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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050602
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28

Die nächste Sonne brachte einen ganz außergewöhnlich unruhigen Tag für das sonst so stille kleine Städtchen Saaldorf. Hier und da hatte sich die schwarze Polizei gezeigt auf schäumenden Pferden durch die Straßen galoppierend, und dumpfe Gerüchte von Buschrangern durchliefen mit Blitzesschnelle den kleinen Ort.

Leutnant Walker hatte sein Hauptquartier im Saaldorf-Hotel, und den ganzen Morgen waren Boten gekommen und gegangen, so daß sich ein ganzer Schwarm Saaldorfer Jugend auf der gegenüberliegenden Seite der Straße gesammelt hatte und mit innigem Vergnügen dem Treiben zusah.

»Sie haben einen – sie haben einen!« ging da plötzlich der Ruf durch die Stadt. Die Straßenjugend sammelte sich um einen schwarzen Polizisten und einen zerlumpten Burschen mit wirrem Bart und bleichen, verstörten Zügen, die zusammen die Straße heraufkamen.

»Das ist Jack London – sie haben Jack London erwischt!« schrien und tobten die Jungen.

Die beiden Leute waren ein paar alte Bekannte von uns, und zwar der eine Mabong, auf seinem Pferde, neben ihm mit scheu zu Boden gesenkten Blicken Hohburg.

So erreichten sie endlich das Saaldorf-Hotel. Hier schien Hohburg zu zögern, ob er das Haus betreten sollte.

Mabong trat zu seinem Offizier ins Zimmer und meldete ihm, daß er draußen in der Nähe einer kleinen Kneipe einen verdächtig aussehenden Burschen aufgefunden habe, der aber dringend verlangt hätte, ihn selber zu sprechen, da er ihm etwas Wichtiges mitzuteilen habe.

»Bring ihn herein, Mabong«, sagte der Offizier – »wenn die Bande untereinander uneins wird oder ihren Nutzen dabei sieht, verrät sie den eigenen Bruder. Ich denke, wir werden jetzt Nachricht vom roten John bekommen – wenn du dich nicht mit den Fährten draußen geirrt hast.«

Der Schwarze kehrt mit Hohburg zurück, der scheu an der Tür stehen blieb und den Offizier betrachtete.

»Hallo«, rief dieser, »wen haben wir hier? – Ich dächte doch, das Gesicht sollt' ich kennen. Wo haben wir uns das letztemal gesehen?«

»Am Murray«, antwortete der Gefragte leise – »ich verließ Mr. Powells Station, als Sie dort einrückten.«

»Ach ja – jetzt erinnere ich mich. Jener sogenannte Toby bekam damals Eure Stelle, nicht wahr?«

»Ja.«

»Und von dem wollt Ihr mir jetzt etwas erzählen, wie?« fragte Walker, ihn forschend betrachtend.

Hohburg blickte den Offizier etwas überrascht an; Toby hatte ihm aber auf die Seele gebunden, seinen Namen nicht zu erwähnen. Nur die Anzeige gegen Jack London sollte er machen, das Geld dafür in Empfang nehmen und die Hälfte bei dem Händler, wo sie sich getroffen hatten – wenn Toby selber nicht mehr da wäre – niederlegen.

»Nein«, sagte er deshalb nach kurzer Pause – »was weiß ich von Toby? Soviel ich weiß, sucht Ihr einen anderen.«

»Jack London?« rief Walker erstaunt.

»Der, der Euch dessen Aufenthaltsort anzeigt, bekommt hundert Pfund Sterling – ist dem nicht so?« fragte Hohburg.

»Allerdings«, sagte Walker und blickte finster auf die vor ihm stehende Jammergestalt, »und Ihr wißt, wo er sich aufhält?«

»Ich weiß es.«

Walker erhob sich und ging im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor dem Mann stehen, sah ihm fest ins Auge und sagte:

»Und wer seid Ihr eigentlich, wenn man fragen darf?«

»Ich war Hüttenwächter bei Mr. Powell«, erwiderte Hohburg mit niedergeschlagenem Blick – »ließ mich unterwegs verleiten, das verdiente Geld zu vertrinken, und – brauche jetzt anderes, um Frau und Kind zu ernähren.«

»Ihr seid verheiratet?« rief Walker erstaunt aus.

»Ja.«

»Hier in der Nähe?«

»Meine Hütte liegt etwa eine halbe Stunde von hier am Wege.«

»Und Euer Name?«

»Hohburg.«

»Ihr nanntet mir früher, wenn ich nicht irre, einen anderen?«

»Ich hatte mich im Busch Miller genannt.«

»Ganz recht«, sagte der Offizier, indem er langsam zu dem Tisch zurückging und dann eine Feder nahm. Er rang jedenfalls mit einem Entschluß. Endlich sagte er: »Also sprecht – dieser Jack London ist wo?«

»Hier!«

»In Saaldorf?«

»Ja – und wohnt bei einem Mann Namens Lischke.«

»Lischke?« rief der Offizier.

»Unter dem Namen Doktor Schreiber«, fuhr Hohburg fort.

»Teufel!« rief Walker, die Feder auf den Tisch werfend, »mir kam die Gestalt doch so bekannt vor. Aber Doktor Schreiber ist ein Deutscher.«

»Der Fremde, der auf Mr. Powells Farm war, spricht Deutsch – fast so gut wie ich.«

»Und ist dieser – Doktor Schreiber noch in jenem Hause?«

»Gestern nachmittag hab' ich ihn noch gesehen – er trägt eine blaue Brille und kürzeres Haar, als er auf der Station trug.«

»Gut denn – das übrige überlaßt mir«, setzte der Offizier hinzu, und es war fast, als ob er einen Seufzer unterdrückte. »Bestätigt sich das, was Ihr mir eben mitgeteilt habt, so mögt Ihr morgen früh wieder hier vorsprechen und die Anweisung auf das – Geld in Empfang nehmen.«

 

Eine entsetzliche Nacht hatte indessen die arme Frau Hohburg verbracht.

Eduard kam nicht – Stunde nach Stunde verging, der Morgen dämmerte, die Sonne stieg höher und höher. Mittag war vorüber; sie gab der Kleinen etwas Milch und Brot, sie selber aß keinen Bissen. Die Sonne neigte sich zum Untergehen, noch immer saß die Frau in ihrer Hütte und starrte still und schweigend vor sich nieder.

Da wurden Schritte draußen laut – sie näherten sich der Tür – die Frau hob lauschend den Kopf. Endlich öffnete sich langsam die niedere Pforte, und Hohburg, bleich und mit Staub bedeckt, zitternd und vor dem Blick der Frau die Augen niederschlagend, stand auf der Schwelle.

»Wo warst du, Eduard? Wo ist das Geld? Wo sind die Kleider? Wo ist das Brot? Sage mir nichts«, unterbrach sie ihn rasch, als er die Lippen öffnete – »verteidige, entschuldige dich nicht – ich weiß alles. Ich bin dir gestern gefolgt – habe gesehen, wie du den letzten Schilling verpraßtest. Du bist verloren, Eduard – und wir sind es mit dir!«

»Höre mich, Luise!« sagte Hohburg, als sie das Antlitz in den Händen barg, mit erstickter Stimme. »Mit dem gestrigen Tage ist ein vergangenes – ein entsetzliches Leben abgeschlossen. Ich habe den Abgrund erkannt, an dem ich stand – ich habe ihn verlassen. Von heut an beginnt für mich – für uns alle eine neue Existenz.«

»Es ist zu spät!« erwiderte tonlos die Frau.

»Noch nicht, Luise – noch nicht!« rief der Mann. »Mein Geist war gebrochen; aber – nicht der unselige Trunk, wie du vielleicht glaubtest, hat mich niedergebeugt – ein Geheimnis lastet auf meiner Seele, eine dunkle Stunde meines Lebens, die wie ein Schleier seit langen, langen Jahren zwischen uns lag und meine Kräfte gelähmt, meine Sinne fast zum Wahnsinn getrieben hat. Den Schleier will ich lüften – ich will die Last von meiner Seele wälzen, und dir mit dem Geständnis nicht allein den Beweis geben, daß es mir ernst ist, mich zu bessern, nein auch zugleich die Mittel, ein anderes Leben zu beginnen.«

»Die Mittel?« sagte die Frau, indem sie ungläubig den Kopf schüttelte. »Es war das Letzte, was du gestern hinausgeworfen hast.«

»Und hast du dir nicht kürzlich dreißig Pfund gewünscht, um in Adelaide ein Geschäft zu gründen? – Ich habe sie verdient –«

»Du? – womit?« rief die Frau in furchtbarer Angst, daß er des Geldes wegen ein Verbrechen verübt haben könne.

»Fürchte nichts«, sagte aber Hohburg, der ihre Gedanken erraten mochte. »Wenn auch nicht mit Arbeit, das Geld ist doch ehrlich und gesetzlich verdient. Der gestrige Abend aber hat mir nicht allein jenes Glück in den Schoß geworfen, sondern mir auch die Augen über mich selbst geöffnet. Ich weiß, daß du mich verachtet, vielleicht gehaßt hast. Wie ich dir aber hier schwöre, daß von heute an kein Tropfen Branntwein oder Wein mehr über meine Lippen kommen soll, so will ich mir auch durch ein offenes Geständnis die Schuld von meiner Seele wälzen.«

»Ich verstehe dich nicht!« rief die Frau erschrocken – »was hast du? – du bist außer dir –«

»Schicke das Kind hinaus!« sagte er, »schicke Lieschen einen Augenblick vor die Tür.«

Als die Kleine das Zimmer verlassen hatte, sagte Frau Hohburg: »Und nun teile mir mit, was dich quält, denn diese Ungewißheit ist fast schlimmer als das Schrecklichste, was du mir sagen kannst.«

Der Mann schwieg und sah ihr starr ins Auge.

»Du hast immer wissen wollen«, flüsterte er endlich mit dumpfer Stimme, »was mich von Europa fort nach Australien getrieben hat, was mir den Schlaf von den Lidern scheuchte und meine Träume mit wirren Bildern füllte. Es war dasselbe Gespenst, das mich zur Flasche trieb. Du sollst es hören, aber – schaudere nicht vor mir zurück.«

»Du weißt«, fuhr Hohburg mit zitternder Stimme fort, »welch ein Verhängnis unsern Familienkreis in Edinburgh störte und vernichtete – du kennst die Ursache des Todes meiner Schwester –«

»Eduard!« hauchte die Frau und streckte die Arme wie abwehrend gegen ihn aus.

»O'Rourke«, fuhr Hohburg fort – »O'Rourke wurde erschossen gefunden – den Täter vermutete man in dem Verlobten Mariens –«

»Eduard!« schrie die Frau – »um Himmels willen –«

»Ich muß – ich muß«, – stöhnte der Mann, – »der Mensch hatte meine Schwester tödlich beleidigt – ich traf ihn nach jener Szene im Garten – ich kannte mich selber nicht mehr – er fiel –«

Die Frau klammerte sich an den Tisch, und Hohburg fuhr tonlos fort: »Er fiel – durch meine Hand. Wie ich in mein Bett kam – weiß ich selber nicht mehr – ein Fieber warf mich lange Zeit aufs Krankenbett. Wirre Gerüchte drangen dabei zu meinen Ohren, daß man den Mörder gefaßt und der gerechten Strafe überliefert habe – ich war nahe daran, wahnsinnig zu werden. Meine Schwester erkrankte in der derselben Zeit und starb, und als ich das Bett verlassen konnte, und ehe ich in die geringste Berührung mit der Außenwelt kam, zogen wir nach London – das übrige weißt du – dort ließ es mir keine Ruhe – ich mußte England verlassen, mußte das Meer zwischen mich und mein Verbrechen bringen. Wir zogen nach Australien, aber der Fluch lastete auf mir und allem, was ich unternahm – das Geld schwand mir unter der Hand – ich war elend – unsagbar elend und verloren – verloren aber nur, bis ich mich selber wiederfand –« rief er plötzlich, während er sich aufrichtete. »Jetzt – in diesem Augenblick ist mir wohl und leicht – ein neues Leben beginnen wir von nun an. Du kannst dir denken, Luise«, setzte Hohburg schaudernd hinzu, »was ich mit dieser Last auf meiner Seele die langen, langen Jahre gelitten habe.«

»Daß du's ertragen hast, begreife ich nicht«, sagte die Frau, indem ihr Blick mit eisiger Kälte auf dem Gatten haftete; »und hast du nie an dein Opfer gedacht? Hast du nie gefragt, was aus dem Unglückseligen – dem Verlobten deiner Schwester geworden ist, den das Gericht statt deiner verurteilte?«

Hohburg schwieg und senkte den Blick scheu und beschämt zu Boden.

»Und mit dem Gedanken«, fuhr Luise schaudernd fort – »mit dieser ungesühnten Schuld auf deiner Seele willst du ein neues, frohes Leben beginnen?«

»Luise!« bat der Unglückliche.

»Genug – genug – nur eins noch möchte ich wissen. – Du sprachst von Geld, das du dir gestern auf ehrliche gesetzliche Art verdient. Sage mir, womit?«

»Der Staat«, erwiderte Hohburg, wagte aber nicht, den Blick zu erheben – »hat eine Belohnung auf den Fang eines entsprungenen Verbrechers gesetzt. Den hatte ich zufällig im Busche gesehen und traf ihn wieder hier, wo er sich unter einem falschen Namen als Deutscher eingeschlichen.«

»Als Doktor Schreiber«, sagte die Frau, und ihr Auge ließ den Blick des Mannes nicht los.

»Du wußtest?« rief dieser erstaunt.

Ein gellendes Lachen war die einzige Antwort, die er bekam.

»Luise – was um Gottes willen ist dir? – was hast du?«

»Gottes Gericht!« rief die Frau, »Gottes Gericht!«

»Du bist außer dir!« rief Hohburg. »Was hast du? – Ein Verbrecher ist's – ein gefährlicher Buschranger, der das Land –«

»Weißt du –« rief jetzt die Frau, ihrer Sinne kaum mächtig, indem sie die Schulter des vor ihr stehenden Mannes krampfhaft faßte – »weißt du, wie jener Unglückliche heißt? – Weißt du, wen du verraten hast?«

»Jack London«, stammelte Hohburg.

»Mac Donald!« schrie ihm Luise zu, – »Mac Donald, der Bräutigam Mariens – der unschuldig Deportierte – der unglücklichste Mann der Erde und dein Opfer, Mensch das Opfer deines Mordes!«

Sie ließ ihn los und stieß ihn von sich. Hohburg starrte sie an. Die Augen traten ihm aus den Höhlen – sein Gesicht nahm eine fast bläuliche Färbung an, und während er sich halb von ihr abwandte, warf er plötzlich die Arme hoch und sank bewußtlos zu Boden.

»Was um Gottes willen geht hier vor?« rief da eine Stimme von der Tür her, durch die sich auch in diesem Augenblick Lieschen mit einem ganzen Arm voll roter und weißer Blüten drängte und zur Mutter lief, an deren Knie sie flüchtete. – »Was ist geschehen? Frau Hohburg – muß ich so Sie wiederfinden?«

Die Frau starrte dem Sprechenden mehrere Sekunden starr und staunend in das gutmütige Gesicht; dann aber, als ihr die Erinnerung aus früherer Zeit wiederkehrte, rief sie:

»Kapitän Helger – Sie sendet mir Gott in meiner höchsten Not – er stirbt – er darf nicht sterben, er muß noch leben, um wenigstens das Bekenntnis seiner Schuld in Ihrem Beisein abzulegen.«

»Was ist hier vorgefallen? – und das hier ist Hohburg? diese Jammergestalt? Was ist geschehen? – reden Sie – vertrauen Sie mir!«

»Das Schrecklichste, was auf der Welt geschehen kann –« stöhnte die Frau – »aber nicht ich, er muß reden.«

»Ja, da wollen wir uns aber auch nicht bei der Vorrede aufhalten«, rief der Seemann, indem er den Bewußtlosen auf das Bett trug. Dann nahm er ein Handtuch vom Nagel und goß reichlich Wasser darauf, um seine Schläfen zu netzen.

»Wäre mir der verwünschte Doktor Schreiber gefolgt und hätte er mich begleitet«, rief er dabei, »so hätten wir jetzt einen Arzt bei der Hand und die Sache wäre im Handumdrehen fertig.«

»Doktor Schreiber?« – rief die Frau, bei dem Namen aufhorchend, »wo ist er jetzt? – was wissen Sie von ihm?«

»Wo er ist? Was weiß ich, schwimmt wahrscheinlich irgendwo in der Stadt herum, denn zu Hause war er nicht, als ich dort vorbeikam. Hallo – er lebt!« unterbrach er sich plötzlich, – »schönes Wrack von einem Menschen!«

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