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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050602
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23

In Adelaide, unmittelbar an dem kleinen Flüßchen Torrens, lag das freundliche Häuschen des Tischlers Christian Helling – unseres alten Bekannten.

Christians Haus war zwar klein, aber doch nicht so klein, daß er nicht noch Raum gefunden hätte, das obere Stockwerk zu vermieten. Dort wohnte Oskar von Pick, für den Christian auch morgens den Kaffee kochte und das Weißbrot von dem nahe wohnenden Bäcker holte.

Pick war, wie wenigstens das Gerücht in Adelaide ging, früher Kavallerieleutnant gewesen. Er verstand jedenfalls ein Pferd zu reiten und konnte sich bis spät in die Nacht hinein über Pferde unterhalten. Was ihn aber nun auch aus dem alten Vaterlande vertrieben haben mochte – und die Gerüchte darüber waren wieder ganz wunderlicher und eigener Art –, hier in Australien konnte er natürlich sein früheres Geschäft nicht fortsetzen und mußte an irgendeinen Broterwerb denken.

Nun hätte er zwar Arbeit genug finden können; aber arbeiten wollte er nicht. Oskar von Pick war einer von den Abenteurern, und zwar einer der wenigen, die ihre Nachbarschaft länger über sich und Ihre Verhältnisse zu täuschen wußten, als das den meisten im gewöhnlichen Lauf der Dinge gelang. Wenn er weiter nichts damit bezweckte, erhielt er sich doch damit immer einen gewissen beschränkten Kredit, und diesen nach allen Richtungen hin auszubeuten, war in den letzten Jahren sein Hauptbestreben gewesen.

Da er ein guter Beurteiler von Pferden war und eine Menge von Schlichen kannte, wie sie sich die Pferdehändler erlauben, so wußte er manches mittelmäßige Tier zu guten Preisen an den Mann zu bringen. Der Pferdehandel lieferte ihm denn auch von Zeit zu Zeit das Geld zu seinen allernotwendigsten Ausgaben; nebenbei betrieb er aber auch noch Maklergeschäfte, bei denen er sich besonders im Kornhandel bedeutenden Verdienst versprach. Kapital hatte er allerdings nicht, um Getreide bar zu bezahlen, aber als ›Herr von Pick‹ mit einem sehr anständigen Rock und einem vornehmen Wesen gelang es ihm doch, manchem seiner schlichten Landsleute zu imponieren, und Pick war es deshalb auch in der letzten Zeit gelungen, eine nicht unbedeutende Partie Mehl und Getreide gegen Wechsel aufzukaufen. Man hatte gerade ein Steigen der Preise erwartet, und ein paar hundert Pfund Sterling wären dann im Handumdrehen verdient gewesen.

Das Glück ist aber eine wunderliche Göttin und läßt sich nicht gern zwingen, und Herr von Pick sollte an diesem Morgen erfahren, daß es ihm einen bösen Strich durch die Rechnung gemacht hatte.

Er war allein in seinem Zimmer. Der Kaffee stand auf dem Tische, und Pick ging, eine Zigarre rauchend, in dem kleinen Gemache auf und ab. In der Mitte der Stube lag ein zusammengeknitterter Brief, und neben ihm in friedlicher Eintracht eine zierlich gestickte und mit langer goldener Troddel verzierte Morgenmütze – ein heimliches Geschenk Susannens.

»Da haben wir's«, stöhnte der junge Mann – »da haben wir's – die Mine ist explodiert.«

Er bückte sich nach dem vor ihm am Boden liegenden Brief, hob ihn auf und überflog die Zeilen, welche die Unglücksbotschaft enthielten, noch einmal. – »Pest und Gift, daß der Böse auch gerade jetzt die Schiffe in den Hafen führt. Natürlich – seit drei Monaten fast Ostwind, Ostwind, Ostwind, nichts als diesen nichtswürdigen, vermaledeiten Ostwind, da hätte man sich's eigentlich an den Fingern abzählen können, daß der Henker uns eine solche Zufuhr endlich über den Hals schicken würde. Aber es ist, als ob man manchmal mit Blindheit geschlagen wäre – und der alte Esel, der Lischke, hat richtig sein ganzes Getreide noch in den letzten Tagen zu ziemlich hohen Preisen angebracht – ein Heidenglück, daß er mir nicht borgen wollte – ich hätte den Bettel jetzt auch auf dem Halse.«

Da klopfte es an der Tür. Das erstemal hörte es Pick gar nicht, so war er in seine unangenehmen Gedanken vertieft; ein stärkeres Pochen machte ihn aber doch aufmerksam, und auf sein eben nicht besonders freundliches »Herein« öffnete sich langsam die Tür und Christians gutmütiges Gesicht wurde sichtbar.

»Hallo, Herr von Pick«, lachte dieser, als er seinen Mieter nur mit Mühe und Not in den Wolken von Tabaksqualm entdeckt und herausgefunden hatte – »Sie rauchen heute morgen nicht schlecht. Ich glaubte auch erst, Sie hätten Besuch, weil ich Sie hier oben reden hörte, und wollte Sie nicht stören; wie aber jetzt alles wieder ruhig war, dacht' ich, du versuchst's.«

»Ah, guten Morgen, lieber Helling«, sagte aber Pick, sich gewaltsam zusammennehmend. Sein Wirt durfte noch keine Ahnung davon bekommen, was ihn eigentlich bedrücke. –

»Womit kann ich Ihnen dienen?«

»O, – es war nur eine Kleinigkeit, um die ich Sie bitten wollte«, sagte Christian verlegen – »aber – ich komme wohl heute morgen zur ungelegenen Zeit. Sie scheinen übler Laune zu sein?«

»Wer? – ich?« rief Pick lachend und sich jetzt wirklich zusammennehmend – »wie kommen Sie darauf? – Weshalb sollte ich übler Laune sein?«

»Nun, ich dachte vielleicht wegen des Engländers – wegen des Johnson«, sagte Christian gutmütig – »aber lassen Sie sich das um Gottes willen nicht zu Herzen gehen. Ja, seien Sie eher froh, daß Sie den Kerl noch auf so gute Manier losgeworden sind. Der ging nur darauf aus, andere Leute zu betrügen.«

»Johnson? – Was wollen Sie mit Johnson?« rief Pick erschrocken, »haben Sie irgend etwas von ihm gehört?«

»Und Sie wissen es noch nicht?« fragte Christian erstaunt.

»Ich? – Kein Wort. Was ist vorgefallen?«

»Nun, Johnson ist durchgebrannt.«

»Durchgebrannt?« wiederholte Pick, der sich vollkommen gesammelt hatte, lächelnd – »er ist in die Berge hinauf, um seiner Entdeckung weiter nachzuforschen.«

»Draußen in See wird er wohl schwerlich Steinkohle finden«, lachte Christian.

»Draußen in See?« rief Pick rasch, »er ist in See gegangen?«

»Allerdings«, sagte der junge Deutsche, – »gestern abend mit dem englischen Schoner ›Judith‹, und der Wirt, wo er gewohnt hat, sowie Schneider, Schuster und andere Handwerker sind heute morgen mit Tagesanbruch nach dem Hafen hinuntergefahren, um zu sehen, ob sie ihn noch möglicherweise abfassen könnten. Sie haben ihm doch nicht etwa Geld geborgt?«

»Wer? ich?« rief Pick mit einem etwas gezwungenen Lachen – »nein – fiele mir ein. So grün sind wir auch nicht mehr. Hätte das aber doch von Johnson nicht erwartet – schien eigentlich ein ganz anständiger Bursche zu sein.«

»Dafür hab' ich ihn im Leben nicht gehalten«, sagte Christian treuherzig. »Aber ich kam wegen etwas anderem. – Ich – ich habe einen Brief bekommen, Herr von Pick.«

»Einen Brief?« rief der junge Mann rasch, und es war gut, daß Christian so sehr mit sich selbst beschäftigt blieb, es hätte ihm sonst nicht entgehen können, daß sich sein Mieter weit mehr als nötig für diese Neuigkeit interessierte.

»Ja«, lächelte Christian und wurde dabei bis hinter die Ohren rot – »einen sehr niedlichen Brief; habe ihn auch schon ein paar Tage erwartet, aber – aber er ist ein bißchen undeutlich geschrieben, und da – da wollt' ich Sie bitten, ob Sie den nicht einmal für mich lesen möchten.«

»Mit dem größten Vergnügen«, sagte Pick bereitwillig.

»Lieber Herr von Pick«, sagte Christian treuherzig – »ich muß Ihnen vorher etwas darüber sagen, denn ich mache Sie dadurch gewissermaßen zu meinem Vertrauten.«

»Sehr viel Ehre!« erwiderte Pick mit einem etwas zweideutigen Lächeln.

»Ich will heiraten. – Wenn man ein Geschäft hat, tut sich's nicht mehr, daß man allein bleibt, und ich habe deshalb bei Vater Lischke um die Hand seiner Tochter angehalten. Sie kennen ja wohl Susanna Lischke?«

»Allerdings«, sagte von Pick, doch etwas verlegen – »es ist ein sehr hübsches Mädchen!«

»Noch mehr – es ist ein braves, liebes Kind«, sagte Christian, »und heute – heute hab' ich von ihr die Antwort auf meinen Antrag erhalten –«

»Und können sie nun nicht lesen«, bemerkte Pick etwas boshaft.

»Heute tut mir's zum erstenmal leid«, sagte Christian errötend, »daß meine Eltern nicht imstande waren, mir eine ordentliche Erziehung zu geben.«

»Und der Brief?«

»Daß Sie mir den einmal ordentlich vorlesen«, sagte Christian, »darum wollte ich Sie bitten. Ungefähr krieg' ich schon heraus, was drinnen steht, aber ich möchte es doch gern ganz genau wissen, und Sie versprechen mir dabei, nicht wahr? – daß Sie keinem Menschen ein Wort über den Inhalt sagen?«

»Lieber Helling«, sagte Pick lächelnd – »ich dächte, darin kennen Sie mich!«

Christian sagte kein Wort weiter, sondern nahm nur den Brief aus der Brusttasche und gab ihn in Picks Hände. Von Pick entfaltete ihn rasch und überflog die Zeilen vorher flüchtig. Der Brief lautete:

»Lieber Christian! Ich habe Dir neulich Antwort versprochen und will jetzt mein Wort halten. – Heut abend bin ich zu Doktor Spiegel eingeladen, aber morgen bin ich mit den Eltern zu Hause. Um acht Uhr essen wir. Vater läßt Dich bitten, zu kommen.

Es grüßt Dich freundlich

Susanna.«

»Nun?« sagte Christian gespannt, während er mit den Blicken an seines Mieters Lippen hing.

»Ich gratuliere«, erwiderte Pick lächelnd, und las ihm die Zeilen laut und langsam vor. »Verlangen Sie noch mehr – eine Einladung zu den Schwiegereltern.«

Christians Gesicht war wie verklärt. Er nahm den Brief wieder an sich, betrachtete die Schriftzüge noch einmal mit leuchtenden Blicken, faltete den Brief dann wieder zusammen und sagte, Pick die Hand reichend und herzlich drückend:

»Ich danke Ihnen tausendmal. Sie haben mir heute eine große Freude gemacht.«

Er drehte sich vergnügt auf dem Absatze herum, schob den Brief in seine Brusttasche zurück und verließ, Glück und Seligkeit im Herzen, mit raschen Schritten das Zimmer.

Nicht so zufrieden und ruhig ließ er seinen Mieter zurück.

»Das ist eine schöne Geschichte«, brummte er finster vor sich hin, »in die ich hineingeraten bin. Das gerade hat noch gefehlt, meinem Unglück die Krone aufzusetzen – Johnson fort – durchgegangen mit den letzten Pfunden, die ich mein eigen nannte – und was soll nun werden? – Die Sache bei Lischkes scheint dabei rasend schnell vorwärts zu gehen. Daß sie den Burschen schon auf morgen einladen, ist jedenfalls ein böses Zeichen. Susanna hält allerdings ihr Wort – was aber wird sie sagen, wenn sie erfährt, daß auch mit mir nicht alles so ist, wie es eigentlich sein sollte. Und erfahren muß sie es ja doch einmal – jetzt oder später. Das aber ist die letzte Hoffnung, der alte Lischke hat Geld – viel Geld, und bin ich erst einmal sein Schwiegersohn, ei, zum Henker, dann muß er auch mit dem Metall herausrücken – er mag wollen oder nicht.«

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