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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050602
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29

Die Sonne neigte sich schon gegen den Horizont, und alle Anzeichen im Lischkeschen Hause verrieten, daß dort ein ganz außergewöhnliches Fest gefeiert werden solle. Aber eine festliche Stimmung herrschte nicht im Hause.

Susanna war mit ihrem Vater allein im Zimmer – sie hatte geweint und saß in dem Lehnstuhl der Mutter am Fenster, während ihr Vater mit raschen, heftigen Schritten auf und ab ging und den Dampf aus seiner kurzen Pfeife in ganzen Wolken zur Decke blies.

»Warten – warten!« brummte er dabei, indem er einen zornigen Blick nach der Tochter hinüberwarf – »immer nur warten! – Warten willst du wohl, bis du eine alte Jungfer bist, oder ein Graf oder ein König kommt, der um dich anhält, he? Daran ist aber nur der verfluchte Baron krank geworden. Warten mochte er nicht; er will später wiederkommen.«

»Unten an der Ecke der Straße«, sagte Pastor Meier, »sah ich, als wir hierher zu Ihnen kamen, zwei Mann von der berittenen schwarzen Polizei, die, wie ich glaubte, Saaldorf heute plötzlich verlassen hätte, vorüberreiten. Einzelne müssen doch wohl zurückgeblieben sein, und der Hund witterte die vielleicht. Den Geruch von Schwarzen können die Tiere am wenigsten vertragen.«

»Kann ich ihnen auch nicht verdenken«, lachte der alte Lischke; »das schwarze Volk seh' ich auch lieber gehen wie kommen, und wenn sie zur Polzei gehören. Was die aber nur hier herumzuschnüffeln haben, möcht' ich wissen.«

»Wie ich gestern abend aus Leutnant Walkers eigenem Munde hörte«, sagte Pastor Meier, »sind sie einem oder gar zwei Buschrangern auf der Spur, die sich, vom Murray vertrieben, in diese Ansiedelungen gezogen haben sollen.«

»Na ja, die könnten wir hier noch gebrauchen«, sagte Lischke, »als ob wir nicht schon genug sogenannte anständige Buschranger hier zu füttern hätten! Na, hoffentlich kriegen sie die Kerle beim Kragen, ehe sie Unheil anrichten, und dann will ich mir die schwarzen Halunken auch so lange gefallen lassen. Aber da kommt die Alte; – na, das ist recht, Mutter, daß du dich auch einmal bei uns sehen läßt. Wie weit bist du denn mit dem Essen?«

»Wenn ich nur wüßte, wann der Herr Doktor käme«, sagte Frau Lischke, »aber so hat er es ungewiß gelassen, und ich möchte doch auch nicht, daß er nachessen sollte. Jedenfalls ist er irgendwo bei einem Kranken festgehalten worden. Er hat gesagt, wir sollten nicht auf ihn warten.«

»Nun, eine Weile haben wir auch noch Zeit«, sagte Lischke, nach der alten Schwarzwälder Uhr sehend, »und bis halb neun Uhr warten wir jedenfalls auf ihn, wenn dir dein Braten auch ein bißchen braun wird, Alte. – Hallo, was war das?« unterbrach er sich plötzlich und horchte nach dem Fenster hinüber.

»Hörten Sie etwas?« fragte der Pastor.

»Es war mir beinahe so, als ob ein Schwarzer ku-ihte«, sagte der Alte, und Susannen stockte bei den Worten das Blut. Glücklicherweise sah niemand auf sie – sie wandten sich alle dem Fenster zu, und sie gewann Zeit, sich zu sammeln. Draußen blieb es totenstill – sie konnten den Hund knurren hören, aber dann regte sich nichts weiter.

»Es war nichts«, sagte auch Lischke – »geht uns auch eigentlich nichts an, was sie draußen treiben, denn wir haben hier drinnen mit uns selber genug zu tun. Sie, Herr Pastor und Ihre liebe Frau, habe ich nämlich heut abend zu mir eingeladen, Zeuge eines kleinen Familienfestes zu sein, das wir mitsammen feiern wollen.«

Die Mutter hatte, während der Vater sprach, ihren Blick ängstlich auf die Tochter gerichtet, und ihrem sorgenden Auge entging es keineswegs, welche Veränderung plötzlich in den Zügen des Kindes vorgegangen war. Sie winkte verstohlen dem Alten, noch eine Weile einzuhalten, aber Lischke achtete nicht im mindesten darauf, sondern fuhr entschlossen fort:

»Hier der junge Bursch, Christian Helling, den Sie alle kennen, der mit uns über See gekommen ist und sich die ganzen Jahre nicht allein als ein fleißiger Mann gezeigt, sondern sich auch so viel erübrigt hat, um mit gutem Mut einen Hausstand beginnen zu können, hat bei mir und der Mutter um Susannens Hand angehalten, und wir sind beide gesonnen, sie ihm zu geben.«

»Daß ich mein Leben daran setzen werde, sie glücklich zu machen«, rief Christian, indem er aufstand und des Alten Hand ergriff, »darauf können Sie sich verlassen; – wenn Susanna mir ihr Schicksal anvertrauen will, soll sie den wichtigsten Schritt ihres Lebens nie bereuen.«

»Ku-ih!« tönte in diesem Augenblick deutlich der Ruf herüber.

Susanna schrak zusammen und ihre Glieder zitterten.

»Vater!« sagte sie, während sie auf ihn zutrat.

»Du bist ein gutes Kind.« Er nickte der Tochter zu, und sagte dann, sich nach dem zukünftigen Schwiegersohne umsehend, »komm her, mein Junge, gib mir deine Hand, und du, Susanna – aber was hat das Mädchen?«

»Mutter!« rief Susanna, fiel der alten Frau um den Hals und küßte sie. – »Mutter!«

»Komm, mein Kind«, bat diese, »aber so übereile doch auch die Sache nicht so, Lischke, du quälst und ängstigst ja das arme Mädchen.«

»Ach papperlapapp«, brummte der Alte, »was helfen denn die Zierereien? – Na«, setzte er erstaunt hinzu, als Susanna plötzlich das Zimmer rasch verließ und die Tür hinter sich ins Schloß warf – »na, das fehlte mir auch noch!« – und mit diesen Worten wollte er ihr nach. Christian trat ihm aber in den Weg:

»Bitte, lassen Sie ihr einen Augenblick Zeit, sich zu sammeln. Sie haben das arme Mädchen ohnedies erschreckt; es kam alles so rasch.«

»Sie dürfen Ihr Kind nicht drängen«, sagte auch Pastor Meier zu dem alten Mann; »lassen Sie ihr nur Zeit; ein so wichtiger Schritt darf nicht mit ungestümer Hast betrieben werden.«

»Was ist das?« rief Christian plötzlich, der indessen mit sich gekämpft hatte, ob er Susannen folgen solle oder nicht – »Lärmen und Geschrei?«

Gellende Stimmen, wie von Wilden, wurden laut, und während der Wachhund mit tollem Gebell draußen an seiner Kette riß – schnitt ein scharfer Pfiff, fast dicht unter dem Fenster, durch den Lärm.

»Ja, da müssen wir doch einmal nachsehen, was da vorgeht«, sagte der alte Lischke, indem er an die Wand ging und seine Doppelflinte vom Nagel nahm. »Da, Christian, nimm du dort den Säbel, der gleich hinter der Tür am Bette steht, man kann ja doch nicht wissen, was da los ist, und die Scheune liegt dicht an der Straße.«

So schritt der alte Lischke mit seinem Gewehr im Arm, von Christian begleitet und von dem Pastor gefolgt, hinaus vor die Tür.

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