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Strafsache van Geldern

Hans Hyan: Strafsache van Geldern - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleStrafsache van Geldern
publisherIm Deutschen Verlag Berlin
yearo.J.
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7

Hallmann wollte eben weiter verhandeln, als die hohe Saaltür abermals aufging und ein kleiner, bebrillter Herr mit lebhaften Bewegungen und einer bemerkenswerten Ungeniertheit in seinem ganzen Auftreten vor dem Gericht erschien.

»Doktor Meyer!«

»Was wollen Sie?«

»Ich bin der Arzt, der das Fräulein Müller behandelt!«

»Ach, das sind Sie?«

»Jawohl, das bin ich!«

Dieser merkwürdige kleine Vorstadtarzt schien von der Autorität des Gerichts keine überwältigende Vorstellung zu haben. Um so mehr war er von seiner eigenen Persönlichkeit durchdrungen.

Hallmann vereidigte ihn. Dann fragte er:

»Was haben Sie nun über den Zustand des Fräuleins Müller zu bekunden?«

»So was passiert alle Tage dreimal. Besonders da draußen in meiner Gegend ... Es wimmelt ja heutzutage von hysterischen Frauenzimmern ...«

Hallmann nickte ungeduldig. Der Arzt redete in seiner gemütlich-burschikosen Art weiter:

»Habe natürlich sofort den Magen ausgepumpt und ihr 'ne ordentliche Kampferspritze gegeben ... na, was man da so macht ..., denn sonst schläft sie mir am Ende ein und wacht gar nicht wieder auf ...«

»Wie lange kann denn das dauern, solche Vergiftung?«

Der kleine, bewegliche Mann, der die Glieder nicht einen Augenblick still hielt, hob Schultern und Arme:

»Das ist nie vorauszusagen, Herr Vorsitzender. Manch einer, der stark ist wie ein Pferd, liegt drei Tage danach wie in der Narkose. Kleine und zarte Puppen, die nach gar nichts aussehen, die halten durch wie Gott weiß was ... aber ich glaube, zwei oder drei Tage, dann haben Sie sie hier und können sich Märchen von ihr erzählen lassen.«

»Wieso? Was wollen Sie damit sagen?«

Doktor Meyer spreizte die Hand abwechselnd und schloß sie wieder:

»Ganz einfach: solche Hysterikerin erzählt die tollsten Sachen, und jeder glaubt, daß es wahr ist, was sie sagt ... Er lachte kurz auf: »Dabei ist alles Schwindel ... lauter blödsinniger Schwindel.«

Im Zuschauerraum wurde leises Lachen hörbar. Der Vorsitzende sah mit einem strengen Blick hinüber und wandte sich wieder an den Arzt:

»Danke schön, Sie können gehen ... aber wir müssen Sie jederzeit erreichen können..

Der Doktor verbeugte sich mehrmals tief: »Mit dem größten Vergnügen, Herr Vorsitzender!«

Hallmann winkte mit der Hand, und Doktor Meyer wollte im Geschwindschritt, sich noch rasch ein paarmal umschauend, den Saal verlassen. Als er schon die Klinke der Tür in der Hand hatte, blieb er plötzlich stehen, drehte sich um und rief:

»Ach, da hätte ich ja beinahe die Hauptsache vergessen: die Müller hat mir ja 'nen Brief mitgegeben für das Gericht.« Er raste förmlich wieder an den Richtertisch und holte im Laufen ein Papier aus der Rocktasche, das er dem Vorsitzenden reichte.

»Ich denke, die Minna Müller war besinnungslos, Herr Doktor?«

»Ja, das war sie auch. Ja, natürlich! Aber der Brief lag schon fix und fertig da! ... Hier lesen Sie doch mal, Herr Vorsitzender! Steht ja drauf: ans Gericht.«

Hallmann betrachtete den Arzt immer wieder, wie man eine naturhistorische Merkwürdigkeit ansieht. Kopfschüttelnd riß er das Kuvert auf und las nach kurzer Durchsicht laut den Inhalt des Briefes:

»Ich kann nicht länger leben – meine Martha ruft mich – aber in meiner Todesstunde verfluche ich ihren Mörder – Paulus van Geldern.«

Eine Stille, als sei plötzlich jedes Leben in dem großen menschenvollen Raum erstorben. Dann hörte man im Zuschauerraum ein Murren und Brummen, als wenn Irre aus tiefem Schlummer erwachen. Und wie ein einziges Riesenauge richtete sich alles Schauen aus der dichten Menge auf Paulus van Geldern. Der empfand diese wutdrohenden Blicke wie einen körperlichen Anprall. Sie wollen dein Leben, dachte er bei sich. Und ein schlimmes, aus Angst, Trotz und Widerstand gemischtes Wehgefühl überkam ihn. Sein Kinn wollte auf die Brust sinken, aber die Angst, man könnte darin ein Eingeständnis seiner Schuld sehen, riß ihm den Kopf hoch. Und er blickte starr und unverrückbar in tausend Augen. In diesem Moment begann seine Seele zum erstenmal schwach zu werden, zum erstenmal fiel etwas wie ein Schatten über seine helle Zuversicht. Doch die Verhandlung ging weiter und ließ ihm keine Zeit, den Kampf zwischen Furcht und Zuversicht auszutragen.

*

»Rose Mutmann!« wollte der Vorsitzende eben aufrufen.

Doktor Vierklee erhob sich: »Ich möchte mir, ehe das kleine Mädchen von Ihnen vernommen wird, Herr Vorsitzender, eine Bemerkung gestatten. Nach meinen Wahrnehmungen handelt es sich bei Rose Mutmann um ein sehr schüchternes Kind, das eigentlich nur durch den Mund seiner Mutter richtig gehört werden kann ... ich habe Frau Mutmann deshalb schon geladen.«

Hallmann nahm seinen blonden Schnurrbart zwischen die Lippen und kaute nervös daran. Dann sagte er: »Also schön: Frau Mutmann! Rufen Sie Frau Mutmann herein!«

Der Justizwachtmeister riß die Tür auf und schrie hinaus:

»Frau Mutmann!«

Fast augenblicklich trat eine Frau von vielleicht dreißig Jahren in den Saal. Ein sympathisches Gesicht mit klugen, dunklen Augen, glänzend schwarzem Haar, das in schwerem Knoten im Nacken lag.

»Frau Mutmann?«

Die Angeredete nickte. Sie wurde vereidigt.

»Der Fall, der hier verhandelt wird, ist Ihnen ja wohl bekannt?«

Die Zeugin neigte abermals den Kopf.

»Die Verteidigung wünscht Ihre Vernehmung insoweit, als Sie sich über das, was Ihnen Ihre Tochter hinsichtlich des Angeklagten gesagt hat, äußern sollen ... Können Sie etwas darüber bekunden?«

Die Dame schien nachzudenken.

»Rose hat mir eigentlich gar nichts gesagt. Was ich erfahren habe, stammt von Alla Berber, die damals noch viel mit meiner Kleinen spielte und zusammen war.«

Frau Mutmann wollte, etwas zögernd, weiter, sprechen, als sich Doktor Vierklee erhob und leicht die Hand ausstreckte: »Pardon, ich möchte eine Frage an die Zeugin richten.«

Hallmann nickte.

»Wollten Sie damit sagen, gnädige Frau, daß Ihr kleines Mädchen jetzt nicht mehr mit Alla Berber verkehrt?«

»Ja, Herr Rechtsanwalt, das wollte ich sagen.«

»Haben Sie Ihrer Tochter den Verkehr verboten?«

Frau Mutmann neigte bejahend den Kopf.

»Und weshalb?«

»Muß ich das hier erörtern?«

»Ja, vor Gericht dürfen Sie nichts verschweigen, gnädige Frau!«

»Wenn ich es denn sagen muß«, Frau Mutmann sah dabei den Vorsitzenden an, »es sind mir Dinge zu Ohren gekommen, die mir nicht gefallen haben ... In dem Berberschen Hause verkehrt eine ganze Schar von jungen Männern ... Und ich habe selbst gesehen, daß Alla mit einigen von diesen Herren, die doch im Alter gar nicht zu ihr passen, spazierengeht, sogar ohne weitere Begleitung Auto fährt ...«

Während Frau Mutmann bisher zögernd, offenbar mit innerem Widerstreben gesprochen hatte, fügte sie nun rasch hinzu:

»Ich will mir ja durchaus kein Urteil erlauben, und nichts liegt mir ferner, als gegen das Kind und seine Angehörigen irgend etwas zu sagen, aber ... aber danach ... glaubte ich eben meiner Rose den Verkehr mit Alla verbieten zu müssen.«

Hundert Augen richteten sich auf die hübsche kleine Blonde, deren Gesichtchen in Purpur getaucht sich niederbeugte, um gleich darauf emporzuschnellen und mit trotzigen Blicken sich gegen die andringende Neugierde zu wehren.

»Sie werden Ihre Bekundungen gewiß nach bestem Wissen gemacht haben, gnädige Frau, aber als Richter muß ich Sie doch fragen: Haben Sie da nicht etwa gelegentlichen und ganz harmlosen Vorgängen eine zu große Bedeutung beigelegt?«

»Ich glaube nicht, Herr Präsident!«

»Nun aber zur Hauptsache: Was haben Sie von den beiden Kindern über ihr Zusammentreffen mit dem verdächtigen Mann am fünften Januar des Jahres nachmittags um vier Uhr erfahren?«

Frau Mutmann schien einen Augenblick ihre Erinnerungen zu ordnen: »Vor allen Dingen möchte ich eins sagen, Herr Präsident: Was die Zeit anbetrifft, in der meine Rose auf der Straße gewesen sein kann ... oder vielmehr wie lange sie unten war, da kann ich ganz bestimmte Angaben machen. Ich hatte an dem Tage Besuch. Eine Dame, die seit Jahr und Tag nicht bei mir war, kam gleich nach zwei Uhr, als eben mein Mann das Haus verlassen wollte. Und mein Mann geht regelmäßig jeden Tag um zwei Uhr fort. Da fährt er in seine Fabrik. Diese Dame – ich kann ihren Namen und Adresse sofort angeben – mußte mit dem Zuge um einhalb fünf Uhr wieder fortfahren. Wir wollten nur gern solange wie möglich zusammen sein und haben uns auf die Minute ausgerechnet, daß sie eine halbe Stunde fahren mußte, vom Reichskanzler, platz bis nach dem Potsdamer Bahnhof. Mit Hin und Her und allen Vorbereitungen veranschlagten wir den Weg auf eine Stunde. Ich weiß daher bestimmt, daß meine Freundin etwas vor halb vier fortgegangen ist. Und indem sie mir Adieu sagte, kam Rose, mit der sie dann noch ein paar Worte sprach.«

»Sie meinen also, Frau Zeugin, Rose wäre bestimmt um einhalb vier schon wieder bei Ihnen oben gewesen?«

»Ja, Herr Präsident.«

Der blickte zu dem Rechtsanwalt hinüber: »Wollen Sie daraus etwas folgern, Herr Doktor?«

Joachim Vierklee nickte: »Ja ... wenn man den Zeitbestimmungen, die ich immer als dubios ansehe, trotzdem Glauben schenken will, so kann mein Klient schon danach nicht für die Tat in Frage kommen. Van Geldern hat das Gericht um einhalb drei verlassen und ist um drei Uhr bei sich zu Hause gewesen. Soviel ich weiß, hat das auch Fräulein Minna Müller, die seine ausgesprochene Feindin ist, in ihren verschiedenen Vernehmungen vor der Polizei und vor dem Untersuchungsrichter selbst zugegeben. Van Geldern gibt an, daß seine Frau um einhalb vier ins Zimmer getreten sei. Dann haben sie einen längeren Zank miteinander gehabt, und gegen vier Uhr hat mein Klient das Haus verlassen. Die Kinder, oder wenigstens Alla Berber, haben nun ausgesagt, daß sie um vier Uhr den bewußten Herrn aus dem Auto haben steigen sehen. Frau Mutmann, die ihre Aussage auf gute Zeitangaben und auf Zeitnotwendigkeiten stützt, sagt aus, daß ihre Tochter Rose um einhalb vier Uhr schon bei ihr oben in der Wohnung war. Trifft das zu, so können die beiden kleinen Mädchen unmöglich den verdächtigen Mann um vier Uhr haben aus der Droschke steigen sehen.«

Zum erstenmal nahm Doktor Malkenthin das Wort: »Ja, Herr Rechtsanwalt, wenn wir schon so weit wären, daß wir wüßten, ob das alles stimmt und besonders, ob die Aussagen des Angeschuldigten auf Wahrheit beruhen, dann würden wir klarer sehen. Aber die Anklage steht auf einem ganz anderen Standpunkt. Die Anklage nimmt an, daß van Geldern das Haus wohl um drei Uhr herum betreten hat, wann er es aber wieder verlassen hat, das weiß nur er selber!«

Das schmale, dunkle Gesicht des Anklagevertreters war kalt und unbewegt. Sein Einglas zielte auf van Gelderns erhobenes Gesicht: »Wir haben es in dem Angeklagten mit einem Mann von großer Intelligenz und Denkschärfe zu tun. Wenn ein Mensch von solchen Fähigkeiten den Entschluß faßt, ein Verbrechen zu begehen, so überlegt er sich die Tatumstände und die Bedingungen für sein Vorhaben in einer ganz anderen Weise, als wenn irgendein vagabundierender Strolch einen Mord begehen will. Die durch mich vertretene Anklagebehörde steht auf dem Standpunkt, daß van Geldern einen Mord begangen hat: daß er dazu einem reiflich erwogenen Plan gefolgt ist. Er ist schon mit der Absicht, zu morden, nach Hause gekommen. Es ist ihm durchaus zu glauben, wenn er sagt, daß er um drei Uhr in seiner Wohnung war. Er weiß ja – als Rechtsanwalt mehr wie jeder andere –, welch ein ungeheurer Wert den Zeitbestimmungen in einem Mordfall beigemessen wird. Er hat sich wohl überlegt, daß alle diese Zeiten genau nachgeprüft werden. Und er hat auch, als er beim Verlassen der Autodroschke die beiden Kinder erblickte, sich sofort gesagt: Ich denke nicht daran, diesen eventuellen Zeugen auszuweichen. Er ist im Gegenteil nach der verkehrten Seite hin ausgestiegen, um den Kindern, von denen er ja nicht wissen konnte, ob sie ihn vielleicht einmal wiedererkennen würden, jeden Verdacht zu nehmen. Bis dahin stimmen seine Aussagen wahrscheinlich mit der Wirklichkeit überein. Die Lüge beginnt erst mit der Angabe, daß er nach dem Zank mit seiner Frau das Haus wieder verlassen hat. Das hat er nach der Überzeugung der Anklage nicht getan. Er hat sich vielmehr irgendwo an einer verborgenen Stelle im Hause aufgehalten und hat den Mord mit kalter Berechnung ausgeführt. Auch der Zärtlichkeitsakt, der die Tötung begleitete und das Opfer umgarnte, war das Produkt einer raffinierten ...«

»Verzeihung!« Doktor Vierklee hatte sich erhoben. »Das geht denn doch wohl nicht, Herr Landgerichtsdirektor! Was der Herr Staatsanwalt hier eben ausgeführt hat, ist keineswegs mehr eine kontradiktorische Verhandlung. Nein, das ist ein ausgesprochenes Plädoyer, es ist die Vorwegnahme des Resumés der Beweisaufnahme«

»Wieso, Herr Rechtsanwalt? Es muß der Anklagebehörde doch gestattet sein, Ihren Gründen die eigenen Gegengründe gegenüber zu stellen? Aber« – Hallmann wischte den Disput mit einer Handbewegung fort – »darauf kommt es ja auch hier gar nicht an! Was wir wissen und festhalten wollen, ist: van Geldern hat nach seiner eigenen Angabe das Haus um drei Uhr betreten. Um halb vier Uhr ist seine Frau gekommen, um einhalb vier Uhr war auch die kleine Rose Mutmann erst wieder in der elterlichen Wohnung. Die Erkennungsszene zwischen den Kindern und van Geldern hat also vor einhalb vier stattgefunden!«

»Die Erkennungsszene zwischen den Kindern und dem mutmaßlichen Mörder, meinen Sie, Herr Landgerichtsdirektor?«

»Gut, wie Sie wollen, Herr Rechtsanwalt! Jedenfalls ist der Mord nach fünf Uhr entdeckt worden, und zwar wiederum durch van Geldern selbst. Die einzige Zeugin, die zu dieser Zeit im Hause war, ist Minna Müller, die wir ja mit Gottes Hilfe noch hören werden und die, wie aus den Protokollen hervorgeht, klar und deutlich aussagen wird, daß der Mord zwischen halb vier und halb sechs begangen sein muß. Denn in dieser Zeit hat die Müller die beiden Ehegatten zuerst miteinander streiten gehört. Dann ist sie fortgegangen, und zwar in die Glasveranda hinüber. Ist inzwischen noch einen Augenblick wieder raufgekommen und hat, ohne in den Salon zu gehen, durch die angelehnte Tür gehört, wie sich ihre Herrin leise mit einem Manne unterhielt, und zwar ganz offenbar in der zärtlichsten Weise ...«

Herr Hallmann hob einen der großen Aktenfaszikel zu sich herüber und blätterte darin. Dann las er vor: »Wie die Uhr von der Kirche halb sechs schlug, legte ich das Buch hin, worin ich gelesen hatte. Da überkam mich eine sonderbare Angst. Vielleicht hatte ich auch geträumt, denn ich lag in einem Liegestuhl. Ich sprang auf und rannte, was ich konnte, durch die Wohnung. Als ich in den Salon von Frau van Geldern hineintrat, sah ich den Herrn, der sich über sie beugte und sie aufheben wollte. Sie lag in den Kissen, die ganz voll Blut waren. Da sagte mir Herr van Geldern: Martha wäre ermordet. Weiter kann ich nichts darüber aussagen, denn mir vergingen die Sinne. Ich fiel hin und habe nichts mehr gehört. Als ich wieder aufwachte, waren eine Menge Menschen in der Wohnung. Auch die Polizei. Und ich wurde vernommen ... Minna Müller.«

»Ja, das ist das, was wir positiv wissen. Alles andere beruht, bis heute wenigstens, auf den von dem Angeklagten angefochtenen Indizien. Im übrigen will ich hier gleich betonen, daß ich für meine Person auf die Aussagen der beiden Kinder absolut keinen Wert lege.«

Aber Vierklee ließ jetzt nicht locker: »Gestatten Sie, Herr Landgerichtsdirektor: die Verteidigung legt um so größeren Wert auf diese Aussagen! ... Wir stehen auf dem Standpunkt, daß gerade die Aussagen der beiden kleinen Mädchen unendlich wichtig und geeignet sind, den Verdacht gegen meinen Klienten vollkommen aufzulösen!«

»Nun, dann werden wir eben auch die Rose Mutmann noch hören ... Die Zeugin Rose Mutmann!«

Das Kind kam herein in den Saal, machte seinen Knicks und sah ehrfürchtig zu dem Verhandlungsleiter empor.

»Was möchten Sie denn nun wissen, Herr Rechtsanwalt?«

»Darf ich Rose selbst mal fragen, Herr Landgerichtsdirektor? ... Also, mein kleines Mädchen, wie war das, als du auf die Polizei gerufen wurdest ... Du bist mit deiner Mutter zusammen hingegangen, nicht wahr?«

Rose nickte.

»Und da hat dich eine Dame nach mancherlei gefragt? ... Was hast du ihr denn zuerst gesagt?«

Mit dunkelroten Wangen und ein wenig tränenschwerer Stimme erwiderte die Kleine stockend: »Ich habe gar nichts gesagt. Ich wußte ja auch gar nichts. Alla hat mir's bloß erzählt, und da war's mir auch so, als wenn wir den Herrn gesehen hätten ...«

»Würdest du denn den Herrn wiedererkennen?«

»Ich glaube ja!«

»Aber du hast doch eben gesagt, daß du zuerst gar nichts wußtest?«

»Ja ... aber das ist manchmal so. Erst weiß man gar nichts, und dann fällt einem nach und nach alles wieder ein ...

Die Zuhörer wurden aufmerksam. Das summende Geräusch, das sonst in der Verhandlung mitschwang, verlor sich. Es war förmlich, als ob die Stille lauschte auf das, was aus den Schatten von Erinnerung und Vergangenheit herüberwehte.

»Komm' bitte mal hierher, mein Kind!« sagte Joachim Vierklee, der aus seiner Bank heraustrat und, Rose Mutmann bei der Hand nehmend, sie zu dem Angeklagten hinführte. »So, und nun sieh dir mal diesen Herrn genau an! Ist das der Mann, den du damals gesehen hast?«

Das Kind blieb lange still. Man sah, es rang innerlich mit sich. Es kämpfte auch wohl mit der großen Bangigkeit, mit der Last, die dieser Schwurgerichtssaal voll erregter Menschen auf sein kleines Herz legte. Dann öffnete es den Mund und sprach. Aber man verstand nichts.

»Lauter«, mahnte der Vorsitzende, »lauter!«

Des Kindes Stimme wurde fester, erhob sich. Und dann kam es klar und deutlich aus seinem Munde: »Das Haar ist anders!«

»Ja, sagte Hallmann, »damals trug der Angeklagte diesen Hut hier« – er ließ sich vom Justizwachtmeister einen schwarzen, weichen, ziemlich breitrandigen Filzhut herüberreichen, den Paulus van Geldern am Mordtage getragen hatte.

Das Kind sah den Angeklagten an, der seinen Hut aufgesetzt hatte. Es schüttelte den Kopf und wiederholte:

»Nein, das Haar war anders!«

»Wieso denn, Rose?« fragte der Anwalt. »Hatte der Mann», den du damals gesehen hast, vielleicht keine welligen Haare, wie sie der Herr hier hat?«

»Nein, das war auch schwarz, das Haar, aber ganz glatt, so glatt, als wenn er was drüber hatte ... noch unterm Hut ...«

»War denn der Hut so wie dieser hier, Rose?«

Das kleine Mädchen trat von einem Fuß auf den anderen: »Nein, ich glaube, kleiner.«

In diesem Augenblick geschah etwas in dieser an Überraschungen so reichen Verhandlung, das ihrem Verlauf eine ganz neue Richtung zu geben schien. Auf ein leises Klopfen an der hohen Tür war der dort sitzende Justizwachtmeister aufgestanden, hatte die Tür geöffnet und nach einem kurzen Wortwechsel mit seinem draußen postierten Kollegen einen Mann hereingelassen, Einen dürren Menschen mit langer, spitzer Nase und emsigen Augen, die sofort über Zeugenbank und Richtertisch huschten.

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