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Strafsache van Geldern

Hans Hyan: Strafsache van Geldern - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleStrafsache van Geldern
publisherIm Deutschen Verlag Berlin
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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10

Die zarte Blonde, heute in Meergrün, aber ebenso duftig und reizvoll wie bei ihrem ersten Erscheinen, hatte die Agraffe kaum in ihrer seinen weißen Hand, als sie rief: »Aber die gehört ja Martha meiner Freundin! Wo haben Sie die denn her?«

Hallmann nahm das Schmuckstück zurück und bat die Zeugin, sich zu setzen. Dann sagte er: »Man wird hiernach nicht bezweifeln können, daß dieses Schmuckstück Eigentum der Frau Martha Streckaus gewesen ist ... aber nun sagen Sie, Zeuge, woher haben Sie denn das nun wieder?«

»Das habe ich ebenfalls auf rechtliche Weise erworben! Ein mir bekanntes junges Mädchen hat es mir überlassen.«

»Und wo hat das Mädchen es her?«

Willi Vogel hob die auffallend breiten Schultern: »Das kann ich nicht sagen! Soviel ich weiß, hat sie es von einem ihrer Freunde geschenkt bekommen.«

»Na, da werden wir einfach das Mädchen vorladen ...«

»Das ist leider ausgeschlossen, Herr Landgerichtsdirektor!«

»Warum?«

»Dieses Mädchen, die unverehelichte Alma Pollack, hat sich in einem Anfall von Schwermut und Lebensüberdruß mit Leuchtgas vergiftet!«

Hallmann schüttelte den Kopf: »Damit ist es also auch nichts! Wir haben nunmehr zwei Stücke aus dem Nachlaß der Frau Streckaus. Aber von beiden wissen wir nur, daß der Zeuge sie irgendwie erworben hat. Über das Wie macht Vogel Angaben, die das Gericht in der ihm geeignet erscheinenden Weise verwerten wird. Meine Herren!« Er wandte sich rechts und links zu den Geschworenen und Richtern hin: »Es ist ein bißchen viel Soll in den Behauptungen des Zeugen da! ... Die Vermutung liegt nahe, daß Vogel die Agraffe von van Geldern selbst bekommen hat!«

Der große Mann im grauen Anzug blickte überrascht auf. Er sah den Vorsitzenden an und dann hinüber zu dem Angeklagten. Und bei dieser Gelegenheit drehte er den Kopf noch ein wenig mehr und sah, wie nacheinander vier Männer, den Hut in der Hand, so leise wie möglich durch die Schrankentür vom Zuschauerraum in den Verhandlungssaal traten und sich unauffällig rechts und links zu dem Zeugen hinschoben.

Willi Vogel wandte sich voll um mit einer leicht grüßenden Bewegung. Dann, sich wieder dem Vorsitzenden zukehrend, meinte er: »Ich sehe, daß die Behörde sich jetzt schon um mich bemüht. Aber wenn Sie, Herr Vorsitzender, auf meine wohl nicht ganz bedeutungslosen Aussagen – ich bin noch nicht zu Ende –, wenn Sie darauf Wert legen, dann bitte ich Sie, anzuordnen, daß diese vier Herren von der Kriminalpolizei zurück durch die Schranke auf ihre Plätze gehen. Dieser Saal hat nur die eine Tür. Es stehen außer den beiden Justizwachtmeistern vor und hinter der Tür noch je zwei Schupos. Das sind im ganzen sechs Mann, die sämtlich bewaffnet sind. Ich bin, wovon Sie sich leicht überzeugen können, völlig unbewaffnet. Es wäre also ein lächerliches Unterfangen von mir, wollte ich mich dieser Übermacht mit Gewalt entgegenstellen. Sechs bewaffnete Männer werden wohl selbst mit Willi Vogel fertig werden.«

Hallmann zögerte etwas. Aber dann winkte er den Kriminalbeamten, die durch die niedrige Schranke in den Zuhörerraum zurücktraten und sich dort in der ersten Reihe niederließen.

Man machte ihnen bereitwillig Platz; nur ein schlankes blasses Mädchen mit schwarzem Lockenkopf, das gleichfalls seinen Sitz räumen mußte, stand unter lebhaftem Protest auf und verließ, als sie hinter der letzten Bank stehen sollte, wütend den Saal.

Dieses Mädchen eilte mit großer Schnelligkeit die schmale Steintreppe hinab, die von dem Hochparterre gelegenen Saal zu einem Seitenausgang des Justizgebäudes hinabführte. Als sie die Straße erreichte, blieb sie stehen. Ein Menschenauflauf! Viele Neugierige, die sich um einen mit Heu hochbeladenen Wagen scharten, der umgestürzt war. Das Mädchen ging näher, trat zu dem Kutscher, der bei seiner umgestürzten Fuhre stand. Der Mann war ärgerlich, schimpfte. Ein paar andere Zeugen mischten sich ein. Man lachte, und die Leute halfen, den Wagen hervorzuziehen, damit man das Heu, das meterhoch in breiter Fläche einen großen Teil des hier sehr ausgedehnten Bürgersteigs bedeckte, wieder aufladen könne.

»Haben Sie uns noch etwas mitzuteilen?« fragte Hallmann im Gerichtssaal.

Willi Vogel nickte: »Ich muß mich gegen Ihre Annahme verteidigen, Herr Vorsitzender, daß die Vorweisung der Edelsteinagraffe durch mich irgendwie als Trick oder als Taschenspielerei bewertet werden könnte.« Er hob seinen Kopf zu dem meterbreiten und sehr hohen Fenster über dem Platz des Staatsanwaltes, das als einziges im Saale offen stand.

»Von einem Trick oder einem Taschenspielerkunststück kann gar nicht die Rede sein«, meinte Hallmann, »man könnte viel eher, wie ich schon bemerkte, an ein nicht ungeschicktes Manöver denken, das zwischen Ihnen und dem Angeklagten verabredet worden ist. Aber wir wollen uns darüber nicht den Kopf zerbrechen. Bringen Sie uns den Mann, von dem Sie die Agraffe haben, und dann soll der somnambule Hellseher uns den andern zeigen, der ihm den Perlenring verkauft hat. Dann, aber auch erst dann, werden wir alle überzeugt sein, daß nicht van Geldern, sondern Ihr Held den Mord begangen hat!«

Vogel machte eine leichte Verbeugung: »Dazu bin ich gern bereit! Ich darf Sie dann wohl bitten, mich jetzt zu entlassen, damit ich die nötigen Schritte tue?«

»Ach nein«, Hallmann lachte, »darauf wollen wir es lieber nicht ankommen lassen! Ich glaube, jetzt ist der geeignete Moment gekommen, wo wir Sie Ihrer nicht immer ungefährlichen Tätigkeit vorläufig wieder entziehen wollen ...«

»Das heißt, ich soll verhaftet werden, Herr Landgerichtsdirektor?«

»Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Vogel!«

Hallmann winkte zum Zuschauerraum hin, wo die vier Kriminalbeamten rasch aufstanden.

In diesem Augenblick erlebte die Hörerschaft des Saales ein einzigartiges Schauspiel. Sie sahen einen hohen, athletisch gebauten Mann noch einen Augenblick vor dem Richtertisch stehen, sich dann im nächsten zum Pult des Staatsanwalts wenden, sahen, wie er mit einem Satz auf das Pult des Staatsanwalts sprang und sich von da in die sonnenhelle Öffnung des breiten, hohen Fensters warf. Eine Sekunde stand er noch auf der braunen Fensterbank. In der nächsten war ein Mensch weniger im Saal.

Die Zuhörer schrien auf, sprangen von den Plätzen, saßen still, wie gelähmt da.

Dann wurde lautes Geschrei hörbar, das durch das offene Fenster von der Straße heraufdrang.

Ein Mensch war vom Himmel gefallen! Im gewaltigen Bogen landete die schlanke Gestalt auf dem Heuthron, den seine Freunde für ihn gebaut hatten. Ein Auto hielt dicht daneben. Willi Vogel sprang hinkend, gestützt und gehoben von seinen Komplicen hinein, und lange ehe die Schupos und die Kriminalbeamten die Straße erreichen konnten, verschwand der Wagen um die Straßenecke.

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