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Strafsache van Geldern

Hans Hyan: Strafsache van Geldern - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleStrafsache van Geldern
publisherIm Deutschen Verlag Berlin
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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11

Im Südosten der Stadt, weit hinter Neukölln, lag an der Königsheide ein eben zur Bebauung erschlossenes Terrain, an dessen Rand der Althändler Markus Schleich sein Gehöft hatte.

Hilde Hammer ging schnell eine Allee hinab über die Brücke des Kanals, dessen Wasser in der Sonne glitzerte. Die Straßen waren einsam und ohne Leben. Aber das Mädchen fürchtete sich nicht. Sie war schon mit Willi Vogel hier gewesen, kannte die Wege zwischen den Kiefern, die in der Öde träumten. Drüben im Baumschatten sah sie das trostlose Gemäuer, in dem der Althändler wohnte.

Ein Hund schlug an. Hildes Fuß stockte. Aber dann überwand sie die Bangigkeit und ging schnell bis an den Plankenzaun, an dem der Wächter geifernd, heiser bellend, hinaufsprang.

Sie wartete und rief ein paarmal den Namen des Händlers. Aber sie hörte niemand kommen. Und trotzdem öffnete sich plötzlich vor ihr die verwitterte Brettertür. Da stand Schleich, ein kurzer, gedrungener Mensch mit mächtigem Brustkasten. Er hielt mit der Faust den Hund am Halsband, der wütend auf das Mädchen losgehen wollte.

»Du bist's?« Die Stimme kam dumpf und knurrend, fast wie der Laut des Hundes. Der Mann stand gegen das Licht und war nicht zu erkennen. »Was haste denn?«

Hilde riß sich zusammen. Sie war sich der Schwere ihrer Aufgabe bewußt, und es überkam sie etwas von der Verwegenheit Willi Vogels, in dessen Auftrag sie hier stand.

»Sie haben uns doch das Diadem angeboten, Herr Schleich ... das will ich holen!«

»Haste denn die Platten? ... Fünftausend und nicht 'ne Mark weniger!«

Hilde nickte: »Ja, ich hab's bei mir!«

»Von wem?«

Das Mädchen lachte auf: »Ach, Sie müssen mich doch nicht fragen, Vater Schleich! Das sag' ich Ihn' doch nich!«

»Von 'n Talon?«

Sie lachte wieder laut und frech.

»Na, denn komm mit!«

»Aber der Hund?«

»Der Sultan? Der tut dir nichts.«

Und er ließ den großen Packer los, der ein paarmal über den Hof tobte, dann, zu Hilde springend, das Mädchen anwitterte und ruhig zwischen ihr und dem Händler ins Haus ging. Unter einem Vorbau war die Tür, die hineinführte. Schleich schloß umständlich auf, ließ Hilde zuerst hineingehen und folgte ihr, den Hund mit »Zurück« draußen haltend.

Drin ein schmaler Gang, von einer matten Flamme erleuchtet, die Schleich, als sie ins Zimmer traten, abdrehte. Ein paar Räume voller verstaubter Möbel. Kommoden auf Tischen, Stühle, vier und sechs ineinandergestellt, Schränke, alte Bilder, zusammengerollte Teppiche, irgendwo ein paar Uhren, die eine tickte laut und beschwerlich; dazwischen, labyrinthartig, ein Gang, der nach hinten führte.

»Bleib hier!« Der Händler nahm das Mädchen bei den vollen Armen und drückte sie auf die bunte Samtdecke eines wackligen Diwans. Während er sich umdrehte, sah er noch zurück: »Daß du nich etwa aufstehst und jehst mir nach!«

Dabei sah Hilde in dem matten Schein einer kleinen seidebeschirmten Nachttischlampe in das Gesicht des Mannes: breit, rund, mit flacher Stirn und gewaltigen Backenknochen, Augen wie verdeckte Feuer.

Es war dem Mädchen, als striche ihr eine eisige Hand übers Herz. Aber sie gab sich Mühe, harmlos und heiter zu scheinen.

Kaum war Schleich nach hinten verschwunden, erhob sie sich mit Vorsicht und schlich ihm auf Zehenspitzen nach.

Sie hörte ein Klappern und Schurren und wand sich zwischen Möbel und Gerümpel dahin, wo Schleich eben ein Spind beiseite geschoben hatte, um nun durch eine Fallklappe in einem Schacht zu verschwinden.

Hilde schob sich geräuschlos vorwärts. Sie kam so weit, daß sie in das tiefe Erdloch, mehr war es nicht, hinabsehen konnte.

Unten kniete Schleich, hatte den Deckel einer Eisenkiste hochgehoben und kramte beim Schimmer der Glühbirne in seinen Schätzen.

Fast hingerissen sah das Mädchen da unten große Silberkörbe, prächtige Leuchter; Schmuck und Juwelen flimmerten und funkelten. Jetzt nahm er das Diadem und stieg aus dem Erdloch – wie ein Schatten wich Hilde Hammer zurück.!

Als der Hehler zu ihr trat, glitzerten in seinen umschatteten Augen Gier und Wollust.

»Na, wo haste das Geld?«

Hilde nahm aus ihrer Ledertasche ein Kuvert.

»Dreitausend«, sagte sie gelassen.

Schleichs Gesicht lief rot an. Noch beherrschte er sich. »Wat den», wat willste damit saren?«

»Dreitausend«, wiederholte das Mädchen und – wie um ihn zu reizen: »Nich een Lappen mehr!«

Der Alte zitterte vor Wut. Die Brillanten des Diadems in seiner Hand warfen wilde Reflexe.

»Vafluchtet Pack! Hab euch doch jesacht, hier jibt's nischt zu handeln. Fünf Null, und wenna nich wollt, denn laßt die dreckigen Finger davon. So 'ne freche Seege, stiehlt 'n alten Mann de Zeit! Fünftausend sar ick oder raus!«

»Aber ...«, versuchte Hilde noch einmal.

»Raus!« Die Stimme des Alten schlug nicht mehr an, war nur noch ein Zischen. »Raus – oder ick mach den Hund los!«

Mit ein paar Sätzen war das Mädchen aus dem Zimmer.

Als der braune Bretterzaun mit der wütend kläffenden Töle weit hinter Hilde lag, ging ein Lächeln über ihr Gesicht. Das Kuvert, das nun wieder in ihrem Blusenausschnitt ruhte, enthielt nichts als weiße Papierstreifen.

*

In der Schäferstraße rauschten die Wipfel der Kastanienbäume im Nachtwind, als Willi Vogel, mißtrauisch wie ein Wolf, über die vom Mondlicht bestreute Straße ging. Er war jeden Augenblick darauf gefaßt, daß irgendwo aus einer Hausflurnische ein paar Greifer hervorsprangen, von der anderen Seite noch zwei oder drei herzuliefen und ihn festmachten.

Ehemals hatte er bei solchen Gelegenheiten die Hände hoch gehoben und sich ruhig abführen lassen. Entweder hatte er nicht allzuviel auf dem Kerbholz, oder er war seiner Sache sicher, daß er bei Gelegenheit wieder ausrücken würde ... Aber wenn sie ihn jetzt fingen, konnte er damit rechnen, daß sie ihn in Eisen legten. Und aus einer von den festen Zellen war es verdammt schwer, zu türmen ... Nein, heute gab's nur ein Entweder – oder; er entkam oder er blieb am Platz! Und dann würde er die große Reise nicht allein antreten! Ein paar von denen, die ihn durchaus haben wollten, mußten mit! Er war zu klug, um nicht einzusehen, daß es um die armen Kerle, die ihre Pflicht taten, schade war, daß sie Frauen und Kinder hatten und daß sie auch gerne lebten ... Aber er selbst, wollte er denn nicht leben? Und brauchte er mehr als ein bißchen Vertrauen in den Ernst, mit dem er sich vorgenommen hatte, ein neues Leben zu beginnen? Ach, es lohnte nicht, darüber nachzudenken! Wie's kam, so kam es eben!

Drüben war das Haus, in dem er mit seiner Liebsten wohnte. Aber er ging daran vorbei.

Plötzlich schwenkte er auf dem Absatz herum und ging schnell über den Fahrdamm. Drüben kam einer, der ihm verdächtig erschien, den wollte er sich näher ansehen. Doch der Passant setzte ruhig seinen Weg fort. Und Willi Vogel versank im Schatten der Einfahrt von Nummer siebzehn. Er öffnete das Tor so schnell, als drücke er es nur mit der Hand auf, und huschte über die Treppen.

Mit der leisen Behutsamkeit, die ihm in den langen Jahren seiner Zwangshaft zur zweiten Natur geworden war, verschwand er in der Wohnung im dritten Stock.

Hilde Hammer, die fünf Minuten nach ihm die Treppe hinaufstieg, kam in die dunkle, wie es schien, menschenleere Wohnung. Als sie einen Lockruf ausstieß, der wie Papageienschrei klang, ertönte irgendwoher ein dumpfes Händeklatschen. Mit einem jauchzenden Lachen stürzte das Mädel in ihr Schlafzimmer, riß die Tür des großen Schrankes auf und zog mit einem Ruck die Kleider beiseite, um bann geschickt die Rückwand des Schrankes selbst in zwei Teilen voneinander zu schieben. Es war ein klug angelegtes Versteck, zu dem allerdings erst eine Verlegenheit des Baumeisters die Möglichkeit geboten hatte. Die Stube lag so, daß sie unter der Treppe des alten Hauses einen kleinen alkovenartigen Nebenraum hatte, den man mit einem großen Schrank bequem verstellen konnte.

Willi Vogel hatte das, kaum gesehen, schon ausgenutzt. Mehrere Male war bei Hilde Hammer nach ihm gesucht worden. Er hörte, auf seinem Bett liegend, die Beamten alles durchstöbern, ja die Wände abklopfen, aber keiner kam auf den Gedanken, daß hinter der Schranktür die Wand zu Ende war.

Das war eine große Liebe zwischen Vogel und dem Mädchen. Sie hing an seinem Halse und lag in seinen Armen, als hätte sie ihn Jahre nicht gesehen.

Dann berichtete Hilde, was sie ausbaldowert hatte, und las die Anerkennung in seinen Augen, die ihr hundertfache Belohnung war für die Angst, die sie ausgestanden hatte.

Sie liefen die Treppe hinab und zum Haufe hinaus, wieder über die weißen Mondstreifen und Striche unter den Kastanienbäumen, dahin, wo er das Auto eingestellt hatte. Sie wartete vor dem Schuppen. Er wollte erst den Freund herausholen und wandte sich dann zu ihr.

»Der wird ja nichts sagen, der Albert ... erfährt's ja auch gar nich ... Zwei Stunden, denn steht der Wagen wieder im Schuppen!«

Das ging wie der Teufel! Der kleine Laubfrosch knatterte und brachte die beiden, die unter dem Verdeck eng beieinander saßen, in kurzer Zeit wieder aus dem Weichbild der Stadt hinaus nach dem Südosten, wo die letzten Häuser sich an die Heide lehnten.

Hilde Hammer, die wußte, wie wenig man mit ihm sprechen durfte, wenn er etwas vorhatte, raunte ihm zu: »Paß auf ... der Kerl hat einen Riesenköter ...«

Der Mann lachte kurz. Da fiel ihr ein, daß dieser merkwürdige Mensch selbst vor dem bösesten Hunde keine Furcht hatte, und daß ihm auch niemals ein Hund etwas tat. War es sein Eigengeruch oder irgend etwas in seinem Wesen, eine Suggestion – jedenfalls nahm ihn kein Hund an! Er näherte sich den Tieren, die, statt ihn anzugreifen, entweder den Schwanz einkniffen und zurückwichen, oder sich wedelnd an seine Kleider drängten... Er war auch so klug, von der Seite an das Gehöft heranzufahren, wo der Wind vom Hause auf ihn zu stand, wo also der Hund, der sicherlich noch auf dem Hofe war, die Witterung des sich nahenden Mannes nicht haben konnte. Als er aus dem Wagen kroch, langten Hildes Arme nach ihm, zogen seinen Kopf noch einmal an ihren Mund: »Ich hab' solche Angst um dich!«

Da lachte er: »Ich hol' bloß die Sachen, die von Martha Streckaus noch fehlen. Du wart'st hier 'ne halbe Stunde. Wenn ich denn nich da bin, fährst du nach Hause.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Du fährst nach Hause!«

Sie sah ihn an. »Ja«, sagte sie, und ihr Herz dachte: Mit dir oder gar nicht!

Das Mädchen blieb im Wagen, der im Schatten der Bäume auf der Straße stand. Willi Vogel stieg ohne Mühe und ohne daß ein einziger Laut des Hundes ertönte, über den Zaun und verschwand hinter dem niedrigen Gemäuer des schuppenartigen Hauses.

Hilde wartete lange. Sie sah auf ihre Armbanduhr: Es war nach zwei ... Zehn Minuten ... und noch zehn Minuten ... und wieder ... eine halbe Stunde. Da knallten rasch hintereinander drei Schüsse. Dann Klappern, Fallen und Krachen. Ein paar wütende Schreie ... Hundegebell.

Hilde war aus ihrem Wagen auf das Verdeck geklettert. Sie konnte das im Mondlicht liegende Gehöft weit übersehen. Und plötzlich sah sie eine hohe Gestalt hinter dem Gemäuer hervorrasen und über den Zaun setzen. Es knallte noch zweimal. Dem Mädchen war es, als hörte sie die Kugeln pfeifen. Für einen Moment erblickte sie auch den Händler, der um das Gebäude herumkam. Aber dann war sie schon von dem Wagen herunter und hielt Willi, der taumelnd, blutend auf sie zustürzte, in den Armen.

Wie sie und er ins Auto gekommen waren, wußten sie nachher selber nicht. Aber der kleine Laubfrosch gab alles her, was er in sich hatte.

»Der Kerl schießt gut ... zweimal ... glaub' ich.« Willi Vogel stöhnte: »Fahr zu, Hilde!«

Der Motor ächzte. Das Mädchen nahm das Letzte aus ihm heraus. Sie mußte, als sie in der Schäferstraße waren, ihren Freund die Treppe hinauf fast tragen. Ihre Lungen gingen keuchend. Dazwischen das Stöhnen und Ächzen des Verwundeten. Aber furchtbarer als die Last bedrückte sie die Angst um sein Leben. Sie brachte ihn hinauf in sein Versteck, wo er bleich wie ein Toter mit eisern zusammengebissenen Zähnen lag und keinen Laut von sich gab.

»Du mußt runter und den Wagen wegbringen«, stöhnte er nach einer Weile.

Sie schluchzte: »Ja, ja ... aber du?«

»Ich lauf' nicht weg ... oder nein ... fahr erst zu Doktor Ohlig und sag's ihm!«

Das war ein Armenarzt im Norden. Ein Mensch, für den es nur Menschen gab ... Den brachte Hilde.

Und dem verdankte es Willi Vogel, daß er sich in dieser Nacht nicht verblutete.

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