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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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27

Die einzige angenehme Störung war das Klappern der Teller, Messer und Gabeln in dem benachbarten, nur durch eine dünne Brett- und Tapetenwand getrennten Zimmer, das Frau Doktor Spiegel dort unausgesetzt beschäftigt hielt.

Aber alles nimmt ein Ende auf der Welt. Das Manuskript war zwar noch nicht zu einem solchen gebracht, aber das Essen fertig, und es mußte notgedrungen wieder eine Pause gemacht werden. Doktor Spiegel hielt zwar noch hartnäckig auf seinem Sitz aus, unter dem Vorgeben, jedenfalls das Ende des zweiten Bandes vermitteln zu müssen, seine Frau flüsterte ihm aber immer dringender ihre Bitten ins Ohr, und er schloß endlich, fast etwas unwillig, das Heft.

Jetzt wurden die Herren aufgefordert, die Damen zur Tafel zu führen; Doktor Fiedel bot Fräulein Lischke den Arm, und Herr von Pick, in Ärger und Unmut, behielt eben noch Zeit, Frau Pastor Meier den seinigen zu bieten und sich möglicherweise den anderen Platz neben Susannen zu sichern. Aber selbst das mißlang ihm, da ihn Doktor Spiegel auf das freundlichste einlud, mit seiner Dame an die andere Seite der Tafel zu kommen.

Kapitän Helger, der an seinem neuen Bekannten, Doktor Schreiber, Gefallen fand, hatte sich seinen Platz neben diesem gewählt.

»Sie erkundigten sich neulich nach einem Gutsbesitzer Hohburg, lieber Kapitän«, sagte Mac Donald, als das Essen begonnen hatte; »dürfte ich wohl fragen, inwiefern Sie sich für diese Familie interessieren?«

»Du lieber Gott, ja«, sagte der Kapitän, mit einem großen Stück Kalbsbraten beschäftigt – »das ist kein Geheimnis. Ich kannte den Hohburg in Deutschland sehr genau – wir sind eigentlich aus einer Stadt gebürtig und Schulkameraden. Am meisten lag mir aber daran, zu erfahren, wie es seiner Frau gehe. Ihre Verwandten in Deutschland sind mit meiner Familie sehr befreundet und in Sorge um sie, da sie so lange nichts hat von sich hören lassen. Ich habe ihnen damals, wie es bestimmt war, daß mein Schiff nach Australien Fracht nehmen sollte, fest versprechen müssen, hier genau nach allem zu forschen. Es scheint aber, als ob ich nicht herausbekommen soll, was aus ihnen geworden ist, denn hier weiß mir kein Mensch von ihnen Nachricht zu geben.«

»Die Familie der Frau Hohburg lebt wohl in Deutschland in guten Verhältnissen?« fragte Mac Donald.

»Das will ich meinen«, sagte der Kapitän – »ihre Brüder sind steinreiche Kaufleute und haben Schiffe und Fabriken – die Eltern sind tot. Sie waren eigentlich auch gegen eine Heirat mit dem etwas leichtsinnigen Hohburg, aber lieber Gott, wenn sich einmal ein paar junge Leute gern haben, fragen sie den Henker nach der Verwandtschaft, und sie ließen sich eben von dem Pastor zusammenspließen.«

»Ich glaube, ich kann Ihnen auf die Spur helfen«, sagte Mac Donald.

»Das wäre!« rief der Kapitän erstaunt und legte Messer und Gabel nieder.

»Aber machen Sie sich darauf gefaßt, die, die Sie im Wohlstand anzutreffen glauben, im tiefsten Leid und Elend zu finden.«

»So wäre diese Frau Hohburg –«

»Bitte, reden Sie nicht so laut – Der Mann scheint bis zum Letzten heruntergekommen, und die Frau arbeitet bei fremden Leuten, um sich und ihr Kind am Leben zu erhalten.«

»Sie kennen Hohburgs?« rief der Kapitän erstaunt.

»Ich habe sie hier zufällig gefunden«, sagte Mac Donald ausweichend, »und glaube ziemlich gewiß zu sein, daß es dieselben sind, die Sie suchen. Den Mann habe ich nicht gesehen.«

»Aber er ist hier?«

»Ich hörte es von seiner Frau.«

»Und wo wohnen sie?«

»Von Adelaide aus müssen Sie doch bei Lischkes vorbei; das Haus liegt nicht weit von da entfernt und Sie können es dort oder in der Nachbarschaft wohl von jedem erfragen. Nur nach der Frau Hohburg müssen Sie sich erkundigen. Soviel ich weiß, ist der Mann erst seit ganz kurzer Zeit zurückgekehrt.«

»Lieber Doktor«, sagte der Kapitän herzlich, »Sie wissen wirklich nicht, welchen Gefallen Sie mir durch Ihre Mitteilung getan haben.«

In diesem Augenblick kam die ›Hilfe‹, ein junges Mädchen aus der Nachbarschaft, herein und winkte der Frau Doktor Spiegel, die erschreckt aufsprang und hinauslief, weil sie nach dem ängstlichen Gesicht des Mädchens irgendein Unglück in der Küche vermutete.

»Erschrecken Sie nicht, Madamchen«, sagte das Mädchen, »es ist nur ein Herr draußen, der nach dem Herrn Doktor fragt.«

»Wer ist denn der Herr?«

»Ja, ich weeß nich – es scheint so eine Art von Offizier zu sein.«

»Beste Frau Doktorin«, sagte in diesem Augenblick eine Stimme in englischer Sprache. »Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich Sie, oder vielmehr Ihren Herrn Gemahl nur auf einen Augenblick störe; aber ich ritt hier vorbei und sah gerade Licht.«

»Ah, Herr Leutnant Walker!« rief die Frau Doktorin, die ihm mit dem Licht entgegengegangen war und ihn jetzt erst erkannte. »Bitte, wollen Sie nicht näher treten?«

»Ich danke Ihnen; ich bin in größter Eile und möchte mit Ihrem Herrn Gemahl nur ein paar Worte sprechen.«

»Aber mein Mann wird Sie nicht wieder fortlassen – wir haben gerade ein paar gute Freunde zum Besuch –«

Leutnant Walker, solcherart freundlich gezwungen, konnte nicht gut länger ablehnen.

»Ach, mein bester Leutnant Walker!« rief Doktor Spiegel dem Eintretenden entgegen. »Das ist ja eine ganz unerwartete Freude, die Sie uns heut abend machen.«

Es war ein Glück für Mac Donald, daß er gerade mit Breyfeld ein Gespräch begonnen hatte und nach der ersten förmlichen Verbeugung, bei der er sich zum erstenmal wieder seinem gefährlichsten Feinde gegenübersah, mit jenem sich weiter unterhalten konnte. Er sah augenblicklich, daß ihn Walker in der modischen, steifen Tracht mit der blauen Brille, den kurzen Haaren und dem geschorenen Barte nicht erkannt hatte, ihn in dieser Gesellschaft auch nicht vermuten konnte.

Ein Teil der Gäste war aufgestanden, um sich der Gruppe anzuschließen, die sich um den neuen Besuch bildete. Man wußte, daß der Leutnant von Neusüdwales mit einem Teil seines schwarzen Korps herübergekommen war und hoffte, Interessantes von ihm zu hören.

Diese Gelegenheit ließ denn auch Pick nicht ungenützt verstreichen, sich wieder Susannen zu nähern. Susanna war ebenfalls aufgestanden und hatte in dem offenstehenden Nebenzimmer ein Heft Kupferstiche aufgeschlagen, das auf dem Klavier lag. Pick trat zu ihr und flüsterte:

»Susanna, ich habe mir alles, was uns zu tun übrig bleibt, hin und her überlegt. Es ist uns nur ein einziger Ausweg geblieben, deinen Vater zu zwingen, uns seine Einwilligung zu geben. Willst du mir darin beistehen, oder übermorgen die Braut – in wenigen Tagen vielleicht die Frau – die Magd Christian Hellings sein?«

»Ich kann ihn nicht heiraten, hab' ich dir schon gesagt«, stöhnte Susanna; »beschließe was du willst, nur rette mich vor dem mir gräßlichen Gedanken.«

»Gut, mein süßes Herz, dann bau' auf mich – dann aber bleibt uns auch nichts zu tun übrig, als – wir müssen fliehen.«

»Fliehen? – die Eltern verlassen?« rief Susanna erschrocken.

»Nur auf wenige Tage«, beruhigte sie rasch der Verführer. »Einen Geistlichen, der uns traut, finden wir mit Leichtigkeit in Tanunda.«

Susanna erwiderte nichts.

»Morgen bring' ich dich in Sicherheit«, flüsterte Pick zärtlich.

»Morgen schon?« hauchte Susanna.

»Wir dürfen nicht abwarten, bis die Verlobung wirklich stattgefunden hat«, verteidigte Pick seinen Wunsch. »Morgen abend um acht Uhr, wenn es vollkommen dunkel ist, denn der Mond wird erst etwa um halb elf oder elf Uhr aufgehen, hält ein Wagen an dem Paddock deines Vaters, dicht vor der auf die Straße führenden Gartentür. Ich selber komme dann vor das Haus, und mein ›Ku–ih!‹, wie es die hier umherstreifenden Schwarzen manchmal ausstoßen, ruft dich zu mir heraus, und ehe dich jemand vermissen kann, tragen uns ein paar flüchtige Pferde der Freiheit und der Liebe entgegen.«

»Guter – guter Gott!« stöhnte Susanna.

»In Tanunda«, fuhr Pick fort, »lassen wir uns übermorgen trauen, und den nächsten Tag früh sind wir hier zurück.«

»Wenn ich es nur meiner Mutter sagen dürfte –«

»Dann wären wir verloren«, fiel Pick ihr rasch ins Wort; »sie fürchtet deinen Vater viel zu sehr, als daß sie es wagen würde, seine Pläne zu durchkreuzen. Nein; sie wird uns schon durch ihre Bitten bei ihm unterstützen, wenn wir zurückkommen, aber uns nie in der Ausführung behilflich sein.«

»O, Herr von Pick – bitte, kommen Sie herein«, rief in diesem Augenblick Doktor Spiegel. »Leutnant Walker will uns sein letztes Abenteuer mit den Buschrangern erzählen – das ist zu interessant. – Lieber Schreiber, rücken Sie etwas näher hierher, Sie dürfen kein Wort davon verlieren.«

»Mein lieber Doktor«, lächelte, also gegrüßt, der Leutnant, »ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich gar nicht soviel Zeit habe, Ihnen hier eine lange Geschichte zu erzählen. Draußen vor der Tür halten sechs Mann von meinen Leuten, die auf mich warten. Ich war nur hereingekommen, Sie um ein paar Worte im Vertrauen zu bitten.«

»Von Herzen gern, bester Leutnant«, rief der Doktor, indem er auf ihn zuging, seinen Arm nahm und ihn in das andere Zimmer führte.

»Nur eine Bitte, bester Doktor«, sagte der Leutnant, »oder eigentlich nur Ihren guten Rat suche ich. Einer meiner schwarzen Burschen behauptet nämlich steif und fest, in der von einer Masse von Spuren zertretenen und zerfahrenen Straße die Spur eines der gefährlichsten Buschranger gefunden zu haben, – den wir eigentlich im Murray ertrunken glaubten. Leider hat er nun diese Spur heut abend etwas zu spät gefunden; morgen mit Tagesanbruch aber will er sie wieder aufnehmen, und zu diesem Zweck möchte ich Leute dort bei der Hand haben.«

»Das ist jener Jack London, den Sie suchen?« sagte Doktor Spiegel.

»Der, dessen Fährte er gefunden haben will, ist der sogenannte ›rote John‹, ein Schuft, der schon unzählige Morde auf dem Gewissen hat.«

»Alle Wetter, das ist eine freundliche Nachbarschaft!« rief Doktor Spiegel, »und den Jack London haben wir als Zugabe.«

»Haben Sie etwas von ihm gesehen?« rief Walker rasch.

»Ich? – nein!« erwiderte Spiegel; »aber Ihren letzten Andeutungen nach schien es mir, als ob er sich hierher gewandt hat.«

»Wir hatten nur hier seine Spur verloren«, erwiderte Walker.

»Und haben nichts wieder von ihm entdeckt?«

»Nicht das mindeste – er ist rein wie in den Boden hinein verschwunden. Jetzt aber sind mir von der Regierung zwei weiße Konstabler zugeteilt worden, die mich indes mehr hemmen, als sie mir nützen. Ich habe sie einstweilen, den einen im Saaldorf-Hotel, den anderen im Deutschen Haus untergebracht, um dort die eintreffenden Fremden zu überwachen. Hier in Saaldorf gibt es noch keine Polizeistation, und meine Bitte an Sie geht jetzt dahin, die Leute, die sich bei Ihnen legitimieren werden, falls es nötig sein sollte, mit Rat und Tat zu unterstützen.«

»Mein lieber Leutnant, mit dem größten Vergnügen«, rief Spiegel.

»Das wäre also abgemacht!« sagte Walker – »sonst haben Sie keine Fremden hier im Ort?«

»Keine, daß ich wüßte. Von Melbourne nur haben wir hier den Doktor Schreiber, den ich vorher das Vergnügen hatte, Ihnen vorzustellen und der sich bei uns als Arzt niederlassen will.«

»Ein Landsmann von Ihnen?«

»Ja, ein Deutscher – er wohnt beim alten Lischke draußen.«

»Die Deutschen, lieber Doktor, interessieren mich für den Augenblick nicht besonders«, sagte der Leutnant. »Sie dürfen mir das nicht übelnehmen –« fügte er lachend hinzu.

»Sie haben andere im Kopfe«, lachte Spiegel.

»O, Fräulein Lischke, Sie machen doch nicht schon Anstalt zum Aufbruch? Sie dürfen uns wirklich noch nicht verlassen«, rief er aus, als er mit Walker zu den anderen Gästen zurückkehrte.

»Ich muß nach Hause«, sagte Susanna, die schon ihr Tuch genommen hatte.

»Und Sie auch, Doktor? – ja so, Sie begleiten die junge Dame – wenn Sie nur noch ein klein wenig wiederkommen könnten. Es ist freilich sehr weit.«

»Das ist wirklich nicht möglich, bester Herr«, sagte Mac Donald in deutscher Sprache, »es wird überdies spät.«

Walker drehte sich bei dem Klang der Stimme nach dem Sprechenden um, dieser aber verneigte sich vor der Gesellschaft, drückte dem Doktor und dessen Frau und dann auch dem Kapitän herzlich die Hand, und verließ mit Susanna das Zimmer.

»Wer war der Herr?« sagte Walker, als sich die Tür hinter ihnen schloß.

»Doktor Schreiber, mein lieber Leutnant, von dem ich Ihnen vorhin sagte, ein sehr tüchtiger Arzt, den wir bewogen haben, sich bei uns niederzulassen. Kennen Sie ihn vielleicht?«

»Nein! wie ich ihn erst von der Seite sah, kam er mir bekannt vor, aber sein Gesicht ist mir fremd. Erwähnten Sie nicht vorher, daß der Herr bei – wie hieß er gleich?«

»Lischke – ja, dort wohnt er. Die junge Dame war des alten Lischke Tochter – eine famose Stimme. Jammerschade, daß sie uns schon verlassen hat.«

Mac Donald atmete tief auf, als er das Zimmer verließ. Die Gefahr war wieder, so drohend als je, über ihn hereingebrochen, und noch sah er keinen Ausweg, ihr zu entgehen.

Während ihn diese Gedanken bemächtigten, waren die Damen endlich mit dem Abschiednehmen fertig geworden. Das Mädchen leuchtete ihnen durch den Hausflur und öffnete die Tür, fuhr aber mit einem lauten Schrei zurück, denn vor ihnen standen zwei dunkle Gestalten. Mac Donald stand keinen halben Schritt von Mabong, dem schlauesten der schwarzen Polizisten, entfernt, aber das Licht war hinter ihm und fiel nun voll auf das Gesicht seiner Feinde, die, als sie einen Herrn und eine Dame vor sich sahen, rasch zurücktraten.

»Was, um Gottes willen, ist das?« rief Susanna.

»Schwarze Polizei«, lächelte Mac Donald, indem er ihren Arm in den seinigen zog. »Fürchten Sie nichts – wir sind vollkommen sicher.«

Im nächsten Augenblick waren sie draußen auf der dunklen Straße.

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