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Strafsache van Geldern

Hans Hyan: Strafsache van Geldern - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleStrafsache van Geldern
publisherIm Deutschen Verlag Berlin
yearo.J.
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3

Der Justizwachtmeister hatte die große Pforte des Schwurgerichtssaales zum Korridor hin ebenso wie die hohen Fenster weit geöffnet. Der Tag war heiß, und im Saal hatte die Luft, schon jetzt um zwölf Uhr, wie ein Bleimantel auf den Menschen gelegen.

Die Öffentlichkeit wurde wiederhergestellt. Die Zeugen, die noch nicht aufgerufen waren und den Saal vorläufig nicht betreten durften, drängten zu der aus der Tür fallenden Helligkeit. Zuhörer kamen durch den Hintereingang, man hörte Scharren, Räuspern und Husten. Die Damen und Kavaliere auf der Galerie erschienen, und der Vorsitzende verkündete:

»Die Vernehmung geht weiter ... Angeklagter! Was können Sie uns über den Schmuck, den Ihre Frau in so reichem Maße besessen zu haben scheint, was können Sie uns darüber angeben?«

Es war, als wehe von irgendwoher aus dem Unbekannten und Unsichtbaren etwas an den Rechtsanwalt Paulus van Geldern heran. Seine Sicherheit und Festigkeit schien ins Schwanken zu kommen. Er dachte nach. Er besann sich, und als ihn der Landgerichtsdirektor wiederholt und weniger freundlich aufforderte, sich zu diesem Punkt zu äußern, meinte er sichtlich verlegen:

»Ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstehe, Herr Vorsitzender ...?«

»Ja, Sie verstehen mich schon richtig, Angeklagter! Aber hier ist die Ecke, um die Sie nicht herumkommen!« Der starke, dicke Finger schlug wiederholt auf den Aktendeckel: »Machen Sie keine Ausflüchte, sagen Sie frei heraus, daß Sie diesen Schmuck an sich genommen und verkauft haben!«

Es dauerte immer noch Sekunden, bis van Geldern sprach. Aber man sah jetzt an seinem kampfentschlossenen Gesicht, daß er nicht mehr unsicher war. Er überlegte nur. Dann sagte er ruhig und bestimmt:

»Ich habe nichts zu verbergen, und ich werde nichts verheimlichen. Vergleichen Sie bitte die Protokolle, wie sie in meinen Verhören mit Kommissar Dammann zustande gekommen sind. Ich habe niemals etwas anderes gesagt als das, was ich jetzt sagen werde ...«

»Etwas viel Vorrede!« brummte Hallmann. Aber die Worte erreichten van Gelderns Ohr kaum.

»Ja, meine Frau besaß viel Schmuck. Sie hat stets eine große Vorliebe für Brillanten und Edelsteine, besonders auch für Perlen gehabt. Und bei der Eigenart ihres Geschäfts ist sie wohl häufig in die Lage gekommen, statt Zahlung Schmuckgegenstände annehmen zu müssen. Daher stand sie mit verschiedenen Juwelieren – zwei der Herren sind ja als Zeugen geladen! – mit denen stand meine Frau in dauernden Geschäftsbeziehungen. Wieviel Schmuck sie gehabt hat, wie die einzelnen Stücke aussahen, das kann ich nicht sagen. Ich selbst habe nur eins, und zwar ein Perlenhalsband, in Händen gehabt. Und das habe ich«, der Angeklagte erhob seine Stimme und sein Gesicht zu den Gesichtern, »nicht nur mit Wissen, sondern in ausdrücklichem Einvernehmen mit ihr verkauft!«

Der Landgerichtsdirektor nickte langsam und träge mit seinem großen blanken Schädel, daß der blonde Bart sich an dem schwarzen Samtaufschlag der Robe rieb:

»Natürlich, Angeklagter, wie werden Sie denn auch ohne den Willen Ihrer Frau ein so auffallendes Wertstück verkauft haben, wo sie jedenfalls sehr gut auf ihre Sachen aufgepaßt hat! Aber die anderen Stücke, die – darüber kann uns die Direktrice Schneider volle Auskunft geben – die bestimmt am Morgen des Mordtages noch vorhanden waren, was ist damit geschehen?«

Und ehe van Geldern noch antworten konnte:

»Ich habe hier«, er klopfte auf das Papier, »eine genaue Liste. Danach sind geraubt: ein paar Boutons in ungefährem Wert von siebzehntausend Mark, ein Diadem über fünfzigtausend Mark, zwei Schmucknadeln mit großen Smaragden, minimal achttausend Mark, vier Perlenringe, die der Sachverständige zusammen mit zehntausend Mark bewertet –, wir wissen beinahe bei all den Sachen, wo sie her sind und was sie gekostet haben –, dann sind noch eine Agraffe, mehrere goldene Ketten und eine Uhr in Goldemail mit Diamanten –, wo sind diese Gegenstände?«

Der Angeklagte sah seinen Richter ernst und lange an:

»Das weiß ich nicht, Herr Vorsitzender! Ich habe diese Dinge kaum bei einer anderen Gelegenheit gesehen, als wenn meine Frau etwas davon trug. Ich habe mich auch nicht dafür interessiert, und ich habe auch nicht die leiseste Ahnung, wo der Schmuck nach dem Tode meiner Frau hingekommen ist.«

»Aber das wissen Sie, daß Sie die Perlenkette, die Ihnen Frau Streckaus zum Verkauf übergeben hat, nicht verkauft, sondern Ihrer Geliebten geschenkt haben?«

»Ich habe keine Geliebte, Herr Vorsitzender! Ich bin verlobt mit Fräulein Heerström. Ich hatte vor, das Perlenband zu verkaufen. Nun war ich damals durch ein hohes, sehr hohes Vertragshonorar und durch Spielgewinne in der Lage, die Perlen für mich zu behalten ... Den von meiner Frau geforderten Preis von achtundvierzigtausend Mark hat sie bei Heller und Pfennig bekommen.«

»Allerdings, das geht aus ihren Büchern auch hervor. Aber was wurde mit den Perlen? ... Na, antworten Sie doch! Sie waren ja nun Ihr wohlerworbenes Eigentum, Sie konnten ja damit machen, was Sie wollten!«

Paulus schwieg. Seine Augen suchten unwillkürlich die Stelle, an der vorhin Greta Heerström gesessen hatte. Er sagte:

»Ich betrachte diese Angelegenheit als eine reine Privatsache. Das Gericht hat das Recht, in einem solchen Prozeß den Angeklagten nach allem zu fragen. Aber kein Mensch auf der Welt ist verpflichtet, solche Fragen zu beantworten.«

Hallmann war ein wenig verblüfft. Er faßte sich aber schnell:

»No', da haben Sie recht! ... Bloß jede verweigerte Erklärung fällt auf den Angeschuldigten zurück. Wenn Sie über Dinge, die mit dem Mord innig zusammenhängen, ausdrücklich nichts sagen wollen, so steht Ihnen das frei ... Nur werden Sie sich nicht wundern dürfen, wenn das Gericht daraus Schlüsse zieht!«

Paulus van Geldern sah seinen Anwalt an, Vierklee schien ihn aufzufordern, er möchte sich doch seine Lage nicht unnötig erschweren. Aber in den Zügen des jungen Anwalts war eine so eisige Gleichgültigkeit, daß der gelbe Kopf mit dem großen Einglas mit leisem Neigen sich einverstanden erklären mußte.

»Ist Ihnen, Angeklagter, denn noch sonst irgend etwas bekannt, eine Tatsache, ein Umstand, dieser oder jener Mensch, der vielleicht zu dem Morde Beziehungen haben könnte? ... Sie sagen, Sie sind nicht der Täter?«

Van Geldern bewegte verneinend den Kopf.

»Geschehen ist die Tat aber, also muß einer der Täter sein! Und ich frage Sie nochmals: Haben Sie von irgendeinem Umstand Kenntnis, der uns einen Fingerzeig geben könnte über die Person des Mörders?«

»Nein, Herr Vorsitzender!«

Hallmann stieß wieder die Luft aus und sah nach der Decke hinauf:

»Ich fühle mich verpflichtet, Angeklagter, Sie hier an dieser Stelle noch einmal zu fragen: Wollen Sie ein Geständnis ablegen? ... Es wäre ja doch möglich, daß Sie die Tat nicht oder nicht nur aus gewinnsüchtigen Absichten begangen hätten ... und ich brauche Sie, als geschickten Verteidiger, wohl nicht darauf hinzuweisen, daß die ganze Beurteilung dieses traurigen Geschehnisses anders wird, wenn Sie jetzt mit einem offenen Geständnis vor das Gericht hintreten.«

Langsam, abgemessen, fast feierlich kam die Antwort:

»Ich bin nicht im Sinne der Kirche gottesgläubig. Aber wie jeder denkende Mensch verehre auch ich ein hohes Wesen, eine Gewalt, die über uns entscheidet. Und bei diesem Glauben an das Unsichtbare, Allumfassende und Allgütige sage ich hier noch einmal und zum letzten Male, daß ich die Tat nicht begangen habe und daß ich nichts von ihr weiß!«

Irgendwo von der Galerie her kam es wie ein schluchzender Laut.

Doktor Malkenthin blickte, wie erschrocken, nach oben. Aber Hallmann kehrte sich daran nicht: »Mit seinem Schöpfer muß sich jeder allein auseinandersetzen, Angeklagter ... Ich habe meine Schuldigkeit getan und habe Sie noch einmal auf die Vorteile hingewiesen, die ein offenes Geständnis bietet!«

Er beugte sich zu den Beisitzern: »Es ist ein Uhr, ich glaube, wir legen am besten jetzt eine Frühstückspause ein. Die Vernehmung des Angeklagten zur Tat ist ja beendet. Nach der Pause kommen wir zu den Zeugen!«

Damit stand er auf und gab das Zeichen für die Richter und die Geschworenen, sich zurückzuziehen.

Der Erste Staatsanwalt, Doktor Malkenthin, blieb im Saal. Er saß eine Weile unschlüssig auf seinem Platz rechts oben beim Fenster und blickte hinauf nach der Galerie, die jetzt auch leer wurde, und sah dann hinüber zu dem Angeklagten. Der erwiderte den Blick. Und nach einigem Zögern stand Doktor Malkenthin auf und kam, die hohe magere Gestalt im Genick etwas gebeugt, langsam zu Paulus van Gelderns Platz.

Der neben dem Angeklagten sitzende Justizwachtmeister trat sofort respektvoll zurück, als der Erste Staatsanwalt den Angeklagten, der sich erhoben hatte, bat, doch wieder Platz zu nehmen. Er hätte nur eine Frage an ihn.

Paulus, der alle im Saal überragte, blieb stehen und neigte sich nur ein wenig zu Doktor Malkenthin, der im Flüsterton sprach: »Ich habe es nicht fertiggekriegt, Herr Rechtsanwalt, Ihnen die dreitausend Mark, die ich Ihnen noch schulde, zurückzugeben. Und ich weiß wohl, daß ich unter diesen Umständen nicht an meinem Platz stehen dürfte. Aber das Eingeständnis dieser meiner Schuld bedeutet meinen Ruin, vielleicht mein Ende.«

Paulus van Geldern lächelte, und ebenso leise wie der, der ihn anklagen sollte, erwiderte er: »Sie sind mir nichts schuldig, Herr Staatsanwalt. Die dreitausend Mark, die ich Ihnen damals mühelos leihen konnte, weil ich sie eben erst gewonnen hatte, von denen ist keine Rede mehr. Ihr Schuldschein ist verbrannt, und aus meinem Munde erfährt niemand etwas. Ich möchte Sie nur um eines bitten: Nehmen Sie es sich ebenso fest vor, wie ich es mir selbst vorgenommen habe, und rühren Sie nie wieder eine Karte an! Im übrigen erwarte ich von Ihnen nichts anderes als Gerechtigkeit!«

Doktor Malkenthin stand noch einige Augenblicke mit gesenktem Kopf. Dann nickte er, wandte sich und ging an seinen Platz.

Zu van Geldern trat eben wieder Doktor Vierklee, der draußen rasch ein Glas Portwein zu seiner Frühstücksschrippe getrunken hatte: »Haben Sie keinen Hunger, lieber Kollege?«

»Nein, aber eine Zigarette möchte ich rauchen!«

»Kann ich Ihnen leider hier nicht vermitteln. Aber wenn Sie drüben in dem kleinen Richterzimmer ...«

Paulus schüttelte den Kopf: »Nein ... keine Vergünstigungen! Ich danke Ihnen. Wieviel Tage werden wir verhandeln, Doktor, was meinen Sie?«

»Eine Woche mindestens!«

»Dann werde ich solange überhaupt nicht rauchen ... ich fiebere nämlich ... aber ich habe ja dann Zeit, mich zu erholen.«

»Sie meinen, daß ...?«

Paulus nickte: »Ja! Jeder Angeklagte muß doch unmittelbar nach seinem Freispruch entlassen werden.«

Doktor Vierklee nahm die sehr große, merkwürdig spitzfingrige Rechte des Angeklagten in seine beiden viel kleineren Hände: »Gott erhalte Ihnen diese Zuversicht! ... Aber ich bitte Sie noch einmal, wenn ich selbst auch unverbrüchlich von Ihrer Unschuld überzeugt bin, seien Sie nicht zu siegessicher! Sie haben, glaube ich, in diesem Saal außer mir keinen Menschen, der Ihr Freund ist!«

»Doch, einen ja!«

Und Paulus van Geldern lächelte wie einer, der aus der tiefsten Hölle mitten unter die jubelnden Engelchöre des Himmels tritt.

*

Die Geschworenen genossen ihr Frühstück im Beratungszimmer. Die drei Richter hatten sich in das Amtszimmer des Landgerichtsdirektors zurückgezogen, und der jüngste von den drei Herren, Landgerichtsrat Ernemann, war hinausgegangen, um auf dem Korridor einen Bekannten zu begrüßen.

So saßen Landgerichtsrat Schnellpfeffer und Hallmann allein, aßen ihre belegten Brote und unterhielten sich. Nicht eigentlich über die Sache selbst.

Hallmann hatte ein jüngst erschienenes Buch in der Hand und zeigte dem Kollegen die fotografischen Abbildungen zu einem Fall, der sehr ähnlich zu liegen schien. Ein stellungsloser junger Mensch hatte seine ehemalige Geliebte ermordet und beraubt. Er hatte die Ergebenheit der Frau benutzt, um der Ahnungslosen eine Schlinge um den Hals zu legen und sie – scheinbar voller Zärtlichkeit – zu erwürgen.

»Die Sache ist ja auch in der Presse breitgetreten worden, es wird da allerlei geredet von abnormen Erregungszuständen, die leidenschaftliche Ausbrüche des Unterbewußtseins hervorrufen... So sollen Mordtaten zustande kommen, die für den logisch Denkenden nichts anderes als Auswirkungen einer widerlichen Habsucht und scheußlichen Geilheit sind ... Ich bin der Überzeugung, daß, wenn sich die Justiz auf diese abschüssige Bahn locken läßt, wenn wir erst einmal damit anfangen, die sogenannten Absenzen, Rauschzustände und was weiß ich sonst, gelten zu lassen, dann – ja, dann ist der Tag nicht mehr fern, wo jeder Halunke ungestraft morden und Verbrechen begehen darf, wie er gerade Lust hat ...

Er sah den Kollegen von der Seite an: »Sie schweigen sich wieder aus, lieber Schnellpfeffer, wie immer in solchen Fällen! Sind Sie etwa auch schon in das Lager dieser Menschheitsbeglücker oder vielmehr: Verderber hinübergewechselt?«

Der andere schüttelte seinen eisgrauen Kopf mit dem verrunzelten, aus erstorbenen Augen blickenden Gesicht. Aber er sprach noch nicht.

»Na, was ist los? ... antworten Sie doch!«

Es schien ihm Mühe zu machen. Endlich sagte er: »Ich beobachte und ich höre. Ich lese. Man muß alles kennen.«

Und schwieg wieder.

»Na ja, aber weiter! ... weiter!«

Der andere sprach, und es klang, als wenn Buchstaben kalt, traurig und trostlos, ohne Hoffnung auf ein Weiterkommen und Erlösen redeten: »Das Menschenleben ist nicht so wichtig, wie viele glauben! Wichtig ist allein der Bestand der Ordnung und der Gerechtigkeit. Die Formen können sich ändern. Der Inhalt nie. Wir Richter sind dazu da, auch die Formen zu bewahren. Der menschlichen Bestie den Beißkorb anzulegen, ohne den sie zum gefährlichen Raubtier wird.«

»Also, Sie meinen, eine Gerechtigkeit im eigentlichen Sinne gibt es nicht?«

»Als Ideal! Als Einbildung! Auch Phantasien sind wichtig. Nur nicht für den Richter, der den erhabenen Begriff der Staatshoheit verkörpert.«

Den Landgerichtsdirektor hatte es, wie so oft in der Gegenwart dieses Mannes, seltsam ergriffen. Er grübelte noch, als sich die Tür auftat und der andere Kollege, Landgerichtsrat Ernemann, eintrat.

Die Frühstückspause war zu Ende, und die Verhandlung begann von neuem.

Hallmann sprach zu dem Justizwachtmeister hinüber: »Die Zeugin Hortense Bernhardi!«

Das blaue Seidenkleidchen mit dem lockigen Kinderkopf darüber schwebte herein und trat an den Zeugentisch. Sie gab ihren Namen an und ihr Alter mit zweiundzwanzig Jahren.

»Sie sind mit dem Angeklagten nicht verwandt oder verschwägert?«

»Nein, Herr Präsident!«

»Also, Sie müssen Ihre Aussagen beeiden. Sie müssen sich überlegen, ob alles das, was Sie hier aussagen, auch wirklich und wahrhaftig wahr ist. Wenn Sie etwas nicht ganz genau wissen, so sagen Sie es nicht. Sie dürfen keinen Augenblick außer acht lassen, daß Sie für eine falsche Aussage, auch wenn Sie sie aus Fahrlässigkeit oder ohne Ihren Willen machen – daß Sie dafür bestraft werden ... Haben Sie mich verstanden?«

»Ja, Herr Präsident!«

Die Kleine sah mit ihren großen blauen Augen voller Andacht zu dem mächtigen Manne hinauf.

»Also erheben Sie die rechte Hand ... Sie wollen doch den Eid in religiöser Form ablegen?«

»Ja, Herr Präsident!«

Herr Hallmann stand auf, und mit ihm erhoben sich alle, die in dem großen schweigenden Saal saßen.

»Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich nach bestem Wissen die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde – so wahr mir Gott helfe!«

Und mit einer Kinderstimme, Wort für Wort wiederholte die Zeugin die Eidesformel.

»Was können Sie nun zur Sache selbst aussagen?«

»Ich ... ich war die Freundin ... ich war Martha Streckaus' beste Freundin ...«

Der Vorsitzende nickte: »Weiter!«

Die kleine Frau atmete tief: »Ja ... ich ... ich ... sie hat mir erzählt, wie er sie gequält hat ...«

»Was hat sie Ihnen erzählt? Wer hat wen gequält?«

»Der Angeklagte ... van Geldern ... geschlagen hat er sie und mit dem Tode bedroht!«

»Haben Sie das selbst gehört?« fragte der Vorsitzende.

»Nein. Aber Martha hat's immer wieder gesagt.«

»Aus eigener Wissenschaft können Sie nichts bekunden?«

Ängstlich hob Hortense ihre runden weißen Schultern.

»Waren Sie manchmal mit beiden Eheleuten zusammen?«

Hortense nickte. In ihren Kinderaugen schimmerte eine Träne.

»Sie brauchen sich nicht zu ängstigen hier. Es tut Ihnen ja niemand etwas. Wir müssen nur Unterschiede machen zwischen dem, was jemand von anderen erfahren und was er selbst erlebt hat. Nur das letztere ist wesentlich für den Prozeß.«

Die Blonde nickte hilflos.

»Also, daß der Angeklagte seine Frau mißhandelt, geschlagen oder beschimpft hat, das haben Sie selbst nicht miterlebt?«

Hortense schüttelte den Kopf.

»Dann setzen Sie sich bitte!«

Verzweifelt, daß sie so gar nichts hätte beitragen können, ihrer toten Freundin zu Recht und Rache zu verhelfen, huschte sie davon.

»Die Zeugin Minna Müller!«

Aber in dem Augenblick, als eine untersetzte Frau mit starken Hüften und hartem Mannsgesicht in den Raum trat, erhob sich Doktor Joachim Vierklee, baute sich vor dem Richtertisch auf und erklärte: »Ich muß Sie, Herr Vorsitzender, leider bitten, wiederum eine Pause eintreten zu lassen. Und ich fürchte sogar, daß wir für heute die Verhandlung nicht werden fortführen können. Mein Mandant ist von einem schweren Unwohlsein befallen worden.«

Hallmann erhob sich aus dem Sessel, blickte zu van Geldern hin, der in seinem Stuhl zusammengesunken, mit aschfahlem Gesicht teilnahmslos saß.

»Was haben Sie, Angeklagter? Was ist los?«

Paulus erhob sich mit sichtlicher Mühe: »Ich habe Fieber, Herr Vorsitzender.«

Und Vierklee vervollständigte die Erklärung: »Mein Mandant war, wie dem Gericht aus den Akten bekannt sein dürfte, beinahe drei Jahre Offizier im Kriege. Er war in der Türkei, in Mazedonien und hat dort schwer an Malariafieber gelitten. Nun hat er jetzt eben erst eine schwere Grippe überstanden. Und hat sich nur aufgerafft, um die Verhandlung zu ermöglichen.«

Hallmann ersuchte Professor Grolly mit einer höflichen Geste, und dieser bemühte sich sogleich um den sichtlich Leidenden.

Er wandte sich bald an den Vorsitzenden: »Ich kann schon nach oberflächlicher Untersuchung sagen, daß das Gericht heute die Verhandlung nicht wird fortsetzen können. Der Fieberanfall ist, das zeigt der Puls und der kollapsähnliche Niederbruch des Patienten, außerordentlich heftig. Wie mir der Angeklagte mitteilte, bekämpft er das Leiden schon seit drei Tagen durch starke Dosen Chinin. Und ich würde es für sehr bedenklich halten, den Patienten auch nur für kurze Zeit noch anzustrengen. Außerdem möchte ich bezweifeln, daß der Angeklagte noch verhandlungsfähig ist!«

Der Vorsitzende erhob sich. Er konnte eine leichte Verärgerung nicht ganz unterdrücken.

»Wir brechen die Verhandlung ab!« Und zu van Geldern: »Ich denke doch, daß wir Montag werden fortfahren können?«

Der sah den Fragenden mit verlorenem Blick an. Dann nickte er. Stand auf, sagte mit einem gurgelnden Ton: »Ich bitte ... Wasser ...« und brach neben seinem Stuhl zusammen.

Der Anwalt und die Gerichtsbeamten sprangen hinzu. Man hob den Ohnmächtigen auf und trug ihn hinaus. Zögernd verließ das Publikum den Schwurgerichtssaal.

Am Richtertisch, den die Geschworenen und Beisitzer schon verlassen hatten, stand der Landgerichtsdirektor zusammen mit Doktor Vierklee.

Hallmanns Gesicht hatte den Ausdruck des großen Richters verloren. Ein Mensch wollte sich rechtfertigen, der von einem anderen nicht mehr verstanden wurde.

»Sie wissen, Herr Rechtsanwalt, daß ich im allgemeinen durchaus kein drakonischer Richter bin! Der leidende Mitmensch ist, auch wenn er schuldig ist, für mich Gegenstand des Mitgefühls. Aber Ihr Klient hat nach meiner Empfindung wenig Anspruch darauf.«

»Mir ist offengestanden Ihr ausnehmend schroffes Vorgehen in diesem Fall völlig unverständlich, Herr Landgerichtsdirektor.«

Hallmann zögerte. Endlich sagte er, und unter seinen Worten spürte Vierklee merkwürdig fremde Erregung: »Wenn Mann gegen Mann kämpft, meinetwegen auch in verbrecherischer Weise, so kann ich das begreifen! Aber ein Mann gegen ein Weib ... eine Frau, die ihn obendrein liebt, und wenn sie zehnmal zänkisch und eifersüchtig ist – nein! Ich habe, als ich jung war, eine Verwandte gehabt, ein Mädchen von achtzehn Jahren, das ich gern hätte heiraten wollen. Sie wurde nachts auf dem Heimwege von ebensolchem Schurken ermordet ... in einer bestialischen Weise zugerichtet und zerfetzt. Und wenn ich zehnmal Richter bin und meine Pflicht wohl kenne, unparteiisch und gerecht zu urteilen, wenn ich auch weiß und es mir immer wieder vornehme, mich nicht durch menschliche und persönliche Einflüsse bestimmen zu lassen – über das komme ich nicht hinweg! Ein Mann, der eine Frau ermordet und ihr, wie hier, dabei Liebe vorheuchelt, der findet bei mir kein Erbarmen!«

Der große, starkgliedrige Mann wandte sich mit den letzten Worten ab. Seine Stimme hatte etwas Dunkles und Ungewisses, als er hinzusetzte: »Aber freilich! Der Verdacht, eine solche Untat begangen zu haben, genügt nicht. Die Tat muß dem Angeklagten auch bewiesen werden!«

Es schien, als wollte Hallmann noch mehr sagen. Doch plötzlich, als habe er schon zuviel gesprochen, verabschiedete er sich.

Vierklee blieb mit verkniffenen Lippen stehen. Ausgerechnet! dachte er. Ausgerechnet! Und es war kein Zufall, daß er sich plötzlich an die Worte Hans Lerses erinnerte: Ich würde keine Mark wetten, daß Sie den Mann frei kriegen!

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