand der Welt gibt Wärmestoff für ihre Maschinen, und nur Bettler sind Käufer für ihre Fabrikate. Nichtsdestoweniger ist Englands Untergang ein Unglück für die Welt. England hat die Macht Napoleons gebrochen, und seine gesicherte Stellung gäbe den alleinigen festen Punkt, um dem allgemeinen Verderben einen Damm zu setzen. In Rußland aber macht die ungeheure Kluft zwischen den gebildeten Ständen und der rohen Masse des Volks, daß die Durchschnittslinie der Bildung, die die Regierung einhalten muß, sich von der gebildeten Hälfte allzuweit entfernt. Das werden sie unter dem Einfluß der europäischen Traditionen auf die Länge nicht ertragen, und eine Revolution kann kaum ausbleiben. Aber was dann? Dann steht Polen als ein natürlicher Alliierter Frankreichs da und Italien als unnatürlicher, aber für den Augenblick unzweifelhafter. Vielleicht daß ein neuer Napoleon der Revolution in Frankreich dann den gewohnten Abfluß durch Raub und Eroberung verschafft und die Welt den Kreislauf wieder durchzumachen hat, dem kein Winter und kein Moskau ein elementarisches Ziel setzt. Ich will nicht an derlei glauben, aber man muß ein starkes Vertrauen in die Vorsehung haben, um nicht schwarz zu sehen. Ich stehe am Rande meiner Tage. Es ist nicht Besorgnis um mich, es ist meine begeisterte Liebe für das Gute und Schöne, was mich kleinmütig macht.

(1861.)

Man hört gegenwärtig nichts häufiger, als die Ausdrücke: eine neue Zeit, die neue Zeit, womit man eben die unserige bezeichnet. Dieser Ausdruck hat schon von vornherein etwas Schielendes. Denn da die Natur dieselbe bleibt und ebenso die Grundlagen des menschlichen Wesens, so dürfte etwas ganz Neues kaum dem Verdacht von etwas großenteils Falschem entgehn. Der Satz: das Alte kehrt nicht zurück, hat unbestrittene Geltung, ebenso wahr aber dürfte der ihm entgegenstehende: nihil novi in mundo sein: Nichts Neues in der Welt. Immerwährender Wechsel auf den alten Grundlagen ist das Gesetz alles Daseins. Hierdurch wird nicht das Neue geleugnet, sondern das Sprungweise, vor allem aber das Unzusammenhängende und das Plötzliche. Selbst die Epochen, die wir mit Recht als Wendepunkte in der Menschengeschichte bezeichnen, sind nur Epochen für unsere hinterher kommende Betrachtung, in der Wirklichkeit d. h. für die Zeitgenossen waren sie's nicht. Das Christentum, die große Umkehr des Völkergeistes, hat Jahrhunderte gebraucht, bis es sich einflußreich auf den Gang der Welt erwies. Die Entdeckung von Amerika, die im nächsten Jahrhunderte vielleicht das Verhältnis der Weltteile ändern wird, hatte anfangs kaum eine andere Wirkung als auf die Währung der edlen Metalle. Das Schießpulver mußte erst die alte Kriegskunst zerstören und anfangs z. B. die Christenheere in Nachteil gegen die ungestümen Angriffe der Türkei setzen, bis es in unserem Jahrhunderte eine furchtbare Gleichheit zwischen dem ungeübten Barrikadenkämpfer und dem vollkommen ausgebildeten Kriegsmanne herstellte. Wenn die Buchdruckerkunst mit ihren Wirkungen so schnell ins wirkliche Leben eintrat, so verdankte sie es nur dem Umstande, daß sie für ihr mechanisches Verfahren ein schon fertiges: die Werke der alten klassischen Litteratur, vorfand.

Diese Anknüpfung oder wenigstens Parallelisierung des Neuen mit dem Alten ward selbst am Ausgangspunkte unserer »neuen Zeit«, der ersten französischen Revolution, so sehr als Bedürfnis gefühlt, daß die Schreckensmänner der neunziger Jahre ihre Zustände gar zu gern im Lichte der römischen Republik sahen und auch ihre heutigen Nachfolger und Nacheiferer möchten ...

(1862.)

Preußen setzt sich auf guten Fuß mit Frankreich, wie der eben abgeschlossene Handelsvertrag zeigt. Wie wenn Ludwig Napoleon seine ursprünglichen Pläne dahin geändert hätte, das linke Rheinufer, statt mit Waffengewalt, auch durch Vertrag für Frankreich zu gewinnen? Es handelte sich nur darum, daß ihm von deutscher Seite eine gleichmäßige Schurkerei entgegenkäme. Wo diese zu suchen sei, liegt auf der Hand. Sowohl Preußen, als die übrigen auf dem linken Rheinufer besitzenden Fürsten müßten natürlich entschädigt werden. Eine solche Entschädigung böten östreichische Provinzen, bei welcher Gelegenheit zugleich Piemont in den Besitz Venedigs gelangte. Preußen hätte dadurch die Nebenbuhlerschaft Oestreichs für immerwährende Zeiten entfernt, Napoleon Deutschland ebenso dauernd geschwächt, Rußland seinen Plänen auf die Türkei einen lästigen Seitenangriff erspart, und die ganze Welt wäre froh und zufrieden. Gebe Gott, daß ich nicht schwarz sehe!

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