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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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16

Unterhalb des Nordwest-Bogens des Murray, mit welchem der bis dahin nach Westen flutende Strom in einer Strecke von wenigen hundert Schritten seine Bahn nach Süden ändert und sie von dort bis zu seiner Mündung beibehält, stand auf einem Distrikt, den die Eingeborenen Kullangang nannten, ein kleines, unansehnliches Rindenhaus, dessen Besitzer ein Mittelding zwischen Squatter und Landmann zu sein schien.

Squatter konnte er insofern genannt werden, als er von der Regierung Weideland gepachtet hatte und darauf ein paar tausend Schafe und einige fünfzig Rinder mit zehn oder zwölf Pferden hielt – Landmann, insofern er vier bis fünf Acker Landes, dicht am Strom und an einem ziemlich guten Landungsplatz, gekauft hatte.

Der Murray überflutet, und zwar gerade in der Erntezeit, fast alle Jahre diese Ufer und nimmt dem Ackerbauer jede Möglichkeit, seine Frucht in Sicherheit zu bringen. Nur sehr wenige günstig gelegene Stellen sind hiervon ausgenommen, und an einer solchen hatte Mac Pherson mehr einen Garten als ein Feld angelegt, auf dem er sich etwas Weizen und Kartoffeln, aber hauptsächlich Gemüse zog. Sein Hauptgeschäft blieb indes der Branntweinverkauf, den er, ob erlaubt oder nicht, auf das eifrigste betrieb, wobei er die Arbeiter des ganzen Murraytales, je nachdem sie sein Haus passierten, zu Kunden hatte.

Mac Pherson hielt eine ›Buschschenke‹, und verkaufte nicht allein gewöhnlichen, schlechten Brandy oder Genever, sondern auch alle möglichen, wenigstens verschieden etikettierten Weine, sogar nachgemachten Champagner.

Hatte er in den letzten drei Wochen nur wenig ›Gäste‹ in seinem Hause gesehen, so schien sich das Geschäft an dem heutigen Tage desto günstiger gestalten zu wollen.

Sieben oder acht Buschleute, ihren Jahreslohn in der Tasche, hatten sich in aller Frühe bei ihm eingefunden und einquartiert, und ihre ›Freiheit‹ damit begonnen, sich in aller Gemütlichkeit mit einer Flasche Brandy unter einen Baum zu legen. Ihr Ziel war Adelaide. Sie wollten heute einen Rasttag halten – sich nicht etwa betrinken – und dann morgen nach der noch sehr weit entfernten Hauptstadt des Distrikts aufbrechen, um dort erst ihr wirkliches Gelage zu beginnen. Mac Pherson war indes darüber ganz anderer Meinung.

Daß die wüsten Gesichter dieser Gäste durchgängig, vielleicht nur mit Ausnahme eines einzigen, alten Sträflingen – oder, wie sie sich selber nannten, ›old hands‹ angehörten, bedurfte wohl kaum einer weiteren Versicherung. Untereinander waren sie auch vollständig einig darüber und würden es für eine höchst lächerliche Anmaßung gehalten haben, hätte es einer von ihnen leugnen wollen. Kokettierte doch Mac Pherson selber mit seinen ›old times‹ oder ›alten Zeiten‹ und wußte, als er sich zu ihnen setzte, viele Anekdoten von dem und jenem ›magistrate‹, von dem und jenem ›old cove‹ zu erzählen, die alle in eine Zeit zurückwiesen, wo freie Einwanderer in Australien noch zu den Naturmerkwürdigkeiten gehörten.

Von jener Zeit kam das Gespräch auf die jetzige, und die Kunde, daß die schwarze Polizei von Neusüdwales sich gegenwärtig an der Grenze des Adelaidedistrikts aufhalte, erregte ihre Aufmerksamkeit ganz besonders.

»Hol' die schwarzen Hunde der Teufel!« sagte Bob, ein Ochsentreiber und eine der vorragendsten Persönlichkeiten der Schar, »und ist das etwa eine Manier, die schwarzen blutigen Heiden zu Spürhunden zu gebrauchen, um arme ausgerissene Kerle wieder einzufangen oder im Busch drin wie wilde Hunde abzuschlachten?«

»Das sind alles so neumodische Erfindungen«, versicherte Dick, ein Schäfer, »die von den ›Swells‹ in den Städten ausgeheckt werden.«

»Laßt den Ärger«, sagte Jack, ein anderer Schäfer, »wo wir hier um eine Flasche Brandy sitzen.«

»Und ob das nicht auch eine blutige Schande ist«, rief Mac Pherson lachend dazwischen, »daß es eben nur eine ist –«

»Nun, so macht, daß es zwei werden«, rief Bob herausfordernd, »wir brauchen unser Geld nötiger, als es hier mitten im Busche zu lassen. Donnerwetter, Jungens, diesmal wollen wir den Swells in Adelaide einmal auf den Pelz rücken und ihnen zeigen, daß die Murrayjungen auch nicht nur im Busche zu Hause sind.«

»Bah, euer Geld«, rief Mac Pherson verächtlich und mit einem Fluche, der selbst den Ochsentreibern keine Schande gemacht hätte, »wer hat denn von eurem Geld gesprochen? Wenn ich euch zu etwas einlade, so werde ich doch nicht von euch verlangen, daß ihr es bezahlen sollt. Aber, Jungens, ich habe einen ganz verdammt guten Pfirsichbrandy bekommen, mild wie Butter und feurig wie – wie –«

»Na, zum Henkel mit Euren Vergleichen«, rief Bob ungeduldig »schafft den blutigen Stoff her, das ist die Hauptsache, die Vergleiche wollen wir uns dann schon selber machen – was kostet der Brandy hier?«

»Das hat Zeit«, sagte Mac Pherson, indem er rasch dem Hause zuschritt – »erst versucht nur einmal den anderen.«

»Hast du denn die schwarze Polizei gesehen, Mac?« nahm Bob, als der Wirt fort war, das Gespräch wieder auf, »verdamm' die Kerle, hier sind sie doch nicht durchgekommen.«

»O bewahre, durch den Busch haben sie sich hinaufgedrückt«, erwiderte der Angeredete, während ihm die anderen aufmerksam zuhörten.

»Der rote John steckt da oben auch irgendwo im Busche«, flüsterte plötzlich Mac, ein Stockkeeper, seinen Gefährten leise zu, als ob er fürchtete, daß sie der Wirt höre.

»Alle Wetter«, rief Dick, »wahrhaftig? – das ist ein tüchtiger Bursch. Wenn er aber die Schwarzen hinter seinen Schuhen her hat, wird er nicht lange draußen Damper kauen.«

»Da laß du den sorgen«, lachte Bob – »das ist ein Teufelskerl. Aber du brauchst nicht so leise zu sprechen, Mac Pherson verrät nichts.«

Einer von der Schar, Ralph mit Namen, war ein noch junger Bursche von nicht ganz so rauhem Aussehen wie die übrigen. Möglich auch, daß er nicht einmal zu den Deportierten, sondern zu den freien Einwanderern gehörte und ein ehrliches Leben hinter sich hatte. War das aber wirklich der Fall, so wußte er es vortrefflich zu verheimlichen. Aber so schüchtern er sich bis jetzt zurückgehalten hatte, sagte er doch jetzt:

»Es muß doch ein schrecklich ängstliches Gefühl sein, zu wissen, daß man in den Zeitungen steht und jeder Mensch das Recht hat, einen zu fassen und den Gerichten zu überliefern.«

»Gott verdamm' mich!« lachte Meik, ein Rationsführer, »ist der grün. Junge, seit wann bist du denn eigentlich in Australien? Ich glaube wahrhaftig, der Töffel hat Überfahrt bezahlt.«

»Bah«, rief Ralph errötend, »meiner Mutter Sohn ist gescheiter, als Passage zu zahlen, wo er die Fahrt auf Ihrer Majestät Schiffen umsonst bekommen kann.«

»Gott segne Ihre Majestät!« rief in diesem Augenblicke Mac Pherson, der mit einer vollen Flasche zurückkam. »Na, tut mir keiner Bescheid?«

»Wir haben alle nichts gegen die Königin«, brummte Bob; »hat sie uns doch freie Passage gegeben. Schafft uns etwas her, was der Mühe lohnt, und wir tun Euch auch Bescheid.«

»Na, groß' Ursach', dankbar zu sein, hätten wir eben auch nicht«, brummte Meik und ergriff die Flasche, um einen tüchtigen Schluck zu trinken.

»Erlaubt einmal«, sagte Mac Pherson, indem er ihm die Flasche aus der Hand nahm und den übrigen einschenkte. »So, Gentlemen, nun haben Sie die Güte und kosten Sie einmal diesen Stoff und sagen Sie mir dann –«

»Gentlemen?« rief Bob, ingrimmig mit seiner Faust auf den neben ihm liegenden Hut schlagend – »ich bin mein Lebtag kein Gentleman gewesen, und will verdammt sein, wenn ich hier im Busche damit anfange. Gentleman – hätte bald was gesagt.«

»Mac Pherson hat irgend etwas auf dem Korne«, sagte Dick, »er käme sonst nicht so sanft von hinten herum.«

»Alle Teufel, der Brandy ist gut«, unterbrachen jetzt andere das Gespräch, – »famoser Stoff; wo habt Ihr den her?«

»Woher? Direkt von Frankreich«, schmunzelte der Wirt, – »habe nicht umsonst meine Freunde am Hafen, die manchmal eine Bootladung von ein bißchen was Nassem ohne besonders große Umstände an Land bringen. Habe vorgestern gerade eine ganze Sendung erhalten.«

»Hallo, Mac, da wären wir ja am Ende gar zur rechten Zeit hier eingefallen«, lachte Dick – »hol' mich der Böse, wenn ich von hier fortgehe, ehe ich nicht wenigstens ein bißchen von allem gekostet habe. Nach Adelaide kommen wir noch immer zeitig genug.«

»Das kenn' ich«, sagte Jack kopfschüttelnd – »wenn wir hier einmal anfangen, kommen wir nachher auch nicht mehr weiter und kriegen die Berge nicht einmal zu sehen. Tut meinetwegen, was ihr wollt, ich muß aber hinüber in die Ansiedelungen, ob ihr nun mitgeht oder nicht, und ich wenigstens will mir mein bißchen Verstand beisammen halten.«

»Wißt Ihr's schon?« flüsterte der Wirt jetzt dem ihm zunächst sitzenden Bob zu.

»Nun, was? – Daß Sie Euch nächstens den heimlichen Verkauf von Branntwein legen werden, he? Dazu braucht man kein Prophet zu sein, um das zu wissen.«

»Malt den Teufel nicht an die Wand, Jungens. Aber wißt ihr schon, wer hier oben irgendwo im Busche steckt – he?«

»Nun, alte Eule, wer wird's sein?« lachte Bob, »Se. Exzellenz der Gouverneur von Gottes Gnaden?«

»Unsinn«, rief der Wirt ärgerlich – »Jack London!«

»Nun?« sagte Bob ruhig.

»Nun?« wiederholte erstaunt Mac Pherson, »Jack London, der berühmte Buschranger.«

»Berühmt?« sagte Bob mit einem verächtlichen Nasenrümpfen, »wer hat den denn zu einer Berühmtheit gemacht?«

»Wer? – Der Gouverneur – sind nicht hundert Pfund Sterling auf seinen Kopf gesetzt?«

»Das wär der Mühe wert«, sagte der Ochsentreiber, mit den Schultern zuckend, »ich hab's von Leuten, die es am allerbesten wissen können, daß Jack London gerade so gut zum Buschranger paßt wie Ralph da, und der wär' keine fünf Pfund wert.«

Die anderen lachten, Mac Pherson aber, der sich die Wichtigkeit seiner Nachricht nicht wollte schmälern lassen, rief ärgerlich:

»Na, Ihr werdet's wohl am Ende besser wissen wollen als die Polizei, und wenn die einmal so viel Geld daran wendet, könnt Ihr Euch auch fest darauf verlassen, daß sie weiß, was sie tut.«

»Die Polizei, mit Respekt zu melden«, sagte Meik ernsthaft, »soll zu Grase gehen. – Der rote John war seit seiner Geburt ein besserer Buschranger am linken Ohrläppchen, als Euer Jack London über den ganzen Leib. Wasch' mir den Buckel und mach' mich nicht naß, ist sein Wahlspruch. – Will unter den Wölfen leben und nicht mit ihnen heulen – stiehlt ein Pferd wie ein Mann, und bezahlt's nachher wie eine Nachtmütze.«

»Jungens, ich dächte, wir tränken noch eine von dem Stoff!« sagte Ralph – »auf meine Kosten.«

»Bravo, – Donnerwetter, der Bengel hat Anlage«, lachte Dick – »aus dem kann noch einmal etwas werden.«

Das Trinken begann jetzt in wilder Art; zugleich mußte die Frau im Hause kochen und braten und auftragen, was die Küche imstande war zu liefern. So trieben sie es, immer noch ziemlich mäßig, bis zum Nachmittag, wo Mac endlich den von Mac Pherson lange erhofften Vorschlag machte, ein Spielchen zu versuchen, um die Zeit »rascher in den Busch zu jagen.« Flasche nach Flasche wurde herbeigeschafft, dabei gesungen und gejubelt, und die Schar war eben im besten Lärm und Toben, als ein neuer Gast, ein fremder Bündelmann, die Hütte erreichte, um ein wenig zu rasten. Er grüßte und bat Mac Pherson, ihm ein Stück Fleisch und Damper zu geben.

»Hallo, woher des Wegs?« redete ihn Bob vom Spieltisch herüber an, »abwärts?«

»Ja, vom Rufus!« erwiderte Miller, unser alter Bekannter von der Schafstation.

»Hallo!« rief Mac, sich rasch zu ihm umdrehend, »da könnt Ihr uns auch vielleicht erzählen, was da oben vorgeht. Der Teufel soll da drüben los sein, he? Mac Pherson, Donnerwetter, gebt dem armen Kerl doch einen Tropfen zu trinken und laßt ihn nicht unter Eurem Dache verdursten!«

»Ich danke«, sagte Miller, indem er einen halb verlangenden, halb scheuen Blick nach der Flasche warf – »ich trinke keinen Branntwein.«

»Hurra – hier haben wir einen Mann aus dem Mäßigkeitsverein!« schrie Meik mit seiner dröhnenden Stimme – »kommt her, mein Junge, laßt Euch bei Licht betrachten, denn ich habe mir schon lange gewünscht, einen solchen Paradiesvogel einmal im Busch zu sehen. Habt richtig den Schwur geleistet?«

»Nein«, sagte Miller errötend – »aber ich will es tun.«

»Na, dann ist's jetzt noch gerade die rechte Zeit und just vor Torschluß, mein Männchen«, rief Mac Pherson, indem er ihm ein Glas Pfirsichbrandy bis zum Rande vollfüllte und hinreichte. »Sucht Ihr Arbeit, oder kommt Ihr daher?«

»Komme daher«, erwiderte Miller, der immer noch zögerte, das Glas zu nehmen.

»Aber so' trinkt doch, in drei Teufels Namen!« rief ermunternd jetzt auch Jack, der schon gar keine Eile mehr zu haben schien, nach Adelaide aufzubrechen. »Nachher, wenn Ihr Euch die Gurgel ausgespült habt, könnt Ihr uns auch erzählen, wie's am Rufus aussieht und was das für eine Geschichte mit der schwarzen Polizei ist, die da oben umherstöbert. Staub und Hitze fressen einem jetzt überdies die Lunge entzwei.«

»Ja, das ist wahr«, sagte Miller, indem er, noch zaudernd, das Glas nahm. »Nun denn, auf Eure Gesundheit«, wobei er das Glas auf einen Zug leerte.

»He? – das schmeckt«, lachte Mac Pherson – »Wetter, Mann, Ihr habt einen vortrefflichen Zug, und an Euch machen die Mäßigkeitler einen guten Fang.«

»Wäre gern auch einmal wieder einen Tag fidel«, murmelte Miller finster in sich hinein, »aber – es geht nicht – muß nach Hause.«

»Heda, nach Haus?« fragte Meik lachend; »bist doch nicht gar etwa glücklicher Gatte und Vater, wie sie drüben in den Ansiedelungen sagen?«

Die anderen lachten bei dem Gedanken, daß ein Hüttenwächter, der allein im Busch umherzog, verheiratet sein sollte; Miller schüttelte aber mürrisch den Kopf und rief:

»Ach was, zum Teufel – verheiratet! Eine Frau könnte man hier brauchen zwischen den Salzbüschen und Schafen – hol' der Henker die ganze Wirtschaft! – am Ende wird's auch – ich weiß bei Gott selber nicht –«

Miller hatte das Glas ergriffen, leerte es wieder auf einen Zug wie vorher, und bestellte dann selber eine Flasche, um sich bei den anderen zu revanchieren.

Das Gelage begann jetzt von neuem. Der Deutsche, denn als einen solchen hatten sie ihn, seinem Dialekt nach, bald erkannt, mußte alle Einzelheiten, die er von seinem Aufenthalt am Rufus wußte, erzählen. Dabei tranken ihm die übrigen wacker zu, und so scheu er sich diesem so lange entbehrten Genusse im Anfang hingab, so verlor sich doch jedes solche Gefühl mehr und mehr mit jeder neuen Flasche, die der geschäftige Mac Pherson entkorkte.

Wein wurde jetzt herbeigeschafft, da der Branntwein zu rasch in den Kopf stieg. Mac Pherson machte selber den Vorschlag und brachte verschiedene Probeflaschen – nur zum Ansehen, wie er sich ausdrückte. Kaum hingesetzt, wurden sie ebenso rasch ausgetrunken.

Die Sonne neigte sich dem Untergang zu, da schlug Bob mit seiner derben Faust auf den Tisch: »So jung kommen wir doch nicht wieder zusammen, und mit dem ordinären Zeug von Brandy und Wein hab' ich's jetzt satt. Verdamm' mich, wir sind gerade so gut wie die blutigen Swells mit ihren weißledernen Handfutteralen und gewichsten Stiefeln, und was die können, können wir schon lange. Wollen einmal Buschranger mit Champagnerflaschen spielen!«

»Das ist recht, Jungens«, lachte Mac Pherson, denn nun hatte er seine Leute dahin, wo er sie haben wollte. »Dem kann abgeholfen werden! Hier ist die Batterie.«

Der Jubel wurde allgemein, als der sprudelnde Trank in die langen Gläser schäumte und ebenso rasch in die Kehlen der ewig Durstigen hinabfloß. In die Gläser ging aber zu wenig hinein.

»Die Pest über die langleibigen dünnen Dinger!« schrie Bob, als er das seinige gegen das Haus schleuderte. »Becher her, daß wir auch schmecken können, was wir trinken – oder noch besser, einen Eimer, Mac – hol's der Teufel, einen Eimer her, da gießen wir den ganzen Schwamm hinein!«

»Das ist die rechte Art, Jungens, wie man Champagner trinkt!« jubelte Mac Pherson, der mit Freuden auf die Laune des tollen Gesellen einging, indem er einen neben dem Hause stehenden Eimer ergriff und zwischen sie stellte; »das können die ›Swells‹ nicht einmal.«

Die Flaschen waren schon bei der Hand, wurden entkorkt und in den Eimer geschüttet, in den die Burschen jubelnd mit Blechbechern hineinlangten und aus der gelbschäumenden Flut den Trank herausschöpften, der ihnen an den Bärten niederrieselte.

»Hol' der Teufel das Gesöff!« rief da Meik, – »es ist sauer und schneidet einem in die Eingeweide. Wenn die »Swells« das saufen wollen, mögen sie's tun, aber mir reißt's den Magen entzwei.«

»Schmecken tut mir's auch nicht«, sagte Dick – »aber zum Henker, wenn's so viel Geld kostet, muß es doch auch gut sein!«

»Ich weiß schon, wie wir's genießbar kriegen«, rief Bob dazwischen. »Mac, gebt einmal ein paar Becher gelben Zucker und zwei oder drei Flaschen Porter her – die gießen wir hinein und das nimmt auch dem verdammten Stoff die Schärfe.«

Der Porter kam und wurde hineingeschüttet, der Zucker darin umgerührt, und die Schar, der das Getränk jetzt besser mundete, schrie und jubelte gerade in den scheidenden Tag hinein, als ein Reiter von Osten her die Straße entlang kam. Da trug ihm der Luftzug das gellende Jubelgeschrei der betrunkenen Schar zu, und, er zügelte sein Pferd plötzlich. Es schien sogar, als ob er nicht übel Lust habe, den Platz zu umreiten. Dann aber, dem fröhlich aufwiehernden Pferde den Zügel lassend, sprengte er auf die Schenke zu, und lenkte sein Pferd hinter das Haus, wo ein Balken zum Befestigen der Zügel stand.

»Paß einmal auf, Meik«, sagte Bob, »das ist so ein blutiger Spion von der Polizei, der hier herumkriecht. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er uns auf den Kasten stiege und die Flaschen zählte, die wir getrunken haben.«

Mac Pherson schien eine ganz ähnliche Befürchtung zu hegen, denn er schaffte alles, was er nur von leeren Flaschen in der Geschwindigkeit erreichen konnte, rasch in das Haus. Er hatte in der Tat keine Berechtigung, Branntwein auszuschenken. Von seinem späten Besuche hatte er aber, wie er bald merkte, nicht das mindeste zu fürchten. Der fragte nur nach gutem Futter für sein Pferd und einem Imbiß mit einer Flasche Wein für sich selber.

»Hol' der Teufel den verdammten aufgeblasenen Swell!« sagte Jack, den Blechbecher, mit dem er sich eben wieder einen tüchtigen Trunk aus dem Stalleimer geholt hatte, auf den Tisch stoßend; »ist das nun eine Manier, in eine Buschhütte zu kommen und nicht einmal erst den schon ansässigen Gästen Pfötchen zu geben?«

»Laß ihn laufen!« brummte Meik, »mit solchen Swells ist doch kein Verkehr, und sie haben nichts weiter zu tun, als herumzukriechen und von einer Station zur anderen die Neuigkeiten zu tragen. Hurra, Jungens, uns gehört der Busch hier.«

Miller, an ein solches Leben nicht gewöhnt, war schon halb besinnungslos zusammengesunken; unter Lachen und Geschrei wurde er aber wieder geweckt und mußte von neuem mitbeginnen. Endlich konnte er aber das Trinken nicht mehr vertragen und taumelte abseits, sich irgendwo hinter einen Busch zu drücken. Die übrigen hatten gerade nicht mehr auf ihn geachtet, und er erreichte eben einen stillen Platz, als ihn Pferdegetrappel wenigstens so weit zu sich selber brachte, daß er aufschauen konnte.

Vor ihm hielt ein Reiter und blickte ihn kopfschüttelnd einige Sekunden an.

»Hallo, Mister«, stammelte der Trunkene, »wollen Sie – hick – wollen Sie schon fort? – Haben hier – hick – verdammt feine Gesellschaft, lauter – hick – Gentlemen-Schäfer und Hüttenwächter, aber – hick – hick – verflucht sauern Champagner, ich will verdammt sein –« er taumelte unter den Busch, sah sich noch einmal mit seinen glanzlosen Augen um, als ob er jemanden suche, und fiel dann zurück.

Der Reiter – es war Mac Donald, der mit neuen Kräften und gesättigtem Pferd seine Flucht fortsetze, schaute den vor ihm Liegenden kopfschüttelnd an; dann verschwand er bald in dem Dämmerlicht des sinkenden Abends.

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