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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050602
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12

Staunen und Verwirrung brachte die Gefangennahme Mac Donalds in den heiteren, ahnungslosen Kreis der Powellschen Familie. Sarahs Ohnmacht wandte allerdings aller Aufmerksamkeit dieser zu, und selbst Mac Donald, als er das unglückliche Mädchen zu Boden sinken sah, machte eine Bewegung, als ob er ihr zu Hilfe springen wollte. Ebenso rasch besann er sich auch wieder, ließ die Arme sinken und sagte leise zu Walker:

»Führen Sie mich fort!«

Das aber war leichter erbeten als getan, und Leutnant Walker, von den letzten Worten Sarahs wie vernichtet, hatte kaum Zeit behalten, sich zu sammeln. Unschlüssig stand er noch da, als Mr. Bale, der ebenfalls Zeuge der Szene gewesen war, auf ihn zutrat, die breite Hand auf seinen Arm legte und ernst und dringend fragte:

»Mr. Walker – ich – ich weiß nicht, ob Sie ein Recht haben, den Mann hier aufzugreifen. Es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, denn Sie würden sonst nicht, ohne irgendeinen Verhaftsbefehl, an einen Engländer, unter dem gastlichen Dach eines australischen Squatters, Hand legen, aber – aber ich glaube, wir hier sind doch auch berechtigt zu fragen, welche Beweise Sie für Ihre Anklage haben. – Mr. Mac Donald, zum Donnerwetter, sagen Sie uns doch wenigstens, ob Sie das wirklich sind, für was er Sie ausgibt, und ist das nicht der Fall, und kann er keine weiteren Beweise bringen, als nur einen flüchtigen Verdacht, so will ich verdammt sein, wenn er Sie so ohne weiteres wie einen gemeinen Verbrecher mit seinen Schwarzen hier fortführen soll. Sie haben sich neulich benommen wie ein Mann, und mir selbst vielleicht das Leben gerettet – noch weit mehr als das aber, Sie haben auch hier die junge Dame, für die wir alle unser Leben lassen würden, aus den Händen der nichtsnutzigen Schwarzen befreit, und ich denke, das ist Grund genug, uns auch Ihrer anzunehmen.«

»Halt, Sir!« rief da Walker, indem er dem ehrlichen Stockkeeper, der ihm unerschrocken ins Auge sah, entgegentrat. »Ich bin im Dienste Ihrer Majestät ausgesandt, um die das Land gefährdenden Buschranger, wo ich sie finde, einzufangen, und habe den Verhaftsbefehl gegen Jack London, jetzt alias Mac Donald. Mag er leugnen, daß er der ist, und ich bringe die Beweise; Beweise wenigstens, die mich ermächtigen, ihn fortzuführen und den Gerichten zu übergeben, die dann entscheiden mögen, ob er schuldig ist oder nicht.«

»O, sprechen Sie, Mac Donald«, bat auch Mr. Powell, indem er auf den Gefangenen zutrat und bewegt die gefesselten Hände des Unglücklichen ergriff; »reißen Sie uns aus dieser Angst. Sie wissen, wie wir Sie lieben – wissen, wie wir Ihnen zu Dank verpflichtet sind, und nicht glauben können, nicht glauben wollen, daß Sie, für den ich meine Ehre verpfändet haben würde, wirklich ein Verbrecher sind.«

»Mr. Powell«, rief Mac Donald, wie überwältigt von der herzlichen Anrede, »Dank – tausend Dank für diesen Glauben an mich, o, wahren Sie ihn mir – seien Sie versichert, ich bin kein Verbrecher!«

»Das habe ich allenfalls auch gedacht!« rief Bale triumphierend; »und nun, mein Herr Polizeioffizier, die Beweise.«

»Verlangen auch Sie Beweise, Mr. Powell?« fragte Walker den alten Herrn, »und würden Sie sich weigern, ihn sonst auszuliefern?«

»Ich würde ihm wenigstens die Schmach eines solchen Transports ersparen«, sagte Powell, nicht ohne Bitterkeit auf die Eisen deutend, »indem ich Bürgschaft für ihn leiste und ihn selbst in die Stadt begleite. Aber begierig bin ich, zu erfahren, woran Sie Mr. Mac Donald als jenen Buschranger erkennen wollen, da Sie doch heute morgen noch keine Ahnung davon hatten. Sie hätten sonst nicht alle Ihre Leute fortgeschickt.«

»Mit wenigen Worten kann ich Ihnen das erklären«, erwiderte Walker. »Ich selbst hatte, Sie haben darin vollkommen recht – heute morgen noch wirklich keine Ahnung, wer dieser angebliche Mac Donald sei. Die Nachricht, daß jener Hüttenwächter, den er früher gekannt haben wollte, einer der gefährlichsten Buschranger sei, machte mich zuerst stutzig. Nach Hause mit der festen Absicht zurückkehrend, mich genau von der Persönlichkeit zu überzeugen, fand ich –« er hielt plötzlich inne. Sarah war zu sich gekommen, und er sah ihre Augen auf sich gerichtet. Er wollte innehalten, aber ungeduldig winkte sie ihm, fortzufahren.

»Fanden Sie? –« rief auch Mr. Powell.

»Fand ich den Grauschimmel, auf dem Mac Donald auf diese Station gekommen.«

»Und wie war's mit dem?« fragte Bale rasch – »war er gestohlen?«

»Ja und nein – der Gefangene hat ihn, allerdings dem Eigentümer unbekannt und ohne seine Einwilligung, mit fortgenommen, aber den ungefähren Preis zurückgelassen. Für einen Buschranger allerdings ein ungewöhnliches Ding. Auch die fünfzehn Pfund Sterling stimmten. Mit diesem schon bestätigten Verdacht erkannte ich, ins Haus zurückgekehrt, auch den Entflohenen selbst wieder, den ich schon früher einmal, wenn auch nur flüchtig, gesehen habe, den aber jetzt der starke Bart fast unkenntlich machte. Kaum bedurfte es noch der in das Buch geschossenen Kugel, die aus meines Wachtmeisters Karabiner stammt, um mich zu überzeugen. – Gerade seine Leidenschaft für Bücher hat übrigens die Polizei wieder auf seine Fährte gebracht, da er sich, um solche zu kaufen, mit unbeschreiblicher Keckheit selbst nach Melbourne hinein wagte. Bedürfte es noch weiterer Beweise«, fuhr der Leutnant mit leiser Stimme fort, da er sah, daß Sarah das Gesicht in ihren Händen barg, – »so hätte ich sie von meinem Schwarzen. Den Scharfsinn der Burschen fürchtend, hat Mac Donald, solange wir hier sind, größere Schuhe getragen, als sein Fuß verlangt. Mein Bursche hat sich hier im Hause die früheren zu verschaffen gewußt, und sein Ausspruch bestätigt nur die Gewißheit der Anklage. Jetzt fragen Sie ihn selbst, und wenn er kann, mag er leugnen, daß er nicht der unter dem Namen Jack London in Vandiemensland bekannte und später entflohene Sträfling ist.«

Regungslos, und ohne mit einem einzigen Wort den Redenden zu unterbrechen, hatte Mac Donald ihm zugehört. Jetzt, als aller Augen auf ihn gerichtet waren, sagte er mit fester Stimme:

»Ich bin Jack London – ich bin es in dem Sinne wenigstens, wie es Leutnant Walker meint, wenn auch mein wirklicher Name Mac Donald ist.«

»Großer Gott!« rief Mr. Powell, die Hände entsetzt zusammenschlagend, während der ehrliche Stockkeeper einen Fluch nicht unterdrücken konnte und sich dann erschreckt nach den Damen umsah.

»Und doch nicht schuldig – doch der Verbrecher nicht, für den Sie mich jetzt halten«, rief der Unglückliche. »Deportiert und schuldlos, so unglaublich das klingen mag; doch es ist die Wahrheit. Das aber«, setzte er plötzlich mit fast tonloser Stimme hinzu, »ist auch alles, was ich für jetzt Ihnen sagen kann. Ich hatte freilich, was meine Gefangennahme betrifft, gehofft, daß Leutnant Walker wenigstens den Frieden dieses Hauses heilig halten würde. Das ist nicht geschehen; vielleicht kommt aber einmal, wenn auch erst später, die Zeit, wo ich von ihm Rechenschaft fordern werde.«

»Die Anklage ist hart und ich würde der Rechenschaft mit Freuden entgegensehen«, erwiderte finster der Offizier, »wenn sich dies mit meiner Pflicht vereinigen ließe. Sind Sie wirklich unschuldig, so werden Sie sich auch den Gesetzen gegenüber reinigen können. Ihnen die Gelegenheit zu verschaffen, ist jetzt mein Amt.«

»So führen Sie mich fort«, sagte Mac Donald, »machen Sie dieser Szene ein Ende, die peinigend für alle ist.«

»Halt!« rief Mr. Powell, der augenscheinlich in den letzten Minuten mit einem Entschluß gekämpft hatte. »Mr. Walker – Sie werden mich, wie ich hoffe, für einen loyalen Untertanen der Krone halten –«

»Ich habe nie im Leben daran gezweifelt, Sir!« rief der junge Mann rasch – »nie einen Augenblick auch nur daran geglaubt, daß Sie eine Ahnung –«

»Halt – verstehen Sie mich nicht falsch«, unterbrach ihn mit finster zusammengezogenen Brauen der alte Herr. »Daß ich einen wirklichen Buschranger wissentlich beherbergen würde, das, denke ich, wird man mir nicht zutrauen. Was es ist, weiß ich nicht, aber etwas spricht in mir zugunsten dieses unglücklichen Mannes. Er hat sich, soweit ich ihn kennen lernte, als ein Ehrenmann gezeigt – er hat mir außerdem mein liebes Kind gerettet – wir alle hier sind ihm zu Dank verpflichtet, und das Herz dreht sich mir bei dem Gedanken in der Brust herum, ihn als gemeinen Verbrecher gefesselt von hier scheiden zu sehen, ihn – den ich sogar in meiner Familie aufzunehmen nicht gezögert haben würde. Ich weiß, daß es Ihre Pflicht ist, den Gefangenen, wie die Sachen nun einmal stehen, an das nächste Gericht abzuliefern. Ich weiß nicht, wohin Sie –«

»Ich werde ihn an die nächste Polizeistation, an der Mündung des Darling, abliefern«, erwiderte Walker. »Der dortige Kommissar mag seinen Transport nach Vandiemensland oder Sydney, wie er es für gut findet, weiter übernehmen.«

»Gut!« sagte der alte Herr; »wenn ich Ihnen nun mit irgend einer Summe, die Sie bestimmen mögen, für die richtige Ankunft des Gefangenen an dem Orte seiner vorläufigen Bestimmung, Sydney oder Melbourne, hafte? wenn ich Bürgschaft für ihn leiste, daß er sich dorthin begibt, und mir sein Ehrenwort dafür genügt?«

»Mein guter Vater!« sagte Sarah, die bei den letzten Worten des alten Herrn zu ihm getreten war und ihren Kopf dankend an seine Schulter schmiegte.

Walker biß sich auf die Lippen und schien von dem Antrage überrascht, während Bale vergnügt mit dem Kopf nickte und sich die Hände rieb. Da begab sich der Gefangene selber freiwillig des ihm in Aussicht gestellten Vorteils.

»Dank, tausend Dank«, rief er, ehe Walker ein Wort darauf erwidern konnte, »aber ich selber würde es nicht annehmen können und wollen.«

»Sie selber nicht?« rief Mr. Powell erstaunt.

»Weil ich dem guten Willen des – Beamten nichts verdanken will«, fuhr Mac Donald finster fort. »Er mag sein Schlimmstes tun, den auf meinen Kopf gesetzten Preis auch zu verdienen.«

»Sie hören, Mr. Powell, wie die Sachen stehen«, sagte der Leutnant achselzuckend – »unter diesen Verhältnissen werden Sie es begreiflich finden, wenn ich den Herrn nicht aus den Augen lasse.«

»Wie hoch ist das Kopfgeld?« fragte jetzt Bale, indem er den jungen Offizier von der Seite anschaute.

Walker errötete tief. »Gott ist mein Zeuge, daß ich das Kopfgeld mit Freuden aus eigenen Mitteln zahlen würde, wenn ich Ihnen allen den schmerzlichen Abend hätte ersparen können.«

»Und mich mußten Sie dazu benutzen, Ihre Pläne auszuführen«, rief Lisbeth mit Tränen im Auge und zorngeröteten Wangen – »werde ich den Gedanken denn je wieder los werden in meinem ganzen Leben?«

»Gebt Frieden«, sagte aber Mr. Powell. »Mr. Walker hat nicht mehr als seine Schuldigkeit getan. Wie die Sachen stehen, und da sich Mac Donald weigert, meine Bürgschaft anzunehmen, bleibt ihm nichts übrig, als das Begonnene durchzuführen.«

»Und Sie, Mac Donald«, wandte sich der alte Herr an den Gefesselten, ohne ihm jedoch die Hand zu reichen, »leben Sie wohl, und gebe Gott, daß Sie sich von dem auf Ihnen lastenden Verdacht reinigen können – sonst – verzeihe Ihnen Gott das Leid, welches Sie über mein Haus gebracht haben.«

Mac Donald richtete sich heftig auf, aber die Eisen hinderten seine Bewegung. Er wollte reden, aber sein Blick fiel auf Sarah, die ihr Antlitz an des Vaters Schulter barg. Tief aufseufzend wandte er sich ab, schaute auf Walker, der seinen Blick verstand, und verließ, von diesem gefolgt, rasch das Zimmer.

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