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Studien zur Philosophie und Religion. Historische und politische Studien

Franz Grillparzer: Studien zur Philosophie und Religion. Historische und politische Studien - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Grillparzer
titleStudien zur Philosophie und Religion. Historische und politische Studien
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesGrillparzers sämtliche Werke
volumeVierzehnter Band
editorAugust Sauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Historische und politische Studien.

1. Allgemeines.

(1856.)

Einer der schielenden Ausdrücke unserer Zeit ist, wenn man von der Macht der Geschichte spricht. Ich weiß nicht, warum man nicht lieber sagt: die Macht der Begebenheiten, welche allerdings die größte ist, die es gibt. Die Geschichte ist nur unser Wissen von den Begebenheiten, und letztere haben gewirkt, ehe es noch eine Geschichte gab, und wirken noch jetzt, wenn auch niemand von ihnen weiß. Es gibt eine Macht der Geschichte, nämlich die alles Wissens und Erkennens, welche aber auf die Begebenheiten oder den Weltlauf eine nur sekundäre Wirkung ausübt. Derlei Worte werden von den Pedanten in Gang gebracht, um ihrem armseligen Wissen ein Scheinleben anzudichten, oder von Phantasten, die sich im Besitz einer natürlichen Magie glauben, weil die Natur allerdings für uns eine Magie ist.

(1847.)

Die Forderungen an die Geschichte sind, nach Verschiedenheit des Standpunktes der Leser, verschieden. Das gewöhnliche Publikum, wenn es sich je mit Geschichte befaßt, verlangt Fakten, unbekümmert um die Richtigkeit, wenn sie nur interessant sind, weil sie Anregung und Unterhaltung suchen, wie sie allenfalls von einem Roman zu verlangen sind. Die sogenannten Gebildeten wollen Reflexionen, Resultate, Gedanken, weil sie sich nicht die Mühe geben wollen oder unfähig sind, Gedanken zu haben. Der Selbstdenker verlangt vor allem Richtigkeit der Fakten, verbunden mit genauer, lebendiger Schilderung der Zeit, weil nur aus dem Leben derselben, aus ihren Sitten, Gewohnheiten, Ueberzeugungen, Vorurteilen, Bestrebungen die wahre Geltung der Fakten hervorgeht. Zu viel Reflexionen machen ihm die Genauigkeit des Verfassers verdächtig, und Mangel an Lebendigkeit verfälscht den Standpunkt, aus dem sie beurteilt werden sollen.

(1846.)

Ich zweifle nicht, daß in den menschlichen Dingen, also auch in der Geschichte, ebensogut eine Notwendigkeit ist, als in den Naturdingen. Aber jeder Mensch hat zugleich seine Separatnotwendigkeit, so daß Millionen Richtungen parallel, in krummen und geraden Linien nebeneinander laufen, sich durchkreuzen, fordern, hemmen, vor- und rückwärts streben und dadurch für einander den Charakter des Zufalls annehmen und es so, abgerechnet die Einwirkung der Naturereignisse, unmöglich machen, eine durchgreifende, alle umfassende Notwendigkeit des Geschehenden nachzuweisen. Es geht damit wie mit der Witterung, die gewiß so bestimmte Gesetze hat, als der Umlauf der Welten, aber durch die Mannigfaltigkeit der Einwirkungen es unmöglich gemacht hat, auch nur für eine kurze Periode etwas Bestimmtes vorauszusagen, oder das wirklich Eingetroffene folgerichtig zu erklären.

(1808-1810.)

Man beginnt gewöhnlich die sogenannte Weltgeschichte mit Darstellung fremder Märchen oder eigener Mutmaßungen über den Ursprung des Universums: Dinge, welche vielleicht in einer allgemeinen Naturgeschichte Platz verdienten, aber im Anfange einer Weltgeschichte (Menschengeschichte möchte ich sie lieber nennen) eine seltsame Figur machen. Die Abgeschmacktheiten eines Moses sind uns einmal geläufig geworden, und man nimmt und gibt sie wie Papiergeld, von dessen Unwert jedermann überzeugt ist, das aber doch in Handel und Wandel gilt – aus Mangel an besserer Münze. Es ist in der That lächerlich genug, unsre größten Köpfe die plumpen Dichtungen eines rohen Naturkindes, der Gott die Welt wie einen Taglöhner zusammenzimmern läßt, nachbeten zu hören. Man entschuldigt diese Sonderbarkeit gewöhnlich damit, daß man doch nichts habe, was man an die Stelle der mosaischen Kosmogonie setzen könne; aber muß man das Absurde annehmen, weil man das Wahre nicht weiß? Wer wird die Sterne mit einigen Alten für Löcher im Himmelsgewölbe halten, weil er ihre eigentliche Natur nicht kennt?

Das hat wohl schon mancher empfunden, demungeachtet sehen wir noch immer in unsern historischen Werken den lieben Gott rüstig an seine sechstägige Arbeit gehen, nachdem er die Erde, das unendliche Sonnensystem aus dem Nichts hervorgewinkt, sein Werk endlich mit der Schaffung des ersten Menschen krönen (eine Idee, ganz der selbstgenügsamen Barbarei unwissender Völker angemessen) und endlich am Sonntag sich auf gut handwerksburschenmäßig einen guten Tag anthun und ausrasten von den Beschwerden der Woche. Daß man den Schreiber dieser Nachrichten lange Zeit für inspiriert hielt, mag ein Beweis sein, wie fest in der Jugend eingesogene Ideen ankleben. Wenn auch der gute Mann kein Philosoph war, so war er doch ein desto besserer Dichter. Nicht als ob ich das berühmte: Es werde Licht! so sehr bewunderte. Jeder Wilde würde sich über dieselbe Sache ebenso ausdrücken, es ist weiter nichts, als die Sache mit so wenigen Worten gesagt, als möglich; aber die Geschichte der beiden ersten Menschen hat in der That sehr viel Poetisches.

2. Altertum und Mittelalter.

Duncker, Geschichte des Altertums.Leipzig 1852-1854.

(1856.)

Eines kann ich nicht ertragen, und das ist diese Herleitung des griechischen Wesens von den lumpigen Orientalen. Die griechischen Götter sind keine Personifikationen der Natur, sondern Götter des Handelns und der That. Zeus ist nicht der Luftraum oder das Licht, sondern der Hüter und Abwäger des Rechts, Demeter ist nicht die Erde, sondern sie hat die Benützung der Erde gelehrt. Pallas ist die σοδρωσυνη und Ares nicht der Kampf der Elemente, sondern der Genius des Krieges der Menschen. Die alten Pelasger mögen so indische Kuhideen gehabt haben, und in den alten Göttern spielt etwas in der Art durch, aber die Hellenen haben das Menschliche mitgebracht und sie sind daher die Mustermenschen für alle Zeiten geworden.

Grote, Geschichte von Griechenland.London 1848-1856.

(1857.)

Der Haupt- und vielleicht einzige Fehler Grotes ist seine Vorliebe für die athenische Demokratie. Mag man auch die Frechheit und Verkehrtheit Kreons übertrieben haben – Aristophanes hat sich schon bei Sokrates als parteiisch gezeigt und Thukydides hatte Privatursache ihn zu hassen, aber sein schmähliches Benehmen bei Amphipolis reicht hin, ihn zu verdammen. – Zwei anderweitige gleichzeitige Zeugnisse sprechen gleichmäßig das Urteil der Athener.

Zuerst die Rede des Alkibiades zu Sparta, wo er sie nicht allein tadelt, sondern von ihrem Benehmen als einem allgemein zugegebenen Unsinn δμολογομενην ανοιανspricht; denn die letzte Depesche des Nikias aus Syrakus, wo er seinen Landsleuten ins Gesicht sagt, daß sie nichts glauben, als was ihren Wünschen entspricht und gleich unwillig werden, wenn nicht alles dem gemäß ausfallt. Die ganze Expedition nach Sizilien ist wohl ein Beweis des äußersten Leichtsinns. Ein Grund noch für Grotes Ansicht von den Sophisten, die ich übrigens nur halb teile, ist, daß Aristophanes, der doch so sehr für die altattische Einfachheit und Rechtlichkeit eifert, keinen derselben aufs Theater gebracht hat, sondern nur den Sokrates, den offenbar rechtschaffensten und daher unschädlichsten unter allen.

(1836.)

Dieser Tadel der athenischen Demokratie fällt mit der Frage zusammen: Ob es wünschenswerter sei, achtzig Jahre ein langweiliges apathisches, oder dreißig Jahre ein gesteigertes geistreiches Leben zu führen.

(1858.)

Wenn Aesopus aus Aegypten kam, so folgt daraus nicht, daß er ein Aegypter war. Denn war er ein Freigelassener des Samiers Jadmon in Naukratis, so ist es nicht wahrscheinlich, daß es Griechen in Aegypten erlaubt war, eingeborne Aegypter als Sklaven zu haben. So gewiß auch die von eben daher gekommene Buhlerin Rhodopis eine nach Aegypten verkaufte griechische Sklavin war.

Homer 900 Jahre vor Christus. Thales erst 610 vor Christus nach Aegypten, nachdem Psametich den Griechen Aegypten geöffnet hatte. Thales, der erste, der die ägyptischen Albernheiten nach Hause brachte, indes 300 Jahre früher schon die Blüte aller Poesie dort einheimisch war.

Zugleich wird angegeben, daß die Griechen ihre Weisheit aus Aegypten holten und zu gleicher Zeit sollen die griechischen Weisen und griechische Bildung in Sardis und Aegypten im großen Ansehen gestanden haben. Eins mochte in Aegypten geblüht haben durch die Beschaffenheit des Landes, namentlich die Überschwemmungen des Nils: die Geometrie mit der Mathematik und Astronomie. Das lernten die Griechen in Aegypten, wie denn auch Thales eine Sonnenfinsternis vorausgesagt haben soll. Daß der müßige Pfaffenstand sich auch mit hohlen Spekulationen abgegeben haben mag, ist gleicherweise glaublich.

(1834.)

Die Hauptgründe für das agrarische Gesetz des Gracchus, jene nämlich, welche aus der Natur eines Freistaates im allgemeinen und nebstdem aus der Natur eines alten Staates hervorgehen, scheint Heeren nicht genug berücksichtigt zu haben. Das Wesen des Freistaates nämlich setzt ein immerwährendes Aufmerken und Aufpassen auf die Ansprüche des Einzelnen voraus, ein spätes Zurechtrücken und Feststellen der gestörten Gleichheit, ohne die es am Ende keine Freiheit gibt, eifersüchtiges Wachsein jedes einzelnen, da niemand da ist, der für den andern sorgt, sondern jeder nur für sich und dadurch mittelbar für das Ganze. Gestattung und Verjährung die Faulpolster der Monarchie; stets erneute Prüfung, und, bis zum Ostrazismus gehende Assimilierung der Schild der Republik.

Dann ist aller Wohlstand in den, der Industrie entbehrenden alten Staaten, so einzig und allein auf Grundeigentum basiert, daß sogar in vielen Monarchien die ererbten Familiengüter unveräußerlich waren. Im jüdischen Gemeinwesen, zum Beispiel, verlor bekanntlich im Sabbathjahre jede Besitz oder Eigentum ändernde Disposition von selbst ihre Gültigkeit, und Grund und Boden kehrte zu seinen ursprünglichen Herren zurück. Durch diese Betrachtungen wird die von Heeren aufgeworfene Privatrechtsfrage über die Zulässigkeit jener Reform gewissermaßen von selbst zu einer Staatsrechtsfrage und das Gehässige verliert sich.

(1819.)

Der erste Grund der Größe der Römer in Rom liegt vielleicht eben darin, daß sie ursprünglich Eingedrungene waren, Flüchtlinge, Sklaven, Verbrecher, die nehmen mußten, wollten sie etwas haben; gegen die jedermann war, wie sie gegen jedermann. Ging der Staat zu Grunde, so hörte ihre eigene Existenz auf; viele mußten sogar fürchten, zur Verantwortung und Strafe für früher Begangenes gezogen zu werden. Daher diese eiserne Anhänglichkeit und Ergebenheit an ein Verhältnis, das allein ihre Existenz begründete, daher dieser Bürgersinn, der Rom auszeichnet und den die spätem Enkel von ihren ersten Vätern erbten.

(1824.)

Was die alten Völker gegenüber den neuern vornehmlich charakterisiert, ist das reinmenschliche Anerkennen alles in seiner Art Ausgezeichneten und Vortrefflichen. Bei den neuern, wo die Individualität in dem bürgerlichen Verbande beinahe untergeht, wird nur das der Gesamtheit Nützliche geschätzt und alles abgelehnt, was, wenn es auch den einzelnen auszeichnen möchte, doch dem Ganzen Schaden bringen könnte.

(1857.)

Wie wenn die römische Wocheneinteilung, außer nach Gallien und Hispanien, wo die Wochentage ihre lateinische Benennung behalten haben, von den übrigen Ländern zuerst nach Britannien gebracht worden wäre, das sie zuerst dauernd besetzten, und diese Tagebenennungen von den darauf folgenden Dänen auf die Terminologie ihrer altnordischen Götter gebracht und eingebürgert, viel später aber von Bonifazius und den andern englischen Heidenbekehrern – viel später, nachdem sich die heidnische Bedeutung dieser Tagesnamen bereits durch den Gebrauch verwischt hatte, ohne Arges nach Deutschland übertragen worden wären, ohne daß darum jemals die Deutschen einen Thor oder Wodan oder eine Freia gehabt zu haben brauchten, von denen sich ja doch im eigentlichen Deutschland keine Spur findet. Muß doch Grimm I, 266 selbst zugeben, daß der Name Ostern, dessen sich selbst die Kirche bedient, von einer angelsächsischen Gottheit Eastra herstamme, die wohl auf dieselbe Art ins Land gekommen ist. Gewiß hätte die Geistlichkeit die Worte, sowohl Ostern als die der Wochentage nie angenommen, wenn zur Zeit der Einführung irgend etwas Heidnisches daran zu spüren gewesen wäre.

(1813.)

Ein Erklärungsgrund des weiten Umsichgreifens der päpstlichen Macht gegen die weltliche im Mittelalter, mag unter anderen wohl auch in dem Umstande zu finden sein, daß die Päpste gewählt wurden, wobei man doch immer mehr oder weniger auf ihre Eigenschaften Rücksicht nahm, indes die weltlichen Regenten Erbherren waren. Wirklich findet sich im ganzen Mittelalter beinahe kein Papst ohne ausgezeichnete Talente.

Die Jahrhunderte der Kreuzzüge

(1808-1810)

Im Gang der Zeiten ist kein Stückwerk; ununterbrochen, ein ganzes Gewebe läuft er in verschiedenen Formen und Schattierungen seit den ersten Uranfängen fort, und die Fäden, mit denen eine launenhafte Gegenwart spielt, sind dieselben, die sich durch die Begebenheiten einer einfachen Vorwelt schlingen.

Die gewöhnliche Art, die Geschichte zu studieren, kann nicht leichter sein, aber leider ist sie so unfruchtbar, als sie leicht ist. Nachdem man die Märchen und Rodomontaden der Griechen und Römer durchgearbeitet und tiefsinnig ausgeforscht, wie das Pferd Caligulas geheißen und ob der Stein, der den König Pyrrhus getötet, ein Ziegel oder Bruchstein gewesen; geht man, wenn's ja hoch kömmt, zur neuesten Geschichte über, fängt etwa mit Karl V. an und sucht dem erliegenden Gehirne denselben Brei von Namen und Schlachten einzustopfen, den es schon in der Geschichte jener alten Gaunerstaaten bis zur Ueberfüllung verschluckt hatte. So wird die herrlichste der Wissenschaften, beinahe möchte ich sie einen Inbegriff aller übrigen nennen, zum Handwerk oder vielmehr Gedächtniswerk herabgewürdigt, so treibt der Mensch ihren lebendigen Geist aus, um seiner eigenen Geistlosigkeit eine entsprechende Nahrung zu gewähren.

Nun denn, das Thun des Menschen in seiner Verkehrtheit ist aus Stücken zusammengesetzt, die Welt ist ganz. Willst du das neunzehnte Jahrhundert kennen, so lerne es in der Geschichte des zwölften. Was da ist, wissen, ist nicht schwer, auch der Verstand des Pöbels reicht dazu hin; aber erkennen, warum es ist, das ist nur wenigen aufgespart. Wenn auch Roms und Athens Schicksale keinen unbedeutenden Einfluß auf unsern jetzigen Zustand hatten, so kann uns die Kenntnis derselben doch nur geringen Aufschluß über die gegenwärtige Lage der Dinge geben, denn von ihnen ganz verschiedne Völker, Sitten und Gesinnungen haben sich der Länder und Throne bemächtigt, ihr Wissen ward aus dem verschlingenden Strom der Zeiten zum Teil gerettet; ihre Weise zu leben und zu handeln ist mit ihnen untergegangen. Nicht aus Roms zierlicher Feinheit, aus germanischer Barbarei hat sich unser Zustand entwickelt. Die alte Geschichte kann uns zwar einen Ueberblick im großen gewähren, genauere Details liefert nur das Mittelalter.

Dieser letztere Zeitraum ist es, der den Schlüssel zu den Rätseln kaum entschwundener Jahre, schon geschehener Umwälzungen und solcher, die noch die Zukunft verschleiert, darbietet. Was jetzt ist, was jetzt in herrlicher Vollendung dasteht, hat sich aus dem wilden Chaos jener dunkeln Jahrhunderte entwickelt, wie die Pflanze aus der Fäulnis des Samenkorns keimt.

Der ekle Geschmack, durch den Flitterstaat Roms und Athens verwöhnt, verschmäht es, aus jenen Zeiten der verfeinertsten Verfeinerung auf einmal sich in ein rohes Zeitalter, unter Völker, die er als die Zerstörer jenes geträumten Utopia ansieht, zu versetzen, das Ohr an den Wohlklang griechischer Silben gewohnt, mit dem barbarischen Latein unzierlicher Mönche zu quälen. Arme Schwächlinge! Des Menschen Größe besteht weder im Wissen, noch im Sprechen, sondern im Handeln, und weh dem Elenden, den diese letzte Größe nicht erhebt, begeistert, in welchem Gewande er sie immer trifft. Man ist gewohnt, jene rohen Naturmenschen aus den Wäldern Germaniens als Zerstörer aller Ordnung zu verabscheuen, da doch eben sie es waren, die, zwar nicht die römische, aber doch die Weltordnung erhielten und erneuerten. Wenn schwere Dünste die Luft schwängern und die Menschen daniederdrücken, die Seuche ihr Gift aushaucht, da brausen plötzlich Sturmwinde daher, entwurzeln morsche Eichen, empören die Wasser gegen ihre Ufer, Paläste und Hütten, Kirchen und Scheuern zertrümmert die stürmende Gewalt, und ringsumher ist Verwüstung. Da jammert der schwache Sterbliche, klagt murrend den Himmel an, indes der Weise den Lenker der Natur segnet, der selbst, wenn er zerstört, im Grunde nur baut, wenn er zu fluchen scheint, segnet, und froh hebt er in der gereinigten Luft gesunde Hände dankend zum Himmel empor.

Eine ähnliche Erscheinung sind jene Barbaren in der moralischen Welt. Roms Verderbtheit, Roms Erbärmlichkeit, Roms Despotismus hatte einen verderblichen Nebel über die Erde verbreitet; es mußte fallen, wenn die Menschheit bestehen sollte. Das war die heilsame Wirkung jener Völkerstürme. Auf diese Art hat die ewige Ordnung sich immer wirksam gezeigt; Rom hatte nicht die erste dies Los erfahren, Assyrien, Medien, Persien waren ihm vorangegangen. So war es, so ist es, so wird es sein, und jedes neue Rom wird die Wahrheit dieses Wortes einst mit Schrecken erfahren.

Lange blieben diese Horden, was sie gewesen, eine rohe, ungeformte Masse, der es aber keineswegs an Bildsamkeit fehlte. Der Keim alles Großen und Edlen zeigt sich in ihren Thaten, aber entstellt von den Umhüllungen einer großen Barbarei. Nur in Wechselwirkung mit sich, ohne Verbindung mit der übrigen Welt, lag der eiserne Koloß im Dunkel da, bis er, spät erst, mit einem fremdartigen Körper zusammenstieß, und sieh da! Funken blitzten, Funken, die zwar wohl manchmal den Unvorsichtigen brannten (doch wer kann dafür, daß der Dummkopf sich an einer Flamme verbrennt, die den Klugen erwärmt), Funken, die trüben Nachtvögeln einen Weltbrand zu drohen schienen, denen wir aber nichtsdestoweniger Kunst und Wissenschaft, Bildung und alles, was das Leben angenehm und schön macht, verdanken. Mit einem Worte: es entstanden die Kreuzzüge.

Dieses ist die wichtige Epoche, mit der das Leben unserer Kultur begann; zu der Zeit fing man zuerst an, die Fesseln, die Aberwitz und Dummheit der Welt aufgelegt hatten, zu fühlen; damals ward man zuerst mit den Erzeugnissen der Kunst, die im Orient, wenn auch nur matt, fortlebte, bekannt, von hier aus ward diese Himmelspflanze in die nebelvollen, rauhen Gegenden der westlichen Länder versetzt; hier lernte man zuerst ahnden, obgleich die Einsicht erst späteren Zeiten aufbewahrt war, daß ein Nichtchrist doch auch wohl ein Mensch wäre; damals fing Aristoteles an, mit den Spitzfindigkeiten der Dialektik in die Schranken zu treten; hier fing, im Konflikte mit Saladin, der Krieg an, eine Kunst zu werden, der vorher nur Menschenwürgerei gewesen war; und von dort aus verdrängte die Medizin eine mörderische Quacksalberei. Man rät einzelnen Menschen, auf Reisen zu gehen, um sich zu bilden; hier thaten es einmal ganze Nationen, und in der That mögen gleich die Zeitgenossen die nächsten Folgen davon schon empfunden haben, die Nachwelt hat ihre Bildung doch größtenteils diesen abenteuerlichen Zügen zu verdanken.

Wer dabei am übelsten wegkam, war der heilige Stuhl. Man hat Gregor VII. die erste Idee der Kreuzzüge zugeschrieben, aber entweder diese Sage, oder die Sage von der großen Klugheit und tiefen Politik dieses in seiner Art einzigen Mannes ist falsch. Er wollte die Hierarchie befestigen, die Kreuzzüge haben sie bis ins Innerste erschüttert! Auch eine Erfindung Urbans II. scheinen sie nicht zu sein. Sein Geist war wohl nicht groß genug, um einen solchen Riesenplan zu fassen, der, von ihm selbst entworfen, lächerlich wäre; denn er, der die Gesinnung aller damaligen Herrscher kannte, konnte sich von keinem derselben Unterstützung für seinen Plan versprechen: denn weder Heinrich IV. von Deutschland, noch Heinrich I. von England waren wegen ihrer Ergebenheit gegen den heiligen Stuhl berühmt, Spanien war mit den Kreuzzügen in seinem eigenen Innern zu sehr beschäftigt, Philipp von Frankreich, wenn er auch gleich den besten Willen gehabt hätte, konnte sein Land, das seine übermächtigen normannischen Vasallen bedrohten, nicht verlassen oder Hilfe leisten, da es ihm selber an Hilfe gebrach, die Italiener trachteten nur dem Kaiser die Spitze zu bieten, der Herzog von Apulien ward durch Ungarn und Venetianer in Schach gehalten, höchstens von dem staatsklugen Dogen der letzteren, Vital Michieli, hätte er aus politischen Gründen Hilfe hoffen können.

Der Plan zu dieser Unternehmung war wahrscheinlich in der Seele des Patriarchen Simon von Jerusalem erzeugt, der, wie der Schiffbrüchige nach einem Brett, verzweifelnd nach dieser Idee griff, so gewagt sie auch scheinen mochte. Der Papst, zu kurzsichtig, die entfernteren Folgen zu berechnen, des augenblicklichen Vorteiles gedenkend, willigte in einen Plan, der, so ungewiß auch sein Gelingen war, ihm nur nützen und nie schaden zu können schien. Uebrigens hütete Urban sich wohl, an der Sache offenen Teil zu nehmen, bis er durch den Unterhändler des Ganzen, Peter, den Einsiedler, von der unerwarteten guten Stimmung der Welt für dasselbe Nachricht bekommen hatte.

Was niemand vermuten konnte, geschah. Die Blödsichtigkeit, die Raubsucht, die Begierde nach Abenteuern jener Zeiten waren wirklich zu einer solchen Höhe gestiegen, daß trotz der Stimme der Vernunft, die ein solches Unternehmen für Raserei erklärte, sich dennoch ein Schwarm von Menschen fand, der auf das Wort des Papstes brannte, ewige Belohnung in jener Welt und die geträumten Schätze des Orients, des Eldorado der damaligen Zeit, zu erobern. Zum Unglück für die Unternehmung waren die Throne gerade damals von Köpfen besetzt, wie die beiden Heinriche von Deutschland und England waren, und Gesindel und fanatische Abenteurer fanden sich bei dem Zuge ein. Wer ihre Gesinnungen kennen will, mag die Beschreibung davon im Guillelmus Tyrius lesen, der das ganze Zeitalter und diese heiligen Krieger besonders mit den schwärzesten Farben malt. Videbatur mundus declinasse ad vesperam, sagt er, et filii nominis adventus secundus fore vicinior. – Causa sufficiens putabatur ut ad carceres quis traheretur quod aliquid habere crederent. Effringebatur hunc sanctuarium, usibus adiuncta coelestibus rapiebantur utensilia.Zuletzt setzt er noch hinzu: Nec clerus a populo vita nobiliore differebat. Ebenso erbaulich ist die Zeichnung des Kreuzheeres. Wenn er nämlich von den Gründen, um derentwillen die meisten den Zug unternahmen, spricht, sagt er: quidam ne amicos desererent, quidam ne desides haberentur, quidam sola levitatis causa, aut ut suos creditores declinates eluderent. Die Könige sahen dem Unfuge schweigend zu, denn wer hätte damals es wagen dürfen, nur dagegen zu sprechen; zum Teil waren sie wohl froh, ihre unruhigen Köpfe auf so gute Art los zu werden, und solange Heinrich IV. und V. in Deutschland, Wilhelms des Eroberers Söhne, samt Heinrich II., dem größten seiner Könige, in England regierten, nahm kein Staat selbst Anteil an dieser Unternehmung, man müßte denn den romanhaften Robert von der Normandie, der Abenteuer suchte, wo er sie immer fand, hierher rechnen. Der Kreuzzug der Venetianer geschah ohnehin aus sehr weltlichen Absichten.

Die Stimmung des Kreuzheeres offenbart sich nur zu bald, das Jammergeschrei der kölnischen und mainzischen Juden, die rauchenden Trümmer von Ungarns geplünderten Städten zeugen laut für die Göttlichkeit ihres Berufs. Die verhöhnte Menschheit ward früh genug an diesen Mordbrennern gerächt; fast alle fielen unter dem Schwerte der Bulgaren und Ungarn.

Ein anderer Haufe, an Raubsucht dem anderen gleich, doch gezügelt durch das Ansehen kriegserfahrener Fürsten, die solche Greuelscenen verhüteten; aus Furcht vor der Rache, nicht aus Rechtlichkeit: denn dieselben Heerführer, die den gemeinen Mann straften, wenn er, von Hunger getrieben, ein Lamm gestohlen hatte, verstanden ihren Vorteil gut genug der heiligen Sache anzuschmiegen, als sie das vom ganzen Heere eroberte Nicäa, zur großen Unzufriedenheit des gemeinen Mannes, an den griechischen Kaiser verkauften.

Die Türken, der neueren Art zu fechten ungewohnt, wurden überall geschlagen, obgleich ihre unausgesetzten Anfälle das Heer nicht wenig schwächten, und endlich erobert Gottfried mit dem kleinen Reste des einst ungeheuren Heeres das Ziel der Wünsche aller, die heilige Stadt, und er selbst besteigt auf Leichen den blutbespritzten Thron, den der ritterliche Herzog von der Normandie ausgeschlagen. Dies letztere will man auch vom Grafen von Toulouse behaupten, aber man muß den Charakter dieses Mannes nicht kennen, wenn man glaubt, daß das Heer ihm je die Krone angetragen, oder, wenn es ja geschah, er sie zurückgewiesen habe.

Hätte Ovid in unseren Tagen geschrieben, er würde die Wohnung des Neides und der Verleumdung nicht nach Cimmerien, sondern an den Hof von Jerusalem verlegt haben, ungezügelter, öffentlicher herrschten diese Ungeheuer nirgends, selbst am Kaiserhofe zu Konstantinopel nicht, und das will viel sagen.

Dieser neue Staat wäre ebenso schnell zu Grunde gegangen, als er entstand, weniger durch die Waffen der Sarazenen, als durch die Verräterei der christlichen Fürsten in Palästina, hätte nicht der Zufall einige Herrscher auf Europas Thron gesetzt, die entweder aus schwachsinniger Frömmigkeit, aus Durst nach Ritterthaten, oder durch den Drang der Umstände genötigt, das nunmehr schwierig gewordene Abenteuer bestanden hätten.

Uebelverstandene Religiosität verleitete den sonst staatsklugen Ludwig, den Jüngeren, gegen den Rat seiner Getreuen, sich diesen Zügen anzuschließen. Ohne etwas ausgerichtet zu haben, kaum dem Tode durch Christenhand entrinnend, mit Schande bedeckt, kehrte er aus Palästina zurück. Noch vor ihm Kaiser Konrad, zu stolz, der erste Höfling des französischen Königs zu sein, nachdem seine Armee teils gefallen, teils klüger als er, vor ihm nach Hause gezogen war.

Politischer als diese beiden betrug sich der ... Verteidiger seiner königlichen Rechte gegen die Angriffe des Klerus, der Errichter der Konstitution von Clarendon, der große Heinrich II. von England. Was er baute, zerstörte sein unkluger, grausamer Sohn Richard. Nichts kann jene rohe Epoche besser charakterisieren, als daß dieser König, Löwenherz in jedem Sinne des Wortes, als der erste Fürst seiner Zeit geachtet wurde. Er entvölkerte sein Land, stürzte es in Armut und Elend, brachte der königlichen Gewalt den Todesstoß bei, um seiner Eitelkeit in Palästina ein Fest zu geben. Ihm folgte der König von Frankreich, Philipp, größer als sein Nebenbuhler, aber doch nicht groß genug, um sich über den Geist der Zeit zu erheben und mit gleichgültigen Augen einen scheinbaren Ruhm anzusehen, der Richards im heiligen Lande wartete.

Ueberhaupt entschied dieser Zeitraum das Schicksal der königlichen Macht in beiden Reichen auf immer. In Frankreich war die Pairschaft Herr, und der König, Erster unter Gleichen, hatte kaum mehr als die äußeren Zeichen der Königswürde. Anders war es in England. Von dem Eroberer des Landes nur um wenige Generationen entfernt, besaß Richard noch ungeteilt die Macht, die jener bei der allgemeinen Unterjochung sich vorbehalten hatte.

Er selbst regierte, ein Herr unter Dienern. Daraus ergibt sich ein wichtiger Unterschied. Mit jedem gefallenen Vasallen verlor der König von Frankreich einen Feind, der König von England einen Freund.

Ueberdies lösten in Frankreich die Beamten des Königs die Güter, welche die Sucht, dem Kreuzzuge zu folgen, wohlfeil verkaufte, häufig ein; ein Fremdling in allem, was Staatskunst heißt, ließ Richard Klöster und daheim gebliebene Vasallen sich durch den Ankauf vergrößern, zu dem ihm ohnehin das leichtsinnig versplitterte Geld fehlte. Lieber plünderte er arbeitsame Unterthanen und verkaufte die Staatsämter, ein Verfahren, das seine Nachfolger teuer büßen mußten. Von der Zeit an hat sich das königliche Ansehen in England nicht mehr erholt. Unter Richards Bruder Johann brach das durch jenen herbeigezogene Ungewitter aus: die magna charta entstand, anfangs durch das Talent fähiger Könige erschüttert, aber seit sie Karl I. mit seinem Blute besiegelt, fest, und den Bemühungen von ganz Europa trotzend.

Dadurch gewann nun Frankreich Zeit, seine Verfassung, die sich lange erhalten hat, aus sich selbst zu bilden. Aus Schattenkönigen, von ihren Vasallen tyrannisiert, wuchsen seine Fürsten zu dem mächtigsten Herrscher von Europa empor. Der Charakter des Franzosen bewahrte sich auch hier: leichtsinnig, vorurteilsvoll, nach dem Neuen strebend, verließen die mächtigsten Vasallen ihr Land, um sich im Ringen nach fernen, erträumten Königreichen Tod oder Armut zu holen, indes der kalt egoistische Engländer sich wenig um Güter bekümmerte, die er nur, sein angebetetes Vaterland verlassend, erwerben konnte. Nur Ergebenheit gegen ihren König, den sie liebten, weil er denn doch auch ein Engländer war, konnte sie bewegen, ein so gewagtes Spiel zu spielen. Aber keiner wagte einen so hohen Einsatz, als ihre leichten Nachbarn. Statt wie jene ihre heimischen Güter zu verkaufen, ließen sie sich noch ihre Bereitwilligkeit von den Richarden teuer bezahlen.

In Deutschland geschah während der Zeit eine große Veränderung. Es bildete sich der Bürgerstand. Auf eine Zeit befreit von der Macht ihrer kleinen, desto gefährlicheren Tyrannen hatten die Bewohner des flachen Landes Muße, sich ihren Wirkungskreis zu erweitern. Städte gab es wohl schon seit den Zeiten der fränkischen Heinriche, aber unterdrückt von mächtigen Nachbarn, waren sie nur ein Teil der Macht ihres Herrn, erst jetzt fingen sie an, eine eigene Macht zu bilden, die oft ihren eigenen Tyrannen furchtbar wurde. Künste, Gewerbe, Handel, vorher durch die Furcht vor den Plackereien der Großen niedergedrückt, begannen sich zu erheben und die in der Folge entstandene Hansa bewies, wie weit Deutschland darin vorgerückt sei.

Ueberhaupt zeigte sich zu der Zeit die erste Spur von Welthandel. Europas Handel war bisher wenig mehr als ein Austausch der Produkte zwischen benachbarten Ländern gewesen und trotz des Verhältnisses der Venetianer mit dem griechischen Hofe, scheinen selbst diese bis jetzt keinen Handel dahin getrieben zu haben. Denn wenn die Fürsten des ersten Kreuzzuges Geschenke vom griechischen Kaiser erhalten, sagt ein gleichzeitiger Schriftsteller, es seien darunter Dinge gewesen » qualia prius non viderunt et quae ipsis stuporem mentis inferrent, nostrarum rerum modum ut dignitaem incidentia«. Jene Franken also, die doch nicht unbedeutende Fürsten waren und als Vasallen den glänzendsten Hoffesten beigewohnt hatten, hatten dergleichen noch nie gesehen. Ein Beweis der geringen Ausdehnung des damaligen Verkehrs. Erst mit den Zeiten der Kreuzzüge fingen die klugen Venetianer an, die Möglichkeit einer solchen Unternehmung einzusehen und wenn ja früher etwa ein einzelner Kaufmann das Wagstück unternommen hatte, nach dem Orient zu handeln, so ward es nun Sache eines mächtigen Staates, und gedieh mit reißender Schnelligkeit. Genuesen und Pisaner wetteiferten hierin mit Venedig, das seine Eifersucht so wenig verhehlte, daß sein Doge Vital Michieli auf dem ersten Kreuzzuge im Archipelagus eine aus gleich gottseligen Absichten dahin gekommene genuesische Flotte zerstörte. Die Absicht dieser italienischen Handelsstaaten zeigte sich in der Folge noch deutlicher, als sie in Palästina sich heftiger als die Sarazenen verfolgten. Als König Balduin Tyrus angreifen will, kann er den Dogen Dominiko Michieli nur durch die glänzendsten Handelsvorteile zur Mitwirkung bewegen. Ueberhaupt ward durch die Kreuzzüge der erste Schritt zu einer Verbindung der Welt zu einem Körper gemacht, da sie bisher aus so vielen einzelnen, isolierten Ganzen, als Weltteilen, bestanden hatte. Ein Schritt, dessen ungeheure Folgen nicht zu berechnen sind.

Dieser ganze Krieg wurde mit bei weitem geringerem Erfolge geführt, als man von der bekannten Tapferkeit der Franken hätte glauben sollen. Der Grund von dieser Erscheinung lag in dem Talente der beiderseitigen Heerführer, nebst der Art zu streiten beider Völker. Der Franke war nur im Zweikampfe furchtbar. Ein ungelenksamer Koloß, auf einem ebenso schwerfälligen Streitrosse, warf er durch die Schwere des Stoßes alles, was sich ihm entgegensetzte, darnieder; doch der Feind, der seinem ersten Anfalle auswich und durch leichte Wendungen Rücken und Flanke zu gewinnen suchte, war ihm unüberwindlich. Ueberhaupt gab es unter den Franken keine Schlacht, jede derselben war nichts als ein ins Tausendfache vervielfältigter Zweikampf. Der Heerführer, den nichts mehr mit Ehre bedecken konnte, als wenn er eine große Anzahl Feinde vom Pferde geworfen hatte, wetteiferte um diesen Ruhm mit dem gemeinsten Reiter und überließ es jedem einzelnen, für sich selbst so gut zu sorgen, als er konnte; je größer seine unbesonnene Tollkühnheit, desto größer sein Ruhm. Die Geschichte der Kreuzzüge ist mit derlei Großthaten bis zum Uebermaße angefüllt. Mit einem Worte: Die Christen hatten gute Soldaten, aber schlechte Feldherren. Anders war das bei den Sarazenen. Hier verbesserten talentvolle Feldherren, was ihre schlechten Truppen versahen; und die Erfahrung aller Zeiten, daß die Hände vom Kopfe besiegt werden, bewährte sich auch hier. Nicht selten ward das Kreuzheer Sieger beim ersten Angriffe, indem es sich, alle Disziplin und Ordnung scheuend, seiner Plünderungssucht überließ, in den Armen des Sieges von den thätigen Heerführern der Sarazenen geschlagen. Fähige Köpfe im Christenheere sahen das bald ein, und nachdem man gegen hundert Jahre geschlachtet hatte, fing man endlich an, Krieg zu führen. In Palästina bildete sich Johann von Brienne zum ersten Feldherrn seiner Zeit. Kurz, eine Kriegskunst entstand, die in der Folge Spanier und Franzosen ausbildeten. Eduard von England gewann die Schlacht bei Azincourt vielleicht nur durch den Gebrauch der Pfeile im Treffen, eine Sache, die den Franken vor dem heiligen Kriege beinahe unbekannt war.

Ob der lange Umgang mit den wissenschaftlich gebildeten Sarazenen ohne Folge für den Geist der fränkischen Wilden blieb, mag uns der Zustand der Wissenschaften vor und nach dem Kreuzzuge, die Fortschritte der Aufklärung nach demselben und zum Teil selbst das traurige Schicksal des Tempelordens, bei dem freilich wohl der gute Same auf schlechten Boden gefallen sein mochte, der Eifer, mit dem sich Männer von Kopf damals bei sarazenischen Lehrern, die auf christlichen Schulen angestellt waren, auf die arabische Sprache verlegten, beweisen. – Die Achtung, in der sarazenische Gelehrte bei den beiden großen schwäbischen Friedrichen standen, bürgt nicht wenig dafür.

Hätte aber auch diese Unternehmung keine anderen günstigen Folgen gehabt, als daß sie die geisttötende Hierarchie Gregor VII. zerstörte, wer könnte es wagen, die Frage aufzustellen, ob die Kreuzzüge mehr genützt oder mehr geschadet haben. Gerade das, was erfunden ward, diese Gewalt zu erheben, stürzte sie auf immerdar, oder verwies sie vielmehr in die gebührenden Schranken, die sie seit der Zeit nie mehr so auffallend durchbrachen. Der Enthusiasmus, der über ein Jahrhundert lang die Welt für jene abenteuerlichen Züge begeistert hatte, konnte, wie der Enthusiasmus überhaupt, nicht der abkühlenden Kraft der Zeit widerstehen. Es gab keine Familie, die nicht unter den im Orient Gefallenen einen Angehörigen oder Freund beweinte, und mit all dem Aufwände von Blut war nichts gewonnen; denn durch die Schwäche und Treulosigkeit der christlichen Fürsten in Palästina ging zuletzt alles, was man dort besessen, verloren. Nach der übereinstimmenden Erzählung aller Zurückkehrenden hatten sie statt der gehofften orientalischen Schätze nichts als Wunden und pestartige Krankheiten geholt, die Gärung in Europas Innern, die ihren unflätigen Schaum gern an jene entfernte Küste spritzte, hatte sich größtenteils nach Absonderung des Unrats gelegt, und – wie jedem Thoren, der fühlen muß, um zu begreifen – der getäuschten Welt gingen die Augen auf. Der heilige Stuhl, der unpolitisch genug, diese Krise übersah, ließ in seinem Eifer für die heiligen Kriege nicht nach und heilte dadurch das Volk der Laien vollends von ihrer stumpfsinnigen Blindheit. Kurz, man fing an, das System des römischen Hofes einzusehen. Was das für Folgen haben konnte, begreift wohl jedermann. Was es für Folgen wirklich hatte, zeigt das Betragen Philipp des Schönen von Frankreich gegen Bonifaz VII. und Clemens V., und die Unwirksamkeit der päpstlichen Bannflüche, die sich seither selten gemacht haben.

Kurz, Europa ist damals mündig geworden und, wenn gleich die ersten Handlungen seiner Großjährigkeit nicht die glänzendsten Beweise der Rätlichkeit dieses Schrittes waren, wenn es auch jetzt noch, einem unerfahrenen Jünglinge nach der Endigung der Vormundschaft gleich, die Schätze seiner Kraft entweder verschwendet oder unbenutzt liegen läßt, so wollen wir doch von der Zukunft das übrige erwarten und in Hoffnung derselben uns des schwachen Lichtes freuen, das dem Menschengeschlechte aus dem Chaos jener nebelvollen Macht angebrochen.

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