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Stillleben auf Sylt

Julius Rodenberg: Stillleben auf Sylt - Kapitel 4
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typereport
authorJulius Rodenberg
titleStillleben auf Sylt
publisherVerlag Schuster
printrunDritte vermehrte Auflage
year1979
firstpub1876
isbn3-7963-0163-0
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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II.

Am 13. August.

Die Insel Sylt ist das äußerste Stück deutschen Landes, wo noch deutsch geredet und deutsch gefühlt wird. Das wilde Meer, nirgends wilder als an diesen Küsten, hat dies Stück schon seit Jahrhunderten von der mütterlichen Erde des Festlandes abgerissen; wie ein verlorner Posten steht es in der einsamen Wasserwüste, dem zerstörenden Andrang des Meeres preisgegeben. Und wie von der Westseite das Meer heranbraust, so von der Nordseite ein anderes, dem deutschen Wesen nicht minder feindliches Element, das Dänenthum, das die Nordspitze der Insel schon bezwungen hat und weiter dringt. So sehen wir von der deutschen Küste, dem deutschen Meere aus, die Insel langsam untergehen. Es ist nicht, weil sie besonders groß oder schön oder werthvoll für uns wäre, daß wir sie wehmüthig betrachten; aber mit ihr geht ein Theil von uns selber, ein schönes Stück unserer eigenen Vergangenheit hinunter, und ihr Verlust erinnert uns an vieles Andere, was wir schon verloren.

Die Halbinsel, auf welcher jetzt bis an's rechte Elbufer das Regiment des Dänen reicht, war einst der Sitz des kräftigsten deutschen Volksstammes, des freiesten, des stolzesten; die Heimath der Nordfriesen, welche England erobert und dem englischen Volke die Grundlagen seiner Sprache, seines Rechts, seiner Macht gegeben haben. O, spät und als man ihn längst nicht mehr erwartete, hat England die Schuld seines Dankes hierfür gezahlt: mit der parlamentarischen Agitation gegen die schleswig-holstein'sche Erhebung, mit den Leitartikeln der »Times« und dem Londoner Vertrag von 1852. Und doch werden sie und wir es nie vergessen, daß die Wurzeln ihrer Macht sich in diesem Boden genährt haben, der deutsch war und deutsch bleiben wird, so lange es Gott gefällt; die blondfalben Haare der Friesen, ihre Sprache, ihre Verfassung und ihr Recht erinnern uns täglich an die Verwandtschaft.

In jenen grauen Tagen nun, wo Hengist und Horsa eben ihre Mannen gen West geführt hatten und die Fahne mit dem weißen Sachsenroß zuerst über den Kalkfelsen von Kent flatterte, wo Vortigern, der gutmüthig schwache Britenkönig, durch Verrath gestorben war und Arthur, der König der mittelalterlichen Romantik, das heilige Drachenbanner der Kymrus in die wilde Einsamkeit des Snowdon's geflüchtet hatte: da waren die friesischen Lande auch noch ganz anders, als sie heute sind. Da hingen die Inseln, die jetzt verloren im Meere schwimmen, mit dem Festland, jener Halbinsel, zusammen; ja es giebt eine Sage, daß Heligoland oder Heiligland, das Helgoland unserer Tage,Die Engländer nennen es noch heut »Heligoland die Südwestspitze des großen Friesenlandes gewesen. Zu der Zeit, wo die Völker Europas durch die germanische Wanderung zersetzt und neugestaltet wurden, soll auch die Landzunge, welche Frankreich mit England verband, durch den Wellensturz des Atlantischen Oceans durchbrochen worden sein; die Brücke, über welche die celtische Urbevölkerung aus Iberien und Gallien hinübergewandert, war nicht mehr. Der Damm, der die germanischen Küsten beschützt hatte, deckte sie nicht länger, und Nordfriesland sollte den Stoß zuerst empfinden. Mit dem Fluthstrom aus Nordwest vereinte sich der neue aus Südwest; und er brachte Stürme und Überschwemmungen und Verwüstungen, und er zerriß das Friesenland, und er hat Wangeroge verschwemmt und er droht Helgoland zu begraben.

So hat sich der britische Kanal an dem Lande gerächt, von welchem das Volk kam, das die britischen Inseln erobert und beherrscht hat, bis auf diesen Tag.

Das alte Land der Nordfriesen wurde von den Gewässern in Inseln zerschnitten, die unter dem Namen der friesischen Uthlande (Außenlande, Insellande) lange bekannt sind. Sie liegen aufwärts längs der Westküste von Schleswig, und die hauptsächlichsten derselben heißen: Nordstrand, Pelworm, Föhr, Amrum und Sylt. Ihren Westrand kehren sie dem stürmischen Nordmeer zu, das sie zerrissen hat und täglich mehr zerreißt; von der Ostseite sieht man das feste Land gegenüber, und nur das blaue, ruhige Wasser des Wattenmeeres trennt sie von demselben. Oft, zur Ebbezeit, die hier zwei Stunden später eintritt, als in der großen Nordsee, ist dieses Wasser so flach, daß man den Grund sieht und hindurchwaten kann. Dann soll man von Sylt nach Amrum mit einem Wagen fahren, und, wenn man die Straßen kennt, Föhr und die Widingsharde am Festland trocknen Fußes erreichen können; Strecken, über welche die Fluth das Dampfschiff trägt, verwandeln sich alsdann in schwarze fette Schlickmassen, aus welchen trefflicher Marschboden würde, wenn man sie einzudeichen wagen dürfte.

»Es ist diß Land«, sagt Dr. Kaspar Danckwerth, weiland Burgemeister von Husum (Mitte des 17. Jahrhunderts), der diese Stelle jedoch aus einem noch ältern Buche, aus der Chronik des Saxo Grammaticus, welcher um 1200 schrieb, entlehnt hat – »es ist diß Land reich an Korn und Vieh, sonsten aber nah an dem Meer und so niedrig belegen, daß es zuweilen damit übergossen wird. Damit aber solches nicht geschehe, seynd die Ufer rund herumb mit Teichen verwahret: wann aber des Meeres Gewalt dieselben durchbricht, so überschwemmt es das Land, reisset die Häuser danieder und verderbet das Korn. Gemeinlich machet oder reisset das Meer große Wehlen in die Aecker hinein und wirft die Erde aufs fremde Felder. – Sonsten trägt Frießland trefflich viel Graß und man siedet daselbsten auch Salz aus gedorrter Erde. Den Winter über liegt das Land stets mit Wasser bedecket und giebt das Ansehen, als ob es ein See wäre, daher es zweifelhaft, wozu man diß Land eigentlich rechnen soll, dieweil man es zu Sommerzeit pflüget, zu Winterzeit aber mit Böten darüber fähret.«

Hier bekommen wir, von einem Augenzeugen, die Schilderung des Scheidungsprozesses; dieser selbst vollendete sich erst zu Ende des 17. Jahrhunderts, und was dem Augenzeugen und seinen Söhnen und seinen Enkeln vierhundert Jahre lang als ein topographisches Amphibium, als ein Mittelding zwischen Wasser und Land erschienen, ist seit der Zeit eine Inselgruppe, bewohnt von einem muthigen, ehrenfesten Volksstamme, der die deutsche Sprache spricht, uns zwar unverständlich, wie die Sprache des Hildebrandsliedes, aber nicht weniger deutsch, und sich deutsche Freiheiten und Rechte in jahrhundertelangem Kampfe männlich erhalten hat, einem Kampfe, der im achten Jahrhundert begonnen und im neunzehnten noch nicht beendet ist.

Noch zeigt man bei Archsum und bei Tinnum auf Sylt zwei Erdwälle, welche vordem dänische Zwingburgen getragen; die Burgen sind längst zerstört und Schafe weiden auf der Höhe, wo sie damals gestanden. Freilich liegt, ungefähr in der Mitte zwischen den Wällen, die man noch heute Tinnumburg und Archsumburg nennt, die Landvogtei, in welcher der dänische Statthalter wohnt; aber sie haben den dänischen Statthalter gezwungen, deutsch mit ihnen zu reden und nach deutscher Weise mit ihnen zu Gericht zu sitzen. Denn ob es auch Mächte und Geschicke im Völkerleben giebt, die ruhig ihren Weg wandeln und zuletzt an das Ziel kommen, trotz allen Widerstandes: so haben diese Leute den Widerstand doch gewagt und, treu ihrem heldenmüthigen Wahlspruch: »Lieber todt als Sklav«, haben sie ihr Land gegen das Meer und ihr Recht gegen den Feind behauptet, – und wenn nun zuletzt, nach Jahrhunderten vielleicht, das Meer und der Feind siegen sollten, so wird man doch sagen: der Kampf ist schön und erhaben gewesen, und mit Wehmuth wird der Blick des spätesten deutschen Geschichtsforschers auf der Stelle haften, wo er auf den nordfriesischen Inseln geführt worden.

Die Insel Sylt ist ihrer Lage nach die äußerste der Gruppe. Sie ist zugleich ihrem Umfange nach die größte. Sie hat in Süd und Nord 4 ¾ Meilen Länge, in Ost und West ¼ bis 1 ½ Meilen Breite und zählt 2700 Einwohner. Fruchtbaren Landes giebt es nur wenig, das Meiste ist unabsehbare Haide und aufgethürmter Dünensand, wo nur Schafe ein kümmerliches Futter finden. Die Mehrzahl der Bedürfnisse muß vom festen Lande bezogen werden. Die Inselbewohner sind muthige, treuherzige, gastfreie Menschen; sie zeichnen sich nicht durch Schönheit aus, aber die Männer sind kräftig und die Frauen haben einen edlen Wuchs und seelenvolle Augen.

Wenn man das Land durchwandert und um die Abendzeit von Dorf zu Dorf geht, dem Meere fern, wo man sein Rauschen nicht hört und nur noch die himmlisch reine Luft athmet, die es entsendet, so könnte man sich einbilden, man sei in einer einsamen, von vielen wilden Blüthen duftenden Haidegegend, und reizend ist es, das Verhältnis zu betrachten, in welchem diese Leute zum Meere stehn, das ihre Existenz täglich bedroht, und zum Lande, dessen friedliche Fläche sich vor ihren Hütten ausdehnt.

Sie sehen auf's Meer mit wehmüthigen und sehnsüchtigen Blicken; es hat Jedem, der auf der Insel wohnt, schon etwas Liebes, und nicht Wenigen Alles geraubt. Aber ihre Männer hören nicht auf, es zu befahren; berühmt ist der Muth und das Geschick der Sylter Schiffscapitaine auf allen Meeren des Globus, und wenig Knaben giebt es hier, die nicht zur See gingen, sobald sie die Schule verlassen. Viele kehren nie zurück, keiner aber eher, als bis er auf vielen Fahrten so viel erworben, um nun daheim, nachdem die eine Hälfte des Lebens fortgestürmt ist, die andere gemächlich »in Ruh verdehnen« zu können.

Die Sylter Frauen dagegen hängen am Haus und sie verlassen es niemals. Sie fürchten das Meer, das ihre Väter und Brüder, ihre Männer oder Bräutigame befahren; ihr Reiseziel ist das nächste Städtchen des Festlandes. Hamburg zu sehen, ist ein nicht Allen gewährter Lebenswunsch, und nur von Zweien oder Dreien wird erzählt, daß sie in England gewesen. Daher es denn geschieht, daß man auf dieser Insel so wenig junge Männer und so viel Wittwen, so viel alte Mädchen sieht, die nie heirathen. »Sie hätten wol Alle heirathen können«, sagte meine Wirthin, die Jungfrau Brigitte, »aber der Bräutigam ist verunglückt, und Landsleute oder Jüten, wie die Anderen, haben sie nicht gewollt.« Die Sylter Frauen stehen an ihrem Herde wie die Priesterinnen der germanischen Vorzeit: sie besorgen das Hauswesen. Im Feld und auf der Wiese sieht man fast nur Frauen, und sie sind es, die das Vieh auf die Weide ziehen und wieder zurückholen.

Die niedrige Feldarbeit wird von eingewanderten Dänen aus Jütland verrichtet. Diese – meist der untersten Bevölkerungsclasse angehörig, an ihren nichtssagenden Gesichtern, stumpfen Blicken und unbeholfenem Betragen leicht von den freien, stolzen Friesen zu unterscheiden, unter welchen sie sich bewegen, – stehen zu letzteren in einem untergeordneten Verhältniß, und werden vorzugsweise als »Knechte« behandelt und bezeichnet. Darum auch »Jüte« genannt zu werden, der größte Schimpfname auf Sylt ist, und diejenigen, welche es wirklich sind, leiden es doch nicht gern, daß man ihnen diesen Namen gebe, mit dem sich stets der Nebenbegriff des Schimpflichen verbindet. Allein das hat doch nicht verhindern können, daß dies jütische Element, verachtet wie es ist, von Jahr zu Jahr mehr vordringt, je mehr das Bedürfniß nach Arbeitskräften fühlbar wird. Und nicht alle Frauen denken so gut alt-sylterisch, wie meine Jungfrau Brigitte. Denn namentlich zeigen sich in neuester Zeit die Seemannswittwen nicht abgeneigt, sich mit jütischen Männern zum zweitenmale zu verbinden, die dann aber den Namen der Ersteren annehmen, da hier zu Lande die verheiratheten Fremden nach ihren Frauen genannt werden. So habe ich auf Sylt manch einen Mann gesehen, der eine deutsche Frau und einen deutschen Namen dazu hat, und nicht deutsch sprechen kann!

Recht aufkommen können aber weder diese Fremden noch diejenigen, welche als »Landsleute« im Gegensatz zu den Andren, den Seefahrern, entweder nicht stark oder nicht muthig genug waren, dem allgemeinen Zuge aufs Wasser zu folgen. Eine lange Vergangenheit voll seefahrender Väter und Vorväter verleiht hier der Familie den patricischen Charakter, deren jede hier ihre Genealogie und ihren Stammbaum hat, wie bei uns auf dem Festlande der Adel; und das Mädchen, das im aufgeschürzten Rock die Kühe über die Haide führt, kann die Geschichte seiner Ahnen erzählen und ist stolz darauf. Wunderbare Geschichten sind es zuweilen, denen ähnlich, die man von der Geburt der römischen Zwillinge, oder der Helden und Halbgötter der nordischen Mythe erzählt.

Mein Freund, der Schiffscapitain Dirk Meinerts Hahn, der die Stammtafeln seiner Familie mit ganz besonderer Genauigkeit geführt hat, beginnt seine Erzählung mit einem schönen Mädchen aus Holland, das von dem Sohne eines reichen und hochmüthigen Kaufherrn in Amsterdam geliebt worden sei. Dieser, der für seinen Sohn eine andere Verbindung wünschte, wußte es zu veranstalten, daß Jens Grete – so hieß das Mädchen – nebst der Frucht ihrer Liebe auf eines seiner Handelsschiffe, das nach Riga gehen sollte, gebracht wurde. Das Schiff scheiterte in einer düstern Novembernacht auf den Hörnumer Bänken, unter ging die Mannschaft, unter ging Jens Grete, die Geliebte des Amsterdamer Kaufmannssohnes, aber eine Wiege schwamm an Land und in der Wiege lag ein Knäblein, und das Knäblein wuchs heran und ging auf See und erwarb sich Ruhm und Reichthümer auf seiner Fahrt und ward der Stammvater der Familie Hahn, in welcher die älteste Tochter immer noch Grete heißt. Und welch eine hübsche Grete, mit welch dunklen Augen und freundseligen Mienen ist es, die in unsern Tagen das Andenken an die unglückliche Stammmutter forterhält! Und so wie in das häusliche Leben dieses Volkes, so voll von dem Stolz und der Einfachheit der Patriarchen, ein fremdes Element sich störend eindrängt: so stürmt vernichtender noch gegen ihr Land selbst das andere Element, das Meer, heran. Die Dörfer der Ostküste sind freilich geschützt: das stille, an seiner blauen Bucht fast träumerisch gelegene Keitum, – die Dörfer Tinnum, Archsum und das von fetten Marschländereien umgebene Morsum haben Nichts zu befürchten. Aber traurig ist es, die Bewohner der Westdörfer Westerland und Rantum sprechen zu hören. Sie haben zwischen sich und dem Meere die Dünen, aber die Dünen wandern landein, wenn der Südwest im Winter und nahenden Frühling rast, und die Häuser, in denen ihre Eltern gewohnt, und die Stellen, auf welchen sie als Kinder gespielt, werden verschüttet, und über manchen Platz, den die alten Leute noch herausfinden und mit den Fingern zeigen, ebbt und fluthet jetzt die große Nordsee. Boy Jensen, der Schmidt von Westerland, der nun achtzig Jahre alt ist, hat mir Stellen gezeigt, wo er als Knabe die Pferde seines Vaters geritten und die Kühe geweidet hat. Sie liegen jetzt tief, tief unter den Dünen, und die Herren haben ihr Bad daselbst, seit den drei Jahren, daß man angefangen hat in Westerland Seebäder zu nehmen. Es ist traurig genug, wenn man seine Heimath verlassen und in fremde Länder und zu fremden Leuten wandern muß; aber man verliert sie doch nicht, indem man sie verläßt, sie bleibt stehn, wo wir als Kinder sie gesehn, und unsre Träume und Wünsche dürfen sie oft noch besuchen. Diesen Männern aber geht die Heimath unter den Füßen fort. Sie versuchen sie zu halten, sie umklammern sie mit der ganzen Verzweiflung der Liebe; aber sie geht fort.

Umsonst, daß die Bewohner der Westküste von Sylt dem Ansturz des Meerstroms, dem Wandern der Dünen Einhalt zu thun versuchen. Sie bepflanzen die Dünen, eine nach der andern, die lange Küste hinauf, mit Riedgras und Sandroggen, – dürre, steife Gewächse, deren hartnäckige Wurzelfasern den fliehenden Staub zusammenhalten sollen. Sie liegen, vor Allem wieder die Frauen und Mädchen, denen ja – bei der Abwesenheit der Männer – die Hütung des Landes vertraut scheint, in den kalten stürmischen Herbstmonaten auf diesen Dünen und pflanzen und bauen; und welch hartes Werk es ist, das sehen wir, wenn wir es versuchen, über die Dünenkette hinzusteigen und von dem weichenden Sand und dem Winde, der ihn um uns herumjagt, ermüdet sind, ehe wir die Hälfte zurückgelegt haben. Dekker, der Strandvogt, hat mir von einem Mädchen erzählt, das sich hier in den Dünen den Tod geholt; seine eigene Schwester ist an den Folgen der Erkältung und Ueberarbeitung gestorben. Dieses ist auch ein Tod fürs Vaterland. Seht! wie sie knieend auf den Dünen liegen, im November-Sturm, im eisigen Regen, die Mädchen von Westerland, wie sie das Meer beschwören und anflehn, wie sie ihm ihr jungfräuliches Leben zum Opfer bieten ...

Aber das Meer schlägt donnernd gegen die Küste und ihr Flehen verhallt im Südwest und die Dünen wandern. Und traurig durch die langen, weißen Sandthäler von Hörnum – dem unbewohnbaren Westende der Insel – schwebt das »Stademwüffke«, die weiße Frau von Sylt und weint und klagt über den Untergang, und daß sie Nichts gegen die Thorheit und Verderbtheit der Menschen und Nichts gegen die Bosheit der heidnischen Sturm- und Meeresgeister vermochte, die seit Jahrhunderten Hörnum verwüsten und ganz Sylt dereinst vernichten werden. Und über die Haiden der Nordspitze, von den gespenstischen Bramhügeln bis hinauf zu dem still gewordenen, verödeten Königshafen wandert bei stürmischer Nacht der »Jückersmarschmann« und die Fackel, die er in den Händen trägt, wird weithin gesehn und sein Seufzen weht mit dem Winde von Dorf zu Dorf.

Doch wie das Land, auf dem sie wohnen, auch wankt und weicht: fest steht ihr deutsches Recht, ihre deutsche Tugend. Germanischer kann in der Welt Nichts sein, als das häusliche und öffentliche Leben dieses Inselvolkes. Nüchtern und enthaltsam sind die Männer; das Einzige was viel und gern getrunken wird, ist der Kaffee. Das Gefängniß steht seit Menschengedenken leer, und wenn ja einmal Jemand hineingebracht wird, so ist es ein Ausländer; zuletzt war es ein Blankeneser Fischer, der im Hafen von Keitum ankerte und seinen Schiffsjungen mißhandelt hatte. Nachtwächter giebt es nicht und die Hausthüren verschließt man nur gegen den Sturm, nicht gegen die Diebe, und hängt den Schlüssel auf die Außenklinke; Clasen, der Polizeidiener, ist ein alter, lahmer Mann, der kaum noch gehen kann. Sittsam und streng sind die Frauen. Ihre Unschuld ist so groß, daß der Fremde sie küssen kann, ohne daß sie oder ihre Männer etwas Böses darin finden. Aber nie hat man von den Uebeln gehört, die bei uns im Sonnenschein über die Straße gehn. Kinder, die ihren Vater nicht kennen, giebt es nicht auf Sylt. Der junge Ehemann, indem er seine angetraute Frau zum erstenmale über die Schwelle seines Hauses führte, steckte in alten Zeiten zugleich ein Schwert über die Thür; zum Zeichen, daß sie mit einem Schritte unter sein Dach und unter seinen Blutbann getreten sei, und noch zeigt man den Weg, auf welchem ehebrecherische Frauen an's Meer geführt wurden, das ihre Schuld begraben sollte. Aber nicht dreimal, so weit Sage und Geschichte reichen, ist dieser Pfad zum Meere gewandelt worden.

Das Verhältniß der beiden Geschlechter ist das zarteste, welches sich denken läßt. Im Herbste, wenn die jungen Männer von weiten Reisen zurückkehren und während der Monate, wo die See unfahrbar wird, in der Heimath verweilen, ist die Zeit der Liebe und Liebeserklärungen. Aehnlich dem »Fensterl'n« in den Alpenländern hat sich hier, am Meeresstrand, das sg. »Thüren« erhalten. Das junge, heirathsfähige Mädchen hält Hof an der Hausthür, die »Halfjunkengänger«, so genannt, weil sie im Halbdunkel zu erscheinen pflegen, versammeln sich in der Stube bei den Eltern desselben, und warten, bis ihnen Audienz gegeben wird. Das Mädchen erwählt sich Einen von den erschienenen Freiersleuten und die Andern kommen nicht wieder. Dann verloben sie sich und bleiben sich jahrelang treu, und selten nimmt das Mädchen einen Andern, wenn ihr Liebster von der See nicht wiederkehrt. Kommt es jedoch mit Gottes Hülfe zur Heirath, so findet diese regelmäßig am Donnerstage vor dem ersten Advent statt. Wenn dann die Ströme wieder aufgehen, dann pflegt auch der junge Ehemann wieder zu gehn, und oft, um nicht mehr heimzukehren. Manch eine Wittwe hab' ich auf Sylt gesehn, die nur wenige Monate Frau gewesen. »Die Hochzeiten waren in vorigen Zeiten weit munterer und geräuschvoller als in den späteren Jahren«, heißt es in einem kleinen Büchlein vom Jahre 1828, das ich auf dem Tassenbrett in Jungfer Brigittens Küche gefunden habe. »Man lud sehr viele Gäste dazu ein, und man war bei mäßiger Bewirthung recht fröhlich. Wenn der Bräutigam die Braut aus ihrer Eltern Hause abholte, so begleiteten ihn bisweilen fünfzig, sechszig bis siebzig und mehrere Leute zu Pferde und man zechte lustig darauf los, Branntewein und gutes Bier ... Sonst hat man hier keine öffentlichen Lustbarkeiten, als blos am Petri-Tage, nämlich den 22. Februar, da sehr viele junge Leute sich, insonderheit in Keitum, versammeln und tanzen. An diesem Tage werden auch, einer alten Gewohnheit zufolge, sehr viele Kuchen gegessen und ausgetheilt, so daß dieser Tag für die Bäcker und für die Kinder der angenehmste Tag ist.«

Selbst bei einem Völkchen von so insularer Abgeschiedenheit und conservativer Gesinnung verliert sich Manches, was Herkommen und Sitte geheiligt haben. So ist die malerische alt-sylter Tracht fast ganz verschwunden. Noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts trugen die Frauen einen kurzen karmoisinrothen Rock, der nicht viel weiter, als über die Knie reichte, weiße Strümpfe, einen feingestrickten Brustlatz und einen Kopf-Aufsatz, dem nicht unähnlich, den wir bei den Damen aus der Zeit und am Hofe der Königin Elisabeth in England sehen. Von den langen Röcken mit großen silbernen Knöpfen und den buntgestickten Westen der Männer wird noch in mehreren Häusern auf Sylt Manches zum Andenken aufbewahrt. Die heutige Tracht der Sylterinnen unterscheidet sich wenig von der, die wir überall sehn. Nur ein weißes Tuch, das sie bei der Alltagsarbeit fest um den Kopf zu schlingen und über den Mund zu ziehen pflegen, wenn sie in den Sturm hinausgehen, giebt ihrem Ansehn etwas Geheimnißvolles, und jenen prophetischen Zug, von dem Tacitus gesprochen.

Das Eigenthümlichste und Ehrwürdigste, weil es sich von Alters her fast unverändert erhalten hat, ist das Gerichtswesen und die bürgerliche Verfassung von Sylt. Der einzige Königliche Beamte auf Sylt ist der Landvogt, aber seine Macht ist eine nach altem Recht höchst beschränkte. Er kann in eigner Person nur über Sachen entscheiden, die den Werth von 10 Thlr. nicht überschreiten; in allen übrigen Fällen bleibt die Entscheidung den zwölf Rathmännern von Sylt überlassen. Die zwölf Rathmänner sind der Rest der Volksgemeinde, die einst auf den Thinghügeln tagte. Die Thinghügel stehen noch, der Landvogtei grade gegenüber, und die wellenförmigen Conturen ihrer Kuppen werden weithin über die flachen Inseln gesehen. Wir wissen aus dem altdeutschen Gerichtsverfahren von zwei ungebotenen, d. h. regelmäßig und ohne besonderes Aufgebot stattfindenden Things, von denen das eine im Frühling und das andere im Herbst abgehalten wurde. Von diesen beiden ist auf Sylt nur das Herbstthing geblieben, und es wird im Anfange des Oktober-Monats nach vierzehn Tage vorher ergangener Bekanntmachung gehalten; nicht mehr auf den Thinghügeln wie in alter Zeit, sondern gegenüber in der Landvogtei, deren nach Vorn geöffnetes Häuserviereck mir immer einen düstern Eindruck gemacht hat, so oft ich vorbeiging. In diesem großen öffentlichen Herbstgericht hat der Landvogt jedoch keine Stimme; er fungirt nur als Protokollführer. An die Stelle der gebotenen, d. h. bei besonders dringlichen Angelegenheiten außerordentlich angesagten Things ist heutzutage ein Gericht getreten, das aus dem Landvogt und zweien Rathmännern besteht. Gerichtet wird nach Nordstrander Landrecht, »damit der Durchlauchtige und Hochgeborene Fürst und Herr Johannes der Aeltere von Gottes Gnaden, Erbe zu Norwegen, Herzog zu Schleswig-Holstein etc., seine Unterthanen, die fünf Hardesräthe, Bunde und Einwohner desselben seines Landes begnadet und begabet hat. Anno 1572.« Ich habe mir's vom Rathmanne Dekker auf Westerland geben lassen, als er mir eines Abends vor einem Fuder Heu, das sein Knecht einfuhr, begegnete und wir lange über Sylter Recht und Gericht im Nachhausegehen gesprochen hatten. Das altdeutsche System der Brüche und Mannsbuße findet sich noch darin, und manche sonderbare Bestimmung gegen Viehzauber und Hexerei, woran die Sylter bis auf den heutigen Tag glauben.

Die Communal- und Landschaftsangelegenheiten werden durch neun Landesgevollmächtigte verhandelt und verwaltet. Sie versammeln sich jährlich etwa zweimal in Keitum, in dem Hause zwischen der Post und Groot's Wirthshaus, in welchem eine alte Jungfer und ein alter Junggeselle wohnen, und in dem langen Zimmer, worin zur Winterzeit die Keitumer ihren Sonntagstanz halten. Das Institut der Landesgevollmächtigten ist jedoch bei allem Nutzen, den die innere Oekonomie der Insel davon hat, nicht sehr populär auf Sylt; und zwar nur deshalb nicht, weil es von der dänischen Regierung angeordnet und eingeführt worden ist. So groß ist die Abneigung gegen Dänemark; so groß, so rührend die Anhänglichkeit an das ferne Deutschland, von dessen Segnungen die Insel doch niemals Etwas empfunden.

Als im Jahre 1848 der Ruf des deutschen Volkes nach einem deutschen Parlamente auch hierher gedrungen und nun endlich eine allgemeine und große Wahl ausgeschrieben worden war: da versammelten sich die Männer von Sylt – sonst so indolent, wo sich's um politische Dinge handelte – und nicht viel weniger als vierhundert Stimmen bezeugten es, daß selbst am letzten Küstenrande, wo deutsches Volk wohnt, der Gedanke eines einigen Deutschlands begeisterten Anklang gefunden. Und ein oder zwei Jahr später, als der Krieg um Schleswig-Holstein entbrannt war, da hat auch die Insel Sylt ihr Contingent gestellt und ihre Opfer gebracht. Manch ein Vater erzählt von einem Sohne, der drüben auf dem Felde von Idstedt begraben liegt, oder nach dem Kriege die Heimath für immer verlassen und nach Amerika auswandern mußte. Was sollen wir Deutschen erwidern, wenn wir uns solche Geschichten erzählen lassen, auf einer Insel und von einem Volke, das für uns geweint und geblutet hat und das wir kaum dem Namen nach kennen?

Auch hat man mir einen Mann gezeigt, der besonders heftig und im patriotischen Sinne zur Zeit des Krieges auf Sylt agitirt hat; dieser Mann mußte sich ein halbes Jahr lang in der wilden Sandwüste von Hörnum verborgen halten, dann wurde er mit den Andern amnestirt. Aber stumm, ernst und schmerzlich in sich gekehrt, geht er noch heute herum.

Die Sprache des Gerichts, der Schule und der Kirche ist deutsch verblieben, das haben diese wackeren Männer durchgesetzt und die Schullehrer und Pastöre von Sylt sind die bravsten Deutschen, die ich je gesehen. Die Pfarreien von Morsum und Keitum sind ansehnlich dotirt; der Pfarrer von Westerland und Rantum jedoch soll sich, wenn man Alles rechnet, was ihm an Gehalt, Ländereiertrag und Sporteln zufällt, nicht auf dreihundert Thaler stehen. Die Männer, welche das Wort Gottes auf den Inseln predigen, müssen sich an Einsamkeit und Entbehrung gewöhnen. Die Prediger auf den kleinen Inseln und Halligen sind zugleich Küster und Todtengräber und erst wenn sie in dieser Weise dem Herrn und ihrer Gemeinde sechs Jahre gedient haben, erhalten sie das Recht, auf einer der größeren Inseln angestellt zu werden.

Lieder habe ich auf Sylt nicht gehört, »Frisia non cantat« ist ein altes Wort; »die Friesen singen nicht.« Der Kampf mit dem Meere hat sie ernst gemacht, und ihr Leben ist ein Leben voller Gefahren und Sorgen und Arbeit. Auch von Volkspoesie habe ich nur wenig vereinzelte Spuren entdecken können. Firmenich's »Völkerstimmen« bringen gleich auf den ersten Blättern ein Paar Gedichte in der Sylter-Friesischen Mundart. Doch sind diese Gedichte noch nicht sehr alt; ihr Verfasser ist der Vater des Schullehrers C. P. Hansen in Keitum, von welchem wir jüngst ein hübsches Buch über »die Insel Sylt wie sie war und wie sie ist« (Leipzig, Weber) gelesen haben. Die wenigen Dichtungen, die sich aus älterer Zeit erhalten haben, sind von geistlicher Natur, oder sie beziehen sich auf den – Hexenglauben, der, wie in dem Sylter Recht, so hier in der Sylter Poesie seine Spuren zurückgelassen hat. Ich habe oft mit dem Schullehrer Hansen, der die Vergangenheit und die Gegenwart seiner Insel kennt, wie kein Zweiter, über diesen Gegenstand gesprochen; aber Alles, was ich von ihm erfahren habe, sind ein paar Hexensprüche und ein Hexenlied, die ich in hochdeutscher Übersetzung sogleich mittheilen werde. Es ist zwar die Absicht dieses wackeren Forschers, etwa versprengte Reste der alt-sylter Volksdichtung zu sammeln, wie er früher die »Sagen und Erzählungen« seiner Heimathinsel, und verstreut darin einige jener Reste, gesammelt hat (Mona, Wendeborn); über den Erfolg jedoch muß erst die Zukunft uns belehren.Inzwischen ist uns ein neues Werk von Hansen zugegangen: »Der Sylter-Friese, Geschichtliche Notizen, chronologisch geordnet und benutzt zu Schilderungen der Sitten, Rechte, Kämpfe und Leiden, Niederlagen und Erhebungen des Sylter Volks in dem 17. und 18. Jahrhundert.« (Kiel, Homann).

Die Hexensprüche – welche in auffallender Weise an den Goethe'schen Spruch erinnern: »Eines schickt sich nicht für Alle«, nur in die Hexensprache übertragen, – lauten:

Leg Knoten hin für Jedermann,
Stoß hie und da und nirgend an,
Sei hier und da und überall,
Bring Jeden, nur nicht Dich, zu Fall!

Etwas voller in Form und Inhalt klingt folgendes Liedchen, das man schon als eine Sylter Volks-Ballade bezeichnen dürfte, mit dem schauerlichen Ton und Hintergrund der nordischen Mythe:

Glühauge saß auf dem Steinchenbrink,
Und stiert in den Tag, der zu dämmern anfing;
Sie hat sich verspätet beim Tanze der Nacht,
Drum ist sie verfallen der strafenden Macht.
Sie stiert in das dämmernde Morgenroth,
Sie stiert in's Verderben, sie stiert in den Tod.
Da sieht sie zwei Schwestern – sie fliegen vorbei,
Sie haben verpaßt auch den Hahnenschrei.
Sie steht sie, sie kennt sie, sie ruft ihnen zu:
Lauf, lauf, lahme Ente! Lauf, manntolle Kuh!
Und die Ente, die läuft, und die Kuh, die jagt,
Und – »Hu! was war das?« Glühauge fragt.
Das Morgenroth riß und es brannte die Sonn' –
Glühauge flog zu dem Henker davon!

Noch vielerlei wäre über diesen Punkt und manchen andern zu forschen und zu untersuchen; aber der Boden ist für die Wissenschaft und ihre fleißige Schwester, die Reisebeschreibung, zu neu, um Alles mit einem Zuge erschöpfen zu können. Wir müssen uns zuletzt bescheiden, und vor manchem Räthsel stehen bleiben. Die Insel liegt ernst und nachdenklich vor uns, und das Volk, das sie bewohnt, spricht nicht viel, und oft genug habe ich an den Spruch denken müssen, den ich an einem dieser Tage über einer Seitenthür der Kirche von Keitum gelesen habe:

Viel wissen und wenig sagen,
Nicht antworten auf alle Fragen!

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