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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050602
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33

Die Sonne neigte sich gegen die Wipfel der Malleybüsche und gab ihren rotschimmernden Stielen und hellgrünen Blättern einen eigenen Reiz. In den hohen Gumbäumen am Ufer sammelte sich schon ein fast unabsehbarer Schwarm von weißen Kakadus, um sein Nachtlager in den Wipfeln zu suchen, und über dem Strom, an dessen Ufer die Reiter jetzt hingaloppierten, strichen schwirrend ganze Züge von wilden Enten auf und ab.

»Dort liegt die Station!« rief Walker, mit dem Arm vorausdeutend. »Das ist der Sandhügel, von dem der schwarze Krüppel sein Signal gegeben hatte – gleich dahinter müssen die Häuser stehen. Ich kann den Rauch schon über den Büschen erkennen.«

»Und dort!« rief Mac Donald und ergriff seines Begleiters Arm.

»Was? – wo?« rief Walker und folgte dem Blick des Freundes; »ha, beim Himmel, die beiden jungen Damen – und genau an derselben Stelle, wo ich Sie damals, Mac Donald, mit Miss Sarah in so eifrigem Gespräch fand. Mabong mag die Tiere zum Haus führen, wir wollen die Damen überraschen.«

Er sprang aus dem Sattel, und seinen Zügel dem Schwarzen zuwerfend, der auch Mac Donalds Pferd in seine Obhut nahm, schritten die beiden Männer der Stelle zu, wo sie die lichten Kleider der jungen Mädchen hatten durch die Büsche schimmern sehen.

Während Lisbeth an dem Stamm des Gums lehnte und auf den rasch vorbeiflutenden Strom niederschaute, blätterte Sarah in einem auf ihrem Schoße liegenden Buche, schloß dieses endlich und blickte sinnend auf die alte Kugelspur, die der Einband trug.

»Deine ›Lalla Rookh‹ müßtest du aber eigentlich doch jetzt auswendig können!« lächelte Lisbeth, sich zu ihr wendend; »hast du doch das ganze Jahr darin studiert, als ob du jeden Vers behalten wolltest. Komm, Sarah«, setzte sie dann herzlich hinzu, »laß die trüben und traurigen Gedanken. In wenigen Wochen kann Mr. Bale zurück sein, und wir erfahren dann jedenfalls Gewisses auf die Briefe, die Vater geschrieben hat. Halte dich nur immer an die gute, wenn auch mit keiner Unterschrift versehene Botschaft, die wir bekamen; jedenfalls hat sie ein Freund gesandt – der keinen Grund haben kann, uns zu täuschen.«

»Du hast recht«, sagte Sarah – »wir wollen hoffen! Aber heute gerade, ich weiß eigentlich selber nicht weshalb, ist mir so seltsam zumute.«

»Weil wir die Briefe heut abgesandt haben«, sagte Lisbeth; »aber sieh, da kommen Fremde – da drüben auf dem Wege führt ein Diener zwei Pferde.«

»Das ist schwarze Polizei!« rief Sarah, in jähem Schreck von ihrem Sitz emporfahrend.

»Wahrhaftig, ich glaube, du hast recht«, sagte Lisbeth, »aber wo sind die Reiter?«

»Hier, mein Fräulein«, rief in diesem Augenblick, kaum zehn Schritt von ihr entfernt, eine lachende Stimme – »und sehr erfreut, Sie so wohl und munter zu treffen.«

»Leutnant Walker!« rief Lisbeth und wurde blaß, »Leutnant Walker und –«

»Kapitän Walker, wenn ich bitten darf«, lächelte der junge Mann mit einer leichten Verbeugung, »und hier«, setzte er hinzu, indem er sich umwandte, »ein alter Freund Ihres Hauses, den ich mir nur auf kurze Zeit von Ihnen geborgt hatte und nun, an Geist und Körper gekräftigt, wieder überliefere. Aber beim Himmel, Mac Donald, haben Sie die Sprache verloren, daß Sie mich die Anrede hier ganz allein halten lassen?«

»Mac Donald!« rief Lisbeth erstaunt und verwirrt, und ihr Blick flog von dem Wiedergekehrten zur Schwester hinüber, die zitternd, keines Wortes mächtig, an dem Gumstamm lehnte.

Mac Donald war mit wenigen Schritten an ihrer Seite. »Sarah – meine liebe – liebe Sarah!« flüsterte er ihr zu, indem sein Arm sie umfaßte.

»Sind Sie noch böse auf mich, Miss Lisbeth?« fragte Walker das junge Mädchen, indem er den Arm der überraschten jungen Dame ohne weiteres ergriff und mit ihr, ohne auch nur die mindeste Notiz von dem anderen Paar zu nehmen, dem Hause zuschritt.

»Ich war recht böse auf Sie!« erwiderte Lisbeth und suchte ihren Arm langsam zu befreien; Walker ließ sie jedoch nicht los.

»Aber Sie sind es doch jetzt nicht mehr, nicht wahr?« Lisbeth sah zu ihm auf – sein Gesicht war freundlich, und doch ein so wehmütiger Ernst darauf, daß sie – herzlicher, als es vielleicht ihre Absicht gewesen war – sagte:

»Nein – und wie dürfte ich auch? Nach dem Dienst, den Sie uns an jenem furchtbaren Morgen geleistet haben.«

»Aber der Abend vorher –«

»Erinnern Sie mich nicht daran!« sagte Elisabeth – »er war furchtbar!«

»Und trotzdem habe ich Ihnen ein lebendiges Andenken daran wieder mit zurückgebracht – sorgen Sie sich nicht um Ihre Schwester; die ist in guten Händen.«

»Da kommt Vater!« rief Elisabeth.

»Ein Anblick, der kranken Augen wohltut!« rief Walker herzlich, indem er Elisabeths Arm losließ und auf den alten Herrn zuschritt. »Freilich weiß ich nicht, ob ich meinem freundlichen Wirt von früher auch heute noch willkommen bin.«

»Mr. Walker!« rief Powell und blieb überrascht stehen – »und dort – träum' ich denn oder wach' ich? – Mac Donald, frei, in Ihrer Begleitung? – hier?«

»Vater – lieber, lieber Vater!« rief Sarah vor Glück und Freude strahlend, und flog auf den alten Herrn zu.

»Mein Kind – mein liebes Kind!« sagte der Mann gerührt, »aber wie versteh' ich alles das? Wem danke ich die Freude?«

Sarah erwiderte nichts; aber die Hand streckte sie nach Walker aus, der sie ergriff und dankend an seine Lippen zog.

 

Den leise rauschenden Wald deckte, von Myriaden Sternen durchfunkelt, die Nacht; an den flüsternden Gumbäumen vorüber schäumte der murmelnde Strom, drinnen im Busch heulte der scheue Dingo seine alte, wilde Weise. Doch durch die duftenden Sträucher, die um die stille Squatterwohnung standen, schimmerten die leuchtenden Fenster hinaus ins Freie und warfen ihren langen, schmalen Schein über Hof und Fenz und Busch. Drin aber, von dem alten runden Tisch aus, auf dem die Teemaschine surrte, warf die Lampe ihren milden Schein auf lauter glückliche, frohe Menschen.

Walker allerdings, so sehr er sich Mac Donalds Glück freute, bedurfte doch einiger Zeit, manche schmerzliche Erinnerung zu bekämpfen.

Elisabeth wußte von der Schwester, welchen Hoffnungen er sich früher hingegeben hatte. Wie sie das aber im Anfang, bei seinem feindlichen Auftreten gegen Mac Donald, noch mehr gegen ihn erbittert hatte, um so viel höher hob es ihn jetzt in ihren Augen, wo er sich dem glücklichen Nebenbuhler als ein treuer, wackerer Freund zeigte.

Die beiden Freunde hatten nur wenige Tage auf der Station bleiben und dann nach Adelaide zurückkehren wollen; aber Wochen wurden daraus, ehe sie an den Aufbruch denken durften.

Als Mac Donald bei den Eltern Sarahs um ihre Hand anhielt und von ihnen freudig als Sohn begrüßt wurde, schwieg Walker. Wenige Stunden später wurden die Pferde vorgeführt; da, als die beiden Freunde Abschied nehmend vor dem Hause standen, beugte sich Walker flüsternd nieder zu Elisabeth. Sie erwiderte nichts, aber tiefes Rot färbte ihr Stirn und Nacken; als jedoch ihr Blick darauf dem Auge des jungen Offiziers begegnete, schwang sich dieser jubelnd in den Sattel, und durch den Busch hin sprengten die beiden Reiter, Lust und Seligkeit im Herzen.

Noch in demselben Jahre verkaufte Mr. Powell seine Herden und verließ das wilde Land am Murray, um seine Station mit einer anderen, in einem mehr zivilisierten Teile Australiens am Fuße der blauen Berge zu vertauschen.

Dort liegen, nicht weit voneinander entfernt in den freundlichen Tälern jenes Distrikts, drei Stationen, deren eine Georg, Powells ältester Sohn, übernommen hat. Das Elternpaar hat das Jahr über vollkommen zu tun, der Reihe nach die Kinder zu besuchen.

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