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Friedrich Gerstäcker: Sträflinge - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleSträflinge
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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11

Walker war indessen mit verhängten Zügeln in den Busch hineingeritten. Wohin, das wußte er selber kaum; sein kaltes, ruhiges Blut wollte er wiedergewinnen, ehe er heute zum letztenmal in den Kreis einer Familie trat, in der er sein Herz zurückließ. Der Fremde war Zeuge seiner Abweisung gewesen – er mußte gehört haben, was sie zusammen sprachen, denn die dünne Wand konnte ihm die Worte nicht verbergen – und dem galt es noch zu beweisen, wie er das Feld räumte.

Der scharfe Ritt zeigte bald seine Wirkung an dem jedem anderen Schlag des Schicksals kalt begegnenden Mann, und eben hatte er wieder sein Pferd der Station zugekehrt, als dieses die Ohren spitzte und laut und hell aufwieherte. Ein anderes Pferd, nicht weit im Busche drin, antwortete, und gleich darauf kam einer seiner ausgesandten Kundschafter auf abgehetztem Tier durch den raschelnden Malleybusch.

»Nun, Mabong, wie steht's? Habt ihr ihn gefunden?« rief Walker.

»Kuyunko hat!« rief der Schwarze finster – »ist gerade so gezeichnet jetzt wie weißer Mann im Busche drin.«

»So war der Mörder wirklich jener neue Hüttenwächter?«

Der Schwarze nickte nur mit dem Kopf.

»Ihr seid seiner Spur gefolgt?«

»Schritt auf Schritt. Neue Schuh' machen tiefe Spuren.«

»Und ihr fandet?«

»Kuyunko tot – weißer Mann fort – aber auch Blut in der Fährte. Kuyunko hat geschossen.«

»Kuyunko tot?« rief der Offizier erschrocken – »aber ihr seid der Spur gefolgt?«

»Gewiß – bis zum Fluß – viel Blut dort; durchgeschwommen. Fanden am anderen Ufer auch wieder Blut – aber nicht weiter – muß auf dem Grunde liegen. Offizier soll jetzt mitkommen. Schwarze Polizei will den Körper suchen.«

»Du hast recht«, sagte Walker, augenscheinlich zerstreut, denn er hatte die letzten Worte kaum gehört. »Wir müssen wissen, wer der Mörder war. Hat ihn keiner von euch gesehen?« fragte er dann plötzlich, als ob ihn ein neuer Gedanke durchzuckte.

»Nein – gesehen nicht«, lautete die Antwort.

»Ihr habt auch keine Ahnung, wer es sein könnte?«

»Rote John«, sagte, ohne eine Miene zu verziehen, der schwarze Polizeisoldat. Walker griff seinem Pferde so rasch in die Zügel, daß es sich aufbäumte.

»Der rote John?«, rief er; »aber wer will das behaupten, wenn ihr ihn nicht gesehen habt? – Hat Kuyunko noch gelebt?«

»Nein – war tot – aber rote Johns Schuh' standen bei der ersten Leiche. Schwarze Mann braucht nicht mehr.«

»Die Schuhe – es ist wahr. Und wer kannte die Fährte?«

»Mabong!« sagte dieser.

»Wo ist der Wachtmeister?« rief der Leutnant rasch.

»Drüben am Fluß; schwarze Burschen suchen unten nach Leiche. Offizier sollte hinkommen und weiter befehlen.«

»Wie weit von hier?«

»Fünf, sechs Meilen! – Fluß macht großen Bogen dort hinauf.«

»So komm erst mit nach Hause«, sagte Walker. – »Dein Pferd braucht Ruhe, und ich selber – muß dort erst jemand sprechen, ehe ich dir folge.«

Langsam drehte er dabei sein Pferd wieder der Hauptstation zu. Mabong ritt gleichmütig hinter ihm drein.

Erst an der Fenz, in der die Leute noch beschäftigt waren, das wilde Vieh zu sondern, und einzelne Tiere, denen das Zeichen noch nicht eingebrannt war, mit diesem zu versehen, zügelte Walker sein Pferd. An der Ecke der Fenz stand Mr. Powell mit seinem Aufseher Mr. Bale. Ihre Pferde hatten die Männer nicht weit davon an einem Malleybusch befestigt.

»Meine Herren«, redete sie Leutnant Walker an. »Es tut mir leid, Ihnen die unangenehme Nachricht zu bringen, daß Ihr neuer Hüttenwächter seinen Posten wieder verlassen hat.«

»Alle Teufel«, rief Bale, »da soll den Kerl der Henker holen; ich habe ihm erst selber ein Pfund Tabak hinaufgebracht.«

»Das würde der Henker auch gewiß sehr gern tun«, erwiderte Walker, »wenn er ihn nur bekommen könnte. Ich fürchte, er ist ertrunken.«

»Ertrunken? – auf der Station?« – lachte Bale. »Wir müssen das Trinkwasser in Kübeln hinauf schaffen.«

»Und trotzdem ist er im Flusse ertrunken. Seien Sie übrigens froh, daß Sie ihn los sind. Es war einer der berüchtigsten und gefährlichsten Buschranger, und hat erst vor wenigen Tagen wieder einen Reisenden ermordet.«

»Dacht' ich mir's doch, daß es mit dem Burschen nicht ganz richtig wäre«, sagte Bale, »aber wie sind Sie ihm so rasch auf die Spur gekommen?«

Der Offizier antwortete nicht gleich, denn seine Aufmerksamkeit war in diesem Augenblick auf die beiden an den Malleybusch gebundenen Pferde gerichtet, die er mit Kennerblicken betrachtete.

»Das sind ein paar tüchtige Tiere«, sagte er, indem sein Blick auf dem Grauschimmel haftete – »hier gezogen?«

»Der Braune, ja«, sagte Bale, der zu ihm trat, denn seine Pferde hört jeder Squatter nur zu gern loben; »der Graue ist von unten herauf.«

»Gehört Ihnen?«

»Ja – ein Geschenk von Mr. Powell – Mr. Mac Donald hat ihn mit aus den Ansiedlungen gebracht.«

»Mr. Mac Donald – so? Da ist ein R. L. auf der Hüfte, nicht wahr?«

»Ja, aber ich kenne das Zeichen nicht, in unserer Gegend haben wir kein ähnliches –«

»Ich hatte einst ein Pferd, das diesem hier auf ein Haar glich«, sagte Walker, noch immer kein Auge von dem Tiere wendend, »aber es wurde mir unter dem Leibe von einem Buschranger erschossen, und ich habe nie ein besseres wiederbekommen. – Sie wissen wohl nicht zufällig, was Mr. Mac Donald für dieses Pferd gezahlt hat?«

»Fünfzehn Pfund Sterling mit Sattel und Zaum, wie er uns sagte.«

»Fünfzehn Pfund?« – rief der Offizier, sich rasch nach ihm umdrehend.

»Nun, so sehr billig ist es gerade nicht«, sagte der Aufseher, »und meiner Meinung nach immer ein ganz anständiger Preis.«

»Aber Mr. Walker, wie blaß Sie heute aussehen!« unterbrach Mr. Powell das Gespräch. »Es ist mir vorhin garnicht so aufgefallen. Fühlen Sie sich etwa nicht wohl?«

»Vollkommen, ich danke Ihnen«, sagte der junge Mann, der indes kaum imstande war zu verbergen, daß ihn etwas Außergewöhnliches beschäftigte. Seine Brust verlangte nach Luft, und unwillkürlich berührte der scharfe Sporn die Flanken seines Tieres. Als er es wieder beruhigt hatte, stieg er ab, warf ihm den Zügel über den Nacken und wollte es der Einfriedigung zuführen; Bale litt es aber nicht, nahm es ihm ab und sagte:

»Sie brauchen es doch heute abend nicht mehr, nicht wahr?«

»Nein – aber morgen früh –«

»Die Gefahr ist ja, dank Ihrer Hilfe, vorüber«, sagte Mr. Powell, »und ich glaube, daß es das beste ist, über den Mord zu schweigen, bis wir genauen Bericht haben. Aber jetzt kommen Sie, Sir, unsere Arbeit hier ist beendet, und wir wollen zum Hause zurückkehren.«

Walker hatte sich wieder vollkommen gesammelt. Nur als er aufs neue die Schwelle betrat, auf der, vor so kurzer Zeit, alle seine Hoffnungen für immer vernichtet worden waren, fühlte er doch, daß er kaum imstande sein würde, die Aufregung, die sich seiner bemächtigt hatte, zu bewältigen.

Selbst bei der schon einbrechenden Dämmerung entging auch sein Aussehen dem Blick der Mrs. Powell nicht, die, als er das Zimmer betreten hatte, erstaunt zu ihm aufschaute und ängstlich fragte:

»Um Gottes willen, Mr. Walker, was ist Ihnen begegnet? Sind Sie krank?«

»Sie sehen aus wie eine Leiche«, rief auch Lisbeth, die mit Mac Donald in eifrigem Gespräch an einem der Fenster gestanden hatte, indem sie jetzt auf ihn zukam. »Ist etwas vorgefallen?«

»Ängstigen Sie sich nicht meinetwegen, mein Fräulein«, lachte der junge Mann, sich jetzt gewaltsam zusammennehmend. »Ich fürchte, ich habe mich in der letzten Woche doch ein wenig zu sehr angestrengt, und diesen Nachmittag plagte mich heftiger Kopfschmerz. Der ist jetzt vorüber, und morgen hoffe ich wieder frisch und wohl zu sein.«

Mac Donald heftete seinen Blick, während Walker mit den Damen sprach, lange und forschend auf ihn, schlug ihn aber zu Boden, als er dem des Offiziers begegnete, und wandte sich dem Fenster zu. Ein schwarzer Polizeisoldat kam gerade auf das Haus zu, warf einen Blick auf Mac Donald, den er am Fenster sah, und verschwand in der Tür.

»Mr. Walker hat den Kopf voll von seinen Geschäften«, entschuldigte ihn Mr. Powell. »Aber komm, Sarah, spiel' uns etwas vor, bis Licht und Essen gebracht werden, das wird uns alle zerstreuen.«

Als Sarah sich an das Instrument setzte, ließ Walker sich am Fenster nieder, griff nach einem Buch, in dem er gedankenlos blätterte, und lauschte den Tönen.

Zum Lesen war es allerdings schon fast zu dunkel geworden, trotzdem fesselte das Buch bald seine Aufmerksamkeit. Es war das Exemplar der »Lalla Rookh«, und sein Finger hatte zufällig das Kugelloch daran gespürt, das er aufmerksam und neugierig betrachtete.

»Sie werden sich die Augen verderben, Mr. Walker«, sagte Ned, der jüngste der Söhne, der neben dem Leutnant am Fenster lehnte. »Wenn ich abends lese, verbietet es mir Mutter jedesmal.«

»Ich lese nicht«, sagte Walker, »nur das Buch hier fiel mir auf, das eine Öffnung hat, als ob eine Kugel hineingeschlagen wäre. Haben Ihnen die Buschranger einmal ins Zimmer geschossen, Mr. Powell?«

»Das Buch ist von Mr. Mac Donald«, rief Lisbeth – »dem ist die Pistole auf dem Pferd losgegangen und glücklicherweise in die Satteltasche hinein.«

»In der er die Bücher hatte?« fragte rasch der Leutnant.

»Ja, denken Sie nur, das war doch Glück!« lachte das junge Mädchen.

»Die Pistole hatte dann wohl eine sehr schwache Ladung«, sagte Walker, das Buch wieder auf das Fenster zurücklegend, »sodaß die Kugel in der kurzen Entfernung nicht tiefer eingedrungen ist. – Ja, ja, unser Leben hängt oft nur an einem Haar.«

Als die Speisen aufgetragen worden waren, schickte Mr. Powell seinen jüngsten Sohn fort, Mr. Bale zu rufen, und als Ned die Tür öffnete, stand der schwarze Polizist davor und verlangte mit seinem Offizier zu sprechen. Walker stand augenblicklich auf, kehrte aber schon nach kaum einer halben Minute zurück und trat zu den beiden jungen Damen, die am Klavier standen und sich mit Mac Donald unterhielten.

Was es aber auch gewesen sein mochte, das ihm bis jetzt die Seele bedrückt und das sonst so rasche Wort auf den Lippen zurückgehalten hatte, es schien mit einemmal verschwunden. Selbst Mr. Powell, obgleich ihm jetzt ganz andere Dinge durch den Kopf schwirrten, entging diese plötzliche Veränderung in dem Wesen seines Gastes nicht.

»Nun, haben Sie ihn erwischt?« rief er, indem er, begierig das Nähere zu erfahren, zu ihm aufschaute.

»Wen, Vater?« fragte neugierig Lisbeth; »ist etwas vorgefallen?«

»Vorgefallen?« lachte Mr. Powell; »dieser Mr. Walker fängt mir hier mit seinen schwarzen Gesellen meine Hüttenwächter fort – was nachher aus meinen Herden wird, ist ihm ganz einerlei.«

»Ihre Hüttenwächter?« sagte Mac Donald, nicht imstande, das Interesse zu verbergen, das er an der Sache nahm.

»Unter diesem harmlosen Aushängeschild«, sagte Walker lächelnd, »hatte sich nämlich einer der berüchtigsten Buschranger eingeschlichen, dem meine Leute glücklich auf die Spur kamen, der sogenannte ›rote John‹. – Haben Sie von ihm gehört, Mr. Mac Donald?«

»Allerdings – und Sie haben ihn gefangen?«

»Wenigstens unschädlich gemacht.«

»Da können Sie Gott danken, Mr. Mac Donald, daß der schreckliche Mensch unschädlich gemacht ist«, rief Lisbeth, »denn wenn Sie morgen früh in den Busch geritten wären, hätte er Ihnen am Ende aufgelauert und Sie hinterrücks erschossen.«

»Morgen früh?« sagte Sarah überrascht – »Sie wollen fort?«

»Nur auf einige Zeit, mein Fräulein«, erwiderte leicht errötend der Angeredete – »wenn ich wirklich einen passenden Platz für mich hier in der Nähe finden will, muß ich Anstalt treffen, danach zu suchen, oder mich darauf gefaßt machen, daß mir andere zuvorkommen.«

Walkers Blick haftete, während er sprach, fest auf ihm, und wieder schien es fast, als ob jeder Tropfen Blutes seine Wangen verlassen hätte. Die Bewegung schwand aber auch so rasch, wie sie gekommen, und er sagte:

»Darin hat Mr. Mac Donald vollkommen recht, denn ich selber weiß, daß mehrere Squatter des Adelaide-Distrikts diese Gegend im Auge haben und mit der Ausführung ihrer Pläne ebenfalls nicht lange zögern werden.«

»Aber, das wollen wir jetzt nicht wissen«, bat Lisbeth – »eine recht wunderbare Buschrangergeschichte sollen Sie uns erzählen. Sie haben es mir überdies schon lange versprochen, und auf einmal werden Sie fort sein, und ich bin um die ganze Geschichte betrogen.«

»Das sollen Sie nicht«, lachte Walker; »habe ich Ihnen das Versprechen gegeben, so halte ich es auch, und überhaupt wird Ihnen allen wohl die letzte Flucht des berüchtigten Jack London noch unbekannt sein – oder hat Ihnen Mr. Mac Donald das vielleicht schon erzählt? – Soviel ich weiß, war er kürzlich in Melbourne und kennt sie jedenfalls.«

»Ich kenne sie allerdings«, erwiderte lächelnd Mac Donald, »aber lassen Sie sich dadurch nicht abhalten. Den Damen hier ist sie fremd, und sie wird sie jedenfalls interessieren.«

»Flucht?« sagte jetzt Mr. Powell; »ich denke, sie haben ihn wieder eingefangen?«

»Allerdings, soviel ich weiß – aber vorher war er doch ausgebrochen und zwar, wie man glaubte, um an Bord eines kleinen amerikanischen Schoners die Kolonien zu verlassen. Das war indes ein Irrtum, oder möglich auch, daß das Fahrzeug an der Küste strandete – doch will ich der Erzählung nicht vorgreifen. Weshalb Jack London zur Deportation verurteilt war, weiß ich nicht. Soviel mir bekannt ist, lautet seine Strafe auf lebenslänglich, oder doch auf so viele Jahre, daß es dem ziemlich gleichkommt. Die Gerüchte über ihn klangen nun sehr verschieden. Einige wollten ihn zu einem Rinaldo Rinaldini machen, der großen Edelmut gezeigt und die wilde Bande, die ihn zu ihrem Hauptmann ernannte, gewaltig im Zaum gehalten habe; andere schrieben ihm alle möglichen Greueltaten und Verbrechen zu – man wurde nicht recht klug daraus. Was mich betrifft, so glaube ich, daß er, wenn auch zu den Schlauesten, nicht doch gerade zu den Schlimmsten gehörte. Jedenfalls hat er seine Strafe durch irgendein schweres Verbrechen verdient; er wäre sonst nicht deportiert worden. Entkommen und wieder eingefangen, wobei er sich auf eine unbegreiflich törichte und kecke Weise wieder hinein zwischen seine Feinde nach Melbourne wagte, legte man ihn das letztemal in Eisen und sandte ihn nach Vandiemensland zurück.

Dort in Gelb und Grau, der schlimmsten Sträflingstracht, arbeitete er mit seinen Leidensgefährten in schweren Ketten an den Werften von Eagle Hawk Neck – einer schmalen Halbinsel, von wo aus die Flucht bis dahin für unmöglich gehalten wurde. Die schmale, nur wenige hundert Schritt breite Landzunge, die jenen Platz mit dem Festland verbindet, ist nämlich nicht allein durch bewaffnetes Militär, sondern auch noch durch eine Kette riesiger Doggen bewacht, während die See von Haifischen wimmelt. In einer stürmischen Nacht versuchte Jack London seine Flucht. Und es gelang ihm wirklich, trotz der unüberwindlich scheinenden Hindernisse, zu entkommen.

Allerdings hatte er noch andere Gefahren zu bestehen; wie er das aber angefangen hat, ist nicht bekannt. Er entkam glücklich, wußte seinen Weg nach Melbourne zu finden, und hielt sich dort, wie man vermutet, eine Zeitlang in der Stadt versteckt auf. Zum äußersten getrieben, wählte er zuletzt den Busch als Aufenthalt; andere entlaufene Sträflinge gesellten sich zu ihm, und da die dortigen Behörden nicht mit ihnen fertig werden konnten, wurden wir von Sydney hinabgeschickt.«

»Und wo haben sie ihn wieder eingefangen?« fragte Lisbeth, die mit gespannter Aufmerksamkeit dem Bericht gefolgt war.

»Ja, das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen, mein Fräulein«, erwiderte Walker. »Wie ich aber gehört habe, soll er irgendwo in den Sümpfen gesteckt haben und schwer verwundet wieder in die Hände der Polizei gefallen sein. Jetzt wird er wohl, wenn ihm nichts Schlimmeres bevorsteht, nach Norfolk-Eiland zu schwerer Kettenarbeit deportiert werden. Von dort ist eine Flucht ganz unmöglich.«

»Ja, aber wie machen Sie es nun«, fragte Lisbeth, »wenn Sie allein im Busche einem solchen entsetzlichen Menschen begegnen, und er sich nicht gutwillig gefangen geben will? Geht es dann nicht immer Leben gegen Leben?«

»Ja, sehr häufig, mein Fräulein«, erwiderte ernst der Offizier; – »unsere Pflicht ist es, das äußerste zu versuchen, den einmal Entdeckten festzunehmen, und dieser, zur Verzweiflung getrieben, wagt eben auch das letzte – sein Leben, um nur seine Freiheit zu retten. Übrigens ist das Festnehmen gewöhnlich nicht einmal so schwer wie das Festhalten. Die Gefangenen zu transportieren, ist das allerschwierigste Geschäft.«

»Und wie machen Sie das?« fragte Lisbeth neugierig.

»Das will ich Ihnen erklären«, sagte Walker lächelnd; »wenn Sie das interessiert, kann ich es Ihnen vollkommen deutlich machen.«

Er nahm dabei aus seiner Brusttasche einen eisernen, mit einem kleinen Schlosse versehenen starken Doppelring und hielt ihn der jungen Dame entgegen.

»Sehen Sie«, sagte er, während Lisbeth das Instrument, dessen Bedeutung sie noch gar nicht kannte, mit scheuen Blicken betrachtete, »das sind die sogenannten Handschellen oder Darbies; die werden um die beiden Handgelenke eines Gefangenen gelegt – in diesen hier haben schon viele gesteckt – ungefähr auf solche Art. – Erlauben Sie mir für einen Augenblick Ihre beiden kleinen Hände?«

»Nein, um Gottes willen!« rief Lisbeth, ängstlich zurückschaudernd.

»Fürchten Sie sich davor?« lachte Walker; – »Sie sind doch wahrhaftig kein Buschranger. Kommen Sie Mr. Mac Donald, zeigen Sie einmal der jungen Dame, wie es gemacht wird. Fräulein Lisbeth wird sich doch nicht fürchten, wenn sie die Eisen an einem anderen sieht.«

Er nahm dabei Mac Donalds rechte Hand, der sie ihm ruhig überließ. Es war fast, als ob ein leichtes Lächeln um seinen Mund zuckte.

»Sehen Sie, meine Damen«, sagte Walker, dabei Mac Donalds eine Hand haltend, um die er den Ring gelegt hatte, »so kommt das Eisen um diese Hand, und nun«, setzte er hinzu, indem er das Schloß preßte, daß es knackend einschnappte, »kann der Geschlossene die Arme nicht mehr zur Gegenwehr gebrauchen, und auch nur sehr unbeholfen damit fliehen.«

»Mr. Mac Donald ist ein Gefangener«, lachte Lisbeth.

»Mein Gefangener, im Namen der Königin!« sagte da plötzlich Walker, ernst und feierlich, die linke Hand auf seine Schulter legend.

Mac Donald rührte sich nicht – Auge in Auge stand er mit seinem Gegner; keine Fiber seines Körpers zuckte, nur sein Gesicht war marmorbleich geworden.

»Ein geduldiger Gefangener wenigstens«, sagte Sarah, der, sie wußte selber kaum weshalb, plötzlich ein wildes Weh die Brust durchschnitt; – »o, tun Sie die Eisen fort, mir graut, wenn ich sie sehe.«

Fast unwillkürlich trat sie dabei einen Schritt vor, als ob sie selber die Fesseln entfernen wollte.

»Jack London«, rief da Walker, auf den Gefangenen deutend, »alias Murphy, alias Bridol, alias Mac Donald, der vogelfrei erklärte Buschranger von Vandiemensland, der Flüchtling von Eagle Hawk Neck, der Hauptmann der in den Hindmarschsümpfen zerstreuten Bande, steht vor Ihnen – wollen Sie noch, daß ich ihm die Fesseln löse?«

»Heiliger, allmächtiger Gott!« rief Sarah, während die anderen, starr vor Entsetzen über die furchtbare Entdeckung, kaum zu atmen wagten. »Mac Donald, reden Sie – verteidigen Sie sich – werfen Sie ihm die Lüge ins Gesicht!«

Walker zuckte zusammen und wurde fast bleicher als sein Gefangener. Mac Donald aber sprach kein Wort; wie er die Arme ausgestreckt hatte, die Fesseln zu empfangen, so stand er noch, still und regungslos. Nur sein Blick suchte Sarahs Auge. Sarah begegnete dem Blick, sah Mac Donald starr an – streckte die Arme nach ihm aus und sank mit einem lauten Aufschrei ohnmächtig zu Boden.

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