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Strafsache van Geldern

Hans Hyan: Strafsache van Geldern - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleStrafsache van Geldern
publisherIm Deutschen Verlag Berlin
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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2

Sie behaupten also, Angeklagter, daß Sie nach diesem Zank das Haus verlassen, dann ein Auto genommen hätten und ... na, erzählen Sie uns mal selber, was Sie nun gemacht haben!«

»Ich habe, wie Sie, Herr Vorsitzender, eben sagten, eine Autodroschke genommen und bin ziellos umhergefahren.«

»Was heißt ziellos?«

»Ich habe erst eine Adresse angegeben, und als der Wagen dort hielt, eine andere und so weiter. Ich weiß nicht, wie oft, auch nicht, wohin ich gefahren bin ... das weiß ich in der Tat nicht!«

»So! – Also Sie wissen nichts davon? ... Ja, das ist schlimm für Sie ... und das schlimmste ist, daß außer Ihnen auch niemand etwas davon weiß! Das Gericht ebensowenig wie Ihr eigener Anwalt. Wir haben uns alle Mühe gegeben, den Schofför herauszufinden, mit dem Sie damals gefahren sind.«

»Der Mann kann Berlin inzwischen verlassen haben ... er kann krank sein ... am Ende lebt er nicht mehr!«

»Und was kam nachher? Was taten Sie dann? ... Wo sind Sie damals ausgestiegen aus dem Auto, das Sie benutzten?«

Van Geldern hob die Schultern: »Ich kann mich nicht mehr entsinnen. Es ist, als ob über diese Stunde sich ein dichter Schleier gelagert hätte ... Ich weiß nur, daß ich vorher schon einmal ausgestiegen bin und, wie es leider meine Gewohnheit ist, wenn derartige Aufregungen über mich kommen, in einem Café am Bayrischen Platz eine Anzahl großer Kognaks getrunken habe.«

»Sie trinken im allgemeinen nicht?«

»Nein, sehr selten.«

»Aber an diesem Tage? Warum tranken Sie denn ... so unmäßig?«

Wieder die hebende Bewegung der Achseln und jener Blick aus den Augen van Gelderns, der über Menschen und Raum hinweg oder durch sie hindurch sehen zu wollen schien: »Ich kann es nicht sagen ... nein, und ich glaube, das weiß niemand, warum in solchen Momenten ein wahnsinniger Durst nach Alkohol den Menschen überfällt ... Richtig besinnen kann ich mich erst wieder auf alles von dem Augenblick an, wo ich in Westend war und in die Villa getreten bin.«

»Sie waren doch mit dem Auto nach Berlin und in Berlin hin und her gefahren?«

Der Angeschuldigte nickte: »Ganz recht, Herr Vorsitzender ...«

»Na, wie sind Sie denn wieder nach Westend gekommen? ... Daran müssen Sie sich doch wenigstens erinnern!«

»Ich weiß es aber nicht, Herr Landgerichtsdirektor! ... Und ich kann nur das sagen, was ich weiß!«

»Sicherlich! ... Sie wissen aber leider recht wenig! ... Also Sie kamen in die Villa. Wir werden ja später einen Termin am Tatort abhalten müssen. Aber ich habe mir inzwischen die Umgebung schon einmal persönlich angesehen und kann Ihnen daher gut folgen, wenn Sie mir nun erzählen wollen, was alles und wie es sich von da an, ich meine, als Sie wieder zu Hause waren, was sich da nun abgespielt hat?«

Der Angeklagte richtete sich mit einem tiefen Atemholen auf: »Ich öffnete das unverschlossene Gitter und ging durch den Vorgarten die Verandatreppe hinauf, um durch das Eßzimmer, dessen Türen zum Balkon weit offen standen, in mein Studio zu kommen ...«

»Sie meinen Ihr Arbeitszimmer?«

Paulus sah den Vorsitzenden groß und mit leerem Blick an: »Ja ... ich meine mein Arbeitszimmer ... Dabei mußte ich durch den kleinen Salon, den meine Frau bewohnt. Und da –«

Paulus ließ den Kopf sinken, ein Zittern lief über seinen Körper. Er mußte wiederholt zum Sprechen ansetzen, bis es ihm gelang:

»Meine Frau ... hatte eine so merkwürdige Vorliebe für Kissen und Polster ... alles lag voll davon in ihren Zimmern ...« Er stockte. »Aber das ist ja ... nur ... wie ich eintrat, da lag sie auf einem Berg von Kissen ...«

Der Angeklagte atmete zwischen jedem Wort tief und schwer: »... mit dem Gesicht auf dem linken Arm, die rechte Hand seitwärts fortgestreckt, so lag sie da ... Die Knie waren unter dem Leib angezogen ...«

Totenstille.

»Ja«, sagte der Vorsitzende, die Luft gewaltsam aus dem offenen Munde stoßend, »ja, das stimmt alles, nur – war, die da so merkwürdig am Boden lag, erstochen! Warum sagen Sie denn davon nichts, Angeklagter?«

»Ich kann nicht alles auf einmal sagen, Herr Landgerichtsdirektor. Zu dem, was Sie meinen, komme ich noch ... übrigens würden Sie es mir am meisten verargen, wenn ich jetzt hier ganz unbewegt meine damaligen Eindrücke schildern würde.«

»Ach so, Sie meinen: wird der Angeklagte rot, ist er schuldig, weil er ein schlechtes Gewissen hat – bleibt er blaß, ist er erst recht schuldig, weil alles von ihm abprallt! ... Nein, Angeklagter, so ist das nun nicht! Wenigstens da nicht, wo ich verhandle! Das Gericht und die Geschworenen empfangen – das dürfen Sie mir gern glauben – die richtigen Eindrücke schon und werden sie auch entsprechend verwerten!«

Bei diesen Worten bekam van Gelderns Gesicht etwas unglaublich Starres. »Ich habe den Eindruck, Herr Vorsitzender«, entgegnete er, »daß Sie selbst mein Urteil schon gesprochen haben. Wenn diese Verhandlung so weiter geführt wird, werde ich auf keine Frage mehr antworten!«

Doktor Vierklee erhob sich, trat an den Angeklagten heran und legte ihm, leise zuredend, die Hand auf die Schulter. Dann wandte er sich zu dem Vorsitzenden und sah ihn ohne ein Wort ruhig und ernst an.

Aber Hallmann sprach, als sei gar nichts vorgefallen, leise zu dem Landgerichtsrat Schnellpfeffer, um dann mit einer kurzen Wendung zu van Geldern in der Verhandlung fortzufahren:

»Ich möchte jetzt die vom Tatort und von der Leiche der Ermordeten aufgenommenen Fotografien bei den Geschworenen zirkulieren lassen.«

Vierklee erhob sich: »Ich widerspreche dieser Anordnung des Herrn Vorsitzenden auf das entschiedenste! Selbstverständlich kann die Staatsanwaltschaft und das Gericht das von Ihnen beigebrachte Material im Sinne der Anklage verwerten. Aber einer guten Gepflogenheit zufolge geschieht das meist nach der Zeugenvernehmung. Jetzt, in diesem Stadium, die Geschworenen schon mit den furchtbaren Eindrücken der Fotogramme zu belasten, heißt, ihre psychische Einstellung aufs ärgste beeinflussen ... und das erscheint mir nicht zulässig. Ich widerspreche dem also nochmals!«

»Ob meine Maßnahmen zulässig oder unzulässig sind, darüber bestimmen nicht Sie, Herr Rechtsanwalt! ... Um aber jeder Schwierigkeit aus dem Wege zu gehen, werde ich einen Gerichtsbeschluß herbeiführen.«

Das Gericht verschwand im Beratungszimmer. Der Staatsanwalt machte sich eifrig Notizen. Nach einer kurzen Weile kehrten die Herren zurück und verkündeten durch den Mund des Vorsitzenden: »Das Gericht hat beschlossen, da die Anordnung, den Geschworenen schon jetzt die Mord-Fotogramme zur Kenntnis zu bringen, durchaus innerhalb der Kompetenz des Verhandlungsleiters liegt, daß die Fotografien nunmehr zirkulieren sollen.«

Vierklee setzte sich, sprach leise mit dem Angeklagten: »Werden Sie nicht unruhig, lieber Kollege, und zeigen Sie ja keine Ängstlichkeit. Dieser merkwürdige Mann, der übrigens sonst ein Kind an Gutherzigkeit ist, muß irgendeinen ganz sonderbaren Komplex in bezug auf Ihre Sache haben. Wir müssen jedenfalls damit rechnen, daß Hallmann Ihnen nichts schenken wird.«

Paulus nickte mehrmals in ruhiger Bejahung:

»Ich fürchte mich nicht, Herr Doktor. Ich kenne den Herrn Landgerichtsdirektor und weiß, daß er letzten Endes ein untadeliger Richter ist.«

Die Stimme des Vorsitzenden kam wieder:

»Sie riefen nun die Dienstmädchen, Angeklagter, nicht wahr? ... Oder nein, wir wollen erst mal über die Waffe sprechen ... hier, bitte!«

Der Landgerichtsdirektor winkte einem der beiden Justizwachtmeister und ließ sich von dem Tisch neben der grünen Richtertafel, auf dem die Asservate lagen, ein Schwedenmesser reichen.

»Hier, Angeklagter, sehen Sie sich das Ding mal an! Sie werden nicht bestreiten können, daß die Waffe Ihr Eigentum ist?«

»Ich habe keine Veranlassung, Herr Vorsitzender, etwas zu bestreiten, was der Wahrheit entspricht. Der kleine Dolch ist oder er war vielmehr mein Eigentum bis ein paar Wochen vor dem Unglück. Ich habe ihn mir seinerzeit aus Kopenhagen mitgebracht, hatte ihn auf meinem Schreibtisch liegen, ohne mehr daran zu denken; bis ihn am einunddreißigsten Mai – an dem Tage ist mein Geburtstag – meine Frau zufällig nahm, einen Brief damit aufschneiden wollte und mich bat, ich sollte ihn ihr doch schenken. Was ich natürlich tat.«

»Natürlich! ... Was könnte man auch für eine plausiblere Erklärung dafür finden, daß sich die Waffe zufällig in Reichweite des Mörders befand, als Ihre Frau erstochen wurde ... Wir werden uns nunmehr mit dem Vorgang des Mordes eingehender zu beschäftigen haben ... Wie ich glaube, haben Sie, Herr Staatsanwalt«, Hallmann sah zu Doktor Malkenthin hinüber, »den Wunsch, für diesen Teil der Verhandlung die Öffentlichkeit auszuschließen?«

Doktor Malkenthin erhob sich:

»Ich beantrage Ausschluß der Öffentlichkeit für die ganze Dauer der Verhandlung.«

Eine Bewegung, die Hallmann machte, zeigte, daß er seinen Vorschlag so weitgehend nicht verstanden wissen wollte. Aber dann erhob er sich mit seinem gewohnten Achselzucken, und das Neun-Männer-Kollegium verließ den Saal, kam nach dieser kurzen Förmlichkeit sofort zurück und verkündete:

»Die Öffentlichkeit ist vorläufig wegen Gefährdung der Sittlichkeit ausgeschlossen!«

Bei aller Angst vor der Strenge des Vorsitzenden lief der Widerspruch des Publikums murrend durch den Raum. Hallmann schlug mit der flachen Hand auf den Tisch:

»Ein bißchen schnell, Herrschaften! Oder sollen die Justizwachtmeister erst ihres Amtes walten?«

Nun leerten sich die Räume rasch. Die Presse blieb im Saal.

Auf dem breiten Korridor vor dem großen Schwurgerichtssaal in der ersten Etage des gewaltigen Stiegenhauses war durch Schranken ein großer Raum abgeschlossen, in dem sich die Prozeßbeteiligten aufhielten; rechts und links in diesem Abschnitt waren Bänke für die Zeugen aufgestellt. Eine merkwürdige Gesellschaft, beinahe durchweg elegant und modern, wenigstens in ihrer Kleidung. Gute und schlechte Parfüme und ein nicht zu lautes, hastiges Getuschel und Geraune erfüllten den Raum. Über all diesen Menschen lag der schwer zu bestimmende Hauch jener Grenzregion, in der man nicht weiß, ob man jemandem freimütig die Hand entgegenstrecken oder sie besser in der Tasche lassen soll.

Eine kleine, blonde, grell geschminkte Frau, die so hübsch war, daß sie diese Malerei gut hätte entbehren können, in zartblauer Seide wie in einer lichten Wolke schwebend, stand neben einem blonden Riesen und sprach mit großer Heftigkeit auf ein Mädchen mit kupferrotem Lockenkopf ein.

»Ihr wißt doch, ich war Marthas beste Freundin! Mir hat sie alles gesagt!«

Die Kleine in Blau preßte die schmalen Hände beteuernd an die Brust:

»Niemand weiß so genau Bescheid wie ich mit der ganzen Geschichte! Noch zwei Tage vorher war sie bei mir! Da hat sie mir gesagt: Hortense, sagt sie, er schlägt mich sicher noch tot. Es vergeht kein Tag, wo er mir nicht droht, daß er mich umbringen will!«

Die rote Loni, eine Wienerin, die es von der einfachen Maniküre in einem Jahr zur »großen Frau« gebracht hatte, die bei der Auswahl ihrer Liebhaber das Flugwesen bevorzugte und selbst in tadellosem Looping durch den Äther schoß, sah ihre kleine blonde Freundin lächelnd an:

»Aber geh, Hortense! Der Paulus, den kenn' mir besser! Da kannst uns nix erzählen! Der tuat doch kan Kinderl net weh ... Und die Martha? ... Wenn die net was zerbrechen und zerschlagen hat können oder wen was an' Schädel schmeiß'n, dann war's ihr do net wohl ...«

Die schwarzen Augen suchten Zustimmung bei dem blonden Gert, der aber in seiner fabelhaften Pomadigkeit lehnte jedes Urteil ab:

»Es ist alles nicht so wichtig, Kinder! Wichtig ist, wo wir nachher frühstücken werden, und wer heute abend mit mir ausgeht!«

Die Damen lachten, und auf ihr Gelächter kamen zwei Herren von der anderen Seite her. Der eine, ein berüchtigter Spieler, lang, schmal, hektisch, mit den Allüren des Grandseigneurs, und sein Freund, ein bekannter Herrenreiter, der auch schon in einem Spielerprozeß nur mit Mühe an der Anklagebank vorbeigeglitten war. Der lachte mit viel zu breitem Munde und flinkernden Augen:

»Zu dumm, den armen Kerl hier auszustellen wie eine Panoptikumfigur! Ich kenne van Geldern! Wenn der den Mord begangen hat, dann heiße ich Matz!«

»Und wie heißt du wirklich!« fragte die rote Loni.

Alle lachten.

»Das sage ich nicht! Du kriegst es fertig und nennst mich laut beim Vornamen!«

Der lange Hasardeur schüttelte mißbilligend den Kopf:

»Mir scheint, es ist nicht der Augenblick, um Witze zu reißen ... da kämpft ein Mensch um sein Leben und um seine Ehre. Ich wünschte, ich könnte etwas für Paulus van Geldern tun. Mir scheint, der arme Junge hat eine schlechte Karte in der Hand ... er wird das Spiel hinwerfen müssen!«

»Seht ihr, das sage ich auch!« Hortense Bernhardi fuchtelte mit ihren weißen Kinderarmen in der Luft. »Und es ist ihm ganz recht! ... Meine arme Martha!« Das süße Gesichtchen schluchzte plötzlich laut auf.

Plötzlich kamen zwei ganz in Weiß gekleidete Frauen, einander sehr ähnlich, weshalb man sie auch »die Zwillinge« getauft hatte, mit allen Gesten einer großen schrecklichen Neuigkeit herüber, und sofort verbreitete sich die Kunde, die schon durch die geschlossenen Türen des Schwurgerichtssaales gedrungen war: wie und unter was für grausigen Umständen Martha Streckaus ermordet wurde. Sie steckten alle die Köpfe zusammen, wisperten.

»Ja«, flüsterte die eine der beiden duftig hellen »Zwillinge«, »auf dem rechten Arm hat sie gelegen mit dem Gesicht ...«

Sie sprach französisch weiter ... Leise Schreie ertönten, als sei die Schlußnote eines grellen, herzzerreißenden Musikstücks aufgeklungen und schwinge zitternd im Raum. Aus der Höhe der Riesenfenster goß die Sonne einen Schwall von Licht in das Stiegenhaus. Da war es, als trüge jedes Sonnenstäubchen diese entsetzliche Mär von dem Mord, den der Gatte an seiner eigenen Frau verübt haben sollte.

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