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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050602
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31

Der heutige Abend hatte im Lischkeschen Hause ein Freudenfest werden sollen, und war zu Jammer und bitterem Herzeleid geworden. Der alte Lischke stand mitten in der Stube und starrte schweigend vor sich nieder, und an dem Hals der Mutter, schluchzend vor Scham und Reue, lag die Tochter.

Endlich raffte sich der alte Mann auf, drehte sich langsam um und sagte mit kalter, schneidender Stimme:

»Was will die Frau Baronin hier bei uns?«

»Vater!« rief Frau Lischke ängstlich und bittend.

»Lieber Herr Lischke«, bat auch Pastor Meier – »gehen Sie nicht zu streng ins Gericht. Wir sind alle Sünder.«

»Ich weiß, was Sie meinen, Herr Pastor!« erwiderte ihm, mit dem Kopfe nickend, der alte Mann. »Ich fühle, daß ich vielleicht zu streng gewesen bin – aber das hab' ich nicht verdient.« Langsam ging er auf Christian zu, nahm seine Hand und sagte leise:

»Armer Christian! Ich hatte mich so darauf gefreut, dich Sohn nennen zu dürfen.«

»Mein Vater!« rief der junge Mann gerührt.

»Nein – nein, das ist jetzt vorbei!« rief der Alte abwehrend. »Ich dürfte dir die Schmach nicht mehr antun, dich so zu nennen.«

»Sie stirbt mir – mein Kind!« rief die Mutter, in Todesangst die Tochter umklammernd, die an ihr niederglitt und zu Boden gefallen wäre, wenn sie der neben ihr stehende Geistliche nicht aufgefangen hätte. Auch dessen Frau und Christian sprangen zu; nur der Alte rührte sich nicht.

Der Geistliche und Christian trugen Susanna jetzt in ihr Zimmer und überließen sie dort der Sorge der Frauen, und Pastor Meier kam dann zu dem alten Mann zurück und wollte ihn mit freundlichen Worten trösten. Dieser aber winkte ihm abwehrend mit der linken Hand, ohne seine Stellung zu verändern, und sagte:

»Bitte, Herr Pastor, lassen Sie mich heut abend das selber überdenken. Morgen, mit Gottes Hilfe, sprechen wir weiter. – Aber da klopft jemand an der Tür – bitte, Christian, sieh einmal nach. Es wird der Doktor Schreiber sein, der zu deinem Verlobungsessen kommt.«

Der alte Mann lachte bitter vor sich hin; aber niemand weiter sprach ein Wort. Christian war zu der Tür gegangen, um zu sehen, wer käme, und trat mit Leutnant Walker in das Zimmer.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe«, sagte der Leutnant – »ich wünschte Herrn Doktor Schreiber dringend zu sprechen.«

Der alte Lischke hatte bei der fremden Stimme den Kopf erhoben und sagte jetzt:

»Er ist noch nicht zu Hause – kann aber jeden Augenblick kommen. Er hat versprochen, spätestens bis neun Uhr hier zu sein.«

»Erlauben Sie dann vielleicht, daß ich ihn auf seinem Zimmer erwarte?«

»Bitte, Christian«, sagte der Alte, ohne von seinem Stuhl aufzustehen, »sage doch der Magd draußen, daß sie den Herrn auf des Doktors Zimmer hinaufführt und ihm die Lampe ansteckt.«

»Ich danke Ihnen. – Guten Abend, meine Herren!« erwiderte der Fremde und verließ mit Christian das Zimmer.

 

Oben in Mac Donalds Zimmer, in dem Stuhl am Fenster, saß Leutnant Walker, und schaute sinnend nach dem südlichen Kreuz hinauf, das leuchtend am Firmament stand. Die Zeit verging. Unten im Hause war es still geworden. Die Lampe erhellte nur notdürftig das Gemach.

Da wurden auf der Straße Schritte laut – der Leutnant horchte auf – sie kamen näher und hielten am Hause. Deutlich konnte er hören, wie der Kommende den Schlüssel einschob, die Tür öffnete und hinter sich wieder schloß und die Treppe hinaufstieg.

Der Leutnant war aufgestanden, aber am Fenster stehen geblieben. Draußen erfaßte eine Hand die Klinke – die Tür öffnete sich und Mac Donald trat herein.

Er sah bleich, aber vollkommen ruhig aus, und schritt, den Fremden im Zimmer nicht bemerkend, zur Lampe, deren Docht er etwas höher schraubte.

»Guten Abend, Mac Donald!« sagte in diesem Augenblick die tiefe Stimme Walkers, und Mac Donald zuckte zusammen. Aber es war nur ein Moment; mit der Linken warf er den Lampenschirm zurück, daß das Licht voll auf die ihm gegenüber stehende Gestalt seines Verfolgers fiel, und mit der Rechten zog er im gleichen Augenblick eine Pistole aus seiner Tasche, spannte den Hahn und sagte mit ruhiger Stimme:

»Leutnant Walker, Sie haben Ihr Ziel erreicht – aber wahrscheinlich in anderem Sinne als Sie glauben. Sie haben sich in den Griff eines Verzweifelten gewagt, und müssen jetzt die Folgen tragen. Ich selber habe auch dieses Leben satt – gehetzt – verfolgt wie ein wildes Tier, wer möchte da leben!«

Leutnant Walker hatte ihm ruhig zugehört, jetzt endlich sagte er, den Blick fest auf den vor ihm Stehenden gerichtet:

»Und wenn ich nun nicht als Feind käme, – wenn ich Ihnen Ruhe und Frieden brächte, Mac Donald?«

»Im Grabe!« erwiderte der Unglückliche mit klangloser Stimme.

»Legen Sie die Waffe fort, Sir«, sagte Walker plötzlich freundlich, fast herzlich. – »Ich bin allein – keiner von meinen Leuten ist in der Nähe, wenn sie auch noch vor einer oder zwei Stunden etwa hier sämtlich um das Haus her auf der Lauer lagen.«

»Also doch verraten!« lächelte der Verfolgte bitter vor sich hin.

»Sie dürfen sich darüber nicht beklagen«, lachte Walker – »doch sehen Sie mich nicht so finster an. Wäre mir das Herz in diesem Augenblick nicht so leicht und froh, und brächte ich Ihnen nur Gefangenschaft und neue Qualen, ich würde wahrlich nicht lachen. Ich bringe Ihnen Freiheit und Leben.«

»Sie?« rief Mac Donald erstaunt und immer noch nicht ohne Mißtrauen.

»Es mag Ihnen sonderbar vorkommen«, lachte Walker, »daß sich ein Polizeileutnant mit solcher, ich möchte fast sagen, negativer Beschäftigung abgibt, und doch ist es so. Aber«, setzte er plötzlich herzlicher hinzu, »seien Sie versichert, Mac Donald, daß ich seit jenem Tage, wo wir Seite an Seite gegen den wilden Trupp der Schwarzen kämpften, recht gut fühlte, daß Sie ein anderer wären, als wofür Sie die Welt bis dahin hielt. Nur widerstrebend erfüllte ich auch von da an meine Pflicht – aber erfüllte sie, weil es eben meine Pflicht war.«

»Ich begreife Sie nicht«, rief Mac Donald.

»Ich will Sie auch nicht länger in Ungewißheit lassen. Doch setzen wir uns!« sagte Walker, indem er sich einen Stuhl zum Tisch rückte und an diesem Platz nahm. Mac Donald, der noch immer die Pistole in der Hand hielt, legte die Waffe auf die Kommode, schob aber den Riegel seiner Tür von innen vor, um nicht überrascht zu werden, und rückte sich ebenfalls einen Stuhl zum Tisch.

»Noch immer Mißtrauen!« lachte Walker. »Doch – Sie haben recht. Ich tat noch nichts, um Ihr Vertrauen zu gewinnen. So hören Sie mich ruhig an.«

»Wir trafen uns gestern zum zweitenmal in Gesellschaft«, begann der Leutnant lächelnd seinen Bericht, »und ich muß gestehen, daß mich die blaue Brille und Ihr deutscher Dialekt vollkommen täuschten. Heute morgen kam ein alter Bekannter von uns beiden und machte mir, von den auf Ihren Fang gesetzten hundert Pfund Sterling verlockt, die Mitteilung, daß jener Doktor Schreiber im Lischkeschen Hause der berüchtigte Jack London sei.«

»Der rote John!« rief Mac Donald mit einem verächtlichen Lächeln.

»Nicht direkt, obgleich, wie ich jetzt weiß, dieser Herr dahinter saß. Wir haben ihn heut abend gefaßt, und er geht jetzt seinem sicheren Lohn, dem Galgen, entgegen. Nein, der Verräter war ein früherer Hutkeeper auf Powells Station, der sich dort Miller nannte, aber in Wirklichkeit Hohburg heißt.«

»Hohburg!« rief Mac Donald, entsetzt von seinem Stuhl aufspringend. – »Das ist jener Miller – und deshalb war mir jenes verwilderte Gesicht so bekannt, deshalb ergriff mich jedesmal ein so sonderbares, unerklärliches Gefühl!«

»Bleiben Sie ruhig sitzen!« sagte der Leutnant, »Sie werden noch wunderbarere Sachen zu hören bekommen. Den Verrat mußte ich benutzen, Mac Donald; aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich den Verräter weit lieber zu Boden geschlagen hätte. Ich gab also meine Befehle, umstellte das Haus, das – um diese Zeit etwa – von meinen Leuten besetzt und durchsucht werden sollte. Die Ausführung des Ganzen übergab ich aber meinem Wachtmeister ich wollte nichts weiter damit zu tun haben.«

»Und jetzt?«

»Habe ich die Leute nach Hause geschickt, um mit Ihnen die Erlebnisse dieses Nachmittags zu besprechen. Hören Sie weiter. Von dem unbehaglichen Gefühl getrieben, Sie, von dem ich zu wissen glaubte, daß ich ihn nicht zu den gemeinen Verbrechern rechnen dürfe, Ihrem Geschick verfallen zu sehen, ritt ich langsam gegen Abend aus Saaldorf fort, um im nächsten Orte den Friedensrichter zu besuchen, und morgen früh, wenn alles vorüber wäre, zurückzukehren.

Etwa eine halbe Stunde von hier kam ich an einem kleinen Haus vorüber, das allein und halb in den Busch hineingedrückt am Wege steht. Ein Jammerlaut drang von dort zu mir herüber und unwillkürlich hielt ich mein Pferd an. Im nächsten Augenblick aber schon durchfuhr mich der Gedanke, daß meine Leute den roten John wieder hier in der Gegend gespürt haben wollten. Und rasch mein Pferd herumreißend und aus dem Sattel springend, warf ich den Zügel um einen Busch, nahm die Pistolen und sprang dem Eingang der Hütte zu. Meine Waffe war dort unnütz – meine Gegenwart aber um so glücklicher.«

»Mitten in dem Raum lag ein Mann – lag jener Miller oder Hohburg, wie er in der Tat heißt, in einem Zustande von halber Raserei, während eine bleiche Frau mit gefalteten Händen auf einem Stuhl in der Ecke des Zimmers saß, und ein Mann, der Kapitän eines deutschen Schiffes, an seiner Seite kniete. Die Frau beachtete nicht einmal mein plötzliches Eintreten. Desto willkommener aber schien ich dem Kapitän, der meine Hand ergriff und mich zum Lager des Unglücklichen führte.

»Mac Donald«, fuhr Walker nach kurzer Pause, in der er selber ganz ungewöhnlich bewegt schien, fort, »ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen. Sie sind eines Mordes wegen deportiert, den Sie an einem irischen Gentleman verübt haben sollen – so lautete die Anklage – unterbrechen Sie mich nicht – ich war heut abend Zeuge, wie der wirkliche Mörder sein Verbrechen gestand.«

»Hohburg?« schrie Mac Donald entsetzt und erschüttert. »Großer Gott!«

»Von Gewissensbissen gepeinigt«, fuhr Walker bewegt fort – »den Tod fühlend, der ihm am Herzen saß, bekannte er in meiner und des Deutschen Gegenwart seine Tat – Ihre Unschuld. Dann kam die Angst – er wollte auf – wollte nach Adelaide und sich selber den Gerichten übergeben, aber sein zerrütteter Körper vermochte es nicht mehr. Er sank auf das Lager zurück und starb, sich selbst verfluchend, in den Armen des Kapitäns.«

»Entsetzlich!« stöhnte Mac Donald, sein Gesicht in den Händen bergend.

»Bedauern Sie das Ungeheuer noch«, sagte Walker finster, »das Verderben und Elend über Sie brachte mit kaltem Blut? Der Teufel, dem er sein Leben weihte – der Trunk, hat ihn allerdings vom Galgen gerettet, den er tausendmal eher verdiente, als selbst jener zehnfache Mörder, der rote John, aber wenn es eine Vergeltung gibt, so muß ihm die in reichem Maße werden.«

»Die arme, arme Frau –«

»Mag Gott danken, daß er sie von den Banden befreite, die sie an ein solches Schicksal ketteten. Aber auch in jeder andern Hinsicht scheint für sie gesorgt zu sein. Der Kapitän übernimmt die Sorge für sie und das Kind. Wie er mir sagte, ist er mit ihrer Familie befreundet und wird sie mit zurück nach Deutschland nehmen.«

»Mir ist es wie ein Traum. Der Kopf schwindelt mir, wenn ich an alles denke«, sagte Mac Donald.

»So will ich das Denken für Sie übernehmen«, lachte Walker. »Sie müssen mir vor allen Dingen nach Sidney folgen, wohin ich mit dem nächsten Schiffe, da mein Auftrag hier erfüllt ist, zurückkehre.«

»Ins Gefängnis!« sagte Mac Donald düster.

»Aber in leichte Haft«, lächelte der Offizier. »Kapitän Helger wird mit seinem Schiff ebenfalls Sidney anlaufen, und unser aller Zeugnis muß dort genügen, Sie auf Ihr Ehrenwort freizugeben, bis Antwort von England eintreffen kann. Die allerdings dürfen wir unter zwölf bis vierzehn Monaten nicht erwarten. Daß von dort augenblicklich Freisprechung erfolgt, erfolgen muß, unterliegt gar keinem Zweifel.«

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