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Strafsache van Geldern

Hans Hyan: Strafsache van Geldern - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleStrafsache van Geldern
publisherIm Deutschen Verlag Berlin
yearo.J.
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20

Punkt sieben Uhr in der Frühe stand Lerses Wagen in der Kaiser-Friedrich-Straße vor dem Hause, in dem Greta Heerström wohnte. Der Journalist wollte dem Mädchen keine Gelegenheit und Zeit lassen, Unklugheiten zu begehen. Man mußte sie fest in der Hand halten bis zum Schluß des letzten Aktes in diesem Drama.

Ein Blick in die Morgenblätter – Hans Lerse überflog noch im Bett zehn Zeitungen – hatte ihn beruhigt. Noch keine Zeitung brachte etwas von der neuen Wendung, die die Mordsache hinter den Kulissen genommen hatte. Dann hatte er im Präsidium angerufen und den Kommissar vom Dienst verlangt.

Dammann selbst war am Apparat.

»Haben Sie etwas, lieber Polizeimensch?«

»Nein, Sie Pressemann, nicht das geringste!«

»Sind Sie pünktlich in Moabit, Dammann!«

»Noch früher ... wird er denn dasein?«

»Ich denke doch! ...«

»Na, auf jeden Fall werden wir uns energisch nach ihm umsehen!«

»Ja«, sagte Lerse. Es klang etwas gedehnt. »Im übrigen gibt heute Professor Grolly sein Gutachten ab, was immer interessiert ...«

»Mich nicht! Wilde Männer haben wir auf der Polizei genug. Und darauf kommt's doch raus, wenn die Wissenschaft jeden Halunken für geisteskrank erklärt ...«

»... van Geldern ist jedenfalls zurechnungsfähig!«

Der Kommissar lachte: »Das meine ich auch ... und Sie sind nach wie vor der Ansicht, daß er unschuldig ist?«

Hans Lerse brummte etwas Unverständliches, und Dammann meinte: »Mann, schlafen Sie sich man erst richtig aus, Sie sind noch 'n bißchen von gestern! ... Wiedersehen! ... nachher in Moabit!«

Lerse hängte gern an. Hier war nichts zu holen. Er war ja schon weiter als die Polizei. Was ihn augenblicklich interessierte, war die Rolle der blonden Lula. Daß sie den Schmuck der Streckaus ganz oder wenigstens teilweise zu Schleich hingetragen hatte, daran war kaum zu zweifeln. Aber sie brauchte ja nicht gewußt zu haben, daß die Stücke aus einem Mordverbrechen und sogar von der getöteten Modistin selbst herrührten. Lula hatte zweifellos Martha Streckaus bei deren Lebzeiten gekannt, hatte sie besucht, vielleicht auch schon damals Kostbarkeiten an sie verkauft. Aber war das ein Beweis für ihre Mitwisserschaft beim Morde selbst? ... Nein! Diese Luise Ocker war so ausgesprochen dumm, daß sie alles glaubte, besonders wenn ein Mann wie der Fürst sie beherrschte. Bavaridze gehörte offenbar zu jenen geheimnisvollen Juwelenräubern, die Jahre und Jahre stehlen und nicht entdeckt werden. Luise Ocker war höchstens drei Monate mit ihm liiert, konnte also für den Mord nicht in Anspruch genommen werden.

Hans Lerse stieg vom Führersitz und eilte die vier Treppen hinauf zur Wohnung der Heerströms. Er hatte schon gefürchtet, daß die Damen noch schlafen würden.

Aber Greta war schon fertig angezogen.

Die Freude über Lerses Kommen stand in ihrem Gesicht.

Sie schüttelte ihm die Hand und war bereit, sofort mitzufahren.

»Ich selbst habe noch nicht gefrühstückt und Sie in Ihrer begreiflichen Aufregung wahrscheinlich auch nicht. Wir wollen in ein Café fahren und das Versäumte in aller Gemächlichkeit nachholen. Vor neun Uhr fängt Hallmann auf keinen Fall an, und wenn wir zwei früher erscheinen und der Knochen, den wir einpflanzen wollen, fällt auf –«

Greta, der wahrhaftig nicht zum Lachen war, blickte den Journalisten belustigt an.

»Das ist 'n Fachausdruck, gnädiges Fräulein. Den Knochen einpflanzen, heißt eigentlich: Verdacht schöpfen und mit der Beobachtung des Verdächtigen beginnen.«

Sie fuhren nach den Linden und frühstückten in einem eleganten Lokal so reichlich, daß sie es den Tag über aushalten konnten.

Als sie wieder in den Wagen steigen wollten, kaufte der Journalist für Greta einen großen Veilchenstrauß, den sie erfreut an ihre Brust steckte.

»Das sind Blumen, die mir immer Glück gebracht haben! ... Es sind mir die liebsten von allen ... ich bin Ihnen wirklich dankbar dafür, lieber Herr Lerse.«

Er lüftete mit komischer Feierlichkeit seinen Hut: »Das wenigste, was ich im Dienst meiner Dame tun konnte!«

Er freute sich, wie es ihm gelang, das Mädchen über die Zeit bis neun Uhr hinwegzubringen.

Hundert Schritt vor dem Portal des Gerichtsgebäudes stieg Greta aus. Sie wollten nicht zusammen in den Gerichtssaal kommen. Als sie eintrat, sprach Lerse eifrig mit Bierklee, und der Anwalt machte, was bei ihm wohl nicht häufig vorkam, erstaunte Augen. Er sah dann zu der eintretenden Greta hin und begrüßte sie mit einem leichten Neigen seines gelben, glatten Kopfes. Das Monokel blitzte wie ein großer Diamant.

Hallmann trat ein mit den beiden Landgerichtsraten, denen die Geschworenen auf dem Fuße folgten.

»Sind die Zeugen vollzählig erschienen, Herr Justizwachtmeister?«

»Jawoll, Herr Landgerichtsdirektor!«

»Dann beginnen wir mit der Vernehmung der Sachverständigen ... Und zwar wollte ich zuerst Herrn Doktor Haller hören, der seinerzeit die Leiche der Ermordeten obduziert hat. Das müssen wir leider hintanstellen, da Doktor Haller eben jetzt ein anderes Gutachten abgibt – auch in einer Mordsache – – Also darf ich zuerst um Ihr Gutachten bitten, Herr Professor Grolly?«

Der Gutachter nickte und trat vor, legte seine Akten auf das Stehpult vor dem Richtertisch und wollte beginnen.

Da hob Hallmann leicht die Hand: »Einen Augenblick noch, Herr Professor. Ich habe gestern eine kleine prozessuale Unterlassungssünde begangen. Ich habe die Zeugin Luise Ocker – die Zeugin ist doch zur Stelle? ... Fräulein Ocker!«

Die Blonde, die auf der ersten Zeugenbank saß, erhob sich schüchtern und sagte unhörbar: »Hier!«

»Na, warum melden Sie sich denn nicht? Sagen Sie doch laut und deutlich: ja! ... Also ich wollte Ihnen sagen ... treten Sie vor, bitte! Hierher!«

Lula kam an den Gerichtstisch.

»Ich habe es gestern unterlassen, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie ein Zeugenverweigerungsrecht besitzen – wenn Sie nämlich entgegen Ihrer Aussage doch seinerzeit Schmucksachen an die getötete Frau Martha Streckaus verkauft haben und wenn Sie wußten, daß diese Schmucksachen auf verbrecherische Weise erworben waren, in solchem Fall, aber nur dann, sind Sie berechtigt, Ihr Zeugnis zu verweigern, weil Sie fürchten müssen, sich durch Ihre Aussage strafbar zu machen. Und deshalb frage ich Sie noch einmal, ohne Rücksicht auf Ihre gestrige Bekundung: Wollen Sie bei der Aussage verbleiben, die Sie unter Ihrem Eid gemacht haben?«

Die Blonde sah den Vorsitzenden ratlos an.

»Na, so antworten Sie doch!«

»Ich habe ja gesagt, Herr Vorsitzender.«

»Ich habe nichts gehört ... Also Sie wollen Ihre Aussage von gestern hiermit bestätigen?« ... Er hob warnend den Finger: »Und Sie sind sich klar, welche Folgen eine falsche eidliche Aussage für Sie haben würde?«

»Ja, Herr Vorsitzender.«

»Na, darum brauchen Sie doch nicht zu weinen!«

»Ich weine ja auch nicht, Herr Vorsitzender ... ich bin nur so empfindlich.«

»Dann setzen Sie sich«, sagte Hallmann gutmütig.

Vier Augenpaare hatten jede Bewegung der Zeugin mit wahrer Inbrunst verfolgt. Und diese vier suchten ununterbrochen den Schwurgerichtssaal nach ein und demselben Menschen ab.

Professor Grolly schlug seine gelbe Mappe auf. Hielt aber, sich umschauend, abermals inne, denn hinter ihm kam Bewegung in die Zuschauer.

Ein großer Herr, von dessen hellem Anzug ein dunkler Kopf mit lackschwarzem Haar grell abstach, war in den Saal getreten, hatte seine Karte an der Tür dem Schupo vorgewiesen und drängte sich nun, ohne Rücksicht auf die Sitzenden, nach vorn zur ersten Reihe hindurch.

Der Vorsitzende sah unwillig hinüber. Aber der Störer hatte schon Platz genommen, und Professor Grolly konnte beginnen.

Er sprach zu seinen Bemühungen, dem Angeklagten innerlich näherzukommen. Diese seien lange Zeit ohne Erfolg geblieben. Van Geldern habe sich ebenso gegen die Zumutung, ein Verbrechen verübt zu haben, wie gegen jede Zumutung eines geistigen Defekts gesträubt. Allmählich wäre er, der Gelehrte, dann vertrauter mit dem Angeschuldigten geworden. Und es hätte sich in der letzten Zeit der Untersuchungshaft ein durchaus freundliches Verhältnis zwischen van Geldern und ihm herausgebildet. Er habe die Verpflichtung gefühlt, den Angeklagten nicht nur einmal, sondern häufiger zu besuchen.

»Körperlich«, meinte der Gelehrte, »habe ich trotz eingehender Untersuchungen nichts an dem Angeklagten feststellen können, was auf irgendeine Anomalie, ein gestörtes Geistes- oder Seelenleben hinwiese. Im Gegenteil: van Geldern ist, abgesehen von seinen Malariaanfällen, der Prototyp der Gesundheit, ebenso körperlich wie geistig. Über seine Erbmasse hat er mir Angaben gemacht, die zuerst Bedenken in mir hervorriefen. Seinen Vater schildert er mit aller Rücksicht als Trinker, und er selbst sagt von sich –«

Der Gutachter wurde unterbrochen. Greta Heerström hatte sich beim Eintritt des Fürsten Bavaridze umgedreht und beobachtet, daß er sich dicht hinter der Balustrade, ganz in der Nähe von Lula de la Rocca, niederließ.

Es war unsäglich schwer, sich nicht fortgesetzt nach ihm umzusehen. Man durfte den Russen jetzt nicht mehr aus den Augen verlieren. Aber Greta saß zu nahe bei Luise Ocker, die ohnehin schon argwöhnisch war. Sie wußte natürlich, wer Greta Heerström war. Und ihre beobachtenden Blicke gestern im Zeugenraum hatten sie mißtrauisch gemacht. Jetzt spürte sie, daß Greta ihrem Geliebten eine merkwürdige, erregte Aufmerksamkeit widmete.

Lula lehnte sich in der Zeugenbank zurück und flüsterte seitwärts über die Schulter ihrem Freunde zu:

»Vorsicht!«

Greta hörte es deutlich. Sie machte eine auffällige Bewegung.

Der Russe zog gerade sein Schnupftuch aus der Hosentasche, als Lulas Warnruf ihn erreichte. Die Bewegung seiner Hand fiel zu heftig aus. Im nächsten Augenblick klirrte etwas auf dem Boden. Greta fuhr zusammen. Sie beugte sich zurück, konnte aber den Gegenstand, der gefallen war, weder sehen noch erreichen. Ein neben dem Kaukasier sitzender Herr hob ihn auf und wollte ihn dem Fürsten übergeben.

In diesem Augenblick warf sich der links neben Lula sitzende Mann – es war der Kriminalassistent Rothe – mit seinem ganzen Körper rückwärts über die Banklehne und griff mit beiden Händen nach der Uhr, die dem schwarzhaarigen Herrn aus der Tasche gefallen war.

Wie ein Stück Wild, dessen Nase die Witterung des Wolfes trifft, war der Fürst von seinem Platz hoch und mit einem gewaltigen Satz mitten zwischen den Zuschauern.

Aber hier fing er sich im Knäuel der entsetzt aufspringenden Menschen. Er riß seine Pistole aus der Brusttasche und zielte auf die Menge, die schreiend zurückwich. So kam er der hinteren Ausgangstür näher. Einer von den dort postierten Schupos sprang mit Todesverachtung vorwärts. Der Russe schoß. Die Kugel schlug in die Wand. Er schoß wieder und hatte Ladehemmung. Da schleuderte er dem Beamten, der schon die Arme nach ihm ausstreckte, die Waffe ins Gesicht.

Das geschah alles mit rasender Schnelligkeit. Aus dem Hintergrund drängten sich, zwischen Männern und Frauen hindurch, die Schupos vorwärts. Von der Schranke her stürzte der Assistent Rothe auf den Russen. Aber der schlug jetzt mit einem langen Tscherkessendolch um sich, schaffte sich Raum und sprang plötzlich über die Barriere in den Gerichtssaal.

Menschen rannten auf ihn los. Einer hinderte den anderen. Rothe war dicht hinter dem Flüchtigen. Da warf sich der Russe überraschend mit voller Wucht gegen den Justizwachtmeister, der wie ein Ball beiseiteflog. Der Verbrecher riß die Tür auf.

Die Schupos draußen versuchten ihn aufzufangen. Aber der Anprall kam zu plötzlich.

Sie rannten ihm nach. Der Russe kam an die Treppe. Er flog förmlich die Stufen hinauf. Oben sah er sich um. Hinter ihm war die Meute der Verfolger, waren die schrillen Töne der Signalpfeifen. Er floh in das zweite Stockwerk.

Er raste, er lief um sein Leben.

Einer war keuchend dicht hinter ihm.

Er schleuderte seinen Dolch nach ihm. Der Mann schrie auf und blieb zurück.

Der Russe flüchtete den Korridor an den Sälen und Amtszimmern entlang, zur Linken die Marmorbalustrade der Treppe. Und wollte hinüber in die verzweigten Gänge des Gerichtsgebäudes. Aber bevor er den anderen Treppenaufgang jenseits des Stiegenhauses erreichte, kamen ihm von drüben im Laufschritt Polizisten mit gespannten Pistolen entgegen.

Er sah keinen Ausweg mehr. Es war das Ende.

Den Bruchteil einer Sekunde stand er still. Dann sprang er mit gewaltigem Satz nach links, schnellte mühelos auf das Marmorgeländer, hob die Arme hoch über den Kopf und schleuderte sich, wie der Schwimmer vom Turm, mit einem Riesenschwung in die Tiefe des Stiegenhauses.

Ein dumpf donnernder Hall, wie der Schlag einer riesigen Pauke, schütterte durch das weite Gebäude.

Menschen rannten hinab ins Erdgeschoß. Von allen Seiten, aus Kanzleien und Aktenstuben, eilten sie heraus, gestikulierend, laufend, fragend. Die Treppen aufwärts und abwärts stürmten die Neugierigen zur Pforte des großen Schwurgerichtssaals. Die Beamten hatten Mühe, dem Ansturm der Masse standzuhalten, bis es gelang, die Saaltür zu schließen.

Drinnen aber hielt der Landgerichtsdirektor die von dem Russen verlorene Uhr, die Goldemail-Uhr der ermordeten Martha Streckaus, in der Hand. Er trat zu dem Angeklagten, den seine Braut schluchzend umschlang, und sagte:

»Herr Rechtsanwalt van Geldern! Wir bitten Sie um Verzeihung im Namen der Gerechtigkeit, deren Diener wir sind!«

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