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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050602
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2

Nur wenige Minuten vergingen, bis der Reiter an die Tür des Zimmers klopfte, das er, zur großen Verwunderung Georgs, so genau zu kennen schien, als ob er ein alter Insasse des Hauses sei. Kaum wartete er auch das überraschte Herein ab und trat mit einem herzlichen »Wie geht es Ihnen allen?« ins Zimmer.

»How are you, Sir?« begrüßte ihn, wenn auch etwas verwundert über die zutrauliche Anrede, Mr. Powell, während ihn die anderen neugierig, Sarah jedoch mit gespannter Aufmerksamkeit betrachteten. »Seien Sie uns hier wilikommen, und machen Sie es sich bequem. Sie sind zu Hause.«

»Herzlichen Dank, Mr. Powell«, rief der Fremde, des Angeredeten Hand schüttelnd, »aber habe ich mich denn wirklich so sehr verändert? Entstellt mich der große Bart so gewaltig, daß Sie, daß Mrs. Powell, daß mich die jungen Damen nicht wiedererkennen? – und wie die Kinder indes herangewachsen sind!«

»Heiliger Gott!« rief Sarah, während die Eltern den Fremden erstaunt und unschlüssig betrachteten, und die jüngeren Geschwister sich neugierig hinzudrängten, »ist das nicht – ist das nicht Mr. Mac Donald?« und während sie den Namen aussprach, fühlte sie, wie sich tiefes Rot ihr über die Stirne und Schläfe ergoß.

»Es freut mich doch, daß Sie wenigstens den Fremden nicht vergessen haben«, sagte Mac Donald herzlich, indem er ihr die Hand, in die sie schüchtern die ihre legte, zum Gruß hinüberreichte.

»Mac Donald!« rief jetzt auch Mr. Powell, seine linke Hand fassend und herzlich schüttelnd, und alle drängten sich um ihn, den früheren, liebgewonnenen Gast zu begrüßen.

»Und ob wir nicht in diesem nämlichen Augenblick von Ihnen gesprochen und uns den Kopf zerbrochen haben, was aus Ihnen geworden sein könnte«, rief Mrs. Powell.

»Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt, ist ein altes gutes Sprichwort«, lächelte Mac Donald, »aber hatte ich nicht Miss Sarah die Bücher versprochen, und mußte ich ihr die nicht bringen?«

»Seht ihr, ich hatte recht!« rief Lisbeth jetzt lachend aus, »er hat sie in Melbourne nicht bekommen, und ist eine Straße weiter gegangen, nach London vielleicht, sie dort zu holen.«

»Doch nicht ganz so weit«, lautete die freundliche Antwort des jungen Mannes, »aber – Mühe hat es allerdings gekostet. Dies indes erzähle ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal; hier sind sie jedenfalls, und mag Miss Sarah die Freude darin finden, die sie erwartet.«

Bei diesen Worten öffnete er seine Satteltasche und nahm ein halbes Dutzend in Wachsleinen eingepackte Bücher heraus, die er vor dem errötenden Mädchen auf den Tisch legte. »Ich hoffe, sie sind nicht naß geworden«, setzte er dann hinzu, »denn ich mußte den Murray mehrere Male kreuzen, dreimal sogar mit dem Pferde schwimmen, habe sie jedoch immer auf das sorgfältigste in acht genommen,«

»Da ist ein Loch drin«, sagte Ned, der zwölfjährige Knabe, der neugierig mit zum Tisch getreten war und die Pakete in die Hand nahm und betrachtete.

»Das sieht gerade so aus, als ob eine Kugel hineingeschlagen wäre«, rief Georg, der die Stelle in dem Paket ebenfalls beschaute und sie dann seinem Vater reichte.

»Und es sieht nicht allein so aus«, lachte Mac Donald, »sondern es ist auch wirklich der Fall gewesen. Das Buch hat mich vor einer vielleicht tödlichen Schußwunde in das Bein bewahrt. Die Pistole ging mir im Halfter los, und die Satteltasche, die ich gerade vor mich aufs Pferd gehoben hatte, um einigen Proviant herauszunehmen, fing zu meinem Heil den Schuß auf. Hoffentlich ist das Buch nicht sehr beschädigt worden, denn der dicke Einband und das festgepreßte Papier haben die Kugel wohl nicht weit hineingelassen. Ich hatte noch nicht einmal Zeit, danach zu sehen.«

»Und Sie waren vielleicht nicht einmal im Bereich menschlicher Hilfe?« fragte die Mutter, besorgt die Hände faltend.

»Weite, weite Strecken von irgendeiner menschlichen Wohnung, entfernt«, sagte der junge Mann ernst; »tief im Busche drin, selbst ohne Wasser und von einem Schwarm von Schwarzen bedroht, die der unglückliche Schuß sogar auf meine Spur brachte. Wäre ich nur einigermaßen schwer verwundet worden, so hätte ich ihnen unbedingt in die Hände fallen müssen. Nur Miss Sarahs Bücher haben mich beschützt.«

»Das getroffene Buch soll mir immer ein liebes Andenken daran sein«, sagte Sarah bewegt, »aber mußten Sie sich denn solcher Gefahr aussetzen?«

»Solcher Gefahr?« lachte der junge Mann, »fragen Sie einmal Ihren Vater, Ihre Brüder, ob sie nicht ähnlichen Zufällen fast in jeder Woche ihres Lebens hier im Busch ausgesetzt sind? Ein Pferd kann beim wilden Ritt mit ihnen stürzen; ein gereizter Stier sich auf sie werfen und sie verstümmeln oder töten; ein Schwarm von Schwarzen plötzlich den einzelnen Reiter im Busch überfallen –«

»Oder ein Buschranger uns hinter einem Gum (Gummibaum) eine Kugel durchs Hirn jagen«, bestätigte lächelnd Mr. Powell, »vor solchen Sachen sind wir allerdings nicht sicher.«

»Vor Buschrangern doch wohl«, meinte lächelnd der Gast, »denn so viel ich weiß, hat man von solchen lange nichts gehört.«

»Lange nichts gehört?« rief Georg, »da in der neuesten Zeitung steht eine große Geschichte von einem, der entwischt ist, und auf dessen Einbringung oder Kopf die Regierung hundert Guineen gesetzt hat.«

»Hundert Guineen?« wiederholte erstaunt Mac Donald, »aber wie ist das möglich? Ich komme jetzt direkt von Melbourne und müßte doch von einem solchen ganz außergewöhnlichen Falle ebenfalls etwas gehört haben. Hundert Guineen – ich erinnere mich allerdings eines solchen Falles, aber – von welchem Datum ist denn Ihre Zeitung?«

»Von welchem Datum? Ich habe wahrhaftig noch nicht einmal nachgesehen«, erwiderte John, die fragliche Nummer dabei wieder unter den übrigen heraussuchend, »doch wohl – nun freilich, die Karren sind eine ganze Weile unterwegs gewesen. Ach, hier ist das Blatt. Vom 15. – ja freilich, das ist etwas spät – vom 15. Dezember vorigen Jahres.«

»Und jetzt haben wir April«, sagte der Gast, »ja, dann kann ihre Zeitung recht haben. Wie hieß der Bursche?«

»Jack London mit einer Anzahl alias«, sagte der Vater.

»Ganz recht; das ist derselbe. Der wurde aber bald darauf eingefangen, und der Fangpreis ist auch, soviel ich weiß, denen, die ihn einbrachten, richtig ausgezahlt worden.«

»Haben Sie den Mann einmal draußen im Walde gesehen?« fragte Ned, der Jüngste, der sich besonders für den Buschranger interessierte.

»Draußen nicht«, meinte Mac Donald,»und ich bin damit auch ganz einverstanden; in der Stadt aber wohl, wenn auch nur flüchtig, gerade als er gefangen eingebracht wurde.«

»Ich sähe für mein Leben gern einmal einen Buschranger hängen!« rief Bill mit leuchtenden Augen.

»Bill!« riefen Mutter und Schwester fast zu gleicher Zeit tadelnd aus. »Wer um Gottes willen hat den Knaben solche blutdürstigen Gedanken in das Herz gelegt?« setzte die Mutter noch schaudernd hinzu.

»Ängstigen Sie sich deshalb nicht, Mrs. Powell«, beruhigte sie Mac Donald. »Die Knaben wachsen hier im Busche auf und schwatzen nur nach, was sie von der eben nicht zarten Gesellschaft der Hirten, Schäfer und Ochsentreiber hören. Nur der jugendliche Übermut sprudelt heraus, und wird Bill einmal älter, so sieht er schon selbst ein, daß es eben nichts Wünschenswertes sein kann, einen Nebenmenschen – und wenn es ein Verbrecher wäre – vom Leben zum Tode gebracht zu wissen.«

»Dann sind die Schwarzen wohl auch unsere Nebenmenschen?« fragte Bill, halb trotzig, halb beschämt.

»Allerdings«, erwiderte Mac Donald freundlich, »und so wild sie sich manchmal benehmen, so würden wir an ihrer Stelle, und von einer anderen Menschenrasse so behandelt, oder vielmehr mißhandelt, wie wir sie mißhandeln, uns noch viel ungebärdiger, unfügsamer, vielleicht sogar grausamer zeigen als sie.«

»Das glaub' ich auch«, stimmte ihm Mr. Powell bei. »Die meisten Stationshalter betrachten aber wirklich die Schwarzen für wenig besser als die wilden Hunde, und vermehren dadurch nur die Feindschaft, erweitern den Riß, der leider schon unausfüllbar groß geworden ist.«

»Du bist besser mit ihnen, John«, sagte die Frau herzlich zu ihrem Manne, »du hast nie nach ihnen geschossen oder sie mit Hunden gehetzt, und ich glaube, dem Umstand allein haben wir es auch zu verdanken, daß sie uns bisher so gänzlich in Ruhe gelassen und nie eine wirkliche Feindseligkeit versucht haben.«

»Liebes Kind«, sagte der Mann achselzuckend, »darauf allein dürfen wir nicht bauen, und ich verlasse mich dabei doch immer mehr auf die Furcht, die wir ihnen einflößen, als auf jene Dankbarkeit, zu der wir sie verpflichtet haben, wie du glaubst. Bedenke, daß ich, so gut wie alle übrigen Stationshalter, ihnen doch den größten Schaden zufüge, der ihnen nur überhaupt von den Weißen zugefügt werden kann. Daß ich persönlich freundlich zu ihnen bin und Rohheiten meiner Leute gegen sie nicht gestatte, kann das nicht gut machen. Wir haben sie mit unseren Herden von ihren Jagdgründen verdrängt, mit unseren Hunden ihr Wild, ihre Känguruhs, Emus und Wallobys vom Flusse weg in die Malleybüsche gejagt. Das vergessen uns die schwarzen Burschen nicht, können sie nicht vergessen. Wer sie noch außerdem persönlich reizt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben.«

»Das wissen Sie doch«, sagte Mac Donald, »daß ein ganzer Stamm von ihnen kaum eine halbe Stunde Wegs am Flusse lagert?«

»Wirklich? – nein, das wußte ich nicht«, sagte Mr. Powell lächelnd, »hätt' es mir aber allenfalls denken können, und heute abend werden wir ihre Feuer hier dicht bei uns haben, und ihren Tänzen zusehen können. Wenn die Zufuhren kommen, sind die Schwarzen auch nicht weit, darauf kann man sich fest verlassen.«

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür, und auf das einladende »walk in!« des Hausherrn erschien der erste Stockman Mr. Bale auf der Schwelle und meldete, daß ein Stamm der Rufus-Schwarzen – dieselben, die im vorigen Jahr einmal ein paar Tage hier gelagert und bei ihrem Abschied ein halbes Dutzend Schafe mitgenommen hätten – im Anzug wäre, und, wie es schien, Lust habe, seine Gunyos (Rindendächer) hier aufzuschlagen.

»Ah, da sind sie also schon«, lachte Mr. Mac Donald, »die müssen mir dann gerade auf der Fährte gefolgt sein.«

»Ja, die schwarzen Halunken lassen nicht lange auf sich warten, wenn sie einmal irgendwo Tabak oder Brot riechen«, meinte der Stockkeeper. »Sollen wir sie denn zu der Station lassen, Sir? Ich dächte, wir litten die schwarzen Spitzbuben nicht so ganz in der Nähe?«

»Wie viele sind's ihrer wohl?« fragte Mr. Powell.

»Nicht so sehr viele«, lautete die Antwort, »vielleicht zehn Männer und fünfzehn oder sechzehn Frauen und Kinder. Der alte Krüppel ist auch wieder dabei und wandert auf seinen Händen rüstig mit. Der Bursche ist zäh wie rohe Haut.«

»Lassen Sie die Burschen nur heran«, sagte Mr. Powell gutmütig; »wenn sie uns lästig werden sollten, können wir sie bald wieder los werden. – Hier ist ein Brief für Sie mitgekommen, Mr. Bale«, brach er dann ab, »zwei sogar, wie ich sehe, und wenn Sie heute abend einige von den Zeitungen durchblättern wollen, stehen sie Ihnen ebenfalls zu Diensten.«

»Dank Ihnen, Sir«, sagte der Mann, indem er die Briefe anscheinend gleichgültig nahm und in die Tasche schob. Aber seine Augen glänzten, und über das derbe, sonnverbrannte Gesicht des Mannes, das ein kurz gehaltener, aber voller Bart mehr zierte als verdeckte, zog ein freundliches Lächeln.

»Wolle ist teurer geworden, wie ich höre, Sir?« sagte er dann, als er sich zum Fortgehen anschickte, »und Pferde sollen auch einen guten Preis bringen. Wie wär's denn, wenn wir einmal einen Trupp von ihnen, sobald das Gras ein bißchen mehr herauskommt, nach Adelaide hinunterjagen?«

»Ich habe auch schon daran gedacht, Mr. Bale«, erwiderte Mr. Powell,»zu riskieren haben wir kaum etwas dabei. Wissen Sie vielleicht, Mr. Mac Donald, wie die Preise standen, als Sie Melbourne verließen? Meine Berichte hier sind etwas sehr alt.«

»Gut – vortrefflich sogar, soviel ich weiß«, erwiderte der junge Mann.

»Vortrefflicher Grauschimmel, den Sie reiten, Sir«, sagte der Stockkeeper zu dem Fremden gewandt; »darf ich fragen, was er gekostet hat? – Bitt' um Entschuldigung«, setzte er aber rasch hinzu, als er sah, daß der Gast leicht errötete.

»Sie können erfahren, was er mich gekostet hat«, lachte Mac Donald. »Ich bin kein Pferdehändler und habe deshalb auch kein Geheimnis aus dem Preise zu machen. Der Graue kostet mich mit Sattel und Zaum, wie er dasteht, gerade fünfzehn Pfund Sterling.«

»Vielleicht nicht zu viel für ein gutes Pferd«, sagte der Stockkeeper. Als Mr. Bale hinausgegangen war, drehte sich das Gespräch noch kurze Zeit um Pferde, Rinder und Wollpreise, bis Sarah die Bücher ausgepackt hatte, die einen ihrer Lieblingswünsche erfüllten.

Das Buch, das die Kugel getroffen hatte, ohne ihm jedoch wesentlichen Schaden zu tun, war »Lalla Rookh«. Nur durch Einband und Titel und die ersten Blätter des »verschleierten Propheten« war sie gefahren, und das Blei stak noch fest in der Umhüllung.

Mac Donald nahm die Kugel lächelnd in die Hand, betrachtete sie einen Augenblick und wollte sie dann in die eigene Tasche schieben, als Sarah ihre Hand auf seinen Arm legte und ihn mit freundlichem Blick ersuchte, sie ihr zu überlassen.

Mac Donald sah ihr lange ins Auge, bis sie ihren Blick vor dem seinen zu Boden schlug. Fast schien es, als ob es ihn Überwindung koste, die wertlose Kugel herzugeben. Endlich aber reichte er ihr das Stück Blei und sagte freundlich, aber mit einem fast wehmütigen Zug um die Lippen:

»Nehmen Sie die Kugel, Miss Powell. – Es ist auch vielleicht besser, ich gebe sie weg, damit sie mir nicht zum zweitenmal gefährlich werde.«

»Nun aber erzählen Sie uns auch«, bat Mrs. Powell, »wo in aller Welt Sie so lange gesteckt haben, und warum Sie gar nichts von sich hören ließen. Glauben Sie mir, wir ängstigten uns Ihrethalben.«

»Wo ich gewesen bin?« sagte Mac Donald achselzuckend. »Wo eigentlich nicht. Mein Plan war damals, wie Sie wissen, mich irgendwo als Squatter niederzulassen, eine eigene Heimat zu begründen. Zufällig hörte ich da auf dem Wege nach Melbourne von einer neu entdeckten prachtvollen Gegend für Viehzüchter, von einem Paradies für Schafe und Rinder – Gerüchte, wie sie im australischen Busch in Umlauf sind. Trotz all meinen Erfahrungen aus früherer Zeit ließ ich mich verleiten, der falschen Fährte nachzugehen, und verbrachte mit ein paar Leidensgefährten eine lange trostlose Zeit im trockenen Malleybusch. Bald spürten uns auch die Schwarzen auf, und nur mit Mühe und Not entgingen wir endlich der doppelten Gefahr des Verschmachtens und ihrer hölzernen Speere, von denen einer meiner Gefährten ziemlich arg, wenn auch nicht lebensgefährlich, verwundet wurde.«

»In welcher Gegend war das?« fragte Mr. Powell, der sich besonders für diesen Bericht über einen neuen Weidegrund interessierte.

»Zwischen dem Hindmarsch- und dem Curon-See«, erwiderte Mac Donald.

»Ich habe immer gedacht, daß dort noch einmal eine gute Stelle aufgefunden würde!« rief Mr. Powell, von seinem Stuhl aufspringend – »und Sie fanden gar nichts?«

»Schwarze genug, aber keinen Tropfen Wasser für uns und die Tiere, außer wenn wir zum Hindmarsch-See zurückkehrten, um dort unsere Gefäße wieder zu füllen und unseren Pferden Ruhe zu gönnen.«

»Dann sind Sie auch nicht weit genug im Innern gewesen; ich bin fest überzeugt, daß innerhalb jener beiden Seen irgendwo ein alter Wasserlauf und noch feuchtes Land liegen muß. Wäre ich nur bei Ihnen gewesen!«

»Danken Sie Gott, daß Sie es nicht waren«, erwidere Mac Donald ernst; »ich möchte die Zeit nicht noch einmal durchleben.«

»Und haben Sie es jetzt aufgegeben, einen passenden Weideplatz zu finden?« fragte die Mutter den jungen Mann mit vieler Teilnahme, »oder führt Sie gerade deshalb Ihr Weg hierher zurück?«

»Ihnen kann ich offen gestehen, daß es allerdings mein Plan ist, hier irgendwo am Murray noch einen Weidegrund aufzufinden, obgleich die besten Stellen schon lange in Besitz genommen sind.«

»Und ich gestehe Ihnen, daß ich niemanden lieber zum Nachbarn hätte, als gerade Sie«, erwiderte ihm herzlich Mr. Powell.

Ein lautes »Ku–ih!« von draußen, der gewöhnliche Zuruf der Schwarzen untereinander, den sich übrigens auch die Weißen im Innern des Landes angeeignet haben, tönte in diesem Augenblick herüber.

»Aha, da sind unsere schwarzen Gäste schon«, lachte Mr. Powell; »das ließ sich denken, daß die nicht viel Zeit versäumen würden, von der erhaltenen Erlaubnis Gebrauch zu machen. Übrigens tun sie höchstens beim Abziehen einigen Schaden, denn solange sie an der Station lagern, hüten sie sich, von fremdem Eigentum etwas anzurühren.«

»Wenn sie das aber beim Abschied tun, so setzen sie sich doch stets, sollten sie den Platz einmal später wieder besuchen, einem rauhen und unfreundlichen Empfang aus«, meinte Mac Donald.

»Daran denken sie nicht«, erwiderte Mr. Powell. »Die Burschen haben untereinander übrigens irgendeine Art von moralischem Gesetzbuch und irgendwelche Bestimmungen und Ordnungen. Nach dem, was ich bis jetzt von ihnen gesehen und erlebt habe, scheint es mir, daß hinsichtlich solcher und selbst anderer, schwerer Vergehungen eine Art Verjährungsrecht unter ihnen besteht. So sind mir mehrere Fälle vorgekommen, daß Schwarze, nachdem sie einen Weißen erschlagen, plötzlich spurlos aus der Gegend verschwanden und nicht wieder aufgefunden werden konnten, bis sie plötzlich, gewöhnlich nach sechs Monaten, ganz ungeniert wieder zum Vorschein kamen, und so unbefangen mitten in die Polizei hineinliefen, als ob sie mit der ganzen früheren Sache von Mord und Blut auch nicht das mindeste zu tun gehabt hätten.«

»Das allerdings gäbe auch mir den Schlüssel zu manchen von ihren Handlungen«, sagte Mac Donald, »aber wollen wir nicht einmal lieber zu ihnen hinausgehen? Aufrichtig gesagt, kam mir heute, als ich an dem Stamm vorbeiritt, der Gedanke, ob ich nicht einen oder zwei von diesen Burschen bewegen könnte, mit mir in den Busch zu gehen und nach einem Weidegrund zu suchen.«

»Ich würde Ihnen doch nicht raten, sich mit ihnen einzulassen«, sagte Mr. Powell.

»Trauen Sie ihnen um Gottes willen nicht«, warnte ihn auch Mrs. Powell, »sie sind alle falsch, selbst die besten unter ihnen, und sollten Sie sich einen der schwarzen Menschen noch so sehr zu Dankbarkeit verpflichtet haben, so dürfen Sie es doch nicht wagen, ihm, wenn Sie mit ihm allein sind, den Rücken zuzukehren. Hat er eine Keule in der Hand, so kann er der Versuchung nicht widerstehen, Sie zu Boden zu schlagen.«

»Das sind einzelne Fälle«, sagte Mac Donald; »ich kenne dagegen andere Beispiele, nach denen sich Schwarze treu und ehrlich bewiesen haben, allerdings immer nur während eines sehr kurzen Zeitraumes, denn daß ihnen auf die Länge zu trauen wäre, möchte ich selbst nicht behaupten. Aber sorgen Sie sich nicht um mich. Wenn ich wirklich einen Schwarzen mit mir in den Busch nehme, wähle ich mir auch einen Mann heraus und bin dann vorsichtig genug, mich mit ihm auf solch einen Fuß zu stellen, daß er nur dann seinen Vorteil findet, sobald er sich mir eben treu zeigt.«

»Sobald Sie das können, sind Sie geborgen«, lachte Mr. Powell, indem er seinen Strohhut aufsetzte, »und nun wollen wir, wenn es Ihnen recht ist, einmal hinüber zu den Schwarzen gehen, die dort schon, wenn ich nicht sehr irre, ihre Gunyos herstellen und ihre Feuer anzünden. Zum Mittagsbrot sind wir wieder zurück.« Den Arm seines Gastes nehmend, schritt er gleich darauf mit diesem über den Vorplatz, der vor dem Stationsgebäude lag, hinweg und dem nächsten, sich den Häusern anschließenden Dickicht zu, von welcher Richtung her das Hacken der Beile, aufsteigender Rauch und wildes Hundegekläff die Nähe der Schwarzen verkündete.

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