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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
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30

Wir haben den ›roten John‹ im Hause jenes Händlers verlassen, wo er durch Hohburgs Hilfe und den Verrat seines früheren Kameraden mit einem Schlag ein hinreichendes Kapital einzuheimsen gedachte, um sich auf die eine oder andere Art fortzuhelfen. Die Kneipe schien ihm ein zu gefährlicher Zufluchtsort für einen Buschranger. Er verbrachte deshalb die Nacht im Busche, der dicht hinter dem Hause begann, und hielt sich dort auch am nächsten Morgen auf.

Nur zu bald sollte er erfahren, wie nötig diese Vorsicht gewesen war, denn kaum hatte er sein Frühstück in dem kleinen Hinterstübchen des Gebäudes, in das er sich am Morgen hineinschlich, verzehrt, und sich dann wieder in sein Versteck zurückgezogen, als eine Abteilung der schwarzen Polizei dort vorbeikam, am Hause hielt und es von oben bis unten durchsuchte. Fährten waren freilich in dem überall zertretenen und hartgestampften Boden nicht zu erkennen, und die Burschen mußten unverrichteter Sache wieder abziehen.

Hier war er also nicht mehr sicher; John beschloß deshalb, ein anderes Versteck aufzusuchen.

Das beste war, er blieb ein paar Tage in einem der eingezäunten Felder versteckt. Proviant und eine große Quartflasche mit Rum hatte er bei sich, und Wasser – ei zum Henker! wenn er Rum hatte, brauchte er kein Wasser. Mit diesem Entschluß wartete er die einbrechende Dämmerung ab, unter deren Schutz er seinen Rückzug besser bewerkstelligen konnte, und verfolgte dann, scheu umherhorchend, seinen Weg.

Es war schon ziemlich dunkel geworden, als er endlich die Straße und mit dieser auch wieder eine Zaunecke erreichte, und er zögerte hier, ob er den breiten Weg betreten solle oder nicht. Es war das letzte Gebüsch der Stadt zu, nicht weit vom Hause des alten Lischke entfernt, und eben wollte er über die nächste Fenz klettern, um in das Feld zu kommen, als er einen leichten Wagen nahen hörte.

Er drückte sich in den Busch, und es war eben noch hell genug, zu erkennen, daß niemand darin saß. Nur der Kutscher lehnte lässig auf seinem Bock, hielt dann und wann einmal eine kurze Zeit, sah sich vorsichtig nach allen Seiten um, und ließ die Pferde nachher wieder langsam ein paar Schritte weitergehen.

Dieses Benehmen fiel John auf. Eine Kutsche war überdies auf diesem Wege etwas höchst Ungewöhnliches, und was hatte der Bursche sich dabei immer so scheu umzusehen und an der Seite der Straße, so dicht am Busche wie möglich zu halten? Jedenfalls war hier nicht alles, wie es sein sollte – hatte Jack London vielleicht den Wagen für sich bestellt? – dann wären ihm am Ende die fünfzig Pfund entgangen.

Dicht neben ihm hielt der Wagen wieder, und der Kutscher brummte, während er die Pferde zügelte, einen herzhaften Fluch in den Bart.

»Hallo!« sagte John plötzlich, ohne jedoch seinen Platz zu verlassen; »wo wollt Ihr noch so spät abends mit Eurer Staatskutsche hin? Ihr scheint höllisch in Eile zu sein. Schade, daß wir nicht einen Weg haben, sonst könnt' ich eine Strecke in dem Kasten Passage nehmen.«

»Hallo!« sagte auch der Kutscher jetzt, sich erstaunt nach der Stelle umsehend, von der die Stimme kam; »wer seid Ihr eigentlich, und was macht Ihr hier?«

»Ich komme von Adelaide«, erwiderte John ruhig, »und habe mich eben hier ein wenig ausgeruht. Bin heute mit dem Fuß in einen Dorn getreten und kann jetzt nicht rasch marschieren.«

»Hm – so? – seid Ihr hier in der Gegend bekannt?«

»Ein wenig – nicht gerade besonders. Bin schon ein paarmal die Straße auf und ab gegangen.«

»Könnt Ihr mir denn sagen, wo hier ein alter deutscher Blechschmied Namens Liske oder Bischke, oder so ein verwünschter Name, wohnt?«

»Hatt' ich doch am Ende recht!« dachte John bei sich, und sagte: »Jawohl, gar nicht so sehr weit von hier. – Will der Alte heut abend noch spazieren fahren?«

»Hm – vielleicht«, brummte der Kutscher, der Antwort ausweichend – »wenn's ihm Spaß macht. Aber noch eins, ist hier in der Nähe keine Kneipe, wo man einen Schluck Rum bekommen könnte?«

»Ein Wirtshaus ist allerdings weiter unten«, antwortete John, »aber es ist doch noch eine gute Strecke hin. Übrigens kann ich Euch vielleicht aushelfen. In der Not darf man einen Kameraden nicht verlassen, und ich habe mehr Rum bei mir, als ich heute trinken kann.«

»Das war ein Wort!« rief der Kutscher, der auf einmal auf seinem Bock lebendig wurde – »dank' Euch, – wollte, ich könnte Euch wieder einmal gefällig sein.«

»Lieber Gott, wer weiß«, sagte John, indem er ihm die Flasche reichte; »eine Hand wäscht die andere, und auf der Welt fügt sich das manchmal sonderbar. Aber wenn Ihr nicht so in Eile seid, so steige ein bißchen ab. Wollt Ihr denn noch weit heute abend?«

»Ein tüchtiges Stück«, sagte der Kutscher, indem er einen langen Zug aus der Flasche tat. »Donnerwetter, der Rum ist gut! Aber wie spät ist's wohl?«

»Nach dem Licht muß es etwa sieben vorbei sein.«

»Dann hab' ich noch eine gute halbe Stunde Zeit!« rief der Mann, indem er vom Bocke sprang; »hol's der Henker, solch einen Rum krieg ich doch nicht wieder, bis ich nach Gawlertown komme – und selbst dann sind vielleicht die Buden alle zu.«

»Nach Gawlertown? hm, eine hübsche Strecke! da werden die Pferde warm werden – aber der Weg ist gut. – Wollt in Gawlertown übernachten?«

»Bst«, sagte der Mann, nachdem er noch einen herzhaften Schluck aus der Flasche getan hatte – »darf nicht aus der Schule schwatzen.«

»Haha, ich verstehe!« lachte John. – »Hat jemand hier Schulden und will heimlich durchbrennen? Na, mich geht's nichts an.«

»Schulden sind's nicht!« lachte der Kutscher, indem er seinen neugewonnenen Freund, durch den Rum gesprächig gemacht, zutraulich in die Seite stieß. – »Liebesgeschichte verstanden?«

»Liebesgeschichte, so?« sagte John, wie verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd; »hätte gar nicht gedacht, daß jemand hier in Australien deshalb durchbrennen müßte. Mädchen laufen doch gerade genug in der Welt umher.«

»Aber nicht lauter Goldfische«, lachte der Kutscher. »Der alte Nischke oder Pischke, wie der Kerl heißt, soll steinreich sein, und ich denke mir, die Tochter wird sich wohl einen Sack voll Goldstücke mit auf die Fahrt nehmen.«

»Phew –« pfiff John leise zwischen den Zähnen. Im Nu fuhr ihm ein neuer Gedanke durch den Kopf. »Das glaub' ich, da wird das Glückskind, das sich eine solche Frau stiehlt, auch nicht schlecht zahlen.«

»Ich verdiene sechs Pfund, wenn ich sie bis morgen früh glücklich nach Tanunda bringe.«

»Ist immer noch wenig«, brummte John, »wenn er vielleicht fünfhundert damit verdient.«

»Oder noch mehr«, sagte der Kutscher, indem er die Flasche wieder ansetzte; »na, ein Trinkgeld muß er noch außerdem herausrücken. Aber hier habt Ihr Eure Flasche wieder«, setzte er plötzlich hinzu. »Jetzt wird's doch am Ende Zeit, daß ich aufbreche – habt auch schönen Dank; der Rum hat mir gut getan.«

»Ihr sollt wohl um acht Uhr am Hause sein?« fragte John.

»Ja, oben am Garten; aber es wird wohl schon jemand dort auf mich warten, der mir den Platz zeigt.«

Er wandte sich um und legte die linke Hand auf das Geländer seines Bocks, um hinaufzusteigen, als ihn plötzlich ein Faustschlag des Buschrangers an die Schläfe traf und bewußtlos zu Boden schmetterte.

John, ohne sich um den Gefallenen weiter zu kümmern, beruhigte die Pferde und band die Zügel in das Vorderrad. Dann wandte er sich seinem Opfer zu, knüpfte diesem das Halstuch ab, drehte es zu einem Knebel, den er dem Betäubten in den Mund schob, und machte sich daran, ihm den Rock auszuziehen. Dann band er ihm die Hände auf den Rücken und die Füße zusammen, und schleppte den noch immer Betäubten in den Busch hinein.

»So«, brummte er dann, »den Burschen hat mir mein gutes Glück gesandt, und auf dem Bock da oben vermuten mich die schwarzen Kanaillen bestimmt nicht. Und der im Busch da drinnen? – hm, bis morgen früh liegt er sicher genug, dann mögen sie ihn meinetwegen finden, und wieder Blut? – es ist am Ende besser so, obgleich es nachher auf eine Rechnung käme.«

Er zögerte noch einen Augenblick, schüttelte aber dann, sich eines Besseren besinnend, den Kopf, vertauschte rasch die Röcke und setzte den schwarzen Hut des Kutschers auf, nahm die Peitsche, band die Zügel los, stieg auf den Bock und fuhr wenige Sekunden später langsam die Straße hinauf, dem bezeichneten Platze zu. Es war indessen so dunkel geworden, daß er die Gegenstände um sich her kaum noch erkennen konnte.

»Bst!« rief ihn von der Fenz aus eine leise Stimme an.

»Bist du es, Bill?« fragte die Stimme wieder.

»Nun, wer soll's sonst sein? Alles in Ordnung?« lautete die Antwort.

»Aber wo bleibst du nur so ewig – es ist schon lange acht vorbei«, rief Herr von Pick, der hier die ganze Zeit auf der Lauer gestanden hatte.

»So?« sagte John erstaunt – »ja, da muß meine Uhr 'was nachgehen.«

»Fahr langsam zu!« flüsterte der junge Mann, indem er zu dem Wagen kam und über den Schlag hineinstieg, »ich werde dir sagen, wo du anfahren und halten sollst.«

»Alles in Ordnung«, brummte der Kutscher, indem er das Handpferd leise mit der Peitsche berührte.

Sie kamen an das Haus, dessen erleuchtete untere Fenster hell durch die Nacht schimmerten. Als sie vorbei waren, flüsterte Pick:

»Jetzt halte dich etwas rechts, so dicht als möglich an der Hecke hin, bis wir zum Gartentor kommen. Halt – hier sind wir an Ort und Stelle – so, gleich hier ist das Tor – hier halt nur. Die Dame wird, sowie ich gerufen habe, kommen, und sobald wir eingestiegen sind, fährst du im Anfang nicht zu rasch deinen Weg weiter – du kennst doch die Straße?«

»Wie meine Tasche«, versicherte John, und er sagte damit keine Lüge, denn er kannte alle beide nicht, und wußte nur, daß er nach Norden, wozu ihm die Sterne leuchteten, hinausfahren müsse, um dorthin zu kommen, wohin er selber wollte.

Pick glitt wieder aus dem Wagen und an die gegenüberliegende Seite des Zaunes, an der er hinschlich, einen Augenblick horchte, und dann mit trichterförmig an den Mund gelegten Händen das verabredete Zeichen mit einem lauten ›Ku-ih‹ gab. Dann sprang er zur Gartenpforte zurück, öffnete sie und horchte den zum Hause führenden Weg hinab, ob er Susanna noch nicht kommen hörte. Wohl zehn Minuten stand er so – endlich knarrte eine Tür – ein flüchtiger Schritt wurde auf dem Kieswege laut, ein dunkler Schatten ließ sich erkennen, und im nächsten Augenblick hielt er die zitternde Gestalt Susannens in seinen Armen.

»Mein liebes, liebes Mädchen –«

»Fort – fort!« stöhnte diese, – »ich folge dir, wohin du mich führst.«

Ohne weiter ein Wort zu sagen, folgte sie ihm hinaus vor den Garten, sprang in den Wagen, und warf sich dort, ihr Taschentuch gegen die Augen pressend, in die Ecke.

»So, und nun fort!« rief Pick dem Kutscher zu, »langsam erst, und dann, was die Pferde laufen können.«

»Werde das schon besorgen«, brummte John vor sich hin und schnalzte dabei mit der Zunge, um die Pferde anzutreiben.

Dicht vor den Tieren, die scheu die Köpfe zurückwarfen, gellte plötzlich ein scharfer Pfiff durch die Nacht.

»Was ist das?« rief Pick, in die Höhe fahrend.

»Weiß der Böse«, rief John mit einem gotteslästerlichen Fluche, indem er seine Peitsche mit voller Wucht über die Tiere hinübersausen ließ – »vorwärts, ihr Bestien!«

Wieder schallte der Pfiff, in demselben Augenblick warfen sich drei oder vier dunkle Gestalten den Pferden in die Zügel, und rechts und links tauchten andere auf.

»Hallo, was ist das? – verdamm' euch! – Was tut ihr da vorn an den Pferden?« schrie John, mit voller Kraft seine Peitsche gebrauchend.

»Im Namen der Königin, halt!« rief ihm eine Stimme zu. – »Rühr' dich da oben noch, und wir holen dich im Nu von deinem Bock herunter!«

»Wer ist da? – Was wollen Sie von uns?« rief Pick aus dem Wagen heraus; »das ist jedenfalls ein Mißverständnis.«

»Werden es wohl bald aufklären«, erwiderte ihm dieselbe tiefe Stimme, die vorher dem Kutscher ihren Befehl zugerufen hatte. »Zündet die Fackeln an, Leute – und haltet Ruhe! Was macht ihr denn für einen Heidenlärm!«

»Teufel!« murmelte Pick leise vor sich hin, schob ein Bein über den Schlag hinaus, und wollte eben ins Freie springen.

»Zurück da!« donnerte ihm aber eine Stimme entgegen, und deutlich hörte er das Knacken eines Hahnes.

»O allmächtiger Gott!« stöhnte Susanna, die ihr Gesicht in den Händen barg; »das ist die Strafe.«

»Das ist jedenfalls ein Mißverständnis«, rief indes Pick noch einmal in der vergeblichen Hoffnung zum Wagen hinaus, die Leute zu veranlassen, ihn frei zu geben. »Ich habe eine Dame hier bei mir, und weiß nicht, weshalb Sie mich festhalten.«

»Werden es gleich erfahren«, brummte die vorherige Stimme lakonisch.

»Halt – was geht hier vor – wer ist da?« riefen in diesem Augenblick andere Stimmen.

»Mein Vater!« flüsterte Susanna, und Oskar von Pick setzte mit einem leisen Fluch hinzu: »Na, der hat gerade noch gefehlt.«

In diesem Augenblick lohte eine kleine dunkelrote Flamme auf, eine Anzahl von Pechfackeln wurde darüber gehalten, und wenige Sekunden später flammten ein halbes Dutzend Lichter auf, die ihren flackernden Schein über die wilden Gruppen in der Straße warfen.

»Hallo, wen haben wir da?« rief der Wachtmeister, »doch das sehen wir schon nachher. Schießt jeden nieder, der Miene zum Entfernen macht. Und nun her mit euren Fackeln, daß wir uns unseren Fang einmal bei Licht besehen können.«

»Lieber Freund!« flüsterte Pick aus dem Wagen heraus dem Wachtmeister zu – »ich habe eine Dame bei mir, und mir liegt sehr viel daran, daß die Leute hier im Haus –«

»Nicht erfahren, daß wir Sie abgefaßt haben, he?« lachte der Wachtmeister – »ja, das will ich wohl glauben.«

»Ich werde mich gern erkenntlich zeigen«, fuhr von Pick fort, und streckte dabei die Hand aus dem Wagen.

»Her mit euren Fackeln, zum Teufel noch einmal!« rief der Wachtmeister, »die Stimme klingt mir so verdammt fremd – Alle Teufel!« rief der alte Soldat, indem er einen ersten Blick auf den in der Falle gefangenen Herrn von Pick warf, – »das ist doch nicht Jack London – und da sitzt, Gott straf mich, eine Dame mit dabei. Jungens –«

»Was geht hier vor?« rief in diesem Augenblick aber auch der alte Lischke, der mit seinen Begleitern nahe genug herangekommen war, bei dem Schein der hoch gehaltenen Fackeln das bleiche und bestürzte Gesicht des Herrn von Pick zu erkennen, obgleich dieser, als er die Stimme des Alten hörte, blitzschnell wieder soweit wie möglich in den Wagen zurückfuhr.

»Nur ein Versehen«, brummte der Wachtmeister verdrießlich vor sich hin, »das uns jetzt wahrscheinlich den ganzen Fang verdorben hat – ein Herr und eine Dame –«

»Eine Dame?« rief der alte Mann, und es war ihm, als ob ihm eine eiskalte Hand ans Herz gegriffen habe. – »Eine Dame? – und der Bube dabei? – Licht her – Licht!« – Mit zitternden Händen drückte er dem neben ihm stehenden Pastor seine Flinte in die Hand und griff nach einer der Fackeln, die ihm der Schwarze, der sie hielt, willig überließ. Ihr Schein fiel in den Wagen. – Der alte Mann sagte kein Wort, bleich und regungslos stand er und starrte auf sein verlorenes Kind – er sah die Jammergestalt des Herrn von Pick kaum. Aber noch ein anderes Herz war gebrochen – Christian. Susanna, die er mehr liebte als sein eigenes Leben, war falsch – war im Begriff, vor ihm zu fliehen.

»Fahr zu, Kutscher!« sagte plötzlich der alte Mann, indem er von dem Wagenschlag zurücktrat, mit heiserer, fast erstickter Stimme; – »ich habe kein Kind mehr, und die – Dirne mag hingehen, wohin sie will.«

»Na, Platz denn da vorn, ihr schwarzen – Herren!« rief der Kutscher, der sich indessen da oben höchst unbehaglich gefühlt hatte, »he – weg da, da vorn!«

»Halt – halt!« rief in diesem Augenblick Susanna, die sich gewaltsam emporraffte, das Tuch von sich warf und an Pick, der ihr nicht das geringste Hindernis in den Weg legte, vorbeidrängte. Der Wachtmeister, der dicht am Schlage stand, öffnete diesen und Susanna sprang heraus. »Vater!« rief sie, – »Vater!« und wollte sich an seine Brust werfen. Der alte Mann wandte sich aber von ihr ab. »Ich habe kein Kind mehr«, sagte er leise, gab die Fackel wieder in die Hand eines der neben ihm stehenden Schwarzen, und ging zum Hause zurück.

»Kommen Sie, Susanna«, sagte, als das arme Mädchen verzweifelnd auf der Straße stand, Pastor Meier, indem er ihren Arm ergriff, »kommen Sie zur Mutter«, und führte die ihm willenlos Folgende dem Hause zu, wohin ihm Christian Helling zögernd folgte.

 

Ein wunderliches Zwischenspiel trieben indessen die übrigen Fackelträger mit dem auf dem Bocke sitzenden Kutscher. Der Befehl ihres Leutnants hatte sie um das Lischkesche Haus postiert. Abends um elf Uhr sollten plötzlich alle Eingänge besetzt werden, und der Offizier hoffte dadurch Mac Donald, der sich tagsüber vom Hause entfernt gehalten hatte, in seine Gewalt zu bekommen. Der heimlich anlangende Wagen, das gegebene Zeichen und die beabsichtigte Flucht zweier Personen ließen die auf der Lauer liegenden Schwarzen aber nicht anders glauben, als daß der entflohene Sträfling sich ihnen auf diese Weise entziehen wollte. Der Wachtmeister sah jetzt allerdings den Fehlgriff ein. Vielleicht war noch nicht alles umsonst, und die erwartete Beute ging ihnen doch am Ende noch in die Falle. Dann war es aber auch nötig, so rasch als möglich alles zu entfernen, was den Zurückkehrenden hätte warnen können, und der Wachtmeister gab deshalb den Befehl, die Fackeln auszulöschen.

Mabong hatte sich, mehr aus alter Gewohnheit, nichts ununtersucht und unbesehen zu lassen, als irgend einem bestimmten Verdacht folgend, bis dahin vergebene Mühe gegeben, das Gesicht des Kutschers, der auf seinem Bocke wie auf glühenden Kohlen saß, in den Schein seiner Fackel zu bringen. John zog seinen Kopf in den hohen aufgeschlagenen Rockkragen zurück, rückte sich den Hut tief ins Gesicht und schielte mit beiden Augen auf seine Nasenspitze nieder.

»Fort mit euren Fackeln!« rief der Wachtmeister. »Mit dem Herrn da drinnen haben wir nichts zu schaffen. – Tut mir leid, Sir, Ihnen heut abend, wie mir scheint, in die Quere gekommen zu sein.«

»Sie sind sehr gütig«, sagte Pick mit verbissenem Ingrimm, indem er aus dem Wagen sprang. »Jetzt erlauben Sie mir wohl, daß ich passieren darf – ich ziehe vor, nach Hause zu gehen.«

»Nach Belieben, Sir«, erwiderte der Soldat, indem er ihm Platz machte, »und den Wagen laßt frei da vorn!« wandte er sich wieder zu seinen Leuten; »was gibt es, Mabong?«

»Wart' ein bischen!« sagte der Schwarze, dem die Scheu des Kutschers vor der hellen Flamme auffiel. Zugleich beleuchtete er die ganze Gestalt von oben bis unten und entdeckte etwas, das sein Mißtrauen nur noch steigerte, nämlich die von Dornen zerrissenen und ausgefransten Hosen des vermeintlichen Kutschers. Auch der Wachtmeister, der nach vorn mit einer anderen Fackel getreten war, betrachtete ihn jetzt aufmerksam.

»Hallo da, Sir!« rief er ihn an, »seht einmal hier herüber, wenn's Euch gefällig ist. Was der Kerl für ein verzweifeltes Gesicht schneidet, und wie ruppig er um die Beine herum aussieht! Komm einmal herunter von da, und gib Auskunft über dich, nachher kannst du mit deinem Kasten fahren, wohin du willst. – Na, wird's bald, oder sollen wir dir Beine machen?«

»Weshalb halten Sie mich dem hier eigentlich auf offener Straße an?« knurrte der Mann, ohne dem Befehl Folge zu leisten. »Wenn der Herr da auf krummen Wegen war, was kümmert das mich? Verliere jetzt so meinen Fahrlohn bei der Geschichte – hol's der Teufel! Macht Raum da vorn und laßt einem die Bahn frei!«

»Haltet die Pferde da vorn – und zwei von euch steigt einmal hinauf und holt mir den Burschen herunter, wenn er nicht gutwillig kommen mag!« rief der Wachtmeister, jetzt überzeugt, daß mit dem Mann nicht alles in Ordnung sei.

»Avast da!« knurrte der Kutscher, der vor Wut schäumte, sich auf so alberne Weise in Gefahr gebracht zu haben; »wenn ihr denn keinen ordentlichen Menschen ungeschoren lassen könnt, so hab' ich auch nichts dagegen – paßt aber auf die Pferde da vorn auf. – Platz da!«

Zwei der Schwarzen traten an die Pferde, und die anderen gingen aus dem Wege, damit der Mann herunterspringen könnte. Auf den Augenblick hatte John gerechnet; das war seine letzte Aussicht auf Rettung. Noch oben hatte er die Peitsche verkehrt gefaßt, und wie er den Boden berührte, schnellte er wieder in die Höhe, schlug dem nächsten, der ihm im Wege stand, den schweren Peitschenstiel ins Gesicht und schoß mit einem Satz der Gartenpforte zu. In dem dunklen Garten hätte er seinen Verfolgern leicht entgehen können, und die Schwarzen waren über den plötzlichen Angriff so überrascht, daß der Flüchtige schon die Gartentür erreicht hatte und sich mit voller Wucht dagegen warf. Hier aber verließ ihn sein altes Glück – die Pforte öffnete sich nach außen. Im nächsten Augenblick hatten sich schon zwei der Schwarzen auf ihn geworfen, und während ihn einer mit der schweren Fackel über den Schädel hieb, daß die Funken umherspritzten, faßte ihn ein anderer am Kragen und riß ihn zurück.

Der zur Verzweiflung getriebene Buschranger zog ein verborgen gehaltenes Messer; ehe er es aber gebrauchen konnte, war er von allen Seiten gefaßt, und lag wenige Sekunden später überwältigt am Boden.

»Seht doch!« rief der Wachtmeister, »hat der Bursche auch seinen Stachel gezeigt? Gebt einmal eine Fackel her und laßt uns sehen, wen wir haben. Das kann doch nicht Jack London sein?«

»Der rote John!« rief Mabong, der mit der Fackel von der andern Seite des Wagens herbeigesprungen war. »Der rote John!«

»Geht zur Hölle!« knirschte der Ertappte und ließ sich jetzt endlich, erschöpft und keines Widerstandes mehr fähig, von seinen Wächtern binden.

Rasche Hufschläge wurden auf der Straße gehört – ein Reiter kam herangesprengt und hielt neben der Gruppe. Es war Leutnant Walker.

»Was geht hier vor?« rief er. »Wen haben Sie da?«

»Den roten John, Sir, haben wir vom Bock des Wagens da heruntergeholt«, erwiderte der Wachtmeister.

»Ah! – vortrefflich – sonst etwas vorgefallen?«

»Nein, noch nicht, Sir – haben hier eigentlich das verkehrte Nest aufgegriffen – was übrigens immer noch gut ausgeschlagen ist, und wollten die Leute jetzt wieder anstellen. Der andere geht doch vielleicht noch in die Falle.«

»Es ist nicht mehr nötig!« erwiderte der Leutnant ruhig. – »Zieht Eure Leute zurück.«

»Zu Befehl, Herr Oberleutnant.«

»Und hier, Mabong!«

»Sir!« rief der Schwarze, zu seinem Offizier springend.

»Nimm mein Pferd mit dir – ich werde zu Fuß nachkommen. – Habt mir nur auf den Gefangenen gut acht!«

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