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Strafsache van Geldern

Hans Hyan: Strafsache van Geldern - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleStrafsache van Geldern
publisherIm Deutschen Verlag Berlin
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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18

Hans Lerse war ein geschickter Fahrer. Wenn er sonst schon gern die Kilometerzahl, die in der Stadt gebräuchlich war, überstieg, so fuhr er heute wie ein Rasender. Er kam vom Norden und wollte an die Südgrenze der Außenstadt. Um die Verkehrshemmungen zu vermeiden, fegte er wie ein Tornado um ganz Berlin herum und hielt seinen Wagen eine Viertelstunde nach dem telefonischen Anruf vor dem alten Hause Schäferstraße 17 an.

Lerse läutete nicht in der dritten Etage, wo das Porzellanschild mit dem Namen Briese an der Tür war. Er schien hier Bescheid zu wissen. Er klopfte erst leise, dann etwas lauter und hörte bald vorsichtige Männerschritte. Assistent Rothe öffnete ihm und sagte gedämpft: »Seien Sie vorsichtig mit dem Mädchen... sie tobt und schreit. Der Arzt hat ihr schon was gegeben, um sie zu beruhigen.«

»Na, und er?... Was ist denn mit ihm...?«

»Tot... Als sie wiederkam von Moabit, wo sie den Schmuck hingebracht hatte, da is er gestorben!«

»Woran?«

Der Assistent, achseljuckend: »Ich weiß nicht... der Arzt hat's gesagt... Em – Em – Embo...«

»Embolie?«

»Ja, ja!«

Sie gingen über den dunklen Korridor bis an das Zimmer, das am Ende lag. Die Tür stand offen. Dämmerung war im Raum. Lerse unterschied die am Boden hockende Gestalt der Hilde neben dem Bett, auf dem der Tote lag. Das Kopfende war nahe am Fenster. Hier fiel noch Licht her. Allmählich gewöhnten sich Lerses Augen an die matte Beleuchtung, und er sah den auf dem Rücken Ausgestreckten deutlich.

Die Hände über der Brust zusammengelegt, kehrte er die geschlossenen Augen zur Zimmerdecke, als schliefe er. Das Mädchen, das neben dem Bett auf der Erde hockte, wimmerte und stöhnte unablässig.

Hans Lerse strich über ihren Nacken. Da schaute sie auf. Aber sie erkannte ihn nicht. Er versuchte sie vom Boden aufzuheben – sie warf sich der Länge nach hin und schrie wie besessen.

In der Stube waren die beiden Assistenten Rothe und Farland und der Kommissar Dammann.

Der sagte: »Es ist nichts mit ihr zu machen, Herr Lerse! Wir haben uns schon die erdenklichste Mühe gegeben. Wie wir hier raufkamen, war die Korridortür nur angelehnt. Wir waren ganz baff und dachten an eine Falle...« Er sah den Journalisten an: »Man kann doch nicht wissen... früher hat er ja bei jeder Gelegenheit gleich geschossen... Aber 's war alles ganz still. Die Tür hier zum Zimmer war auch nicht zu. Ich ging zuerst rein... da lag er schon so wie jetzt... Was hätte aus dem Menschen werden können, wenn er andere Wege gegangen wäre!«

»Wie ist es denn gekommen, Herr Dammann?«

»Ja, wie ich reinkam, da saß der Doktor am Tisch und schrieb 'n Rezept. Es war schon zu spät. Er lag in den letzten Zügen... 'n paar Minuten später ist er denn auch gestorben. Das Mädel ist weg gewesen – das wissen Sie ja! –, und währenddessen ist es geschehen. Als sie wiederkam; hatte er schon keine Luft mehr und rang mit Erstickungsanfällen. Sie stürzt gleich zum Doktor, findet ihn zum Glück auch, und der Doktor – das ist überhaupt eine Seele von Mensch – kommt sofort mit und hat gewiß alles getan, was er konnte. Er hat mir auch das erklärt: In der Nähe dieser fürchterlichen Schußwunde hat sich ein Blutgerinnsel gebildet – Willi hat offenbar Querschläger abgekriegt – –«

»Bei welcher Gelegenheit denn?«

»Ja, wenn wir das wüßten!... Das Mädel ist ja vollständig unzurechnungsfähig. Wir haben sie gefragt und gebeten, alles mögliche versucht, aber sie schreit und heult und schluchzt bloß immer. Und wenn sie was sagen will, ist es nicht zu verstehen!«

»Lassen Sie mich mal ganz allein mit ihr, lieber Kommissar.«

Man schien viel Zutrauen zu dem Journalisten zu haben.

Dammann winkte seinen beiden Untergebenen und verließ mit ihnen das Zimmer. Die drei gingen hinaus zu der alten, fast tauben Frau Briese, die in ihrer Küche saß und beim Eintreten der Beamten erschrak, als sollte sie nun gleich selbst mitgenommen werden.

Der Kommissar beruhigte sie: »Lassen Sie man, Mutterchen, Ihnen tun wir nichts! Sie brauchen es ja nicht gewußt zu haben, daß sich Vogel bei Ihnen aufhält. Aber sagen Sie uns doch wenigstens, wo er das entsetzliche Ding hergekriegt hat?... Wissen Sie denn gar nichts?«

Die Alte schüttelte den grauen Kopf: »Ick weeß bloß, det se vorletzte Nacht weg waren, alle beede mit den kleenen Wagen, wo er sich schon ofte gepumpt hat. Und wie se wiederjekommen sind, so um zwee rum, da hat sie'n die janze Treppe ruff jeschleppt. Konnte ja janich alleene loofen... ick bin nachher noch runter und habe de Treppe uffjewischt, so voll Blut wa'se.«

Der Kommissar spitzte die Ohren. Er hatte seinen Namen rufen hören.

»Ja, Herr Lerse!« Und ging schnell hinein in das Sterbezimmer. Die beiden Beamten dicht hinter ihm.

Hans Lerse hatte das Mädchen auf einen Sessel gehoben. Da lag sie mit schlaff herabhängenden Armen, den Kopf über die niedere Lehne zurückgeworfen, ohnmächtig.

»Holen Sie bitte schnell 'n Glas Wasser, Herr Rothe, ja?«

Der Journalist rieb der Bewußtlosen die Gelenke, bis langsam wieder Blut in ihr graubleiches Gesicht strömte.

»Jetzt weiß ich's«, sagte er dabei leise zu dem Kommissar. »Und damit haben wir überhaupt des Rätsels Lösung!«

Der Kommissar machte ein verblüfftes Gesicht. Wie hatte Lerse das so schnell herausbekommen? Kannte er das Mädchen?

Der Journalist beugte sich zum Ohr des Kommissars und flüsterte ein paar Worte.

»Ja«, machte der, »ja?... Ach, nun verstehe ich! Nu wird mir alles klar!« Und sich zu dem Assistenten Farland wendend, mit verhaltener Stimme: »Schleich! Der alte Halunke! Der is es gewesen!«

Rothe kam herein und brachte das Wasser. Während sich Lerse bemühte, es dem Mädchen tropfenweise zwischen die Lippen zu gießen, besprachen die drei Beamten sich leise.

»Sehen Sie, wie recht ich hatte, Herr Kommissar!« triumphierte der Assistent. »Ich hab's Ihnen doch gleich gesagt, da steckt der Schärfer dazwischen! Na, und wer ist es? – Natürlich der alte Schleich, der größte Ganove, der rumläuft.«

Und Farland, ein sehr ruhiger und bedächtiger Mann, sprach es zum zweitenmal aus: »Na, und damit ist, wie mir scheint, dem Rechtsanwalt seine Unschuld bewiesen!«

Der Kommissar nickte: »Ja, Schleich hatte die Schmucksachen von der Streckaus!... Wenigstens den größten Teil! Und da hat Willi Vogel, um van Geldern zu retten, sich aufgemacht und hat sich den Schmuck geholt. Alles hat er wohl nicht gekriegt, aber doch verschiedenes. Und der alte Schleich, der war damit nicht einverstanden und hat ihm 'n Ding verpaßt, wovon der Willi sich nicht mehr erholen konnte.«

»Die sogenannte Lula«, warf Rothe ein, »is wahrscheinlich die Braut von dem Vieh, das die Streckaus gekillt hat!«

»Es kann schon was Wahres dran sein!« meinte Dammann. »Wenn das stimmt, liebster Rothe, was Sie heute mittag auf dem Gericht beobachtet haben wollen... Wahrscheinlich hat das Mädchen, die Luise Ocker, den Schmuck selbst zu Schleich gebracht für ihren Freund... Und der Freund, ja das scheint mir unsere nächste Aufgabe zu sein, daß wir uns den mal genau ansehen!«

»Bloß dazu müssen wir'n erst haben!« wandte Farland ein.

»Allerdings«, nickte der Kommissar, »Sie hätten sich man gleich ankleben sollen an die beiden, Rothe!«

»Aber, Herr Kommissar, das konnte ich doch nicht! Wie der aus dem Zeugenraum ging, der Schwarzhaarige, da wußte ich ja noch gar nicht, was eigentlich gespielt wurde. Das habe ich ja nachher erst drin gesehen im Saal, wie der Vorsitzende den Schmuck auspackte.«

»Sie haben recht! Wir müssen also das Mädchen beobachten, dann werden wir schon auf den Kerl stoßen!«

Hans Lerse wandte sich um. Die Frau vor ihm atmete wieder, und es schien, als zitterten die Lider in den schwarzen Augenhöhlen.

»Da kann ich Ihnen zufällig behilflich sein, meine Herren!« Lerse verzog komisch den Mund. »Der Kavalier, für den Sie sich interessieren, ist der Fürst Orloff-Bavaridze und wohnte bis vor etlichen Tagen im Europa-Hotel in der Neuen Wilhelmstraße.«

Wieder schauten die Beamten ein wenig verdutzt den Journalisten an.

»Woher wissen Sie denn das?«

»Weil ich die Verpflichtung fühle, mich auch über die Dinge zu orientieren, von denen die Polizei nichts ahnt!« sagte Lerse mit unechtem Pathos.

»Na, hören Sie mal, nu machen Sie es aber hallwege! Wer kommt denn immer zu mir und will Auskünfte haben und sich Recherchen sparen?«

Lerse sah zu Hilde Hammer hin, die sich in ihrem Sessel aufrichtete und plötzlich, als spräche sie noch aus einem Traum, flüsterte: »Wir müssen hin... wir müssen hin... heute abend noch! Morgen ist er bestimmt weg!«

»Wer denn, Hilde?«

Sie dachte nach, suchte mit den Lippen nach dem Namen und schrie plötzlich kreischend: »Schleich, der verfluchte Mörder! Der Hund, der Strolch verdammte...!« Dann fing sie wieder an zu klagen und zu weinen: »Ach, Willi! Du kannst nicht tot sein! Du kannst nicht tot sein! Du kannst doch deine Hilde nicht verlassen!«

Sie stand auf, fiel wieder hin und rutschte auf den Knien zu dem Bett, an dem sie sich hochwand, um sich über den Toten zu werfen und ihn schluchzend und schreiend zu umschlingen.

Die Männer sprachen leise weiter: Man wollte sofort aufbrechen, um den Hehler festzunehmen. Kommissar Dammann entwarf seinen Plan: »Wir vier müssen raus nach der Königsallee. Das Mädchen nehmen wir mit. Wenn sie erst im Wagen sitzt und weiß, wo es hingeht, wird sie ganz artig sein. Das andere ergibt sich nachher von selbst!... Wo steht unser Auto?«

»An der Ecke der Müllerstraße.«

»Holen Sie es!... Oder Sie brauchen ja bloß aus dem Fenster zu pfeifen...« Er schüttelte die Hand: »Nein, lieber nicht, wir wollen hier kein Aufsehen machen! Im Gegenteil, der Alten draußen wird gesagt, wir würden sie in Ruhe lassen, wenn sie reinen Mund hält, keinem Menschen was sagt. Niemand darf vorläufig was davon erfahren, daß Willi Vogel tot ist... Morgen früh können sie ihn dann abholen.«

Mit einem Ruck flog das Mädchen in die Höhe. Ihre Hände bogen sich zu Krallen. So stand sie vor dem Toten.

»Wer will'n holen?... Wer soll'n holen, meinen Willi?... Ach, ihr, die Kehle beiß ich euch durch, wenn ihr'n anfaßt!«

Lerse trat zu ihr. Er klopfte und streichelte sie. »Es nimmt ihn dir ja keiner, deinen Willi, Hilde! Aber erst müssen wir doch raus, seinen Mörder fassen, den alten Schleich!«

»Ja... ja! Und wenn wir'n haben«, sie zeigte wie ein Raubtier ihre breiten weißen Zahnreihen; man hätte sie gewiß nicht allein lassen dürfen mit dem Gegenstand ihres Hasses und ihrer Rache.

Aber als der Polizeiwagen vor das Gehöft von Schleich rückte, war da nur ein an die Kette geschlossener, großer, schwarzgrauer, sich wie rasend gebärdender Hund. Und über seiner schadhaften Hütte stand, an die Hausmauer mit Kreide geschrieben, die Bitte: »Füttert den Hund!«

»Na ja«, sagte Lerse, »wir kommen zu spät!«

Schleich hatte wohl sofort nach der Schießerei der vorigen Nacht das Weite gesucht. Das alte Möbelgerümpel konnte er nicht mitnehmen, aber was von Wert war, hatte er anscheinend aufgeladen.

Hilde führte die Beamten gleich zu dem geheimen Versteck. Das Spind war zur Seite gerückt, das Loch im Fußboden gähnte leer im Licht der elektrischen Birne.

»Der Hund!« murrte Rothe.

Die Männer suchten nun systematisch den Raum nach irgendwelchen Anhaltspunkten ab.

Nach einer Weile stieß Rothe einen Ruf aus. Die anderen eilten zu ihm hin.

Der Kriminalassistent hatte ein hölzernes Kästchen zertrümmert, aus dessen doppeltem Boden eine Anzahl von Fotografien herausfiel.

»Aha, wer ist denn das?« rief Dammann und hob ein Bild hoch.

»Donnerwetter! Das ist ja die Lula!«

Und der Kommissar ergänzte: »De la Rocca! Nun, einen besseren Beweis konnten wir gar nicht finden für unsere Theorie, daß Fräulein Ocker dem alten Schleich die Schmucksachen gebracht hat... Sehen Sie: 'ne ganze Gemäldegalerie!« Er warf die Bilder, zum großen Teil Aktfotos, auf denen Namen und selbst Widmungen standen, wieder in den Holzkasten.

»Jetzt, meine Herren, heißt es: Zuerst ins Präsidium und die Sache dem Dirigenten vortragen!... Bin gespannt, was der für Augen machen wird... Aber was machen wir mit dem Mädel da? Die können wir keine Minute aus den Fingern lassen!«

Hilde saß in einem Polsterstuhl, vorgebeugt, die Hände schlaff herunterhängend, teilnahmslos und sichtlich ohne Verständnis für das, was um sie her vorging.

»Ich nehme sie mit mir nach Hause!« sagte Assistent Farland leise. »Meine Frau, die wünscht sich immer was, was sie bemuttern und pflegen kann... wo wir doch keine Kinder haben!... Da ist sie gut aufgehoben, die Hilde!«

Dann saßen die fünf Leute wieder im Wagen und rasten zum Alexanderplatz.

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