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Strafsache van Geldern

Hans Hyan: Strafsache van Geldern - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleStrafsache van Geldern
publisherIm Deutschen Verlag Berlin
yearo.J.
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9

Das junge Mädchen, das nun den Schwurgerichtssaal betrat, gehörte zu jenen Erscheinungen, die den Nimbus des Mädchenhaften in keinem Alter und keiner Situation ihres Lebens ganz verlieren. Das ein wenig blasse Gesicht mit dem kleinen zartroten Mund unter der schmalen Nase wurde beherrscht durch ein paar wundervolle hellblaue Augen, die den Glanz von den langen, seidigen Wimpern bekamen und von schönen, rund geschwungenen Augenbogen überwölbt wurden.

Der Vorsitzende vermochte ein leises Kopfschütteln nicht zu unterdrücken: wie konnte es geschehen, daß eine Frau mit diesen Augen sich für einen Mörder einsetzte?

»Das Verhältnis, in dem Sie zu dem Angeklagten stehen, hebt die Eidespflicht auf ... Es sei denn, daß Sie selbst, Fräulein Zeugin, den Eid abzulegen wünschen. Wollen Sie also den Eid leisten?«

»Ja«, sagte Greta Heerström, »ich will den Eid leisten!«

Sie wiederholte mit erhobener Hand, was Hallmann ihr vorsprach.

»Also, nun sagen Sie uns bitte alles, was Sie über den Angeschuldigten wissen! Verschweigen Sie nichts, denn Sie wissen, daß Sie das unter Ihrem Eid nicht dürfen! Wenn Dinge vorkommen sollten, die Ihnen peinlich sind, was ich bei einem junges Mädchen wohl verstehen kann, so müssen Sie sich eben sagen, daß Sie vor Gericht stehen und daß hier für einen vernünftigen Menschen alles Peinliche und bis zu einem gewissen Grade auch die Schamhaftigkeit fortfallen muß ... haben Sie mich verstanden?«

Greta Heerström nickte leicht.

»Bei welcher Gelegenheit haben Sie den Angeklagten kennengelernt?«

»Ich habe ihn, zusammen mit meiner Mutter, aufgesucht ... er sollte die Verteidigung meines Bruders übernehmen.«

»Ach ja! Das war damals die böse Geschichte! Ist Ihr Bruder bestraft worden?«

Das helle Haupt des Mädchens senkte sich, sie sprach leise: »Ja, mit zwei Jahren Zuchthaus ...«

Ein mitleidiger Blick des Vorsitzenden traf sie.

»Hat der Angeschuldigte die Verteidigung Ihres Bruders übernommen?«

»Ja, sofort ... ohne sich auch nur einen Augenblick zu bedenken ... obwohl er doch genau wußte, daß wir vollkommen außerstande waren, ein Honorar für die Verteidigung zu zahlen.«

Man braucht ja nur dieses herrliche Geschöpf anzusehen! mußte Hallmann denken. Das war schon ein Preis, um den es sich lohnte.

Greta sprach ohne Aufforderung weiter: sie erzählte, daß van Geldern sich die erdenklichste Mühe gegeben hätte, die durch ihren Bruder Edgar geschädigten Geschäftsleute zu versöhnen, und daß er dazu hauptsächlich auch den Erlös jenes Perlenhalsbandes verwandt habe.

»Darüber müssen wir uns noch unterhalten, Fräulein Heerström! Das ist gerade der Punkt, auf den die Anklage besonderen Wert legt! ... Denn es handelt sich keineswegs nur um das Halsband ... Sie wissen vielleicht, oder Sie wissen es auch nicht, daß nach dem Morde der größte Teil des Schmucks der Frau Streckaus gefehlt hat? Die Anklage nimmt an, daß der Mörder deswegen die Tat begangen hat!« Das Mädchen schüttelte mehrmals leise den Kopf.

»Sie glauben nicht an die Schuld des Angeklagten?«

»Wie könnte ich, Herr Vorsitzender! Ich liebe ihn ja!«

»Wollen Sie uns jetzt bitte sagen, wie es dazu kam, daß Sie den Angeklagten nicht nur bei sich aufnahmen, sondern ihn auch bei sich behielten und ihn vor den Nachforschungen der Behörden in Ihrer Wohnung versteckten?«

Ein kleines fast schüchternes Lächeln ging über die ernsten Züge des Mädchens: »Das war alles ganz natürlich, Herr Vorsitzender! Es gelang meinem Geliebten, aus dem Gefängnis zu entfliehen, und da kam er zu mir. Zu wem sollte er denn anders gehen – er hatte ja niemand sonst.«

»Sie wußten, daß er aus Moabit entflohen war?«

»Ja, Herr Landgerichtsdirektor!«

»Sie nahmen ihn also bei sich auf? ... Sie wußten, daß Sie sich strafbar machten ... Waren Sie damals schon verlobt oder versprochen miteinander?«

»Ja ... ich habe ihn von der ersten Stunde an geliebt!«

»Gehörten Sie ihm auch schon körperlich an, bevor er in Untersuchung gekommen war?«

»Nein. Das geschah erst, als er auf der Flucht wieder zu mir kam.«

Hallmann dachte nach.

»Ja ... das war nach dem Morde. Und Sie betrachten sich als seine Verlobte? ... Das haben Sie wenigstens vor dem Untersuchungsrichter ausgesagt!«

»Ja«, sagte Greta Heerström, »ja, ich gehöre ihm an, und wenn Sie ihn hier verurteilen, Herr Landgerichtsdirektor – und wenn er sterben muß, so sterbe ich mit ihm!«

Die Worte –lauter als bisher gesprochen – blieben im Raume hängen, und keiner – nicht Richter, nicht Ankläger, nicht Zuhörer – konnte sich ihrer Wirkung entziehen. Sie drangen durch den Panzer der Abgestumpftheit, durch das Rüstzeug der Routine.

Der Vorsitzende befreite sich von der pathetischen Stimmung, indem er sich abrupt an van Geldern wandte.

Die Stimme des Vorsitzenden ließ Paulus van Geldern aufschrecken.

»Wir kommen nun zu Ihrer Flucht, Angeklagter! Wollen Sie uns einmal erzählen, wie sich diese merkwürdige Entführungsgeschichte zugetragen hat? ...«

Der Vorsitzende wandte sich an die Geschworenen und sagte, ein Papier hochhaltend: »Ich möchte dazu gleich bemerken, daß ich vorhin einen Brief bekommen habe von diesem Herrn Vogel, der den Angeklagten durch einen unverschämten Trick befreit und in die Heerströmsche Wohnung gebracht hat, der also gewissermaßen der Schutzpatron dieses Liebesverhältnisses ist. Ich will das Schreiben gleich vorlesen:

»Sehr geehrter Herr Landgerichtsdirektor! Wir sind uns ja nicht fremd. Sie haben auch mich, und zwar in ebenso ungerechter Weise verurteilt, wie Sie jetzt meinen verehrten Gönner, Herrn Rechtsanwalt van Geldern, verurteilen wollen.

Ich habe schon einmal an Sie geschrieben, daß ich mich dem Gericht jederzeit stellen will, wenn mir freies Geleit zugebilligt wird. Daraufhin ist die Fahndung der Kriminalpolizei nach mir noch intensiver geworden.

Da ich mich aber Herrn van Geldern zu Dank verpflichtet fühle, so werde ich Mittel und Wege zu finden suchen, in der Verhandlung selber für ihn einzutreten. Hier sage ich schon: Herr Rechtsanwalt van Geldern hat sich nie mit mir zur Flucht verabredet! Was ich getan habe, tat ich spontan aus meinem Gefühl heraus; denn auch ein Verbrecher kann dankbar sein und, wenn es sein muß, das eigene Leben in die Schanze schlagen!‹«

»Briefe schreiben kann er!« fügte der Vorsitzende hinzu, ohne aufzublicken, »das muß man ihm lassen!«

Doktor Vierklee, der nach wie vor in seinen Aktegelesen hatte, blickte zu seinem Klienten hin und forderte ihn durch einen Augenwink auf, mit der Schilderung seiner Flucht zu beginnen.

Paulus erhob sich. Er machte von der ihm zugebilligten Erlaubnis des Vorsitzenden, bei seiner Rede sitzen zu bleiben, nur wenig Gebrauch:

»Ich will im Vorhinein betonen, daß mir ebensowohl jede Fluchtabsicht ferngelegen hat, wie ich auch nicht einen Augenblick daran gedacht habe, mich vorher mit meinem Befreier für diese Sache zu verabreden ...«

»Das haben wir eben schon mal gehört«, bemerkte Hallmann, »und die Übereinstimmung zwischen Ihnen und Herrn Vogel kann da auch nicht weiter auffallen.«

Paulus ließ den Vorsitzenden ruhig ausreden, dann sprach er weiter: »Ich hatte auch gar keine Ahnung, daß irgend etwas geschehen sollte, bis zu dem Augenblick, wo ich aus meiner Zelle geholt wurde. Was vorher geschehen ist, hörte ich nur bruchstückweise – allerdings konnte ich es mir bald zusammenreimen. Willi Vogel hatte es sich in den Kopf gesetzt, mich zu befreien. Er wollte sich nicht der Eventualität aussetzen, daß ich diesen Befreiungsversuch ablehnte – was ich sehr wahrscheinlich bei ruhiger Überlegung getan hätte – deshalb unternahm er den Handstreich, ohne mich vorher zu verständigen.

Die Sache muß sich etwa folgendermaßen zugetragen haben: Vogel ist in dem eleganten Anzug, den er stets trägt, in das Richterzimmer der siebenten Kammer gegangen, die bei einer sehr ausgedehnten Sache im Gerichtssaal saß. Da die Tür zum Richterzimmer fahrlässigerweise offen gelassen war, hatte Vogel nicht die geringste Schwierigkeit, sein Vorhaben auszuführen.

Er zog seinen grauen Paletot aus, setzte den Hut ab und zog einen dort hängenden Talar, das Reservestück des Staatsanwalts Liebetreu, über seine Kleider. Setzte ein gleichfalls vorhandenes Barett auf und ging den Gerichtskorridor hinab. Zufällig kamen vier Schupowachtmeister, die einen Transport nach Moabit gebracht hatten, den Korridor hinauf. Und Vogel bedachte sich keinen Augenblick, er nahm die vier Schupoleute zu einem anderen Transport in Pflicht. Sie folgten ihm auf seinen Befehl durch den Verbindungsgang vom Gerichtsgebäude hinüber nach dem Untersuchungsgefängnis. Dort wies er ein von ihm selbst gezeichnetes Formular vor.«

»Wie war das Formular unterzeichnet?« fragte Hallmann dazwischen.

»Mit Staatsanwalt Willi Vogel«, sagte Paulus gleichmütig.

Im Publikum waren schon vorher ein paar leise Stimmen hörbar geworden. Jetzt brach die unterdrückte Heiterkeit in Gelächter aus. Aber da schnellte der Vorsitzende hoch:

»Ich bitte um Ruhe! Ich lasse sonst den Saal auf der Stelle räumen ...«

Das Publikum duckte sich und schwieg.

Paulus fuhr fort: »Als Willi Vogel in seinem merkwürdigen Ornat zu mir in die Zelle trat, habe ich ihn sofort erkannt und ohne weiteres begriffen, daß er mich befreien wollte. In diesem Augenblick konnte ein ruhiges Nachdenken in mir gar nicht aufkommen. Ich sah wie das Aufblitzen einer Flamme die Freiheit vor mir –«

»Das sehe ich nicht recht ein«, warf der Vorsitzende dazwischen. »Gerade bei der Erfahrung, die man bei einem Menschen Ihres Berufes voraussetzen sollte!«

»Herr Vorsitzender, ich habe im Anfang diese Untersuchungshaft ertragen, wie ein vernünftiger Mensch etwas Unvernünftiges erträgt. Damals habe ich ja nicht geglaubt, daß man mich länger als ein paar Tage festhalten würde! Ich war überzeugt, daß meine Unschuld jedem, der guten Willens war, einleuchten müßte. Ich war ruhig; ich habe gegessen und geschlafen; in acht, in vierzehn Tagen mußte ich ja wieder draußen in meinem Büro und bei meinen Leuten sein! Aber als Woche um Woche verging, als ich merkte, daß alle meine Beteuerungen umsonst waren, meine Beweisanträge unter den Tisch fielen und mein ganzes Reden immer nur an tauben Ohren vorbeirauschte – da wurde ich ungeduldig! Eine schreckliche Nervosität überfiel mich. Die Zelle mit ihren wenigen Metern Raum – – da verliert man die Übersicht. Da gibt's keine Überlegung und kein Nachdenken mehr! Da begrüßt man die Freiheit, und wenn sie nur Stunden dauert, da faßt man mit beiden Händen zu – –«

»Sie haben also zugefaßt und das Gerichtsgebäude zusammen mit Willi Vogel verlassen... und wo haben Sie sich dann hingewandt?«

»Das möchte ich nicht sagen, Herr Vorsitzender, dadurch würde ich Leute in die Affäre hineinziehen, denen ich ebenfalls Dank schulde. Lassen Sie mich kurz das Weitere berichten: Wir verließen das Gerichtsgebäude nicht eher, als bis sich Willi Vogel abermals in das Richterzimmer de« siebenten Kammer begeben und dort den Talar des Herrn Staatsanwalts Liebetreu und dessen Barett gegen seinen Paletot und Hut ausgetauscht hatte. Das ging ebenso ohne Störung vonstatten wie die vorherige Umkleidung. Dann sind wir auf die Straße hinausgegangen, haben eine Autodroschke genommen und sind in ein Lokal gefahren. Dort blieben wir, bis es Nacht wurde, und dann sind wir in die Wohnung meiner Braut gefahren.«

»Und dort sind Sie vierzehn Tage lang geblieben?«

»Jawohl, Herr Landgerichtsdirektor!«

»Sie wollen nun behaupten, daß Sie nach vierzehn Tagen selbst zu dem Entschluß gekommen sind, sich wieder dem Gericht zu stellen?«

»Jawohl, Herr Landgerichtsdirektor!«

»Na, warum haben Sie es denn in Gottes Namen nicht getan?«

»Ich wollte den Abend noch einmal benutzen, um etwas in meiner Angelegenheit zu erfahren. Wir beide, ich ebenso wie Vogel, sind der festen Überzeugung, daß den Mord, der mir zur Last gelegt wird, irgendein Außenseiter, vielleicht der Freund einer der Damen, die in dem Atelier der Getöteten arbeiten ließen ... daß irgendeine Person aus der Berliner Unterwelt das Verbrechen begangen hat. Es war und ist also meine Aufgabe, diesen Menschen herauszufinden! Ich habe auch die Polizei zu wiederholten Malen darauf hingewiesen. Leider aber habe ich die Überzeugung gewinnen müssen, daß nach dieser Richtung nichts, aber auch gar nichts geschehen ist.

Wir wollten also in dieser letzten Nacht noch einmal unser Heil versuchen, und Willi Vogel besorgte das Auto, das ihm ein Freund für solche Zwecke lieh. Wir fuhren in eine kleine Straße des neuen Westens. Dort an einer Ecke ist ein einfaches Lokal, dessen Wirt im Hause selbst außerdem eine Wohnung hat. Es verkehren da nur Leute, die mit der Polizei auf schlechtem Fuß stehen. Wir waren etwa um zwölf Uhr dort, und ich lernte einen jungen, etwa zweiundzwanzigjährigen Menschen kennen, von dem mir Vogel schon vorher erzählt hatte, er wäre somnambul veranlagt. Er rühmte sich unter anderem, daß er einen Geldschrank allein dadurch öffnen könne, daß er unter einem bestimmten Winkel das Schloß lange genug ansähe. Dann fiele ihm ganz von selbst die Stellziffer ein, auf die der Safe sich öffnen ließe. In der Tat machte er uns das Experiment an einem kleinen Geldschrank vor, den der Wirt im Zimmer stehen hatte.«

Paulus zuckte die Achseln:

»Es mag irgendein Humbug dabei gewesen sein. Auf mich, der ich in dieser Nacht fieberhaft erregt war, machte es einen starken Eindruck. Ich bat den jungen Menschen, sich in Trance versetzen zu lassen, wozu er sich ohne weiteres bereit erklärte. Er ließ sich in einen kleinen Sessel nieder, und Willi Vogel, der eine ungeheure Willenskraft und die stärkste Intuition besitzt, die mir jemals vorgekommen ist, brachte den jungen Menschen im Umdrehen in den gewünschten Zustand. Dann habe ich ihm in der jetzt ja schon allgemein bekannten Form, die man Hellsehern gegenüber anwendet, kurz die Umstände des Verbrechens mitgeteilt – ich bemerke ausdrücklich: ich habe ihm vorher nichts gesagt! Erst nachdem er im Tranceschlaf lag und Willi Vogel ihm befahl, uns den Hergang des Verbrechens zu schildern...«

Paulus überlegte einen Augenblick.

»Wenn es dem Gericht von Wichtigkeit erscheint, daß ich den Inhalt dieser Trance-Offenbarung hier bekanntgebe, so muß ich zuvor bitten, daß die Öffentlichkeit des erotisch bedenklichen Inhalts wegen ausgeschlossen wird.«

»Nein«, sagte Hallmann, »dazu scheint mir wenigstens das, was der betreffende Ganove Ihnen da an Märchen aufgebunden hat, nicht wichtig genug. Sagen Sie, was Sie erzählen können, und das andere lassen Sie weg!«

Paulus neigte den Kopf:

»Der junge Mensch hat den Mord bis in die kleinste Kleinigkeit geschildert. Wer der Mörder war, konnte er nicht angeben – es ist ja bekannt, daß bei diesem Letzten und Wichtigsten die Hellseher immer wieder straucheln ... Namhaft machen konnte der junge Mensch also den Verbrecher nicht, aber er konnte etwas anderes ... er konnte uns sagen, daß der Täter sich mit uns im gleichen Raum befände!«

»Na, warum haben Sie ihn denn nicht sofort festgenommen?« fragte Hallmann, dessen robuste Nerven für so übersinnliche Schwingungen keinen Empfang hatten.

»Als wir beide, Willi Vogel und ich, uns erhoben, um, geführt von dem Traumschlafenden, ins Nebenzimmer zu gehen, als wir den Verdächtigen dort suchen wollten, da hörten wir Schläge an der Wohnungstür und den Ruf: ›Kriminalpolizei! Aufmachen!‹ Willi Vogel packte mich beim Arm. Wir wollten nach hinten, um über die Küchentreppe zu entkommen. Aber da standen ebenfalls Beamte. Wir kamen auseinander, und ich ließ mich ohne Widerstand festnehmen.«

»Und Vogel?«

»Wo Vogel in dem allgemeinen Tumult geblieben ist, davon habe ich keine Ahnung. Jedenfalls war er, als wir auf dem Präsidium ausgezählt wurden, nicht dabei. Ich bin dann wieder nach Moabit transportiert worden.«

In diesem Augenblick kam in größter Eile der Justiz, Wachtmeister Braune in den Saal. Hallmann neigte den Kopf zu dem aufgeregt und schnell sprechenden Beamten, richtete sich plötzlich auf und ließ beide Hände auf die Tischplatte fallen.

»Ach nee! ... Das ist wohl nicht möglich!«

Braune nickte flüsternd.

»Na, dann lassen Sie ihn rein! Sofort! Und« – er flüsterte – »schließen Sie gleich die Tür hinter ihm ab!«

Der Justizwachtmeister klapperte mit seinen harten Stiefeln noch schneller zurück als er gekommen war, riß die Tür auf, und ein hoher, schlanker, breitschulteriger Mensch trat ein, in tadellosem, dunkelgrauem Jackett mit ein wenig helleren Beinkleidern, den Paletot über den linken Arm, in der Rechten die hellen Handschuhe, den grauen Glockenhut und ein Malakkarohr mit starker Elfenbeinkrücke – Willi Vogel!

Das Publikum begriff gar nicht so schnell, was sich hier ereignete. Hallmann sah den Verbrecher verblüfft an. Das war ihm in seiner fünfundzwanzigjährigen Richtertätigkeit noch nicht vorgekommen! Ein Mensch, der wegen Totschlages zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt, nach einem Jahr ausgebrochen und nicht wieder zu fangen war – der trat, trotzdem ihm das freie Geleit abgeschlagen war, vor die Gerichtsschranken ... gab es so etwas?

Hallmann tat, als glaube er vorläufig nicht an die Identität des Eintretenden, und fragte: »Sie heißen?«

»Karl Anton Willi Vogel...« und rasch fortfahrend: »Ich bin geboren am 2. Juni 1900 zu Berlin, als Sohn des Stubenmalers Emil Vogel. Vorbestraft wegen angeblicher Tötung eines Menschen. Ich komme hierher, um Herrn Rechtsanwalt Paulus van Geldern, der mein Verteidiger war, Beistand zu leisten. Sie, Herr Vorsitzender, haben mir das freie Geleit verweigert. Ich habe Ihnen bereits geschrieben, daß ich mich trotzdem einstellen würde. Jetzt bin ich hier! Bitte, fragen Sie mich nach allem, was Ihnen wissenswert erscheint!«

Im Publikum gärte und brodelte es, wie wenn aus einem tiefen, stillen See urplötzlich eine heiße Welle aufsprudelt. Zuerst verstand man gar nicht, wer da hereingekommen war und was der Mann wollte. Aber dann flog plötzlich der Name auf: Vogel! Der berüchtigte Willi Vogel! Der damals, als er verhaftet werden sollte, den Oberwachtmeister Berkenhahn erschossen haben soll und es heute noch leugnet! Der fünfzehn Jahre Zuchthaus dafür gekriegt und sie nicht abgesessen hat, weil kein Schloß, kein Riegel vor ihm stand, hält! Der Mann stand jetzt ohne freies Geleit vor dem grünen Tisch und wollte Zeugnis ablegen für den Angeklagten. Niemand wußte, was er daraus machen sollte!

Der Vorsitzende gebot Ruhe, die Verhandlung begann wieder.

»Was können Sie anführen, um den Angeklagten zu entlasten?« fragte Hallmann.

Auf Willi Vogels kantigem Gesicht mit den grauen Augen lag der Ernst eines großen Vorsatzes:

»Von dem Morde direkt kann ich, wie wohl selbstverständlich, nichts sagen. Aber für den, den man fälschlich des Mordes bezichtigt, den Rechtsanwalt Paulus van Geldern, will ich Zeugnis ablegen!« Er sah zu dem Angeklagten hinüber.

»Ein sogenannter Leumundszeuge also!«

»Ganz recht, Herr Landgerichtsdirektor. Ich will nicht besonders betonen, daß ich bis ins Innerste überzeugt bin, daß dieser Mann nie in seinem Leben ein wirkliches Unrecht begangen hat, ja, daß er gar nicht imstande ist, etwas Gesetzwidriges zu tun. Eine solche Bekundung gerade aus meinem Munde, Herr Landgerichtsdirektor, wird Ihnen und wahrscheinlich vielen anderen wenig oder gar nichts bedeuten! Was ich aber vor allen Dingen sagen will: die Flucht des Angeklagten kommt ganz allein auf mein Konto. Er hat nicht einen Augenblick eher etwas davon gewußt, als bis ihm der Aufseher im Untersuchungsgefängnis die Zellentür aufschloß. Herr van Geldern ist sich auch sehr bald darüber klar geworden, daß er sich wieder stellen müßte. Er wollte die Zeit, zwei Wochen nur, benutzen, um seine Unschuld zu beweisen. Vor einer Woche saß ich des Nachts in demselben Lokal, in dem ich damals mit Herrn van Geldern zusammen von der Krimmalpolizei überrascht wurde. Ich habe ihm an jenem Abend einen jungen Menschen vorgestellt, der somnambul veranlagt ist und der in meiner Gegenwart schon die merkwürdigsten Beweise seiner hellseherischen Fähigkeit gegeben hat ...«

Hallmann winkte ungeduldig ab: »Wissen wir, wissen wir, Vogel, haben wir alles schon gehört und nicht geglaubt. Haben Sie sonst noch etwas auszuführen?«

»Ja. Ich möchte erzählen, was passiert ist und wes, wegen ich hierher komme! ... Der besagte junge Mann – wir wollen ihn X. nennen – war an dem Abend, von dem ich spreche, auch wieder in dem bewußten Lokal. Er kam sofort zu mir heran und meinte: ›Willi, ich weiß jetzt! Einer von den Kerlen, die ihr sucht, der war bei mir und hat mir was verkauft‹ – dabei holte er einen Perlenring aus der Tasche, – ›ich hätte viere kaufen können, wenn ich Geld genug gehabt hätte‹. Nun, ich habe den Ring sofort an mich gebracht, natürlich bezahlt, und bin bereit, ihn dem Gericht als Beweisstück zu überlassen.«

Willi Vogel trat dicht an den Gerichtstisch und legte auf den blauen Aktendeckel vor dem Vorsitzenden einen Ring, den Hallmann mit sichtlicher Überraschung aufhob und genau betrachtete.

»Und den haben Sie von dem jungen Mann mit der somnambulen Veranlagung gekauft?«

Willi Vogel nickte.

»Und wie wollen Sie beweisen, daß es einer von den Ringen der Ermordeten ist?«

»Das wird am besten der Gatte der toten Frau, Herr van Geldern, bekunden können!«

Hallmann legte den Ring an die Kante des grünen Tisches: »Das ist ein bißchen zu einfach. Erstens hat uns der Angeklagte ... gestern, glaube ich, oder vorgestern ... gesagt, daß er den Schmuck seiner Frau so gut wie gar nicht kannte. Nun ist dieser Perlenring, der ja recht wertvoll sein mag, eben auch nicht anders als alle solchen Ringe ... eine hübsche große Perle in der Mitte und zwei spitze Dreiecke aus Brillanten zu beiden Seiten ... ich meine, da muß man solches Schmuckstück schon sehr oft gesehen haben, um es nach längerer Zeit wiederzuerkennen. Ich will Ihnen bei Ihrem zweifellosen Mut und der Gesinnung, die Ihr Eintreten für van Geldern verrät, nicht zu nahe treten und will nicht glauben, daß Sie diese Sache nur geschickt konstruiert haben! Das ist auch gar nicht nötig! Der somnambule Hellseher mag sich auch wirklich einbilden, er hätte den Täter im Trancezustand entdeckt ... es soll sogar derselbe Mensch sein, der ihm die Ringe angeboten hat ... es werden ja so viele Perlenringe und andere gestohlen! ... Aber irgendwelche Beweiskraft für die Unschuld des Angeklagten – das müssen Sie sich doch selber sagen, Zeuge! – nee, die kann dieser Ring wirklich nicht beanspruchen!«

Der Ausdruck im Gesicht des Verbrechers blieb unverändert: »Ich konnte mir denken, Herr Landgerichtsdirektor, daß Sie meine Darlegungen so abtun würden! Aber ich habe noch eine andere Sache mitgebracht, die vielleicht auch Sie, Herr Landgerichtsdirektor, überzeugen wird ... hier ...« Er griff zum zweitenmal in die Tasche seiner grauen Weste und holte eine große Agraffe von Fingerlänge heraus, die als Gürtelschnalle eines Kleides gedient haben mochte. An der Vorderseite der Schnalle war aus bunten Edelsteinen und Emaille ein Blumenstrauß gebildet. »Vielleicht kennt Herr van Geldern diese Agraffe und weiß, daß sie seiner Frau gehört hat?«

Der Vorsitzende nahm das Schmuckstück und reichte es dem nähertretenden Angeklagten hinüber.

Der schüttelte leise den Kopf, wollte es schon zurückgeben, als – man sah es deutlich auf seinem Gesicht – ein Erschrecken in seine Züge kam. Er drehte die Agraffe schnell um, und seine plötzlich erblaßten Lippen formten die Buchstaben: » M. St.«

»Ja«, sagte er dann, »ja, jetzt erinnere ich mich! Die Schnalle hat meiner verstorbenen Frau gehört!«

Hallmann schien nicht sehr überzeugt. Aber er äußerte seinen Zweifel nicht: »Nichts leichter als die Agraffe zu agnoszieren. Herr Justizwachtmeister, rufen Sie die Zeugin Hortense Bernhard! herein!«

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