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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
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18

Gotthelf Lischke war ein Mann, der sich wohl in der Welt befand, und wenn die Nachbarn behaupteten, er habe sich ›einen hübschen Taler Geld‹ gespart, so war das eine Sache, auf die er nie etwas erwiderte und nur still und selbstvergnügt dabei vor sich hinlächelte – wußte er doch genau, daß sie recht hatten. So oft seine Frau auch bohrte, den Leuten zu zeigen, daß sie gerade nicht nötig hätten so zu arbeiten, wie es geschah, so schüttelte er immer nur lachend den Kopf und sagte: »Laß du die nur schnacken, Kathrine. Wenn wir nichts hätten, die gäben uns auch nichts, und da kann es uns ganz einerlei sein, was sie von uns reden.«

Frau Lischke hatte freilich einen ganz anderen Charakter als ihr Mann. Fleißig und arbeitsam wie er, steckte ihr trotz ihrer sonstigen Gutmütigkeit der Hochmutsteufel ein wenig im Kopfe, und ihr ganzer Stolz klammerte sich, da sie ihn an sich leider nicht auslassen durfte, an ihr einziges Kind, ihre Tochter Susanna. Jeder Unterricht, den Susanna erhalten konnte, war ihr deshalb auch zuteil geworden, und da der alte Lischke hiergegen nie etwas einwendete, hatte sie eine über ihren Stand reichende Bildung genossen, deren Folgen der Alte, jetzt freilich zu spät, abzuwenden suchte.

So einfach er in seinem Wesen war, so hatte er auch seine Wohnung eingerichtet, die sich in nichts von einem der gewöhnlichen kleinen Bauernhäuser unterschied.

Dicht an das Familienzimmer stieß die Werkstatt, aus der das Klopfen und Hämmern von zwei Gesellen und einem Lehrling heraustönte.

Außer der Frau, die in ihrem Lehnstuhl saß und spann, war noch ein anderes weibliches Wesen im Zimmer – eine Näherin, die am Fenster emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt blieb. Ein kleines Mädchen von vier oder fünf Jahren – ihr Kind – kauerte neben ihr am Boden und spielte.

Die Frau mußte einmal von blendender Schönheit gewesen sein, denn noch jetzt ließen die edlen, wenn auch eingefallenen Züge, das dunkle Auge und das volle kastanienbraune Haar das recht gut erkennen. Es war eine arme Deutsche, die allein mit ihrem Kinde in einem halbzerfallenen Häuschen wohnte und sich bei einigen Familien in Saaldorf ihr kümmerliches Brot mit Nähen verdiente – ihr Name war Luise Hohburg.

Lischke war eben erst in das Zimmer getreten, da er gleich nach seiner Rückkunft noch in der Werkstätte nach der Arbeit zu sehen hatte, und schien heute besonders guter Laune zu sein.

»Nun, Gotthelf«, sagte die Frau – »hast du dein Getreide heut' gut verkauft? – Du bist ja so munter.«

»Munter? Ih nu ja«, sagte Lischke, sich vergnügt die Hände reibend. In dem Augenblick ging die Tür auf, und Susanna trat mit geröteten Wangen herein.

»Guten Tag, Kind – he? Siehst ja heute so rot aus«, schmunzelte der Alte – »nun? Darf ich's nicht wissen?«

»Ich bin so schnell aus dem Garten hereingelaufen«, sagte Susanna. »Es ist heute entsetzlich warm.«

»So?« sagte der Vater. – »Hat er dir warm gemacht, he?«

»Wer, Vater?« rief die Tochter rasch.

»Wer?« lachte der alte Lischke – »i nun, der Sonnenschein, natürlich – wer denn sonst?«

»Aber wie der Vater heute ist«, sagte Frau Lischke kopfschüttelnd, »er redet lauter wunderliches Zeug. Was hast du nur, Mann? – ich glaube wahrhaftig, er ist zum Bier gewesen!«

»Bin ich auch«, lachte der Alte gutmütig – »bin ich auch, und warum nicht? An solch einem warmen Tage schmeckt nichts besser als ein Glas Bier. Aber wo ist denn die Susy auf einmal hin? – Blitzmädel das, wird mit jedem Tage hübscher – man darf sie's nur um Gottes willen nicht merken lassen.«

»Und warum nicht?« meinte Frau Lischke.

»Es wär' besser, sie wüßt' es nicht«, brummte der Alte in den Bart, »jedenfalls für ihren künftigen Mann.«

»Künftigen Mann!« seufzte die Frau – »lieber Gott, das ist noch in weitem Felde.«

»Nun, vielleicht auch nicht«, schmunzelte Lischke, sich stillvergnügt die Hände reibend. – »Es geschehen oft wunderliche Dinge in der Welt, und wo man's am allerwenigsten vermutet, schlägt der Blitz gerade am liebsten ein.«

»Herr Lischke zu Hause?« fragte in diesem Augenblick eine fremde Stimme.

»Drin in der Stube«, sagte der Geselle, und gleich darauf klopfte es an die Tür.

»Der hat Eile«, schmunzelte, während die Frau »Herein« rief, Lischke vergnügt vor sich hin; war aber erstaunt, als statt des erwarteten Christian die schlankere Gestalt des Herrn von Pick in der Tür erschien.

»Ah, guten Tag, Herr von Pick«, sagte Lischke, »was verschafft denn uns heute die Ehre?«

»Allerlei, mein lieber Herr Lischke«, lautete die Antwort des jungen Mannes. »Wenn Sie gerade Zeit hätten, möchte ich wohl mit Ihnen ein Viertelstündchen unter vier Augen sprechen.«

»So?« sagte Lischke gedehnt.

»Lieber Herr Lischke«, sagte Pick, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte, »es ist zweierlei, das ich mit Ihnen, eine Sache auch mit Ihrer lieben Frau besprechen möchte, und ich bitte Sie, mich geduldig anzuhören.«

»Wenn's was Wichtiges ist«, meinte Lischke achselzuckend.

»Hm, ja, mein lieber Herr Lischke«, sagte Pick, der nicht recht wußte, womit er beginnen sollte, »ich habe Ihnen, natürlich unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit, etwas sehr Bedeutendes mitzuteilen.«

»Na, da wäre ich neugierig – haben doch niemanden totgeschlagen?«

»Ich? Nein. Hier ist auch von keinem Verbrechen die Rede, sondern von Gewinn und Reichtum.«

»Eh?« sagte Lischke, den jungen Mann, dem er etwas Derartiges gar nicht zutraute, erstaunt betrachtend. »Gewinn und Reichtum – ih, sehen Sie einmal an, Herr von Pick, da wollten Sie mich wohl gern zum reichen Mann machen?«

»Scherzen Sie nicht, Herr Lischke, die Sache ist in der Tat von höchster Wichtigkeit. Ich habe ein Steinkohlenlager entdeckt.«

»Steinkohlen?« sagte Lischke, die Nachricht mit erstaunlicher Gleichgültigkeit aufnehmend; »mein guter Herr von Pick, wenn das wirklich wahr wäre, so könnten sie in einem Jahr ein Millionär sein, denn Steinkohlen brauchen wir hier im Lande gerade so gut wie das liebe Brot, aber – Sie nehmen mir's nicht übel – schon viele haben geglaubt, sie hätten so was entdeckt, und nachher war die Geschichte immer faul. Plenty Schwindel, mein guter Herr von Pick, plenty Schwindel!«

»Die meisten Menschen glauben nicht eher etwas«, lächelte Pick, »bis sie es mit ihren Händen fühlen können. Was ist also das hier, mein lieber Herr Lischke?« Er nahm einen in Papier gewickelten Gegenstand aus der Tasche. »Wie nennen Sie das hier, wenn ich fragen darf?«

Lischke nahm das Stück Kohle in die Hand, betrachtete es aufmerksam, rieb daran und leckte es prüfend mit der Zunge. Auch Frau Lischke war herbeigetreten und schlug jetzt vor Erstaunen die Hände zusammen.

»Ja, du meine Güte«, rief sie voller Verwunderung aus, »das ist ja wahr und wahrhaftig so gute Steinkohle, wie sie nur je in einem Ofen gebrannt hat. – Aber das Glück, Herr Baron!«

»Papperlapapp«, sagte Lischke, indem er die Kohle betrachtete – »und wo haben Sie das gefunden? – Doch wohl auf irgendeinem Fahrwege, wie?«

»Nein, mein lieber Herr«, lächelte der junge Mann, »nicht auf einem Fahrwege, sondern weit in den Bergen drin ist die Kohle, allerdings auch nicht von mir, sondern von einem Engländer gefunden worden, dem ich vorläufig fünf Pfund Sterling für seine Entdeckung gegeben habe, während wir das Geschäft in Kompagnie zusammen betreiben werden. Natürlich bleibt das Ganze noch Geheimnis, bis wir das Land von der Regierung gekauft haben und unsere Arbeiten dann ungestört beginnen können.«

»Und weshalb sind Sie damit zu mir gekommen?« fragte Lischke.

»Weil wir einen dritten Kompagnon haben müssen, um das Land, ohne Verdacht zu erwecken, zu kaufen«, lautete die Antwort.

»Ein Engländer hat die Kohle entdeckt, sagen Sie, Herr von Pick?«

»Allerdings.«

»Wie weit von hier?«

»Etwa siebzig Meilen von Tariunda.«

»Und was verlangen Sie also von mir bei der ganzen Geschichte?«

»Die Frage ist, mein lieber Herr Lischke«, entgegnete von Pick, »ob Sie sich vorläufig mit einem kleinen Kapital an der Sache beteiligen wollten?«

»Na ja, das dacht' ich mir ungefähr«, sagte Lischke, langsam mit dem Kopfe dazu nickend.

»Hören Sie, mein guter Herr von Pick, ich will Ihnen einmal etwas sagen«, fuhr Lischke fort; »solange ich nun hier in Australien bin, und das ist schon eine hübsche Reihe von Jahren, solange heißt es fast alle sechs Monate einmal: ›Es hat der oder jener Steinkohle gefunden‹.«

Eine Anzahl von Menschen läuft dann wie im Taumel umher, schwatzt von Aktien und siebenundsiebzig Prozent, und zuletzt, mein guter Herr von Pick? – plenty Schwindel – die ganze Geschichte.«

»Aber Sie sprechen wahrhaftig, als ob wir uns auch nur einbildeten, die Kohle gefunden zu haben, und andere Leute damit zum besten haben wollten!« sagte von Pick halb lachend, halb gekränkt.

»Ne, mein guter Herr von Pick«, meinte Lischke trocken, »das glaub' ich nicht, daß Sie jemanden zum besten halten wollen. Wenn Sie aber dem Engländer für das Stückchen Kohle wirklich fünf Pfund gegeben haben, dann hat er Sie zum besten gehabt; das ist meine Meinung von der Sache.«

»Aber, wenn ich nun die feste Überzeugung –«

»Das ist Ihre Sache«, unterbrach ihn Lischke, »das geht mich nichts an. Es kostet Sie Ihr Geld und Ihre Zeit, mich aber lassen Sie aus dem Spiel. Ich verzichte auf die gewöhnlichen siebenundsiebzig Prozent, und mag mit einem Wort mit der ganzen Geschichte nichts zu tun haben.«

»Herr Lischke«, sagte da von Pick, und es war ihm doch, als ob ihm der Atem ein wenig ausginge. Aber er hatte einmal angefangen und konnte nicht mehr zurück – »die zweite Sache ist – ist ungleich wichtiger als die erste.«

»Noch wichtiger – hm, da bin ich doch gespannt.«

»Sie betrifft mein ganzes künftiges Lebensglück.«

»Alle Wetter!«

»Wie das eines anderen mir teuren Wesens«, fuhr von Pick fort. »Es betrifft – Ihre Tochter.«

»Meine Tochter? – Suschen?« riefen beide Gatten erstaunt, und Madame Lischke faltete ihre Hände im Schoß zusammen.

»Mit einem Wort, Herr Lischke«, sprang nun der Brautwerber gleich mit beiden Füßen in die Sache hinein –, »ich bin gekommen, Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten.«

»Ach, du lieber Himmel, der Herr Baron sind gar zu gütig!« rief die Frau. Lischke aber warf ihr einen finsteren Blick zu und sagte:

»Rechnen Sie ihr die Dummheit nicht an, Herr von Pick, sie weiß es eben nicht besser.«

»Aber, Lischke –«

»Und was Ihren Antrag betrifft«, fuhr dieser fort, ohne sich irre machen zu lassen, »so freue ich mich, daß Sie so offen und ehrlich mit der Sache herauskommen. Ich will Ihnen ebenso kurz und bündig darauf antworten.«

»Lieber Herr Lischke –«

»Meine Tochter paßt nicht für Sie.«

»Aber, Mann –«

»Und Sie passen nicht für meine Tochter«, fuhr der unverwüstliche Mann ruhig fort.

»Aber, Herr Lischke –«

»Außerdem hat das Mädchen einen anderen im Kopfe, der, wenn ich nicht sehr irre, heute morgen mit ihr gesprochen und schon vorher bei mir um ihre Hand angehalten hat.«

»Aber, was haben Sie an mir auszusetzen?« rief Pick gereizt.

»An Ihnen? – gar nichts«, sagte Lischke, »nur meine Tochter möchte ich Ihnen nicht zur Frau geben.«

»Und hab' ich nicht mein Brot?«

»Weiß ich nicht«, sagte der Blechschmied hartnäckig – »wenn's aber auch jetzt gerade da wär', blieb's immer eine ungewisse Geschichte. Sie sind Agent in der Stadt, oder wie Sie's sonst nennen, und spekulieren bald hier, bald da, auf alles, was vorkommt, selbst aufs liebe Brot. Das geht einmal gut, einmal aber auch schlecht, und solchem ungewissen Kram mag ich mein Kind nicht anvertrauen.«

»Herr Lischke, Sie behandeln mich auf eine Art und Weise –«

»Nichts für ungut, Herr von Pick. Ihr Antrag ist allen Dankes wert, aber, wie gesagt, wir passen nicht zueinander.«

»Nein, aber was zu toll ist, ist zu toll!« rief jetzt die Frau aus, die sich nicht länger halten konnte. »Schämst du dich denn nicht, Mann, mit dem Herrn Baron auf solch schändliche Art und Weise zu sprechen?«

»Kathrine!« sagte Lischke.

»Ach was, Kathrine hin, Kathrine her; ich bin die Mutter und muß für das Wohl und Glück meines Kindes einstehen«, rief die Frau, »und wenn du das geradezu mit Füßen von dir stoßen willst –«

Von Pick fühlte, daß jetzt eine eheliche Reaktion zu seinen Gunsten eintrat, die er jedoch am vorteilhaftesten in der Ferne abzuwarten gedachte.

Er verbeugte sich und verließ, während ihm Lischke in allem Ärger kaum den Gruß erwiderte, rasch das Zimmer. Drinnen aber begann jetzt zwischen Gotthelf und Kathrine eine Szene, die sonst in ihrem häuslichen Leben zu den Seltenheiten gehörte. Hier aber hielt Frau Lischke es für ihre Schuldigkeit, der eheherrlichen Autorität entgegenzutreten.

Endlich wurde sogar Susanna herbeigerufen, die, so gut sie es verstand mit ihrer Mutter umzugehen, den Vater und seinen starren, unbeugsamen Willen doch fürchtete, und Lischke, sonst ein seelensguter Mann, der gar nicht daran gedacht hätte, sein Kind zu irgendeiner Verbindung zu zwingen, redete sich in einen solchen Grimm hinein, daß er erklärte, Susanna müsse – nur um den Bewerbungen dieses luftigen Patrons, des Herrn von Pick, zu entgehen – den Tischler Christian heiraten.

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