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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050602
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4

»Wir haben noch Zeit, Mr. Mac Donald«, sagte Mr. Powell, als das Mittagsmahl vorüber war, »vor Abend einen kleinen Ritt zu machen. Ich wollte auf unsere nächste Schafstation reiten und einiges dort bestellen. Haben Sie Lust, so nehmen wir die Hunde mit und jagen auf dem Heimweg vielleicht einen Dingo auf.«

Die beiden Männer schritten auf die Pferde zu, die schon ungeduldig in die Gebisse schäumten, und sprangen in die Sättel. Mr. Powell rief mit einem gellenden Pfiff auf der Peitsche seine Hunde herbei, und wenige Minuten später galoppierten sie mit verhängten Zügeln, von den Hunden kläffend und heulend gefolgt, in den pfadlosen, weiten Busch hinein.

In den Malleybusch, den Murray in der Nähe behaltend, um wenigstens von hier aus gegen Wassermangel geschützt zu sein, legen die australischen Squatter ihre Stationen und treiben ihre Herden in die Malleybüsche, um das dort spärlich aber süß wachsende Gras, den wilden Hafer und besonders den dem Schafe so zusagenden und auf den Ebenen wachsenden Salzbusch aufzusuchen.

Mitten im Busch, an einem kleinen trockenen Creekbett, in dem sich in der Regenzeit auf wenige Tage Wasser sammeln mochte, das aber jetzt leer und mit trockenem und aufgerissenem Lehmboden lag, stand die Hütte der Schäfer. Es war ein einfaches, aus jungen Fichtenstämmen errichtetes Gestell mit breiten Stücken Gumrinde, zu Wänden und Dach benutzt, und mit kaum mehr Bequemlichkeit versehen, als sie eine Gunyo der Schwarzen bot.

Vor der Hütte, im Schatten einer zierlichen Malleyfichte, lag ein Mann – der sogenannte Hutkeeper, eine selbst dem Schäfer untergeordnete Persönlichkeit – dem die Bewachung der Schafe über Nacht in den Hürden anvertraut ist, während er den Tag über nur für sich selbst zu sorgen und morgens und abends die einfache Mahlzeit zu kochen hat. Der Bursche schien übrigens eins der schlechtesten Exemplare dieser untergeordnetsten Menschenklasse der Weißen in Australien zu sein. Er sah schmutzig und zerlumpt aus; der alte Kohlpalmenhut saß ihm zerknittert und in Fetzen halb über die Stirn hinüber, und Hände und Gesicht verrieten nur zu deutlich den Wassermangel dieser Gegend, in die alles, selbst was man zum Trinken brauchte, in Fässern von der Hauptstation herübergeschafft werden mußte. Natürlich durfte da auf Waschen nichts verschwendet werden. Aber er las in einem kleinen abgegriffenen Buche, wobei er den Kopf auf die linke Hand stützte. So vertieft schien er in den Inhalt, daß er die heransprengenden Pferde erst hörte, als sein ebenso fauler, neben ihm in der Sonne ausgestreckter Hund den Kopf hob und leise zu knurren anfing.

In demselben Augenblick sprengten die beiden Männer, Powell und Mac Donald, auf den kleinen freien Platz, sprangen dort aus den Sätteln und warfen die Zäume um die Zweige eines Malleybusches.

Der Hutkeeper war, als er seinen Herrn erkannte, rasch aufgesprungen.

»Nun, Miller, wie geht es?« rief Mr. Powell, »wo ist Hendricks mit den Schafen?«

»Drüben über dem Fichtencreek, Sir, am trockenen Sumpfe – er meinte, das Gras wäre dort besser.«

»Dann sind wir an ihm vorbeigeritten und finden ihn auf dem Rückweg. – Doch nichts vorgefallen hier? keine Schafe verloren?«

»Nein, Sir.«

»Noch keine Lämmer?«

»Sie fangen eben an; aber es sieht bös mit dem Gras aus. Wenn's nur einmal regnen wollte!«

Mac Donald war indessen langsam zu der Stelle hingeschritten, wo der Bursche gelegen hatte, und hob das Buch auf. Es interessierte ihn, zu sehen, was ein Mensch in dem Zustande wohl zu seiner Lektüre wählen würde. Kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, als er laut und überrascht ausrief: »Homer – bei allem, was da lebt – und in der Ursprache!«

»Liest der Homer?« sagte Mr. Powell lächelnd, »als göttlicher Schafhirt wohl?«

Millers Gesicht färbte sich dunkelrot.

»Die Langeweile plagt einen im Busch«, stotterte er verlegen. Mac Donald aber konnte nicht umhin, ihn nur um so schärfer zu betrachten, und erkannte bald, trotz Schmutz und Lumpen, daß jene Züge einst eine bessere Zeit gesehen, und diese Hände andere Arbeit verrichtet haben mochten, als für den Schäfer zu kochen und den Schafen die Hürden aufzustellen.

Mr. Powell war indessen nach den einige hundert Schritte entfernten Hürden gegangen, um nachzusehen, ob sie noch in Ordnung wären, und Mac Donald konnte den Blick nicht abwenden von der vor ihm stehenden scheuen Gestalt des Mannes. War es ihm doch fast, als ob er diesen grauen, matten Augen schon einmal begegnet sei im Leben – die Stimme schon einmal gehört habe.

Er fühlte aber, daß sein Anstarren dem Mann, der scheu und wie ärgerlich den Blick zur Seite wandte, unangenehm wurde, fürchtete es wenigstens und sagte freundlich:

»Was für ein Landsmann sind Sie?«

»Ein Deutscher«, lautete die Antwort.

»Ich dachte es wohl – und Ihr Name?«

»Miller«, sagte der Mann zögernd.

»Aus welcher Gegend?« fragte Mac Donald weiter, jetzt aber in dessen eigener Sprache, die er geläufig sprach.

»Aus Württemberg«, erwiderte der Gefragte, ohne von der deutschen Anrede aus des Fremden Munde weiter Notiz zu nehmen.

»Aus Württemberg? – Dort betrieben Sie ein anderes Geschäft, als nur die Schafzucht?«

Ein wildes, fast höhnisches Lächeln stahl sich über die Züge des Gefragten, und es war, als ob er eine rasche, unwillige Antwort geben wollte. War das der Fall gewesen, so besann er sich jetzt, und erwiderte nach kurzem Besinnen nur zögernd »Nein«.

»Kommen Sie, lieber Freund«, unterbrach der zurückgekehrte Powell das Gespräch, »wir dürfen uns nicht so lange aufhalten. Wenn wir an dem trockenen Sumpf vorbei wollen, haben wir keinen Augenblick mehr zu verlieren, und ich möchte doch gern den Schäfer heute abend noch selber sprechen. – Habt nur gut acht, Miller«, wandte er sich dann, während er wieder auf sein Pferd zuschritt, an den Deutschen, »ein schwarzer Stamm lagert an der Station, und da sind gewöhnlich noch mehr von den Burschen in der Nähe.«

Mac Donald nickte dem Deutschen noch einen Gruß zu, und gleich darauf schloß sich der Busch wieder hinter den davonsprengenden Reitern, die, als sie die Schäferhütte verlassen, wieder in kurzem Galopp durch den offenen Wald der bezeichneten Richtung folgten. »Was für ein merkwürdiger Mensch ist das dort in der Hütte?« sagte Mac Donald. »Vernachlässigt und heruntergekommen bis zum äußersten, liest der Bursche in all seinem Elend den Homer!«

»Lieber Freund«, erwiderte Powell, sorgfältig dabei die starren, spitzigen Büschel des Stachelschweingrases vermeidend, »kein Ort der Welt zeigt vielleicht in der Hinsicht solch merkwürdige Erscheinungen menschlicher Entartungen. Er ist der letzte Zufluchtsort aller jener Unglücklichen, die in der alten Heimat Australien für das Land hielten, in dem sie, wenn sie sich nur ein halb Dutzend Schafe kauften, imstande wären, in wenigen Jahren reiche Leute zu werden, und jeder Stand, jeder Rang aus Europa, möchte ich sagen, hat in den Rindenhütten im Busche seine unglücklichen Vertreter.«

»Es muß ein fürchterliches Leben sein«, seufzte Mac Donald, »und doch –«

»Viele verlangen es nach einiger Zeit nicht besser«, unterbrach ihn Powell; »so dieser Deutsche, der, wenn das Gerücht nicht lügt, hier noch irgendwo in Australien sogar eine Familie sitzen hat. Er war früher auf einer andern Station Buchhalter und hatte sich wohl hundert Pfund Sterling nach und nach verdient, mit denen er, wie er sagte, in seine Heimat wollte. Der unglückselige Trunk aber ließ ihn nicht dahin kommen. Er vertat, was er hatte, sank tiefer als das Vieh, und ich habe ihn endlich, mehr aus Mitleid, als weil ich ihn brauchen konnte, hier als Hüttenwächter angestellt. Er ist außerdem faul und unaufmerksam selbst in diesem Beruf, und ich will froh sein, wenn ich ihn wieder los bin.«

Plötzlich zügelte er sein Pferd, warf es herum und ritt an die Stelle zurück, an der ihm eben irgend etwas Außergewöhnliches aufgefallen sein mußte.

»Es sind Schwarze hier im Busch gewesen«, sagte Mac Donald, der sein Pferd ebenfalls herumwarf. »Ich habe die Fährten schon vorhin bemerkt.«

»Die verwünschten Burschen kriechen mir hier um die Schafe herum«, sagte Mr. Powell, »und sehen, was sie heimlicherweise erwischen können.«

»Glauben Sie, daß Sie etwas von ihnen zu fürchten haben, so lange der Stamm bei Ihrer Station lagert?« fragte Mac Donald.

»Das hält sie nicht im mindesten ab«, lautete die Antwort des Stationshalters, der mit finster zusammengezogenen Brauen die untrüglichen Zeichen, tief im Sande eingedrückte Fährten eines nackten Fußes, betrachtete. »Die allerdings, die ich füttere, stehlen nichts – ein Teil der Bande kriecht aber indessen in der Nähe herum. Ich werde morgen früh den Busch hier einmal untersuchen lassen. Aber da drüben hör' ich die Glocken der Schafe, und hier haben wir auch schon den Mann gefunden, den ich suche. Sehen Sie, Mac Donald, einen echt australischen Schäfer – einen Sträfling – der mit einem Frei- oder Urlaubsschein in den Kolonien umherzieht und hier in behaglichem Nichtstun endlich das Ziel gefunden hat, dem er seine ganze Lebenszeit zustrebte. Hendricks ist ein wahres Musterexemplar der ganzen Klasse.«

Von der Stelle aus, auf der sie hielten, auf dem Gipfel eines kleinen, dünn bewaldeten Sandhügels, konnten sie etwa zweihundert Schritt von sich entfernt unter einer der einzelnen grünen Fichten einen Mann liegen sehen, der, als er die nahenden Hufe hörte, kaum den Kopf zur Seite drehte und, selbst als er seinen Herrn erkannte, ruhig in seiner Beschäftigung fortfuhr. Diese bestand übrigens in nichts Geringerem, als eine alte rostige Maultrommel zu spielen, während der Hund, ein schwarzer Rüde, wachsam auf einem nahen spitzen Sandhügel saß, von wo aus er die ganze weidende Herde überschauen konnte.

»Nun, Hendricks«, sagte Mr. Powell, als sie auf ihn zugeritten waren und er lächelnd eine Weile neben ihm halten geblieben war, »Ihr nehmt die Sache ziemlich kaltblütig.«

»Beste in der Welt, Sir«, erwiderte der Mann, indem er das Instrument jetzt erst aus dem Mund nahm, ausblies, abwischte und in die Tasche steckte, – »wohl dem, der's kann.«

»Die Karren sind angekommen, Hendricks.«

»Alle Teufel!« rief der Bursche, plötzlich lebendig werdend und in die Höhe springend – »frischer Tabak?«

»Ist allerdings dabei; aber wie steht's mit den Schafen? – noch nichts gespürt von der Krankheit?«

»Nichts – alle so gesund wie Butter!«

»So? – und die Lämmer?«

»Ist noch zu früh mit denen; die wenigen, welche kommen, gehen auch gewöhnlich drauf. – Kommt der Rationsbringer morgen?«

»Morgen früh – und nehmt Euch in acht, wir haben Schwarze hier ganz in der Nähe gespürt. Auch an der Station lagert ein kleiner Trupp.«

»Hol' sie der Böse!« knurrte Hendricks.

»Und nun Good bye. Habt nur ein Auge auf die Schwarzen und auf Miller, und seht mir gut nach den Schafen!« Und mit diesen Worten stieß Mr. Powell seinem Pferde wieder die Sporen in die Seiten und sprengte, von Mac Donald gefolgt, in der Richtung der Station zurück.

»Augen überall, he?« knurrte Hendricks, der den beiden Männern mürrisch nachgeschaut hatte – »für fünfundzwanzig Pfund Sterling jährlich und keinen Tabak! Wer nur der Neue gewesen sein mochte – etwa ein frischer Aufpasser? Aber was kümmert's mich«, setzte er nach kurzer Pause hinzu, indem er seinen alten Strohhut fester auf den Kopf drückte und seinen Mantel von der Erde aufnahm. »Morgen gibt's Tabak und heute treiben wir heim. Die vermaledeiten Bestien werden sich doch den Wanst vollgeschlagen haben oder bis morgen früh nicht verhungern. Hier, Pollo! – nach Hause!«

Der Ruf galt dem Hunde, und das kluge Tier wußte genau, was es zu tun hatte. Mit lautem Bellen trieb er die Schafe aus den Büschen heraus, der nächsten offenen Stelle zu, bis er die ganze Herde beisammen hatte, und dann, an seinem Herrn vorüber, nach den Hürden zu.

Der Deutsche war, als ihn die beiden Reiter verließen, allein an der Hütte zurückgeblieben. Bis der letzte Schall der Hufschläge verhallt war, starrte er den Pferden nach, dann warf er sich wieder auf sein Lager nieder, barg das Gesicht in den Händen und lag wohl eine halbe Stunde still und regungslos. Nicht ein Zucken seines Körpers verriet, daß er lebte.

»Hallo hier – tot?« sagte da plötzlich eine rauhe, fremde Stimme, und die Spitze eines breiten, nägelbeschlagenen Buschschuhes berührte die Seite des Liegenden, der rasch den Kopf hob und dann erstaunt auf die Füße sprang.

»Oho, da ist ja noch Leben genug«, lachte der eben Gekommene. »Wie geht's, und wer waren die beiden Männer, die vorhin hier vorüberritten?«

»Wer seid Ihr denn eigentlich, wenn man fragen darf?« erwiderte ihm der Deutsche, indem er die vor ihm stehende Gestalt mißtrauisch betrachtete. Dazu hatte er übrigens auch alle Ursache, denn wenngleich im Busche, was die äußere Erscheinung betrifft, wenig Ansprüche gemacht werden, so schien dieser Gesell doch nicht einmal einem gewöhnlichen ›bundleman‹ zu gleichen. Er sah im Gegenteil weit eher aus wie ein entsprungener Räuber, als wie ein ehrliche Beschäftigung suchender Arbeiter.

Auf dem Kopfe trug er nicht einmal einen Hut, und die wirren, langen, rotbraunen Haare hatte er sich mit einem Streifen Bast, fast wie die Australneger, zusammengebunden; der gleichfarbige Bart war seit Monaten nicht geschoren. Den Oberkörper deckte ein zerrissenes Opossumfell. Die Beine staken in ausgefransten Baumwollhosen, und nur die Füße in neuen, derben Schuhen. Außerdem hing ihm ein Netz, wie es die Frauen der Schwarzen brauchen, über die linke Schulter, und in diesem war eine Feldflasche, ein kupfernes Pulverhorn, ein lederner Beutel und ein zusammengewickeltes kleines Paket sichtbar. Nichtsdestoweniger hielt er dabei in der rechten Hand eine sehr sauber gearbeitete doppelläufige Schrotflinte, die zu dem ganzen übrigen Äußern des Mannes wenig paßte.

»Wo ich herkomme, Kamerad!« lachte der Mann, »nun, wie du siehst, aus dem Busche, und möchte die nächste Hauptstation aufsuchen, um Arbeit zu bekommen. Aussicht dazu hier herum?«

»Kann ich nicht sagen«, erwiderte Miller trocken.

»Wer aber waren die beiden ›swells‹, die da hinüberritten?« fragte der Fremde aufs neue.

»Der Stationsherr der eine – der andere ein Fremder, den ich selber nicht kannte.«

»Hm – und wo steckt der Schäfer?«

»Draußen – wird aber wohl bald mit seinen Schafen kommen. Ihr habt ein gutes Gewehr.«

»So ziemlich – ja. Schießt ausgezeichnet, und wenn man so allein durch den Busch geht, kann man's brauchen. Irgend ein schwarzer Stamm in der Nähe?«

»An der Station sind heute, wie Mr. Powell sagte, Schwarze angekommen.«

»Sind aber Fährten hier überall im Busch. Noch nichts gespürt?«

»Bis jetzt noch nichts. Aber legt Euer Gepäck ab. Ihr werdet doch heute abend nicht mehr weiter wollen.«

»Danke – nein. Möchte den schwarzen Kanaillen nicht in der Dämmerung in die Hände fallen.«

Der fremde Bursche warf sein Opossumfell von der Schulter, stellte seine Flinte in die Ecke des Hauses, und während der Deutsche in die Hütte ging, um einen Topf mit Tee ans Feuer zu rücken und dem Gast einen Imbiß zu bieten, warf sich dieser, schon vollkommen heimisch, auf dessen eben verlassenes Lager.

Nirgends in der Welt findet man wohl eine so unbegrenzte Gastfreiheit, wie im australischen Busch. Wo diese Schäfer oder Hüttenwächter, mochten sie auch der niedrigsten Stufe der menschlichen Gesellschaft angehören, einen Fremden nur von weitem kommen sahen, warfen sie auch schon den Tee in den blechernen Topf und rückten ihn ans Feuer, nahmen den Damper von dem Brett herunter, auf dem er lag, und schnitten Fleisch ab, um es rasch für ihn zu rösten, und keine größere Beleidigung hätte man ihnen antun können, als beim Abschied Bezahlung dafür zu bieten.

Als der Tee gekocht hatte und das Fleisch geröstet war, rief Miller den Gast herein, der sich dann auch nicht zweimal nötigen ließ. Als der erste Hunger gestillt war, begann er einzelne Fragen an seinen Wirt zu richten, die sich fast alle auf die Lage des Platzes und die Entfernung der verschiedenen Stationen bezogen. Als er wußte, was er wissen wollte, erkundigte er sich nach den Verhältnissen des Stationshalters, nach den Leuten, die er beschäftigte, nach seinem häuslichen Leben. Daneben schien ihn die Buschpolizei zu interessieren, denn selbst am Murray hin sind in großen Zwischenräumen Polizeistationen angelegt, und die damals erst vor kurzem organisierte berittene schwarze Polizei hatte ihre Wirksamkeit schon durch manchen überraschenden Fang, durch die Entdeckung manches heimlich verübten Mordes und Diebstahls bestätigt.

Nach beendeter Mahlzeit streckte er sich wieder behaglich vor der Hütte aus, die Rückkunft des Schäfers zu erwarten, und regte sich nicht von seinem Platze, bis die nahenden Glocken und das Gebell eines Hundes die ankommende Herde verrieten.

Von hier ab begann Millers Beschäftigung, der von dem Gast jetzt weiter keine Notiz nahm und der Herde entgegenging, um diese in die bereits geöffneten Hürden hineintreiben zu helfen. Neben diesen hatte er in der Nacht sein Lager in einem kleinen niedern Rindenschuppen, und war bis zum Morgen für die Sicherheit der Schafe verantwortlich.

Der Schäfer schlenderte indes, als er seine Herde in den Hürden sicher untergebracht wußte, langsam seiner Wohnung zu, und blieb hier neben dem ihm schon von dem Kameraden angekündigten Gast stehen, indem er ihn forschend betrachtete. Auch sein Hund unterstützte ihn dabei. Dieser schlich sich langsam an den noch immer bequem Daliegenden heran, schob die Nase schnuppernd vor, und stieß dann, indem er den Schwanz einzog und die Haare sich auf seinem Rücken rauh und struppig in die Höhe richteten, ein kurzes, klagendes Geheul aus.

»Hallo!« rief der Fremde mit einem eben nicht freundlichen Blick auf den Hund – »was hat die gottverfluchte Bestie zu heulen – he?«

»Guten Abend, Kamerad«, sagte der Schäfer, ohne auf die Frage zu antworten, mit kundigem Blick aber dabei das ganze Äußere seines Gastes, bis zu der neben ihm lehnenden Flinte hin, überfliegend – »ausgeschlafen?«

»Guten Abend«, erwiderte der Angeredete, das Gesicht des Schäfers scharf und aufmerksam betrachtend, »Teufel, mein alter Bursche – ich dächte, wir zwei beide hätten einander schon einmal gesehen.«

»Ist möglich«, lachte der Schäfer, eine wetterbraune, harte Gestalt, mit einer breiten Narbe über der Stirn und einem schielenden Auge – »unsereiner kommt seiner Zeit schon ein Stück im Land herum, und da ich die verdammte Marke da oben trage, bin ich auch am Aushängeschild leicht wieder zu erkennen.«

»Unbequem das, nicht wahr?« fragte der Fremde.

»Manchmal, ja – geb' es zu – wenigstens früher«, sagte der Schäfer, »hat aber auch wieder sein Gutes. Der Riß durch die Haut hat mir vielleicht schon ein paar Ellen Hanfseil erspart.«

»Als moralischer Zwang, he?« lachte der Gast, rasch auf die Anspielung eingehend – »aber kennt Ihr den – roten John nicht mehr?«

»Alle Teufel!« rief der Schäfer mit halb unterdrückter Stimme. »Pest und Gift, Mensch, wo kommt Ihr her? Hat Euch denn der Henker so lange Urlaub gegeben?«

»So lange, bis er mich wieder in die Schlinge bekommen kann«, lachte der andere vor sich hin. »Aber wie steht's hier – bin ich sicher? und ist vielleicht gar etwas zu machen?«

»Zu machen nichts, sicher aber ja – wenigstens für heute und morgen. Der Alte war eben da und sagte mir, daß die Karren von Adelaide angekommen wären. Da wird morgen wahrscheinlich der Rationsbringer herauskommen. Dem aber könnt Ihr Euch leicht aus dem Wege halten.«

»Was ist denn das für ein Holzkopf, den Ihr da bei Euch habt?« fragte der Fremde jetzt, mit dem Daumen über seine Schulter hin nach dem eben zum Hause zurückkehrenden Deutschen zeigend, »doch keiner vom alten Schlag?«

»Bewahre«, erwiderte kopfschüttelnd der Schäfer, »haben aber nichts von dem zu fürchten. Der sieht nicht über seine Nasenspitze hinaus. Übrigens – der Hund heulte Euch vorhin so verdächtig an. Zum letztenmal hat er das getan, als er den Schwarzen stellte, der den weißen Arbeiter hinterrücks am Murray erschlagen und die Blutspuren noch an sich trug. Ich will doch nicht etwa hoffen –«

»Unsinn«, sagte der Mann, »wer weiß, was die Bestie hat.«

»Und das Gewehr hier?«

»Ist ein Geschenk von einem Stationshalter, aus Dankbarkeit, daß ich ihm das Leben gerettet hatte.«

»Weil Ihr ihn nicht durchs Fenster über den Haufen schoßt, he?« sagte der Schäfer lachend.

»Man kann den Leuten auf verschiedene Art gefällig sein«, brummte der andere. »Aber laßt die albernen Fragen. Wie steht Ihr hier mit der Polizei?«

»Gut«, lautete die beruhigende und durch einen rohen Fluch bekräftigte Antwort. »Seit drei Jahren habe ich keinen Polizisten zu sehen bekommen und hoffe, daß noch ebensoviele darüber hingehen, ehe ich das Vergnügen wieder genießen werde – wenn sie nicht«, setzte er langsam und bedächtiger hinzu – »etwa gar auf einer frischen Fährte vielleicht in diese Gegend kämen.«

»Dann müßte irgendein Holzkopf hier vorbeipassieren, der Fährten zurückließe«, lachte der Gast ingrimmig in sich hinein. »Aber – wer war der Fremde, der mit Eurem Herrn heute die Station besucht hat?«

»Weiß ich nicht«, lautete die Antwort. »Allerdings hatte er ein bekanntes Gesicht, aber ich habe mich vergebens besonnen, wo ich ihn hintun soll.«

»Doch nicht etwa Polizei?«

»Bewahre; der sieht er nicht ähnlich, obgleich man heutzutage nie mehr weiß, in was für einen Rock sich die Halunken stecken. Aber was zum Teufel geht dich denn eigentlich die Polizei an? – Sind sie dir am Ende auf den Hacken?«

»Mir? – denken nicht dran; aber du weißt, daß ich von jeher einen angeborenen Widerwillen gegen derartige Raubvögel gehabt habe. Außerdem haben sie jetzt eine ganz neue nichtswürdige Einrichtung mit den verdammten schwarzen Halunken getroffen, vor denen ein ehrlicher Kerl überhaupt keinen Augenblick seines Lebens sicher ist. Schwarze gegen Weiße zu hetzen – das Parlament sollte dagegen einschreiten, wenn es noch einen Tropfen Ehrgefühl im Leibe hätte!«

Der Schäfer lachte; da aber Miller in diesem Augenblicke zum Haus zurückkam, um für alle das Abendbrot zu bereiten, brachen die beiden alten Kameraden das Gespräch über die Polizei ab, das sich von jetzt an um gleichgültige Dinge drehte.

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