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Georg Christoph Lichtenberg: Streitschriften - Kapitel 5
Quellenangabe
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typetractate
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleStreitschriften
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
created20100107
projectid3da83a91
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Über die Pronunciation der Schöpse

des alten Griechenlands verglichen mit der
Pronunciation ihrer neuern Brüder
an der Elbe:
oder über
Beh, Beh und Bäh, Bäh,
eine literarische Untersuchung von dem Konzipienten
des Sendschreibens an den Mond

Wäre der schale Spott, der pedantische Eigendünkel und die lächerliche Empfindlichkeit, mit einem Wort, der gänzliche Mangel an Geschmack und an Gefühl von Konvenienz, wodurch sich einige der neusten Aufsätze des Herrn Rektor Voß im d. Museum auszeichnen, die Folge seines tiefen Studiums des Homer und des Hexameter-Baues: so sollten die Obrigkeiten das Studium des Homer und den Hexameter-Bau öffentlich verbieten. Wer sich hiervon überzeugen will, der lese das Rezensenten-Verhör und die Verteidigung des Schöpsenlauts des η bei den alten Griechen, wenn er es aushalten kann, und hat er noch das mindeste Gefühl für das Schöne und Schickliche, so wird er bekennen müssen: es sei unmöglich über so ganz nichtswürdige Gegenstände ekelhafter zu schreiben als Herr Voß. Es ist unmöglich eine Seite zu lesen ohne wider ihn eingenommen zu werden; es hat sich derselbe auch wirklich durch diese unerträglichen Aufsätze so sehr in der Achtung von Männern von Geist, die sicherlich seine Feinde nicht waren, herabgeschrieben, daß sie jetzt nichts mehr lesen, worüber oder worunter Voß steht. Und was Wunder? Alles was sie neuerlich mit diesem Namen bezeichnet fanden, war gemeiniglich ein Gegenstand der kaum, mit attischem Witz und Kenntnis der Sitten und Sprache der feinen Welt behandelt, zu einer erträglichen Lektüre zu erheben gewesen wäre, in einem unpolierten, stolzen, kleinstädtischen Schulton vorgetragen, der selbst den Erhabensten schänden könnte. Doch nun zur Sache, und erstlich zur Erklärung, wie ich zu dieser Äußerung komme.

Die Griechen druckten den Laut ihrer Schöpse durch βη,βη, aus, die Lateiner zuweilen das ε durch æ; das α sowohl als das der Griechen verwandelt sich öfters in denselben Wörtern in η als αχουω ηχουον, ερειδοω ηρειδου, φιλεω φιλησωetc. aus diesen Gründen zusammen genommen schließt Herr Voß, mit andern: die Griechen haben ihr η weder wie a noch wie e sondern wie beides zugleich, also ä, oder weil die Schöpsen an der Elbe bei ihm ein votum decisivum in der Sache haben müssen, wie äh ausgesprochen, da man es bisher entweder wie ih, wie noch jetzt in England üblich ist, oder wie eh aussprach, welches allmählig in Deutschland allgemein zu werden anfing. Hierüber muß man ihn selbst nachlesen D. Museum September 1780. von S. 243. bis 252. oder noch besser von S. 238 bis 252.. Dieses alles war ganz gut. Allein Herr Voß geht sehr viel weiter, er will die griechische Namen im Deutschen auch so schreiben; also nicht mehr Athen sondern Athän, nicht mehr Hebe sondern Häbä, nicht mehr Thebe sondern Thäbä setzen, und alles das tut er, auf jene Gründe hin, mit einer Zuversicht und einer Ruhe als hätte seine ursprünglich griechische Seele ehmals selbst am Piräus geweidet oder mit vor Troja gestanden. Hier merke der Leser wie Herr Voß von einer sinnreichen Mutmaßung, wovon er die Ehre mit andern teilt, mit eignem, lächerlichem Pedantismus, zu moderner Rechtschreiberei übergeht, und auf diese bloß sinnreiche Mutmaßung hin, eine fast über ganz Europa angenommne Orthographie ohne den mindesten Gewinn ändert; eine Orthographie, die ein vernünftigerer Mann als er, selbst alsdann noch nicht ändern würde, wenn jene Mutmaßung zur Gewißheit stiege.

Weiter. Nicht sowohl um jene Mutmaßung zu widerlegen, als vielmehr, welches Herr V. gar nicht einmal gemerkt hat, ihm die Torheit seiner Rechtschreiberei aufeinmal fühlbar zu machen, wurde er gefragt: ob er auch Herr Jäsus und Amän statt Amen schreiben wolle. Meinem Gefühl nach höchst vortrefflich. Wer noch nicht weiß was das Ridiculum acri etc. des Horaz sagen will, der muß, dünkt mich, in dieser Streitigkeit diese Frage beherzigen. Herr V. selbst sagt in der Angst der Einwurf sei nichts wert, und findet doch für gut sich darnach zu richten. Er teilt nämlich diesem nichtswürdigen Einwurf zu gefallen seine neue Orthographie in eine esoterische und exoterische. Bei den durch Religion geheiligten Namen behält er das durch den Gebrauch geheiligte e bei, hingegen für die profanen Helden seines Homer, glaubt er, wäre sein profanes ä schicklicher. Ein Beispiel von elender, Ich bediene mich dieses Worts, nicht weil Herr V. Rektor einer Schule ist, sondern weil es in dieser Streitigkeit unentbehrlich wird, wenn man die Begriffe, von Eigendünkel, stolzer Selbstgenügsamkeit, wichtig tuendem Anstand bei den nichtswürdigsten Kleinigkeiten, und eine Menge anderer auf einmal ausdrücken will. Ich würde sein Verfahren so nennen, und wenn er Kammerherr oder Minister wäre. schulfüchselnder Rechthaberei, dergleichen es wenige gibt. Ich komme unten noch einmal auf diesen Umstand zurück. Also Herr V. will nicht Herr Jäsus schreiben. Nun kam ich mit meinem Sendschreiben der Erde an den Mond und sagte: sie (die Erde) wolle auch nicht Herr Jäsus schreiben. Viele verstunden die ganze Zeile nicht, und andere hielten sie für ein Kompliment gegen Herrn V. und erklärten sie dahin: Die Erde selbst wage nicht zu tun, was Ihr Voß nicht tun wollte. Allein das böse Gewissen ist ein feiner Ausleger, und Herr V., der Geschmack genug besitzt, zu sehen wo der Einwurf hinführt, und mehr bei diesem Namen, so geschrieben, zittert, als er gestehen darf, wirft mir mit der ihm eignen Bescheidenheit, und noch dazu im ersten Wonnemond, den das deutsche Museum erlebt hat, vor: ich hätte wissen müssen, das ist, ich hätte nicht gewußt wovon die Rede gewesen wäre. Nun kennt der Leser die Veranlassung zur Klage und die Klage selbst, er wird mir also auch eine Verteidigung verstatten. Es wäre hier freilich sehr viel zu sagen, allein ich will es so kurz machen, als nur die Natur der Sache verträgt, damit nicht ein Aufsatz, in welchem der Name Voß notwendig oft vorkommen muß, das Schicksal derer hat, worüber oder worunter er steht.

Ich hätte nicht gewußt wovon die Rede gewesen wäre: Die Beschuldigung ist hart, denn ich glaube, wer nur das mindeste Gefühl für wahre Wissenschaft hat, muß in einem Augenblick sehen, daß von einer elenden, nichtswürdigen, erbärmlichen Schulfüchserei die Rede war, einer Sache um die sich heutzutage nur die geschmacklosesten Pedanten im Ernst bekümmern, das ist, Menschen um die sich niemand bekümmert; von unverständigen Possen, gegen welche sich die eigentliche Beschäftigung des vernünftigen Menschen verhält, wie eine Lambertische Betrachtung über das Weltgebäude zu einem neuen Rezept zu Pfeffernüssen (nichtswürdigen Plunder nennt es Heyne) von einer unbesonnenen, kindischen Neuerung, durch die sich Deutschland bei allen Nachbarn lächerlich machen würde, wenn diese Nachbarn nicht schon wüßten, wie wenig sich der bessere Teil von Deutschland um diese Neuerer bekümmert; von Torheiten, deren Ahnung eigentlich für das Theater oder in eine Dunciade gehört. Hätte Herr Voß so etwas auch zu Footes Zeiten in England unternommen, ich bin überzeugt, er hätte gleich im ersten Wonnemond, unter dem Beifall von London, an einem Skamander von Zindel sein bäh geblökt, und so muß man solche Neuerungen behandeln, von deren Nichtswürdigkeit schon dieses ein hinlänglicher Beweis ist, daß sie jeder Knabe unternehmen könnte und kein gesetzter Mann unternimmt. Warum?

Jedem unparteiischen und vernünftigen Mann wird schon jeder Streit über die Aussprache eines Vokals bei einem noch existierenden Volk lächerlich vorkommen, wenn er von Leuten geführt wird, die weder in dem Lande waren, noch auch einen Menschen gesprochen haben, der in dem Lande war. Es ist nämlich, zumal wenn er von raschen Schulfüchsen geführt wird, kein Ende zu hoffen, gesetzt auch man gäbe ihnen den Schöpsen- und Ziegen-Laut, das Bellen der Hunde, den Guckuck, die Pistolen-Schüsse und den Pritschen- und Peitschen-Klang auf einem ungezognen Rücken. Ja der Streit kann gar nicht auf diese Weise entschieden werden, denn träfe je einer die Wahrheit, so kann er nicht wissen, daß er sie getroffen hat. Der Ursachen hiervon sind sehr viele. Ich will nur einige anführen. Die Töne waren eher als die Zeichen, und als man zu schreiben anfing, so bezeichnete man nicht alle; das konnte man nicht, sondern intervalla die jedem Ohr merklich waren wurden nur bezeichnet; eine Menge von Tönen ging leer aus, und mußten sich mit dem Zeichen des nächst verwandten begnügen. Bediente sich nun gar ein Volk der Zeichen eines andern, so entstunden wieder neue Abweichungen, und konnte man eine von beiden Sprachen lesen, so konnte man deswegen nicht gleich die Töne der andern treffen. Auch blieb die Zunge dem Zeichen nicht getreu, denn da es in allen Sprachen eine Menge von Tönen gibt, die nicht in der Vokalen- Leiter vorkommen, auch nicht einmal durch Verbindungen von zwei Vokalen ausgedruckt werden können, wo also der wahre Laut auch nicht geschrieben wird, da mußten notwendig bei einem etwas ausgebreiteten Volk wenn es gleich sein A, B, C auf einerlei Weise aussprach, Abweichungen in der Aussprache der Wörter entstehen. Daher der Provinzial-Ton in allen Ländern. Es sind dieses längst bekannte Dinge. So ist es einem Deutschen unmöglich den Laut des englischen u in den Wörtern but, much, such mit Buchstaben auszudrucken. Der eine würde sotsch schreiben, der andere setsch und ein dritter und vierter wohl gar satsch und sutsch und alle hätten etwas Recht aber keiner ganz, und der vierte gerade am wenigsten. So viel für den ersten Satz, zur Bestättigung des zweiten darf man nur unsere Aussprache der Wörter sehen, säen, währen, wären, wehren, entbehren betrachten, die ich der Ordnung nach, wenn e wie in sehr und ä wie in währen klingt, so ausspreche: sähen se-en (also grade umgekehrt) währen, wären, weren, entbähren. Andere sprechen anders. Das mag sein, desto besser für mich. Es erhellt wenigstens daraus: einmal, daß es unbesonnen ist jetzt wieder schreiben zu wollen wie man spricht, weil man in dubio alsdann allemal schreibt wie mancher vernünftige Mann nicht spricht; zweitens, daß künftig ein ganzer Kongreß von Schulfüchsen nicht wird ausmachen können, wie eigentlich der Deutsche sein e und sein ä in Wörtern gelesen habe, und drittens, daß ein besonders Zeichen nicht allemal einen besondern Laut verrät. Eine weitere Auseinandersetzung dieser Gedanken findet hier nicht statt. Ich gebe nur noch einige Beispiele. Mancher Engländer würde den Laut seiner Schöpse durch ba ba ausdrücken, also liest er sein a wie ä. Gut. Aber durchaus? Es wäre eine Torheit so etwas zu behaupten. Allerdings in den Wörtern share, bare, fare, mad, fat etc. aber was ist denn das a in den Wörtern state, made, accumulate und ganz unzähligen andern? In diesen Wörtern würde jeder Schöpsenlaut für den Laut eines Schöpsen gehalten werden, in der guten Gesellschaft wenigstens. Hier würden sich die Pedanten sicherlich zwischen ä und eh und eh und ä teilen. Grammatici certant etc. Wiederum, die Hunde bellen itzt in der Jagd, hau, hau, also im neuern Englischen how, how, beim Shakespeare bellen sie indessen bowgh, waugh, was wird aber aus den Wörtern blow, sow, show, overthrow, bow (ein Bogen)? Also so geht es in der deutschen und englischen Sprache, das heißt in den Sprachen zweier Völker, die noch so manche brave Ähnlichkeit mit der griechischen haben. Ich überlasse die Schlüsse daraus dem unparteiischen Leser.

Herr Rektor Voß, dieser dezisive Übersetzer der Töne eines nicht mehr existierenden Volks, gerät auch würklich selbst schon bei der Tonübersetzung der Engländer, seiner Nachbarn, in die lächerlichsten Fehler. In den ungezogenen Noten, zu dem auf die ungezogenste Weise bekannt gemachten vertraulichen Brief des Herrn Hofrat Heyne, druckt er Portsmouth durch Portsmaut aus. Das th sei ihm geschenkt, weil er es bettelt, aber das ou durch au ist abscheulich; das ou in mouth (der Mund) hat ihn verführt. Also der eingebildete, herabsehende Mann, der sich erkühnt (Otterndorf 1781) zu sagen: Ich (warum nicht von Gottes Gnaden?) Ich schreibe nach griechischer Aussprache, D. Museum, Wonnemond. 1781. S. 465. (Gerechter Himmel was für Pedanterei!), und meine Gründe hat noch niemand widerlegt; ja der über dieser kindischen Überzeugung in einer abgeschmackten Sache, selbst die Verbindungen mit Lehrer und Freund vergißt, will wissen wie die alten Griechen gesprochen haben, ein Volk das um Hunderte von Meilen und um Tausende von Jahren von ihm entfernt ist, er, der die erbärmlichsten Schnitzer in der Aussprache eines Volks begeht, wovon er täglich ganze Dutzende auf der Kaye zu Hamburg sprechen könnte! Ist das nicht abscheulich? Es ist aber noch nicht die Hälfte. Die Römer schreiben Ελενα mit ihren Buchstaben Helena, und Ηβη Hebe, also ε und η beides durch He, da sie doch das ae hatten Haebae zu schreiben. Aber die Lateiner lasen ihr e auch zuweilen wie ae sagt Herr V. Aber wie konnte denn ein Anfänger den Ton in diesen Wörtern treffen, da beide schöne Mädchen waren, und eine so gut wie die andere ein Recht auf ein langes oder kurzes He hatte? das β greek und λ, das folgt, war doch kein entscheidendes Zeichen, für ae und e. Ja, ist es den Zungen der Römer wie den unsrigen gegangen, so hätten sie wohl gar Hälena gelesen, so wie wir sprechen: Kähle, häll, und sogar hällenistisch. Hierzu kömmt noch, daß die Griechen Elias den Propheten, und Eli, wenn es so viel heißt als mein Gott! durch Ηλιασ und Ηλι ausdrücken, im Hebräischen ist dieses ein mit einem Tsere, das immer, wie ich vom Herrn Ritter Michaelis selbst weiß, wie ein reines e gelesen wird. Das darüber stehende ist ein bloßer Spiritus lenis. Aber sieh doch! wie Pedanterei ansteckend ist! Ich wollte beweisen, daß es lächerlich wäre jetzt noch die Aussprache des η durch alle Wörter durch bestimmen zu wollen, und ich fange an zu beweisen, daß es wie e geklungen habe. Ich gebe also hiermit alles, was ich für das e bewiesen habe, feierlich auf und begnüge mich bloß damit: Es ist auf diese Weise nicht auszumachen wie es durchaus geklungen; so wenig als von jedem andern Vokal jeder erstorbenen und lebenden Sprache in der ganzen Welt. Aber gesetzt auch, es wäre ein Übergewicht auf Herrn Vossens Seite, was wäre es für ein elender Gewinn, einen einzigen Laut um einen halben Ton breiter gestimmt zu haben, in einer Sprache, die vermutlich Plutarch schon nicht mehr so sprach wie Homer, und wir nicht mehr wie Plutarch? Was? und in der Hitze dieses lächerlichen Streits alle Verbindungen von Lehrer und Freund, ich möchte fast sagen eben so kindisch als niedrig zu vergessen? Wie? Aber das ist noch nicht die Hälfte der Torheit. Herr Voß vermischt durchaus die beiden Fragen: haben die Griechen das η wie ä gesprochen? und sollen wir es jetzt noch so zu schreiben anfangen, wenn sie es so gesprochen haben? Ich glaube das letzte zu tun, selbst wenn das erste ausgemacht wäre, wäre jetzt eine Torheit, mit der sich nichts vergleichen läßt, als die Torheit das erste ausmachen zu wollen. Wir schreiben jetzt im lateinischen Hebe, Herodotus, Demosthenes; und alle Nationen schreiben so, so viel ich weiß; wollte Herr Voß, wenn er ein lateinisches Programm schriebe Haebae, Haerodotus und Daemosthenaes schreiben. Ich wollte es ihm wenigstens nicht raten. Das Schuldirektorium würde ihn zurechtweisen, und das von Rechts wegen. Aber wir, deren Buchstaben nur die verzerrten lateinischen sind, die wir ebenfalls das e bald wie ä bald wie e aussprechen, was haben Wir (1781) für ein Ansehn und für ein Vorrecht, dem vernünftigsten Teil unsers Vaterlandes und allen Nationen ins Gesicht hinein die Worte zu verstellen? und das bloß der müßigen Grille eines rechtschreiberischen Pedanten wegen? O! wenn doch jetzt jemand eine Dunciade schriebe! Ja selbst, wenn Herr Voß seine Odyssee mit lateinischen Buchstaben drucken ließe, würde er sich kaum unterstehen von seiner Neuerung Gebrauch zu machen, oder wenigstens würde ihm der Schritt etwas schwerer geworden sein. Mit einem Wort: Wir haben kein größeres Ansehen hierin und können kein größeres haben, als die Römer. Das Häufgen der orthographischen Welterlöser fühlt dieses auch, und macht, um den Schöpsenlaut seines η zu bestätigen, uns nun auch unsere lateinische Aussprache verdächtig, und hat wirklich, wie ich merke, so etwas von einem Knähjus Pompähjus im Sinn, und dann fehlte in der Tat nichts mehr, als eine Spott- und Trotz-Übersetzung der Hangriad des armseligen Mongsiö de Woltähr, und zwar in Hexametern, weil der französische Schöps selbst keine machen konnte, mit Burbong und Walloa und dem Dück de Gihs Damit der Göttingische Subskribent nicht Chihs läse, so müßte wohl den dahin abgehenden Exemplaren entweder Khihs oder Gkhis einverleibet werden.und der betrübten Bluthochzeit zu Parih.

Aber Scherz bei Seite. Was wäre denn, gesetzt Herr Voß hätte mathematisch bewiesen, was er eigentlich nur prätensionsmäßig bewiesen hat, daß die Griechen ihr η durchaus wie ihre Hämmel prononciert hätten, und daß man nun auch würklich in Deutschland, einfältig und bardenmäßig genug dächte es so zu schreiben, was wäre denn der Gewinn? Antwort: Bei uns, nichts; ja, weniger als nichts (Verlust) wie ich unten zeigen werde, und von außen herein, Spott oder Lächeln des Erbarmens. Denn von Anfang würden sicherlich die Augen und Ohren von Tausenden beleidigt. Nun will ich zwar zugeben, das verlöre sich mit der Zeit, hörte ich aber alsdann endlich das Wahre? fühlte ich alsdann die Wahrheit des Lauts? Nein! schlechterdings nicht. Er wird gefallen, wenn er gefällt, weil er üblich und nicht weil er wahr ist, sonst müßte ich jetzt im e die Unrichtigkeit auch fühlen. Also dafür, daß unsere Nachkommen sich bei ihrem äh eben so stehen, wie wir uns beim e; die Nachkommen, die beim e sich eben so gut gestanden haben würden als wir; dafür sollen wir uns den törichten Zwang antun, uns an neue Zeichen zu gewöhnen? und das dem Gebrauch aller Völker zuwider? Was ist Torheit, wenn das keine ist? Aber nun denke man noch hinzu, daß es ganz und gar noch nicht erwiesen ist, daß η wie äh geklungen habe – – o ich mag das Wort nicht schreiben, womit man dieses Verfahren bezeichnen müßte. Weiter. Da es nun aber in allen Fällen Bücher in Menge gibt, wo diese Namen so geschrieben sind, wie diese Neuerer sie nicht schreiben, so muß ich beide Arten zu schreiben kennen, und mein Auge mit beiden bekannt machen, welches, wenn man aus Leib und Seele besteht, einem so leicht nicht wird, als den reinen Geistern, die solche Erfindungen machen, und denen bloß das Gesunde gut schmeckt, und bloß das Wahre angenehm klingt. Einigkeit ist in der Tat alles, was man bei solchen Dingen suchen muß, ja selbst mit einigem Verlust von Seiten der strengen Wahrheit erkaufen müßte, wenn Einigkeit nicht anders zu erhalten wäre. Wenn sich doch diese müßigen Neuerer an das Beispiel der Protestanten halten wollten, die ihren würklich verbesserten Kalender, neuerlich erst recht dadurch wieder verbessert haben, daß sie von dem, was man hierin strenge Wahrheit nennen könnte, eben so weise als christlich abgewichen sind, um die himmlische Eintracht zu erhalten. Der große Weise, der zuerst auf diese Verbesserung antrug, verdient auch deswegen allen Dank und Ehre, die ein christlicher Weltteil gewähren kann. Dieses heißt Weisheit und Christentum, und auf diese Art allein kann endlich ausgemacht werden, welcher von den drei Brüdern im Besitz des echten Ringes ist. : S. Nathan der Weise. Aufz. 3. Sc. 7, I (es sind 2 siebente Szenen in der ersten Ausgabe). Ich sage: dieses ist Weisheit, so wie hingegen in Kleinigkeiten bessern wollen, wegen der unvermeidlichen größern Spaltung, die dadurch in dubio bewürkt wird, wahre Torheit ist. Alles dieses fühlt weder Herr Voß noch seine Freunde. Mein Gott! wie viel mögen diese guten Leute sonst noch mehr nicht fühlen! Mir ist es unbegreiflich, wie man nicht einsehen kann, daß man durch solche eben so leichte als unnütze Neuerungen schnurstracks das Übel befördert, welches man heilen wollte. Man will viererlei Orthographien zu einer einzigen bringen, und bedenkt nicht, daß man eigentlich nur eine fünfte erfindet. So viel sehe ich indessen sehr deutlich, daß unbändiger Eigendünkel bei den meisten die Ursache von solchen Unternehmungen ist, und in der Tat es gehört sehr viel Eigendünkel, verbunden mit großer Unerfahrenheit in der Welt dazu, zu glauben Deutschland werde sich sogleich jede müßige Grille gefallen lassen, die man in seinem erhabenen Luftschloß ausheckt.

Aber Herr Voß will ja nur die Homärischen Helden so zer-Vossen, denn den Ungelehrten, die kein Griechisch verstehen, ist das einerlei, ob sie sie falsch oder Recht (Otterndorf 1781!) aussprechen, und für die, sagt er, übersetzt man ja nur. Wieder eine rechtschreiberische Ausflucht, so wie man sie von einem Ungelehrten, der wenig mehr als Griechisch versteht, erwarten konnte. Herr V. sollte nur für die Leute übersetzen, die nichts von den Homerischen Helden und Göttern wissen? Nein! Das glaube ich ihm in Ewigkeit nicht, eben so wenig als ich glaube, daß er für die Buchbinder übersetzt hat. Wenigstens Herr Bode hatte bei seinen Übersetzungen einen edlern Zweck, der übersetzte auch für die Leute, die das Englische vollkommen verstehen, und der Ruhm dieses vortrefflichen Mannes gründet sich eigentlich nur auf das Vergnügen, das er Leuten gewährt hat, die die Originale längst gelesen und gefühlt hatten, aber seine Übersetzung mit erneutem Vergnügen lasen. Herr Voß will uns auch würklich hier nur etwas weismachen. Ich weiß sein Zweck war edler, er hätte sonst ein würklich großes Unternehmen nicht durchgesetzt. Er hat gewiß mit für die Leute übersetzt, die die Homerischen Helden und Götter schon kennen, ja selbst für die, die den Homer so gut verstehen als er. Zu der ersten Klasse gehöre ich selbst, und mir ist seine Orthographie abscheulich, sie würkt immer noch weit mehr auf mich, als schlechter Druck und elendes Papier. Und das bißchen Wahres, wenn sein Schöpsenlaut der wahre ist, fühle ich so wenig im Ohr, als den halben Gulden, den mir schlechtes Papier und schlechter Druck erspart, in meiner Tasche, während ich lese. Ich werde auch sicherlich seine Übersetzung nicht eher lesen, bis sie mit besserer Orthographie nachgedruckt wird, welches gewiß geschieht, wenn sie gut ist, woran ich wiederum nicht zweifeln kann: es müßte denn sein, daß die Gefühllosigkeit die Herr Voß durch diese seine unnütze Neuerung gezeigt hat, sich noch weiter erstreckt, welches so gar unwahrscheinlich auch nicht ist. Von der zweiten Klasse kenne ich auch einige, und diese finden seine Art zu schreiben alle abscheulich. Herr Voß selbst fühlt, daß es nicht allein einfältig sondern sogar profan sein würde, Jäsus lesen und schreiben zu wollen, und da hört und fühlt er ganz richtig. Aber dieses Beispiel, (und das macht es eben so vortrefflich) ist bloß gewählt, um auch sogar einem stumpfen Ohr die Absurdität fühlbar zu machen, die übrigens in allen andern auch steckt, in Häbä und Thäbä so gut, als in jenem geheiligten Namen. Was einen geheiligten Namen profan klingen macht, kann einem feinen Ohr einen bloß respektabeln, wo nicht immer lächerlich, doch unangenehm klingen machen. Jener entweihte, heilige Namen erzeugt nicht erst die Absurdität, sondern er vergrößert sie nur. Dieses fühlt Herr Voß freilich nicht, aber mein Himmel! können wir dazu denn etwas? Er fühlt vermutlich noch mehr nicht von dem, was sein Leser fühlt. Will er den Leser deswegen eigensinnig schelten, so muß er sich gefallen lassen, daß ihm dieser antwortet: Schweige du still mit deinem stumpfen Gefühl für alles was anständig ist und schön klingt.

Was endlich die guten Menschen anbetrifft, für die Herr V. bloß übersetzt haben will, die nicht ein eingewurzeltes Gefühl von Ehrfurcht vor jenem frühen Alter der Welt mitbringen, die, wenn sie jene Namen nennen, nichts empfinden, sondern sich bloß an ein genealogisches Register erinnern, das man Ihnen gibt, die überhaupt nicht ganz mit jenen undeutschen Alten zu leben und zu denken gelernt haben, die werden zwar allzeit, zumal in der Odyssee, Unterhaltung und Unterricht finden: Allein mich dünkt, da das menschliche Leben so sehr kurz ist, und uns zur Weisheit, Tugend und zum Vergnügen so viele Wege offen stehen, so täten diese Menschen besser, sie läsen den seligen Gellert, der auf eine Weise für Deutschland geschrieben hat, deren Wert man über jetziger Genie- Seherei und Genie- Flegelei, die eine so viel über, als die andere unter der Linie der Schönheit und Wahrheit weg, fast zu verkennen anfängt; Gellerten, der eben deswegen ein großer Mann war, weil er allen Ständen ohne Kommentar verständlich ist, und ohne eines andern als seines eignen großen und unsterblichen Geistes Zutun zugleich unterrichtet, bessert und vergnügt. Es wäre also im Ganzen wohl billig, Herr Voß ließe vor die Exemplare seiner Odyssee, die er für seine Gelehrten bestimmt, von Herrn Chodowiecki irgend etwas stechen, das blökt, mit der Unterschrift:

Sic Voss; non Vobis.

Aber das ist noch nicht alles, was sich gegen Herrn V. einwenden läßt. Sein äh ist nicht bloß ein unnützer, neuer, sondern auch ein häßlicher, unangenehmer Laut, eben weil es der Schöpsenlaut ist, und das ist vermutlich Ursache mit, daß man ihn trotz des Erasmus wieder vergessen hat. Man frage nur sein eignes Gefühl, (Schulfüchse kommen hier nicht mit in Betracht,) ob es nicht allemal verdrüßlich ist jemanden z. B. häben, oder Lähre sagen zu hören, wenn man gewohnt ist, heben und Lehre zu hören, umgekehrt aber gar nicht? Wenn jemand statt mein Läben (ma vie) mein Leeben sagt, so klingt es, mir wenigstens, zwar fremd, aber nicht unangenehm. Ich habe eine Aktrice gekannt, die so sprach, schweeben, leben, seehen (voir), und sie fand Nachahmer. Auch affektierte Mädchen, die sich auf ihren niedlichen Mund was wissen, sprechen ohne Unterricht zuweilen so. Die Hexen wissen wohl, daß das reine e den schönen Mund unendlich mehr ziert, als das Schöpsen ä mit dem fallenden Unterkinn. Ich habe einen Engländer im Deutschen unterrichtet, der nicht Läben (la vie) sagen wollte, sondern immer Leeben sprach, er schämte sich anders zu sprechen, weil es ihm häßlich vorkam sein Liben (so hätte er nach seiner Mundart sprechen müssen) mit dem Schöpsen-Ton zu verwechseln; er würde sehr viel lieber Loben gesagt haben. Bei den Engländern ist zwar der Schöpsenlaut sehr gemein, aber wo er ihnen neu ist, da ist er ihnen unangenehm. Ja sie ändern oft, in ihrer Sprache selbst, den Schöpsenlaut in das menschliche e oder hohe ä. Die zierlichen Mädchen in England heben z. E. in dem häßlichen Wort nasty mit dem Schöpsenlaut, das ä so hoch, daß es fast wie Nehsti klingt, oder glauben nasty klinge the nastier, je mehr sie das a darin zum Schöpsenlaut erniedrigen. Und so geht es mehrern Leuten, die ich befragt habe. Wenn ich daher Häbä oder, des voti decisivi wegen, Hähbäh sehe, so fällt mir nicht mehr die Tochter der Juno und das schönste Mädchen im Himmel ein, (denn die dachte ich mir nur bei dem Zeichen Hebe), sondern etwas von einer Dame Leonarda in Gil Blas' Räuber-Höhle, einem Gegenstand für den polnischen Bock, und nicht für den Silberklang der Leier des Apoll. Der, der zuerst blöken statt bläken schrieb, muß das gefühlt haben, und so ist auch Schöps ein schönes Wort für einen Schähps. Hätten die Griechen ihr η durchaus gebläkt wie Herr V. will, und die alten Italiäner hätten, wie mein Engländer, die Gebrechen des griechischen Ohrs mit ihrem wohlklingenden, reinen e mit Fleiß in ihrer Sprache gut zu machen gesucht, so wäre dieses ein neuer Grund für den Deutschen bei dem e des alten Italiäners zu bleiben, da deutsche und italiänische Musik im Großen die herrschende bei allen gesitteten Völkern ist. Mit einem Wort, ich glaube das Schöpsen- ä ist ein elender Laut, den die Sprachen, ohne Verlust des Wohlklangs entbehren könnten; wo er also nicht schon im Besitz ist, da setze man ihn nicht hinein.

Doch ich werde müde, und füge nur noch ein paar Anmerkungen zum Beschluß hinzu. Was Herr Voß gegen des Herrn Prof. Runde Änderung der Monatsnamen einwendet, D. Museum Wonnemond 1781. unterschreibe ich ganz, und ich weiß, Herr Runde, dieser wahre und rechtschaffene Gelehrte, der gewiß Wahrheit aufrichtig und ohne Parteigeist sucht, wird diese Erklärung seines innigsten Verehrers und Freundes nicht übel aufnehmen. Ich gebe sie bloß als meine Meinung, die ohne weitere Gründe, ohnehin nichts entscheidet. Mich dünkt nur, da hat Herr Voß recht. Aber warum ich mit dieser Anmerkung hieher komme, ist, daß ich glaube, wenn Herr V. sein geschriebenes nach denselben Regeln beurteilen will, nach welchen er Herrn Prof. Rundes Vorschlag beurteilt hat, so wird er die Wahrheit in meinem gegenwärtigen Aufsatz fühlen müssen, und Hebe schreiben, so wie er Mai schreibt. Ja, ich denke er würde sogar Minerva statt Athänä, und in einer populären Übersetzung Juno statt Hära schreiben; doch dieses bloß im Vorbeigehen. Schlüßlich aber gebe ich Herrn V. noch einen Vorschlag zum Vergleich: Wie wenn er in seiner deutschen Odyssee das beibehielte, und Thηbη schriebe, so wie unsere Vorfahren in ihren curieux en, obligeant en und galant en Dedikationen und Episteln, die hohe Graçe und die Generosité ihrer Gönner und Charmant en admiriert en und adoriert en? Oder, wie wenn er drei Ausgaben auf einmal besorgte, eine in oben erwähnter Schreibart, eine zweite ganz mit griechischen Buchstaben, und eine dritte in genielosem mütterlichem Deutsch. An Subskribenten sollte es nicht fehlen. Die letztern nähmen die Bibliotheken und die erstern allenfalls die Kunstkammern.

Hier hat nun Herr V. meine Erklärung. Wenn ihm der Ton darin nicht gefällt, so muß er bedenken, daß pedantischer Eigendünkel, und Stolz eben so vogelfrei ist, als Irrtum mit Bescheidenheit sanfte Zurechtweisung verdient. Auf seine und seiner Compagnie Tadel bin ich stolz, denn ich weiß, es ist schlechterdings unmöglich dem eigentlichen Mann von Geschmack zu gefallen, so lange man den Leuten gefällt, die sich (Museum, März 1778) unterstunden den Pope einen Klatscher zu nennen, sie, wovon ein ganzer Kongreß nicht im Stande wäre, mit vereinter Kraft, eine einzige Popische Epistel hervorzubringen, ja nicht zehn Zeilen einer solchen Epistel. Ich bin überzeugt, die ganze vereinte Kraft würde in einer Bravour-Ode und in einem Sturm am Berge schwer und dumpfig verdonnern, oder an Libanons Hoher-Zeder verrauschen, oder im sanften Silbergewölke dahin schweben. Ohne Klang und Gesang. Solche Bilder sind Buchdruckerstöcke. Ich sollte denken solche Oden, deren Quell eigentlich die Backen und Naselöcher sind, müßte man herauswürfeln können, so wie Marpurg die Menuette. Hier hat also Herr Voß, der streitbare Mann, wieder eine vielleicht erwünschte Gelegenheit, sich um eine Staffel herunter zu schreiben. Ich werde ihm nie ernstlich antworten, ich wollte lieber – – O, ich weiß nicht, was ich lieber tun wollte – – O ich wollte fast lieber Herr Jäsus schreiben. Aber das will ich tun, wenn es mir zu nah gelegt wird, ich will hingehen und recta den Mond verklagen.

G. C. L.

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