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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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20

›Eine Pfeife Tabak‹ von Lischkes Haus wohnte an der Straße nach Adelaide Doktor Emil Spiegel, der erst vor mehreren Jahren aus Deutschland mit Frau und Mutter herübergekommen war. Etwas hatte er freilich außerdem noch mitgebracht, was er weit besser drüben gelassen hätte, und das waren seine ein wenig zu romantischen Ansichten von dem fremden Lande.

So hatte Doktor Spiegel in Australien damit begonnen, einen großen, ja den größten Teil seines von Hause mitgebrachten Kapitals in Ackerland und Schafe zu stecken, und die unverhohlene Absicht dabei, den australischen Squattern zu zeigen, wie man eigentlich Schafe ziehen müsse. Er richtete sich dabei genau nach dem sehr umfassenden Werke, das er selber über Ackerbau und Schafzucht geschrieben, und wie die Sache nachher kam und woran es eigentlich lag, ist nie recht herausgekommen, aber die Schafe fielen in Masse, der Acker trug nichts, wenigstens kaum die Hälfte dessen, was die Nachbarn ernteten, und Spiegel beschloß endlich – was er gleich von Anfang an hätte tun sollen – das Land und die kleine Herde zu verpachten und selber mit seiner Familie in die Stadt zu ziehen, wo er sich als Rechtsanwalt betätigte.

Hoffnung läßt nicht zuschanden werden, und Spiegel baute von Jahr zu Jahr auf die Verbesserung seiner Finanzen; seine Vermögensumstände verschlechterten sich aber dabei unrettbar.

Frau Spiegel sah, was ihr Mann nicht einsehen wollte oder mochte, daß sie langsam einer düsteren Zukunft entgegengingen und grämte sich deshalb heimlich.

Ganz das Gegenteil von ihr war ihre Schwiegermutter, die, in abgöttischer Liebe an dem Sohne hängend, mit blindem Vertrauen seinen Träumen folgte. Die Welt mußte ja doch endlich Vernunft annehmen, und wer dann den Gewinn und die Ehre davon hatte, war ihr Sohn Emil.

Mit Spiegels Advokatur ging es ebenfalls sehr dürftig. Er verlor einen Prozeß nach dem anderen, bis seine Landsleute sich endlich an Engländer wandten und nicht mehr überredet werden konnten, daß es eine Schande sei, ihre Angelegenheiten in englischer Sprache vertreten zu lassen. Überhaupt war damit nicht mehr viel Geld zu verdienen, wenn auch Spiegel der Sache seine ganze Tätigkeit zugewandt hätte; seine Hauptbeschäftigung war aber in der letzten Zeit die Schriftstellerei geworden. Er begann einen Roman zu schreiben, in welchem seinen Theorien ihr Recht widerfahren sollte.

Diesen Mann hatte sich, als der praktische Lischke nichts mit ihm zu schaffen haben wollte, Herr von Pick ausersehen, und dabei keine schlechte Wahl getroffen. Ohne weiteres hatte er sich nach dem Abschiede von Susanna zu Doktor Spiegel auf den Weg gemacht und diesen in einer kurzen Unterredung von dem Stand seiner Aussichten und Pläne in Kenntnis gesetzt. Spiegel dachte gar nicht daran, die Möglichkeit der Entdeckung zu bezweifeln.

Steinkohlen – hier war eine Aussicht auf plötzlichen Erwerb – eine romantische Entdeckung, der er bereits selber früher, wenn auch immer erfolglos, mit Hammer und Tasche in den Bergen nachgespürt hatte. Daß dieses an Mineralien so reiche Land, das im Norden ergiebige Kohlenminen aufwies, solche auch hier im Süden besitzen müsse, war die feste Überzeugung fast aller Einwohner Südaustraliens. Dabei war außerdem die Entdeckung nach drei Seiten hin auszubeuten. Erstens ließ sich mit einer sehr geringen Auslage – von Pick hatte vorläufig nur zehn Pfund Sterling gefordert – ein sehr bedeutender Gewinn erzielen; dann traf die Ehre der Entdeckung als Mitunternehmer auch ihn, während er in seinem letzten Artikel über Australien die Tatsache schon theoretisch bewiesen hatte; und zuletzt lieferte das ganze Geheimnisvolle des Unternehmens ihm prachtvollen Stoff zu seinem Roman. Was ließ sich mehr verlangen?

Weniger einverstanden war Pick damit, daß Spiegel darauf bestand, seine Frau und seine Mutter schon jetzt von der Entdeckung in Kenntnis zu setzen. Spiegel hatte seine guten Gründe dafür, darauf zu bestehen. Einmal wollte er seiner Frau, die in der letzten Zeit besonders kränklich und niedergeschlagen gewesen war, die frohe Aussicht nicht vorenthalten, und dann – hatte sie auch das Geld in Verwahrung, das Pick von ihm verlangt hatte.

Von Pick galt übrigens in der ganzen Ansiedelung für einen wohlhabenden Mann, der, wenn er auch in Australien eben nicht viel Geld verdiente, doch Zuschüsse von seiner Familie zu Hause erhielt. Sein Vater oder Onkel sollte steinreich sein – Pick hatte selber daraus kein Geheimnis gemacht. Augenblicklich war er, wie er gestand, ohne bares Geld, da sein Wechsel erst in vier Wochen fällig würde.

Spiegel war zu seiner Frau in das Zimmer gegangen, um sie von seinen Plänen in Kenntnis zu setzen, und Berta überkam ein Gefühl der Angst, als er ihr von der Verbindung mit dem ›Leutnant von Pick‹ erzählte.

»Um Gottes willen, Emil, laß dich nicht mit dem Manne ein«, bat sie ihn; – »du weißt, was für Gerüchte schon in der Stadt über ihn umlaufen.«

»Liebes Kind«, sagte der Doktor sehr bestimmt, »Leutnant oder Herr von Pick ist ein höchst genialer Mensch, und dem ist das prosaische Volk fast immer aufsässig. Ich weiß recht gut, was sie auch von mir reden; darauf können wir nichts geben. Hier ist aber die Aussicht, mit ein paar lumpigen Pfunden Auslage ein Vermögen zu verdienen.«

»Mit ein paar ›lumpigen Pfunden‹, Emil?« sagte die Frau leise, »weißt du, daß unser ganzes Vermögen auf wenig mehr als diese wenigen Pfunde zusammengeschrumpft ist?«

»Aber die Kohlenmine, liebes Herz!«

»Guter Gott, Emil, wann wirst du denn einmal aufhören, solchen Hirngespinsten nachzujagen?« klagte Frau Spiegel. »Und wieviel hast du ihm versprochen?«

»Zehn Pfund Sterling.«

»Es ist die Hälfte von dem, was wir noch bar im Hause haben«, sagte die Frau, ging aber an die Kommode, um das Geld herauszunehmen.

»Danke dir, mein Herz«, sagte er, indem er sie an sich zog und küßte – »aber mach' nicht ein solch trauriges Gesicht. Du gibst dich zu viel trüben Gedanken hin, und hast es doch wahrhaftig nicht nötig. Tu' ich denn nicht alles, uns wieder emporzubringen?«

»Ja, lieber Emil«, sagte die Frau, »du bist tätig – niemand könnte dir den Vorwurf des Gegenteils machen, ohne ungerecht zu sein – alles nur, was ich fürchte, ist – daß du nicht die rechten Mittel anwendest, um vorwärts zu kommen. Du gibst dich gar zu sehr Illusionen hin, du – du bist nicht praktisch.«

»Praktisch – praktisch«, sagte Doktor Spiegel, den Kopf hin und her werfend, »das ewige fatale Wort, mit dem du mich schon so oft geärgert hast, Berta. Steinkohlen sind, wie du mir nicht abstreiten wirst, ein sehr materieller Gegenstand. – Aber da kommt Besuch, mein Herz«, unterbrach er, die ihm erwünscht kommende Störung benutzend, das Gespräch, als er die Gestalt eines Fremden bemerkte, der auf sein Haus zuschritt.

Es war Mac Donald. Sein Schritt war leicht und elastisch geworden, denn zum erstenmal seit langer Zeit gab er sich wieder einem Gefühl der Sicherheit hin. Hier, zwischen lauter Deutschen, als deren Landsmann er recht gut gelten konnte, brauchte er kaum mehr zu fürchten, von seinen Verfolgern aufgefunden zu werden. Außerdem war er hier in der Nähe des Meeres und fest entschlossen, mit einem deutschen Schiffe Australien zu verlassen. Auf völlige Sicherheit durfte er, selbst im entferntesten Busch, hier nicht mehr rechnen.

Mac Donald trat, der Sitte nach, ohne weiteres in das Haus und die untere Stube ein, wo sich noch Herr von Pick sehr angelegentlich mit der alten Madame Spiegel unterhielt.

»Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten, Sie zu stören«, sagte Mac Donald, als er das Zimmer betrat und sich vor den Anwesenden leicht verneigte – »und komme noch dazu mit einer Bitte. Habe ich das Vergnügen, Herrn Doktor Spiegel –«

»Mein Sohn wird gleich hier sein«, sagte Madame Spiegel – »dieser Herr ist ein Freund meines Sohnes, Herr Baron von Pick; – mit wem habe ich das Vergnügen? –«

Die Tür ging in diesem Augenblicke auf und Doktor Spiegel trat herein.

Er begrüßte den Fremden, und Mac Donald, der sich ihm als Doktor Schreiber vorstellte, kam auf sein Anliegen zu sprechen, seine Bitte nämlich, die von Spiegel gehaltene Zeitung durchzusehen, um die Abfahrt der im Hafen liegenden Schiffe erfahren zu können.

»Mit dem größten Vergnügen, lieber Herr«, sagte Spiegel verbindlich, »bitte, setzen Sie sich nur einen Augenblick, ich stehe gleich zu Ihren Diensten.« Und sich an Pick wendend, mit dem er ein paar Schritte zur Seite trat, sagte er, indem er ihm das verlangte Geld einhändigte:

»Hier, lieber Freund, ist, was Sie wünschen. Möge es das erste Samenkorn sein, das wir ausstreuen, und tausendfältige Frucht tragen, he?«

»Das wär' ein teures Korn, bester Doktor«, lächelte Pick, indem er die Banknote in die Westentasche schob, »und möchte unsere Kapitalien doch bedeutend angreifen, wenn wir einen ganzen Scheffel davon liefern sollten.«

»Ich hoffe, Sie werden uns nicht auf eine solche Probe stellen«, lachte Spiegel – »aber ohne Scherz, lassen Sie uns bald das Resultat sehen.«

»Für jetzt entschuldigen Sie mich also, lieber Doktor«, sagte Pick, indem er seinen Hut nahm und rasch das Haus verließ, um in das nächste Gasthaus zu gehen und die Banknote wechseln zu lassen.

»Nun, mein Herr, stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung – ach, liebe Mutter, wo liegt wohl das letzte South-Australian-Register und unsere deutsche Zeitung – hier? – ach ja – sehen Sie, hier sind die letzten Nummern – bitte, setzen Sie sich nur hierher und sehen Sie nach, was Sie wollen.«

Mac Donald nahm dankend an dem mitten in der Stube stehenden und mit Büchern bedeckten Tisch Platz, durchsah flüchtig die Zeitungen und notierte sich einiges in sein Taschenbuch.

»Sie kommen aus dem Innern?« sagte Spiegel, der indes mit auf den Rücken gelegten Händen in der Stube auf und ab gegangen war, als der Fremde die Blätter zurückschob und von seinem Sitz aufstand. »Wollen Sie Australien wieder verlassen?«

»Das noch nicht«, sagte Mac Donald, »ich bin Arzt und zugleich Naturforscher, und habe an einen Freund in Deutschland eine Sendung ausgestopfter Vogelbälge zu liefern, die ich gern einem sicheren, am liebsten deutschen Schiffe übergeben möchte. Wie ich sehe, sind zwei angezeigt, die in kürzester Zeit segeln werden.«

»Ja, der Anzeige nach«, sagte Spiegel, »darauf kann man sich aber nie verlassen. Das schadet aber nichts, schicken Sie die Sachen nur an Bord der ›Albertine‹, ein Stettiner Schiff, das gerade im Hafen liegt. Der Kapitän heißt Helger und ist ein Freund von mir.«

»Übrigens«, sagte Spiegel weiter, »da haben wir hier im Orte einen Mann, der Sie, wenn Sie sich mit solchen Sachen beschäftigen, interessieren wird und der Ihnen auch vielleicht von Nutzen sein kann – ein gewisser Breyfeld. Der läuft das ganze Jahr nur zu dem Zweck im Busch umher, Vögel zu schießen und abzubalgen, und bringt immer ziemlich große Sendungen nach Adelaide. Doch – was ich Sie fragen wollte – aus welcher Gegend kommen Sie jetzt?«

»Von Melbourne her.«

»O, das ist schade – ich glaubte, Sie kämen vielleicht vom oberen Murray, und hoffte Näheres von Ihnen über die letzte Buschrangergeschichte zu hören, die dort, am Rufus glaub' ich, vorgefallen ist.«

»Ich habe eben die Notiz in der Zeitung gelesen«, sagte Mac Donald ruhig – »demnach sind ein paar der Entflohenen von der schwarzen Polizei wieder eingefangen und den Behörden ausgeliefert worden.«

»Aber das ist gar nicht wahr!« rief Spiegel. »Die Nachricht war verfrüht. Gefangen hatten sie den Anführer der Bande, einen gewissen Jack London, allerdings; während der eine Verbrecher aber, nachdem er einen schwarzen Polizeisoldaten erschossen hatte und von diesem verwundet worden war, im Murray ertrunken ist, hat der andere – eben dieser Jack London, der ein abgefeimter Schurke sein muß, wieder zu entkommen gewußt, und die Polizei ist ihm jetzt von neuem auf der Fährte.«

»In der Tat?« sagte Mac Donald, »aber woher wissen Sie das schon, denn dies hier ist, wenn ich nicht irre, die neueste Zeitungsnummer?«

»Allerdings, aber heute morgen hatte ich das Vergnügen, einen alten Freund von mir noch von Sydney her, den Polizeileutnant Walker, zu sprechen, der hier durchkam und mir die Nachricht brachte. Er war eben im Begriff, so rasch wie möglich Adelaide und den Hafen zu erreichen, um dort das Entweichen des Flüchtlings auf einen der segelfertigen Schiffe zu verhindern, und hat mich, da sich im Orte keine Polizei befindet, ersucht, ein wachsames Auge auf die Nachbarschaft zu haben. Ich bin Advokat und Notar, wie Sie wahrscheinlich wissen.«

Mac Donald wünschte sich Glück, seine Kleidung gewechselt zu haben, ehe er die Ansiedelung betrat. Sein Scharfblick sagte ihm aber auch, daß er von dieser Seite kaum eine Gefahr zu fürchten hatte. Niemand am Murray, auch Leutnant Walker nicht, wußte, daß er so gut Deutsch sprach. Nur der fortgeschickte Hüttenwächter, der sich irgendwo im Lande umhertrieb – und daß er dem wieder begegnen und von ihm gerade verraten werden konnte, war nicht wahrscheinlich. Aber er war gewarnt und konnte jetzt seine Maßregeln danach treffen.

»Es ist wirklich schade, daß Sie nichts Näheres darüber wissen«, fuhr indessen Spiegel wieder fort; »hätte gern die Einzelheiten dieses Falles gehört, die außerordentlich interessant sein müssen. Dieser Jack London scheint ja ein furchtbarer Bösewicht zu sein, und hat, glaub' ich, mehr Schwarze und Weiße erschossen, als ich Rebhühner in meinem Leben. Schon die Geschichte mit dem Reisenden, dem er die Schuhe ausgezogen, ist haarsträubend.«

»Darin haben Sie recht«, sagte Mac Donald, dem es gelegen kam, daß Spiegel die beiden Verfolgten miteinander verwechselte; »gehört habe ich auch schon von ihm – es soll ein wilder, rotköpfiger wüster Bursche sein.«

»Rotköpfig? – nein«, sagte Spiegel; »der flüchtigen Beschreibung nach, die mir der Leutnant von ihm gab, hat er ungefähr das Haar wie Sie, nur voller und vielleicht etwas dunkler – starken Bart, dunkle Augen, schlanke Gestalt, aber ein verdammt verwegener Kerl. Der Leutnant wollte nur nicht mit den Einzelheiten heraus, sagte, er hätte keine Zeit, oder mochte auch nicht.«

»O, lassen Sie die traurigen Geschichten ruhen«, bat Mac Donald, »wir haben auf der Welt genug Elend; warum sich mutwillig noch solche Schreckensszenen heraufbeschwören!«

»Ja, aber ich habe meine besonderen Gründe dazu«, erwiderte der Doktor, sich die Hände reibend. »Ich bin nicht allein Advokat, ich bin auch Schriftsteller und arbeite gerade an einem australischen Roman, zu dem ich noch bedeutenden Stoff brauche, um ihn vollenden zu können. Verwicklungen und Situationen muß ich noch haben, um das Ganze pikant und lebenskräftig zu machen.«

»Ich wäre sehr gespannt darauf, ihn zu lesen«, sagte Mac Donald, der, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, kaum zugehört hatte. »Sie werden es doch jedenfalls drucken lassen?«

»Ei, versteht sich«, rief Doktor Spiegel. »Wenn Sie mich einmal einen Abend besuchen wollten, könnten wir recht gut einzelne schon fertige Stellen durchgehen.«

»Es würde mir in der Tat große Freude machen«, antwortete Mac Donald. Doktor Spiegel nahm ihn gleich beim Wort.

»Dann bleiben Sie heute abend bei uns«, rief er rasch, »nehmen mit uns fürlieb – Hausmannskost, wie es bei Bürgersleuten Sitte ist – eine Tasse Tee und ein Butterbrot, und nachher lese ich Ihnen ein paar Kapitel aus meinen ›Antipoden‹ vor, so hab' ich den Roman genannt. Famoser Titel, nicht wahr?«

Mac Donald erschrak, denn einer Vorlesung von mehreren Stunden beizuwohnen, dazu hatte er in seiner jetzigen Stimmung und Lage keine Lust. Er entschuldigte sich also damit, daß er heute unmöglich könne, da er vom alten Lischke schon eingeladen sei.

»Ah – das ist etwas anderes«, sagte Spiegel, »ja, dann müssen Sie heute abend jedenfalls nach Hause. Lischke ist übrigens ein furchtbar langweiliger Patron, der von nichts zu reden weiß, als seiner Feldbestellung oder seinem Handwerk. Das einzige Gute, was er getan hat, ist, daß er seiner Tochter eine vernünftige Erziehung gegeben hat. Susanna ist ein weit über ihre Verhältnisse gebildetes Mädchen und findet selbst Geschmack an der Literatur. Sie besucht uns auch manchmal. Da fällt mir ein, ich hatte sie gerade Dienstag abend einladen wollen, wo ich noch ein paar Freunde zu mir zu bitten gedachte – der Alte kommt doch nicht mit, und die Frau geht auch nicht aus. Wir können da ein wenig musizieren und lesen, und Sie würden mir eine große Freude machen, wenn Sie sich ebenfalls einfänden.«

»Sie sind sehr gütig –«

»Und jetzt«, sagte der Doktor, als der Fremde seinen Hut nahm, »begleite ich Sie noch eine kurze Strecke. Halt, da fällt mir noch ein, daß gerade heute Kapitän Helger von der ›Albertine‹ nach Saaldorf kommen wollte. Ist das der Fall, so finden wir ihn drüben im Hotel, keine zweihundert Schritt von hier, und Sie können gleich alles selber mit ihm abmachen.«

Mac Donald durfte die Aufforderung, um keinen Verdacht zu erregen, nicht ausschlagen, wenn ihm auch wenig daran lag, mit mehr Menschen bekannt zu werden, als es unumgänglich notwendig war. Von Doktor Spiegel als deutscher Arzt eingeführt, diente das aber auch vielleicht zugleich dazu, jeden Argwohn von sich abzulenken. Spiegel warf denn auch ohne weiteres seinen himmelblauen Schlafrock über einen Stuhl, fuhr in einen vom Haken hinter der Tür genommenen Rock, setzte seinen Hut auf und sagte:

»So, lieber Freund, jetzt stehe ich ganz zu Ihren Diensten.«

»Aber du bist ja noch in Pantoffeln«, ermahnte ihn lächelnd die Mutter.

»Ach, du hast recht, Mütterchen«, lachte der Sohn; »ja, lieber Gott, wenn man den Kopf fortwährend so voll hat.«

»Es sollte mir leid tun, Sie bei Ihren Arbeiten zu stören.«

»Bitte – bitte, nicht – im – geringsten«, rief Doktor Spiegel, während er sich in die etwas engen Stiefel hineinzwängte, »nun können wir gehen.«

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