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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
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25

Hohburg war mit dem Gelde, das ihm seine Frau gegeben hatte, in der Richtung nach der Stadt fortgeschritten, und sah den kleinen Laden schon vor sich liegen. Wenig auf das achtend, was um ihn her vorging, hatte er nicht gesehen, daß dicht am Wege ein Mann auf einem umgestürzten Gumbaume saß und ihn aufmerksam betrachtete.

»Hallo«, rief eine Stimme, »bist du's, oder bist du's nicht, Kamerad, und hätten sich Mr. Powells beide Hüttenwächter wieder in aller Gemütlichkeit zusammengefunden?«

»Toby!« rief Hohburg, wirklich überrascht, den Mann schon wieder neben sich zu sehen. »Ihr habt den Dienst verwünscht rasch wieder satt bekommen, wie es scheint.«

»Bist du gut bei Kasse?« fragte Toby, »oder haben's die Schenkhäuser schon gefressen, wie gewöhnlich? So viel wirst du jedenfalls noch übrig behalten haben, einem alten Kameraden einen Schluck Branntwein und ein Stück Tabak zu kaufen, he?«

Wie ein Stich ging die Bitte durch Hohburgs Herz, denn das Geld, das er bei sich trug, war nicht sein eigenes. Aber die Kleinigkeit konnte und durfte er auch einem alten Kameraden, der mit ihm im Busch unter einem Dache geschlafen hatte, nicht abschlagen, so viel blieb schon übrig.

»Komm«, sagte Toby plötzlich, »wir wollen gehen. In dem Hause da drüben sind allerhand Sachen zu verkaufen – ich weiß nicht, ob man nicht – wenn man's klug anfinge – einen Teil dort recht billig bekommen könnte!« setzte er blinzelnd hinzu.

»Billig?« sagte Hohburg, der die Bedeutung der Frage nicht verstand, »die Leute hier sind alle nicht billig. Sie verlangen meist immer gut Geld für schlechte Ware.«

»Ahem«, sagte Toby, zu vorsichtig, dem andern auf mehr als halbem Wege entgegen zu kommen.

»Aber wo hast du dein Gewehr gelassen?« fragte der Deutsche plötzlich, »auch schon verkauft?«

»Not kennt kein Gebot«, brummte Toby ausweichend, während er neben seinem wiedergefundenen Kameraden dem Kaufladen zuschritt, »und leben will der Mensch. – Hier in den Ansiedelungen braucht man's ja auch nicht, denn die Wege sind sicher, und Schwarze und Buschranger halten sich hier nicht auf.«

»Die Polizei soll ja da oben ein paar abgefaßt haben, wie sie in einer von den Stationen am Murray erzählten«, meinte der Deutsche.

»Ja – es trieben sich dort ein paar herum«, sagte Toby gleichgültig – »der fremde Swell – der zum Besuch zu Powells kam, war einer davon.«

»Der Fremde, der mit Herrn Powell auf die Station hinauskam?« rief Hohburg, indem er erstaunt stehen blieb und seinen Begleiter ansah.

»Jawohl«, lachte dieser still vor sich hin, »war der berüchtigte Jack London – ist ihnen aber auch wieder, soviel ich weiß, durch die Lappen gegangen.«

»Wie geht es Ihnen, Gentlemen?« begrüßte sie in diesem Augenblicke der in die Tür tretende Besitzer des Ladens, an dem abgerissenen Aussehen der beiden keinen Anstoß nehmend. Die aus dem Busche kommenden Arbeiter sahen meist alle nicht besser aus und hatten trotzdem oft viel Geld in den Taschen.

»Hm«, sagte Toby, der den Mann aufmerksam betrachtete – »das Gesicht sollt' ich auch kennen, wenn ich mich nicht sehr irre, und ich dächte sogar, ich hätte einmal eine Seereise mit ihm zusammen gemacht.«

»Johnny, bei allen Gumbäumen Australiens!« rief der Krämer, indem er ihm die Hand entgegenstreckte – »Junge, wo kommst du her, und wie ist es dir gegangen?«

»Johnny ist's nun freilich nicht«, rief lachend der Erkannte, indem er einen raschen, aber für den andern vollkommen genügenden Seitenblick auf seinen Begleiter warf. »Damals hieß ich Toby und habe bis jetzt auch noch keine Ursache gehabt, den Namen zu ändern.«

»Ist ja wahr, altes Haus«, berichtigte sich rasch der Händler – »hol's der Teufel, es laufen einem hier so eine Menge Menschen in der Quere herum, daß man in den Johns und Bills und Jacks ganz irre wird. Aber wo kommst du auf einmal her, und wo willst du hin?«

»Eine von den beiden Fragen ist leicht zu beantworten«, meinte Toby trocken – »aus dem Busche – die andere hängt von Umständen ab.«

»Aha, Gentlemen-Schäfer, die ihre Gelder in die Ansiedelung tragen«, lachte der Händler. »Nun, womit kann ich dienen?« fuhr er dann fort, indem er hinter den Ladentisch ging und zwei Gläser mit einer Flasche Brandy heraussetzte – »bitte, schenken Sie sich selber ein«, sagte er dabei – »jeder kennt am besten sein eigen Maß und Gewicht.«

Hohburg hatte, halb zögernd, halb verlangend, die Flasche betrachtet. Das Gute, das noch in ihm schlummerte, trieb ihn, den verführerischen Trank zu meiden, aber die Folgen seiner früheren Trunksucht, das brennende Verlangen nach Schnaps, ließ ihn nicht ruhen. »Es ist ja doch nur das eine Mal«, dachte er dabei, indem er mit zitternder Hand das Glas füllte.

»Wie steht's hier in der Gegend?« fragte Toby, als Hohburg sich die zum Verkauf ausgestellten Kleider ansah, den Krämer leise. »Alles sicher?«

»Sicher? – den Teufel auch!« flüsterte dieser zurück; »die schwarze Polizei schwärmt seit heute morgen hier wie toll in der Gegend herum – hast du noch nichts von ihr gesehen?«

»Die schwarze Polizei?« antwortete der Buschranger erschrocken; »habt Ihr die Kanaillen denn auch hier in Südaustralien?«

»Fällt uns nicht ein«, brummte der Krämer, »sie sind direkt vom Murray gekommen, wo sie einen gewissen – ich will keinen Namen nennen – in den Fluß gejagt haben und einem andern hart auf den Fersen sind. Johnny! Johnny! deine unsterbliche Seele kostet mich schon drei Messen, und jetzt läuft der Bursche noch gesund und munter in der Welt herum. Das ist nicht recht, alte Freunde so zum Narren zu haben!«

»Da kann ich nur machen, daß ich hier aus dem Wind komme«, sagte der Buschranger, ohne auf den Scherz einzugehen. »Die Kanaillen kennen meine Spur, als wenn sie es schwarz auf weiß in einem Buche hätten, und wär' mir nicht ein tüchtiger Regenschauer und das Steigen des Flusses damals gerade zur rechten Zeit zu Hilfe gekommen, hätt' ich sie auch dort nicht abgeschüttelt, trotz aller List.«

»Da – hier hast du gleich ein Pröbchen von deinen schwarzen Freunden«, lachte der Wirt, indem er auf ein an die Tür genageltes beschriebenes Blatt deutete.

»Haben sie mich darauf?« fragte der Buschranger erschrocken, indem er einen scheuen Blick nach dem Plakate warf.

»Dich nicht, aber einen von deinen Kameraden, Jack London, oder wie er sonst heißt. Bis zwischen die Ansiedelungen sind sie ihm auf der Fährte geblieben, und dort hat er sich, wie es im Anfang schien, nach der Burra-Burra-Mine hinauf gewandt. Zwischen den Deutschen hier, die alle auf ihren einzelnen Sektionen kleben und nach allen Richtungen Wege und Pfade hindurch haben, sind sie aber von seiner Spur abgekommen und jetzt dabei, sämtliche Ortschaften zu durchstöbern.«

Auch Hohburg war in diesem Augenblick auf den an die Tür genagelten Zettel aufmerksam geworden und hatte ihn flüchtig angesehen. Nur die hundert Pfund Sterling Belohnung hatten seinen Blick angezogen.

»Kein übler Preis«, lächelte Toby, der sich den Zettel von dem Wirt vorlesen ließ, – »ist doch eine runde Summe.«

»Das sollt' ich meinen«, erwiderte der Wirt. »Volle hundert Pfund. Die Behörden und andere werden aufgefordert, den seinen Wächtern zum zweitenmal entsprungenen Jack London wieder gegen obige Belohnung an die Polizei lebendig oder tot auszuliefern.«

»Hm, hm, hm, hm«, sagte Toby, dem der Gedanke an die schwarze Polizei dabei höchst unbehaglich wurde. Hätte er gewußt, daß diese Burschen in der Nähe wären, so würde es ihm gar nicht eingefallen sein, dem Deutschen wieder in den Weg zu treten, der ihn in seiner Einfalt womöglich verraten konnte. Daß ihn der Krämer nicht verriet, wußte er. Der hatte seine beste Kundschaft unter den früheren Sträflingen, deren Rache er in solchem Falle mehr zu fürchten hatte, als ihm die Polizei je vergüten konnte. Er, Toby, mußte jedenfalls diesen heißen Boden so schnell wie möglich wieder verlassen.

Noch stand er, über diesen Plänen brütend, unschlüssig am Fenster, als ein Mann auf das Haus zukam. Er war städtisch gekleidet und trug eine Brille, und Toby trat unwillkürlich von dem kleinen Fenster zurück. Je weniger Menschen ihn sahen, desto besser war es. Nichtsdestoweniger kam ihm das Äußere des Mannes bekannt vor.

»Wer zum Teufel ist das?« fragte er den Händler, – »die Gestalt hab' ich schon einmal gesehen, und doch kann ich mich nicht erinnern.«

»O, das ist ein Doktor Schreiber, ein Arzt«, sagte der Krämer nach einem flüchtigen Blick durchs Fenster, »der hier seit ein paar Tagen bei dem Klempner Lischke wohnt. Er war auch schon bei mir und hat sich Pulver und Schrot gekauft – er will Vögel ausstopfen und ins alte Land schicken.«

»Doktor Schreiber«, wiederholte Toby leise vor sich, während er wieder näher an das Fenster trat. Der Fremde nahm in diesem Augenblick die Brille ab und wischte sich die Augen mit dem Taschentuch. Nur im Vorüberstreifen begegnete er Tobys Blick, wandte sich ab, setzte die Brille wieder auf und ging weiter. Der Blick aber hatte dem Gauner vollkommen genügt, um in dem vermeintlichen deutschen Doktor Schreiber seinen früheren Kameraden Jack London zu erkennen.

»Wart' einen Augenblick hier auf mich«, sagte er zu Hohburg gewandt, »ich bin gleich wieder zurück. Wenn das ein Doktor ist, möcht' ich ihn einmal über etwas fragen – ich hab' einen alten Schaden, worüber er mir vielleicht einen guten Rat geben kann.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er das Haus und schritt rasch hinter dem angeblichen Doktor Schreiber her.

Mac Donald hörte die Schritte, wandte aber nicht eher den Kopf, bis der ihm Folgende dicht hinter ihm war und mit einem: »So eilig, Kamerad?« seinen Gang hemmte.

Anscheinend überrascht drehte er sich nach ihm um, ein einziger Blick aber auf den scheu und doch verschmitzt um sich schauenden Toby sagte ihm bald, daß er erkannt und weitere Verstellung unnütz sei.

»Hallo, Jack!« lachte Toby, als er sich überzeugt hatte, daß niemand in Sicht war, »Ihr habt Euch ja höllisch herausgeputzt und so hinter den blauen Gläsern versteckt, daß Euch ein alter Kamerad und Freund kaum wiedererkannt hätte. Na«, setzte er mürrisch hinzu, als er sich unter dem Blick des andern unbehaglich zu fühlen begann, »was gefällt Euch denn an mir so besonders, daß Ihr mich betrachtet, als ob Ihr mich mit den blauen Gläsern durch und durch sehen wolltet, und die Hand laßt Ihr mich auch halten, bis mir der Arm steif wird. Was ist nun im Wind?«

Mac Donald hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen, aber auch seine Hand nicht angenommen. Ihn schauderte vor der Berührung des Mörders.

»Du weißt recht gut«, sagte er ruhig, »weshalb ich keine Gemeinschaft mit dir haben mag und kann.«

»Keine Gemeinschaft mit mir, he?« höhnte der Sträfling – »seid wohl auf einmal in dem schwarzen Rock vornehm geworden, Jack, und glaubt am Ende gar, daß die schwarzen Blaujacken vor der blauen Brille Respekt haben sollen? Daß ich kein Geld in der Tasche trage, um mir gute Kleider zu kaufen, macht mich das schlechter?«

»Nein«, sagte Mac Donald, »aber das Blut, das an deinen Händen klebt. Ich werde dich nicht verraten, und ich glaube, daß ich vor dir ebenso sicher bin; aber ich will keine Gemeinschaft mit dir haben.«

»Alle Teufel!« rief John oder Toby mit höhnischem Lachen; »Ihr predigt ja wie der beste Pfaffe in den Ansiedelungen – und ist das die ganze Freundschaft für einen alten Kameraden? – Aber gut – meinethalben. Geld hab' ich keins mehr, fort kann ich nicht mehr von hier, und wenn ich denn einmal hängen soll, will ich doch wenigstens Gesellschaft haben.«

»Deine Drohung fürchte ich nicht«, sagte Mac Donald finster, »denn so lange du dich der Polizei fern halten kannst, tust du's doch. Bist du aber wirklich in Not, so will ich dir noch einmal helfen, aber es ist das letztemal. Hier«, fuhr er fort, während er dem gierig die Hand danach Ausstreckenden zwei Goldstücke gab, »kauf dir andere Kleider und sieh, daß du nach dem Norden zu entkommst. In den Kupferminen werden jetzt Arbeiter gesucht, und es fragt dich dort niemand, woher du kommst – Zeit ist ja doch nur das einzige, was du gewinnen willst.«

»Und wißt Ihr, daß Euch die schwarze Polizei auch auf dem Nacken sitzt?« fragte Toby lauernd den Gefährten, indem er das Gold in seine Tasche steckte.

»Ich weiß es«, sagte Mac Donald, sich von ihm wendend – »laß das meine Sorge sein!«

»Dank' Euch«, sagte der Mann mit einem rauhen, heiseren Lachen; »da werden wir also beide unsere Haut ›privatim‹ in Sicherheit zu bringen haben. Habt Ihr – aber was geht's mich an«, brach er verdrossen ab, als Mac Donald, ohne ihn weiter eines Blickes zu würdigen, langsam die Straße wieder hinabschritt. »Also so stehen wir beide miteinander, Freundchen, und mit den zwei Füchsen glaubst du am Ende, daß du dich losgekauft hast von meiner Freundschaft, he? – Fehlgeschossen, mein Junge.«

»Was aber jetzt tun?« setzte er vor sich hinbrütend hinzu, indem er langsam zu dem Laden zurückschritt. »Hundert Pfund Sterling wären nicht so übel, und leicht genug verdient, wenn ich mich nur selber vor dem Gesindel sehen lassen dürfte! Hm – wie das aber anfangen? Mit dem Krämer ist in der Art nichts zu machen; der darf's mit keinem von ihnen verderben, oder er wär' seines Lebens nicht mehr sicher – und der andere Bursch – der Miller? – muß ihn mir erst noch einmal genau betrachten. Hallo«, unterbrach er plötzlich sein halblaut geführtes Selbstgespräch, als er in der Tür des Ladens dem Deutschen begegnete, der mit einem Bündel Kleider unter dem einen und einem Brot unter dem andern Arm gerade das Haus verlassen wollte – »schon fort? – nein, Kamerad, das geht nicht, erst müssen wir noch ein Glas zum Abschied zusammen trinken!«

»Ich habe keinen Penny Geld mehr«, sagte Hohburg ausweichend – »dein Tabak und dein Branntwein sind übrigens bezahlt – es war das letzte.«

»Dann hab' ich noch welches«, rief, auf seine Tasche schlagend, der Buschranger lachend, »wollte dich nur auf die Probe stellen, ob du einen alten Kameraden im Stiche und ohne Branntwein und Tabak sitzen ließest, und freue mich jetzt, daß ich einen so ehrlichen Kerl in dir gefunden habe. Hier, Jack, gib uns einmal eine Flasche Genever, aber von deinem besten. Und dann noch eins – hast du nicht irgendwo ein kleines Stübchen, wo man einmal eine halbe Stunde ungestört sitzen und plaudern könnte, he? – ich habe mit dem Kameraden hier etwas Wichtiges zu reden.«

»Läßt sich machen«, lachte der Händler, der den Wunsch des andern, ungestört zu sein, sehr begreiflich fand, – »kommt nur mit. Hinten am Hause ist ein kleiner Anbau.«

»Ich dank' Euch herzlich«, warf aber Hohburg ein, während der Händler den Laden verließ, das Verlangte zu holen. »Aber ich muß fort – ich habe keinen Augenblick Zeit mehr zu verlieren.«

»Torheit, Mann«, lachte der Buschranger – »solch einen guten Wacholder wie hier findest du in dem ganzen blutigen Adelaide nicht, und dann –« setzte er mit leiser Stimme hinzu – »willst du in einem halben Tage fünfzig Pfund Sterling verdienen?«

»Fünfzig Pfund Sterling?« rief Hohburg erstaunt.

»Bst – nicht so laut«, sagte Toby, sich scheu nach der Tür umsehend, durch die der Wirt verschwunden war – »der da braucht nichts davon zu wissen, könnte uns sonst den Handel verderben.«

»Aber auf welche Art?« fragte Hohburg, der plötzlich die Möglichkeit vor sich auftauchen sah, das vergeudete Geld mit einem Schlage zu ersetzen; »doch nicht im Unrechten, will ich hoffen,« setzte er mißtrauisch hinzu.

»Hab' keine Furcht, Kamerad«, lachte John; »das zarteste Gewissen würde sich über die Rechtlichkeit des Verdienstes beruhigen können. Die Polizei selber soll dir das Geld auszahlen.«

»Die Polizei?«

»Hast du den Anschlag da gelesen?« fragte John, indem er mit dem Daumen über die Schulter hin nach der Tür deutete.

»Ja – wenigstens angesehen – es ist die Belohnung auf den Fang eines berüchtigten Buschrangers.«

»Aufs Haar getroffen«, lachte John – »und ich weiß, wo er steckt.«

»Du weißt es?« rief Hohburg überrascht.

»Bst – schrei nicht so, zum Donnerwetter! Muß denn die ganze Nachbarschaft gleich erfahren, was wir beide miteinander haben? Ich höre Jack schon wieder mit dem Wacholder – willst du mir das Geld verdienen helfen, so komm.«

»Aber es wird schon so dunkel, und ich muß nach Hause zurück.«

»Wenn du dort mehr verdienen kannst«, sagte John gleichgültig, »mir ist's recht. Ich wußte nicht, daß du so gute Geschäfte machst –«

»Fünfzig Pfund Sterling –«

»Sind kein Spaß, sollt' ich denken – aber trink erst ein Glas mit mir, und nachher kannst du noch immer tun, was du willst.«

»Hier ist der Stoff«, rief der in diesem Augenblick zurückkehrende Wirt – »leg' deine Sachen nur so lange da in die Ecke, Kamerad, ich werde schon acht darauf geben.«

»Fünfzig Pfund«, murmelte Hohburg wie in einem Traume vor sich hin, und fast willenlos ließ er es geschehen, daß ihm der Wirt die Kleider und das Brot wieder abnahm – fast willenlos folgte er dem voranschreitenden Verführer in den kleinen verschlossenen Raum, in dem das lockende Getränk schon ihrer harrte.

Mit immer schwererem Herzen wartete indes die arme Frau auf die Rückkehr des Mannes. Die Sonne sank – und er kam nicht. Wieder und wieder eilte sie an die Tür, wenn draußen das Geräusch eines vorbeifahrenden Wagens die Stille unterbrach, oder eine Stimme auf der Straße laut wurde – immer wieder vergebens.

Die Kleine verlangte indessen ihr Abendbrot – sie war hungrig geworden, und die Mutter beschwichtigte sie damit, daß der Vater gewiß gleich zurückkommen und ihr Brot bringen würde – aber er kam nicht. Mehrere Male schon hatte sie Tuch und Hut ergriffen, um selber die Straße hinabzugehen und zu sehen, ob ihm etwas zugestoßen wäre. Endlich konnte sie ihre Angst nicht länger bezwingen; sie nahm ihr Kind, das sie nicht allein in dem öden Hause zurücklassen mochte, an die Hand, und schritt rasch mit ihm die Straße hinab, dem kleinen Laden zu.

Dort war noch Licht, – vor der Tür hielt ein Wagen, und der Fuhrmann, ein deutscher Bauer, stand drinnen und handelte um ein Viertelpfund Tabak. Außer ihm und dem Krämer war niemand in dem kleinen Raum. Die Frau trat hinein; ehe sie aber eine Frage an den Kaufmann richten konnte, traf es sie wie ein Stich, denn heiseres Lachen schallte aus dem benachbarten Zimmer herüber, und sie glaubte die Stimme ihres Mannes zu erkennen.

»Kaufst du hier Brot, Mama?« fragte schüchtern das Kind.

»Ja, Lieschen«, beruhigte sie die Kleine und trat zum Ladentisch, auf den sie den letzten noch zurückbehaltenen Schilling legte. Der Krämer gab ihr das Brot.

»Noch was, Miss?« fragte er.

Wieder tönte das Lachen aus dem andern Raume – das Wort erstarb ihr auf den Lippen, und mit einem leisen »Nein, ich danke«, verließ sie rasch mit ihrem Kinde das Haus. Aber sie zögerte – sollte sie heimkehren, ohne Gewißheit zu haben, und sei es über das Schrecklichste? – »Gehen wir bald wieder nach Hause, Mama?« fragte die Kleine jetzt wieder, »und wird der Vater jetzt dort sein?«

»Gleich, mein Kind, gleich«, antwortete die Mutter mit angstgepreßter Stimme, denn durch das Fenster sah sie in diesem Augenblick, daß sich die Tür öffnete und Eduard, eine leere Flasche in der Hand, mit gläsernen Augen dem Ladentisch zutaumelte, hinter dem der Wirt, ihn kopfschüttelnd betrachtend, stand.

»Noch eine Flasche«, stammelte der Betrunkene, »hick – alter Junge – noch eine Flasche von dem – hick – von dem famosen Stoff.«

»Ja, das ist alles recht gut«, sagte der Krämer ruhig, indem er die Flasche nahm, »aber ich habe dir auf die Kleider schon wieder vier Schillinge geborgt, und das macht jetzt sieben.«

»Hol's der Henker, Mann, hab' ich Euch nicht erst siebzehn dafür bezahlt?« stammelte Hohburg, »und sind sie da nicht – hick – sind sie da nicht wenigstens sieben wert, he?«

»Ja, aber ich verkaufe selber Kleider, und kann keinen Profit machen, wenn ich sie für dasselbe Geld wiedernehme.«

»O, geht zu Gras –« fluchte der Deutsche – »morgen hab' ich einen hick – hab' ich einen Sack voll Gold – und morgen« –

»Was hast du denn, Mama? – warum weinst du denn auf einmal so?« sagte Lieschen und faßte der Mutter Arm, »hat dir jemand etwas zuleide getan?«

»Ja, mein Kind – ja«, stöhnte die Frau – »aber komm«, setzte sie, sich gewaltsam sammelnd, hinzu, – »wir wollen nach Hause gehen.«

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