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Strafsache van Geldern

Hans Hyan: Strafsache van Geldern - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleStrafsache van Geldern
publisherIm Deutschen Verlag Berlin
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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13

Keine Zeitung hatte noch etwas darüber bringen können, daß heute nachmittag der Lokaltermin in der Mordsache van Geldern abgehalten werden sollte. Und doch warteten, als das Gericht aus dem Steinportal auf die breite, grelle Straße hinaustrat, schon ein paar hundert Menschen, die den Angeklagten sehen wollten. Schupos standen Mann an Mann als lebendige Kette. Gegen sie drängte zu beiden Seiten die Menge. Und ein halbwüchsiger Bursche besaß die Dreistigkeit, bei einem der wartenden Wagen die Hintertür aufzureißen, um durch das Auto zu springen und so an den Eingang des Gerichtsgebäudes zu kommen. Er wurde unsanft heimgeschickt, und die Schupowachtmeister nahmen nun eine energische Haltung an.

Jetzt traten Rechtsanwalt Vierklee und die beiden sachverständigen Psychiater aus dem Portal. Dann kamen einige Zeugen und hinterher das Geschworenengericht. Johlen und Schreien. Aber Hallmann zeigte sich auch dieser Situation gewachsen. Er wandte sich zur Seite und rief zwischen den Schutzleuten hindurch in die Menge: »Geht nach Hause, Herrschaften! Hier ist nichts zu sehen! Der Angeklagte ist längst fort. Wer sich aber ungebührlich benimmt, den lasse ich kurzerhand einsperren!«

Geschrei und Gelächter war die Antwort.

Da, ein kurzer Wink, eine rasche Weisung, die Schupos gingen vor, griffen sich drei von den lautesten Schreiern und transportierten sie ab.

Dann rollte ein Auto nach dem anderen vor die Polizeikette. Die Prozeßteilnehmer stiegen rasch ein. Und Minuten später lag die Straße wieder wenig begangen und einsam im Sonnenlicht.

Es ist gut, daß ich den Angeklagten durch den Gang nach Alt-Moabit habe hinüberbringen lassen! dachte Hallmann, während die Wagen schnell ihrem Ziel zu, rollten.

Vor der Villa in der Quintenallee standen schon mehrere Autos, die die Presseleute und den Angeklagten herausgebracht hatten. Die beiden Kriminalassistenten, die van Geldern eskortierten, führten den Gefangenen eben ins Haus, als das Gericht anlangte.

Wenige Passanten standen auf der Straße herum, aber aus allen Nachbarvillen lugten erschreckte, neugierige Gesichter. Auch hier flackerte überall das Gerücht auf: Der Gattenmörder wird zum Lokaltermin hergebracht!

Aus dem vierten Auto stiegen die Zeugin Minna Müller, Doktor Meyer, den man zu ihrem Beistand mitgenommen hatte, der Justizwachtmeister Braune und das kleine Hausmädchen Frieda Meurich. Die vier schlossen sich den Richtern und Geschworenen an, als sie in den Vorgarten der Villa traten.

Paulus van Geldern stand zwischen den Kriminalbeamten auf der Diele. Seine linke Hand war an die rechte des Assistenten Rothe geschlossen.

»Ich hätte Sie gern ungefesselt gelassen«, sagte Hallmann, »aber durch Ihren Fluchtversuch aus dem Untersuchungsgefängnis haben Sie sich dieser Vergünstigung selbst beraubt ... oder wollen Sie mir Ihr Wort geben, daß Sie uns hier keinerlei Ungelegenheiten machen, dann will ich Ihnen wenigstens hier die Fesseln lösen lassen.«

Der junge Rechtsanwalt verbeugte sich. Seine Lippen murmelten ein halblautes: »Ja ... danke.«

»Hier sind Sie also, als Sie an jenem Mittag nach Hause kamen, hereingekommen?«

»Jawohl, Herr Landgerichtsdirektor, ich bin vorn durch die Gartenpforte über denselben Weg, den wir eben gegangen sind, hier raufgegangen.«

»Und wo ist nun der Eingang zum Eßzimmer?«

Die kleine Frieda mit ihrem schwarzen Kraushaar öffnete diensteifrig den Eingang nach links, der ins Speisezimmer führte.

»Hier haben Sie die letzte Auseinandersetzung mit Ihrer Frau gehabt?«

»Ja, Herr Landgerichtsdirektor!« Die Stimme des Angeschuldigten flackerte.

»Dann sind Sie zurück über die Diele ins –«

»In mein Arbeitszimmer gegangen, Herr Landgerichtsdirektor.«

»Bitte!«

Van Geldern, dessen Fessel der Kriminalassistent mittlerweile aufgeschlossen hatte, ging voran und öffnete die Tür zu dem Arbeitsraum, in dem die Fenstervorhänge geschlossen, die Jalousien herabgelassen waren. Wie dumpfer Modergeruch stockte hier die Luft.

Der Vorsitzende und der Beisitzer Ernemann traten ein. Dann der Kriminalbeamte, der für seinen Gefangenen verantwortlich war und van Geldern keinen Augenblick aus den Augen ließ. Der Vorsitzende ging nahe an Paulus heran: »Ich möchte hier noch einmal, Herr Rechtsanwalt, die Frage an Sie richten: Wollen Sie, ehe ich Sie an den Ort der furchtbaren Tat führen lasse, wollen Sie nicht doch noch vorher ein Geständnis ablegen?«

Paulus van Geldern schüttelte langsam den Kopf.

»Ich weiß nichts ... ich habe nichts zu gestehen, Herr Landgerichtsdirektor. Ich kann mich auch an nichts mehr erinnern.«

Hallmann fragte schnell: »Sie können sich nicht erinnern? Was heißt das? Soll das heißen, daß Ihr Gedächtnis Sie so im Stich läßt ... daß Sie das Verbrechen vielleicht doch begangen haben? Vielleicht in einer Art von Willenlosigkeit ... im Dämmerzustand, ohne sich eigentlich der Tat bewußt zu sein?«

Paulus schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr Landgerichtsdirektor, ich habe die Tat nicht begangen ... das einzige, worüber ich mir unklar bin, ist, womit ich die Zeit, während das Verbrechen geschah ... verbracht habe.«

In wesentlich kühlerem Ton forderte nun Hallmann den Angeklagten auf, mit hinüber in das »Kissenzimmer« zu kommen. Die Tür, die von der Diele aus hineinführte, war verschlossen. Der Justizwachtmeister Braune holte den Schlüssel aus seiner Rocktasche und schloß auf. Auch dieses Zimmer war verdunkelt. Was aber die Prozeßteilnehmer beim Eintritt stutzen und unwillkürlich zurücktreten ließ, war der Gestank, der aus dem seit Monaten nicht geöffneten und gelüfteten Raum herausquoll. Faulend wehte es den Eintretenden entgegen. Braune beeilte sich die Fenster aufzureißen.

Als letzte kam zwischen dem kleinen Dienstmädchen und Doktor Meyer, der heute seine gute Laune ganz verloren hatte, Minna Müller herein. Sie riß sich vom Arm des Arztes los.

»Aber Fräulein! ... Was ist denn? ...«

Die graue Gestalt sprang auf die Kissen und warf sich, aufschreiend und schluchzend, dort nieder, wo die großen braunen Flecke von dem traurigen Ende der Freundin redeten. Sie griff mit ihren harten Händen wie eine Wahnsinnige in die Kissen, warf sie durcheinander, riß daran herum und brachte endlich, laut aufgellend, den Körper rückwärts auf die Knie werfend, einen blitzenden Gegenstand zum Vorschein.

Es war ein goldener Bleistift mit einem Diamanten am Knopf.

»Das ist van Gelderns Blei!... Meine arme Martha hat ihn dir geschenkt, du verfluchter Hund!«

Sie war aufgesprungen, zu dem Angeklagten hingestürzt und konnte nur mit Mühe durch den Arzt und den Justizwachtmeister von einem neuen Angriff auf van Geldern zurückgehalten werden. Dabei schrie sie fortwährend und sprudelte Beschimpfungen.

»Hat Ihnen der Krayon gehört?« fragte Hallmann.

Paulus nickte langsam.

»Ja, Herr Landgerichtsdirektor. Er ist mein Eigentum ... ein Geschenk meiner verstorbenen Frau.«

»Und wie kommt er hierher? ... Gerade an diesen Ort?«

»Ich weiß es nicht, Herr Landgerichtsdirektor. Ich kann nur annehmen, daß ich ihn verloren habe, als ich mich in meinem Entsetzen über das Verbrechen zu meiner toten Frau herunterbeugte.«

Irgendein Laut kam auf in dem Raum, in dem trotz der offenen Fenster noch immer der Blutdunst schwebte. Es war kein Lachen, niemand hatte gelacht. Aber trotzdem lag in diesem Ton all der Zweifel, der Unglauben, das ganz empörte »Nein«, das die Herzen der kleinen Versammlung füllte.

Mit kalter, fast geschäftsmäßiger Stimme wandte Hallmann sich an den Angeklagten: »Ich stelle hiermit vor Zeugen fest, daß dieser goldene Bleistift heute von der Zeugin Minna Müller bei der Besichtigung des Tatortes an der Mordstelle gefunden worden ist.«

»Und ich darf dazu bemerken«, die Stimme des Staatsanwalts schnitt wie ein scharfes Messer in die Spannung des Augenblicks, »daß dieser goldene Bleistift das letzte Glied der Beweiskette ist, die nun lückenlos die Schuld des Angeklagten abschließt. Niemand wird ihm glauben, daß der Bleistift ihm zufällig in dem Augenblick herausgeglitten ist, als er sich über die Tote beugte. Mit aller Wahrscheinlichkeit hat er ihn bei Begehung der Tat verloren.«

Da stand Vierklee dem Ankläger schon gegenüber: »Ich lehne es ab, mich hier zu der Behauptung des Herrn Staatsanwalts zu äußern. Denn nichts weiter als eine Behauptung ist dieses neue Indizium. Ich stelle demgegenüber fest – und versichere feierlich –, daß Herr van Geldern mir am Tage nach dem Morde, lange bevor er des Verbrechens bezichtigt und angeklagt war, gesagt hatte, er hätte am Mordtage seinen goldenen Bleistift verloren. Er wisse aber nicht, wo.« Raunen und Tuscheln unter den Anwesenden im Mordzimmer. Hallmann faßte die deutlichen Zweifel in die Worte zusammen: »Unmöglich ist nichts ... man wird abwarten müssen, wie das Gericht sich den Angaben des Angeschuldigten gegenüber verhält!«

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