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Theodor Fontane: Stine - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleStine
authorTheodor Fontane
year1997
publisherArtemis und Winkler
isbn3-538-06650-7
titleStine
pages3-141
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1890
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Siebentes Kapitel

Der nächste Tag verging, ohne daß sich die Schwestern auch nur gesehen hätten: die Pittelkow hatte wieder Ordnung zu schaffen, und Stine sollte bis Sonnabend abend noch eine große Rahmenstickerei abliefern.

Und still und ohne Begegnung wie der erste Tag schien auch der zweite vergehen zu sollen. Niemand kam zu Stine hinauf, und diese – nachdem Olga den Drücker gebracht hatte – wußte nur das eine, daß ihre Schwester Pauline mit beiden Kindern in die Stadt gegangen sei.

Langsam schwanden die Stunden, und die niedergehende Sonne hing schon tief zwischen den zwei Türmen des Hamburger Bahnhofs, als ein elegant gekleideter Herr die Invalidenstraße heraufkam und in Nähe des von Stine bewohnten Hauses eine Häusermusterung begann. Es war der junge Graf, der, seinem Sehen und Suchen nach zu schließen, die Pittelkowsche Hausnummer samt ihrem a, b, c vergessen haben mußte, trotzdem aber darauf rechnete, sich in dem Wirrwarr zurechtzufinden. Und sei's nun aus Zufall oder mit Hilfe kleiner Zeichen, er traf es wirklich; und als er gleich danach auf dem ersten Treppenflur: »Witwe Pittelkow« las, stieg er, nunmehr sicher geworden, ohne weiteres bis ins dritte Stock hinauf und klingelte. Stine, die die Schwester erwartet haben mochte, kam rasch und öffnete.

»Gott, Herr Graf.«

»Ja, Fräulein Stine.«

»Sie wollen zu meiner Schwester; meine Schwester muß gleich zurückkommen. Ich habe Drücker und Schlüssel und kann Ihnen aufschließen.«

»Nein, ich will nicht zu Ihrer Schwester; ich will zu Ihnen, Fräulein Stine.«

»Das geht nicht, Herr Graf. Ich bin allein, und ein alleinstehendes Mädchen muß auf sich halten. Sonst gibt es ein Gerede. Die Leute sehen alles.«

Er lächelte. »Wenn es so ist, Fräulein Stine, dann ist rasches Eintreten immer noch das sicherste.«

»Nun gut, Herr Graf... Ich bitte...«

Und damit trat sie von der Korridortür zurück und ging ihm voran, auf ihr Zimmer zu.

Die Polzin hatte, solange das Gespräch dauerte, beobachtend an ihrem Türguckloch gestanden, im selben Augenblick aber, wo Stine voranschreitend, den Grafen in ihr Zimmer führte, wandte sie sich ebenfalls in ihre halbdunkle Stube zurück, in der auf einem kleinen Klapptisch bereits das Abendbrot für ihren Mann stand: ein Bückling und ein rundes Landbrot, von dem sie jedesmal zwei kaufte, »weil sich das frische zu sehr wegschneide«.

»Na«, sagte Polzin, »was meinst du, Mutter? Drei Mark mehr is nu woll nich zuviel?«

»Drei...? Wo denkst du hin? Wenigstens fünfe. Man bloß, daß es noch nich sicher is. Er war so zittrig und bibberte so.«

Und bei diesen Worten legte sie das Ohr wieder an die Wand, während Polzin, der mit seiner Klapperei die Horcherszene nicht stören wollte, von seiner Arbeit aufstand und sich an sein Abendbrot machte.

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