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Stillleben auf Sylt

Julius Rodenberg: Stillleben auf Sylt - Kapitel 3
Quellenangabe
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typereport
authorJulius Rodenberg
titleStillleben auf Sylt
publisherVerlag Schuster
printrunDritte vermehrte Auflage
year1979
firstpub1876
isbn3-7963-0163-0
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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1859.

 

Die Einwohner der Inseln sind stille geworden. Jesaias 23, 2.

I.

Westerland, am 10. August

Hier sind wir am fernsten Nordseestrande. Ein kleines, friedlich stilles Haus unter den Dünen beherbergt uns. Die Wände sind weiß, die Decke ist niedrig; von den Fenstern läßt nur eines halb sich öffnen, die andren sind fest zugenagelt, denn scharf streicht der Wind über Sylt. Unser Blick geht südwärts auf die weite, breite Haide. Einzelne Häuser sind hier verstreut, andere liegen dort beisammen. Wie einsam ist es auf Sylt! Am Abend, als ich ankam, und ein Rauschen, halb des Meeres, halb des Windes, auf dem sanften Rasenboden aber keines Menschen Tritt gehört ward, während mich das Geheimniß der Dunkelheit und des Ungekannten umgab: da hatte ich die Empfindung, als könne man hier ein neues Leben voll schweigender Glückseligkeit beginnen.

Hinter uns liegen die Dünen, bleiche, traurige Hügel mit wehendem Schilf und Riedgras. Unter den Hügeln ist das Meer – weit, breit und gelbgrün gleich der Haide. Aber wie wettert es auf der Meereshaide! Immer Wellen, immer Wind. Die Brandung rollt gegen die Dünenhügel, zeichnet ihre phantastischen Linien in den feinen weißen Sand, und läßt Muscheln, bunte Steine und milchweiße Kiesel zurück, wenn sie geht; Spielwerk aus dem Meeresgrund für die Kinder. Wir sehen es, wir heben es auf, wir schleudern es wieder in die Fluth zurück. Wir werden selber Kinder am Meeresstrand.

Menschen gehen wenig am Strand. Die tiefe Einsamkeit desselben wird selten, selten nur gestört. Der Wanderer kann schweifen, kann sinnen und träumen. Oft stößt sein Fuß auf schwarze dicke torfartige Massen, halb im Sande vergraben, oben von der Fluth frei gewaschen. Das sind die Waldreste von Sylt. Wo wir jetzt im breiten Sonnenschein zur Seite des Meeres auf Sand wandeln, da haben einst hohe, schöne Bäume gestanden; weit hinaus, dort, wo im offenen Meere die Schaumwelle spritzt, hat eine große Stadt gelegen, in welcher reiche Kaufleute gewohnt. Aber das Meer hat dieses Land zerrissen, es hat sich neue Straßen gesucht, und neue Küsten gegründet. Die große Stadt mit den reichen Kaufleuten ist hinunter, der schöne Wald von Sylt ist hinunter; wir leben auf einer kahlen baum- und strauchlosen Haideinsel in neun oder zehn kleinen Dörfern, und vor uns und hinter uns und rechts und links ist das Meer. Fahren wir nach Norden, so erreichen wir Island. Fahren wir gen Westen, so landen wir bei England. Südlich liegt Hamburg und Helgoland und Deutschland und Belgien.

Das östliche Meer ist still und schmal. Wir sehen gegenüber die Küsten von Jütland und Nordschleswig. Zur Zeit der Ebbe liegt es halb trocken; die Watts, flache Sandbänke, treten hervor und flimmern wie Silberstaub in der Sonne, während das blaue Wasser des Wattenmeeres sie wie ein blaues Band vielgestaltig umschlingt. Kleine Fischerböte segeln hin und wieder; ab und an steigt eine Rauchsäule auf, wenn das Dampfschiff von Husum oder Hoyer kommt. Weidenbüsche mit Besenreisern an der Spitze bezeichnen seinen Kurs; sie sind zu beiden Seiten in die Watts gesteckt und zwischen durch in den Kanälen des Wassers steuert das flachgehende Schiff. Man verliert das Land nie aus den Augen; wenn das Festland zur Rechten verschwindet, so tauchen zur Linken aus dem Wasser die Halligen auf, breitgestreckte Sandflächen, deren hügelförmige Erhöhung auf der Mitte drei, vier Hütten, ein paar Scheuern und Ställe trägt. Die Hügelabhänge geben reiche Weide und die Halligbauern haben das schönste Vieh. Im Winter, wenn der Wind kommt und das Wasser thürmt, sitzen sie oft monatelang einsam auf ihren Halligen, sie sehen das Festland, sie können aber nicht hinüber. Mit Böten ist dann gleichfalls nicht anzukommen. Einmal oder zweimal, wenn das Wasser ganz tief gefallen ist, wagen sich junge rüstige Leute, welche mit den gefährlichen Straßen vertraut sind, über die Watts an's Land; während der einen Ebbe hinüber, während der andern zurück. Dieses sind die sogenannten Schlickläufer, deren Schicksale der abenteuerliche Zug sind in der Monotonie der Wattbänke und der Halligen.

Einmal war ein alter Halligbauer, der sich den Fuß gebrochen hatte, an's Land nach Husum gebracht worden, damit ihn der dortige Chirurgus kurire. Es war um die Winterzeit, wo das Meer überzutreten pflegt. Der Kranke hoffte auf Heimkehr, bevor das hohe Wasser sie ihm abschnitte; aber sein Uebel zeigte sich hartnäckiger, und eines Tages kam das Wasser und stieg über den breiten Sand jenseits der Deiche und überschwemmte die Watts, so weit man sehen konnte. Da saß nun der arme Bauer tagelang, den Blick der traurig wogenden Fläche zugekehrt; und des Nachts, seiner körperlichen Schmerzen vergessend, hörte er ihr Rauschen. Sein Heimweh wuchs; und oft, bei klaren Sonnenuntergängen, sah er auf dem kalten Winterabendroth fern zwischen Himmel und Wasser die bläulich-scharfen Umrisse von Giebel, Dach und Mauerwerk. Es war sein Haus auf der Hallig, bis zu deren oberstem Hügelrande das Meer gestiegen. So saß er Tag für Tag, und sein Herz that ihm über die Maßen weh. Da, eines Nachmittags spät, erblickte er auf der Straße von Husum einen Mann, welchen er kannte. Er war von seiner eigenen Hallig, hatte die Zeit des Neumondes wahrgenommen, um über den Schlick nach dem Festland zu laufen und gedachte des Abends, bei Ebbe, den Heimweg zu suchen. Der kranke Bauer rief seinen Freund, den Schlickläufer, herein und sagte ihm, daß er es hier nicht mehr aushalten könne und daß er mit ihm heimkehren wolle. Umsonst daß dieser ihm abredete und mehr als einmal sprach: »Bedenk' was das Ende ist, wenn Dein Fuß Dich nicht mehr tragen will.« Der Bauer beharrte bei seinem Vorsatz. Der Schlickläufer sagte, gleich nach Sonnenuntergang müßten sie sich auf den Weg machen, und heimlich, zu der verabredeten Zeit, stahl sich der Kranke an das Ufer. »Nun folg' mir,« sagte der Schlickläufer, »und bleib um Gotteswillen nicht zurück. Wenn die Fluth eintrifft, sind wir verloren, und ich kann Dich nicht retten. So komm!«

Sie gingen und der Neumond schien matt über ihren Pfad, der sich schmal und gefährlich durch's Wasser zog. Eine Stunde lang hörte der Schlickläufer den Schritt des Kranken hinter sich, gleichmäßig wie beim Aussetzen; dann, allmälig, blieb er ein wenig zurück. Er wandte sich um und rief: »Eil Dich, um Gotteswillen! Sonst erreichen wir die Hallig nicht!« – Mehrere Mal noch wandte er sich um. »Holla, ho!« rief er, und »ho!« kam es zurück, erst näher, dann weiter, immer weiter und schwächer, als käm' es schon aus dem Wasser.

Zuletzt war es ganz still, nur sein eigenes »Holla, ho!« klang in die Nacht hinaus und mischte sich mit dem fernen Brausen der Fluth, welche von Westen hereinkam. Das Wasser spülte schon flach über seinen Weg und mit lautem verzweifeltem »Holla, ho!« lief er weiter; aber keine Antwort und dicht hinter seinen Fersen das steigende Gewässer. Schweißtriefend erreichte er die Hallig zuletzt, und als er sich umsah, da stand Alles wieder unter Wasser, von dem Hügelrand bis zu den Deichen, die er beim schwindenden Licht der Mondsichel leise verdämmern sah. Trüb und voll rauschte die Fluth herein; von dem kranken Bauern aber hat man nie und nie mehr Etwas gehört. –

So ist das Wattenmeer. Anders die Nordsee, die vom Westen an gegen unsere Dünen rollt. Ihre Brandung ist hoch und gefährlich, ihre Küste für Schiffe unnahbar, zum Landen zu jäh und steil. Darum ist das Meer hier leblos – kein Segel, kein Mast in noch so weiter Ferne; kein Punkt, auf dem das Auge haften, mit dem das Herz und seine Sehnsucht langsam weiter schwanken möchte. Nur Möven über der breiten, unermeßlichen Wogenmasse und Wolken, das ist Alles. So weit ist der Blick, so hoch der Himmel, so phantastisch, so groß, so golden geballt die Wolken; aber die Seele des Menschen fürchtet sich, mit ihnen zu reisen. Wohin auf dieser kalten, ungastlichen Meeresfläche? Schaurig rollt und rauscht sie; es ist nicht das Lied des Lebens und des kräftigen Wagemuthes, das sie an den Küsten von England singt. Auch in Ostende hatte sie noch andere Töne. Es war Liebe dazwischen, Sehnsucht und Heimweh. Hier singt sie ihren düstern Gesang von Einsamkeit, von Entsagung, von Trauer um Vergangenes.

Oft, wenn ich in der grauen Abenddämmerung durch den Sand gehe und diesen Gesang höre, wird mir ängstlich zu Muthe, und über die Dünenhügel kehre ich auf die Haide zurück, und unter dem schweren Himmel erblicke ich die Abendlichter der kleinen Häuser in der Ferne. Die Männer, die in diesen Häusern wohnen, sind Seefahrer und weitgereiste Kapitaine, die nun auf ihrer Heimathinsel nach stürmischem Leben zeitlich und ewig zu ruhen gedenken. Aber auch die Frauen tragen ihr Theil von dem, was das Meer giebt und nimmt.

Ich wohne bei einem grau gewordenen Mädchen, des Namens Jungfer Brigitte Mario, und nicht ohne Ehrfurcht seh' ich im Stillen ihrem Wandel zu. Ihr Liebster ist vor zwanzig, dreißig Jahren auf der See verunglückt; aber Brigitte ist dem Todten treu geblieben. Sie hat das Bild des Schiffes, welches er geführt, an die Küchenwand, dem Herd gegenüber, gehängt; sie spricht nicht von ihm, ich weiß kaum, ob sie noch an ihn denkt – sie ist so alt, so grau geworden. Aber treu ist sie ihm geblieben, und obwol sie so gut einen Jüten hätte zum Mann bekommen können, wie manche Andere, so hat sie's doch vorgezogen, so lange beim alten Rathsmann Dekker als Magd zu dienen, bis sie sich ein kleines Vermögen erspart hatte, um davon ihr Alter zu fristen. Sie hatte ein kleines Haus, hundert Schritt von dem entfernt, welches sie heute bewohnt; aber der Blitz schlug ein und verzehrte in einer Nacht, wo der Brand weithin geleuchtet haben soll über die dunkle Insel, Alles, was sie besaß. Da sammelten die Westerländer für sie und bauten ihr das neue Haus, stellten ihr Tische, Stühle, Betten für ein billiges Miethgeld in die Stuben, und zogen um den Platz des alten, welches Brigitte jetzt als Garten benutzt, eine Mauer von Erde, Rasen und dunklen Steinen. Statt der gehofften Ruhe hat ihr das Alter neue Sorgen gebracht; sie muß wieder schaffen und arbeiten, wie zuvor; sie thut es stumm, aber mit Freuden, und was ihr auf Erden noch von Liebe und Neigung geblieben, das vertheilt sie ehrlich zwischen den armen Kindern, die mehrere Mal in der Woche zu ihr kommen, und den Schafen, der Kuh und der Katze, die mit ihr den Hüttenraum bewohnen.

Viele ehrwürdige Frauen, viele schlanke Mädchen in schwarzen Kleidern und schwarzen Miedern, weiße Tücher um das blonde Haar geknüpft, begegnen uns, wenn wir gegen Abend die Insel durchstreifen, denn jedes Jahr verunglücken sylter Männer auf fernen Meeren, und bei dem engen Verwandtschaftsverhältniß, in dem hier Familie zu Familie steht, ist die Trauer allgemein. Männer mit ergrauendem Haar und harten Händen sitzen vor der Thür oder man trifft sie im Wirthshaus bei einem Glase Grog; es sind Schiffskapitäne, die auf Hamburger Schiffen das atlantische Meer wol fünfzigmal gekreuzt haben, oder auf holländischen Fahrzeugen die batavischen Inseln besuchten. Jetzt bauen sie Hafer und Gerste, jetzt bekümmern sie sich um die Schafe und um die Kühe; auf der Kommode ihrer kleinen, sauberen Zimmer steht das Modell ihres Schiffes, und gern erzählen sie dem Fremden von den Abenteuern, die sie auf See gehabt.

Einige haben sich dicht an dem geschützten Strande des Wattenmeeres schöne, steinerne Häuser mit weißen Wänden und platten Dächern errichtet. Bei einem dieser Häuser fuhr ich jüngst vorbei, um die Stunde des Sonnenuntergangs. Unten in der schön beleuchteten Stube sah ich Teppichflur und Polsterstühle und bequeme Sophas; auf dem Tische stand ein silbernes Kaffeeservice, die Tassen noch ungeordnet hier und dort, als habe man sich erst eben erhoben. So traulich war dies Zimmer, so voll Abendsonne, so voll Seeluft. Oben auf dem Dache stand der Kapitain und über einen niedrigen Schornstein hatte er sein Fernglas auf den Strand und die blaue See gerichtet.

»Was sucht Ihr, Kapitain?« fragte ich.

»Mein Weib und meine Kinder!« antwortete er. »Sie sind nach dem Kaffee hinunter in die Dünen gegangen. Nun will es Nacht werden und ich habe sie aus den Augen verloren!«

Dann fuhr ich weiter, und lange noch, wenn ich zurücksah, erblickte ich das weiße Haus und im Abendsonnenglanz darauf den Kapitain mit dem Fernrohr, der sein Weib und seine Kinder suchte.

Es ist merkwürdig, wie sehr diese Leute mit ihren falbblonden Haaren, ihren wasserblauen Augen, ihren starken Knochen und ihrem breiten, täppischen Wesen mich an die Engländer erinnern. Auch ihre Sprache erinnert mich jedesmal an sie. Sie reden unser Hochdeutsch, wie die auf dem Continente reisenden Engländer es zu reden pflegen; etwas weniger gebrochen, aber grade so hart, als sei es eine ihnen fremde Sprache. Unter sich gebrauchen sie nichts anderes, als ihr altes, heimathliches Friesisch. Es klingt wie Englisch, und ist die Mutter des Englischen; auch Worte, und namentlich diejenigen Ausdrücke, die sich auf das Meer, die Schiffe und die gemeinsam heidnische Vergangenheit beziehen, sind in beiden gleich. Das Loch heißt Gap und Gat, die Klippe Cliff, die Marsch Marsh, wie an der englischen Ostküste, das Thal Daehl (dale), ganz wie es sich in den Ortsbezeichnungen des nördlichen Englands erhalten hat; die Wochentage, deren Namen und Bedeutung aus dem Heidenglauben stammen, sind dieselben: Windjsdei, Türsdei, Fridei – Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Weihnachten heißt, wie in England (the feast of Yule), auch hier noch immer das Jöölfest oder der Jöölabend.

Hier hören wir auch das englische »th« wieder, jenen Buchstaben des angelsächsischen Alphabets, dessen Aussprache uns so viel Mühe macht, wenn wir nach England hinüber kommen. Aber die Sylter sprechen ihn schärfer, als die Engländer; sie sagen »Zinghügel« für Thinghügel, und nennen das südwestlich von dem unseren belegene Dorf Thinnum: »Zinnum.« Ja, während das eigenthümliche Zeichen, welches in dem alten angelsächsischen Alphabet für dieses »th« existirte, nämlich ein d mit einem Strichlein durch den Kopf des Buchstabens, in England verschwunden ist, hat es sich im Alphabet des Mutterlandes erhalten, und noch heute heißt das deutsche »ob, oder« z. B. auf Sylt: »wedder«, und wird ungefähr so ausgesprochen, wie das englische »wether«.

Eigentliche Schriftsprache ist die Friesensprache nie recht gewesen, obgleich sie sehr edel ist; oder es war ihr doch nicht vergönnt, lange als solche zu bestehen. »Keine Fürsten von Holland und von Dänemark und keine Fürsten von Schleswig und Holstein haben sich je der Friesensprache angenommen oder sie nur irgendwie begünstigt. Wer das Edle untergehen läßt, wenn er es erhalten kann, den wird die Zukunft richten.« So sagt in seinem Buche über Irland der Nordfriese C. I. Clement.

Unsere Insel ist der letzte Vorposten jenes »cimbrischen Chersonesus,« auf dem die Jüten und die Angeln und die nördlichsten Sachsen wohnten; und dieser Boden, auf dem wir stehen, und alles Land ringsum, das wir im Horizonte matt dämmern sehen, wenn wir die Innenhügel besteigen, ist der wahre Boden Alt-Englands.Der englische Antiquar Gunn hält Angeln »für eine kleine Insel bei dem Herzogthum Schleswig in Dänemark, von welcher Flensburg die Hauptstadt ist.« Giles, der Herausgeber der »Six Old English Chronicles« druckt diese Angabe gutgläubig nach (p. 400). Was würde jener aus »Adam Bede« bekannte Kritiker, welcher mit seiner linken Hand die Zwillinge in der Wiege schaukelt, und mit seiner rechten einen im Hebräischen nicht ganz capitelfesten Gegner züchtigt, sagen, wenn ein deutscher Gelehrter sich eines solchen Irrthums schuldig machte?

Nordöstlich von Westerland, wenn wir gegen das Dorf Wenningstedt gehen, kommen wir an eine mächtige Einbucht in den Dünenstrichen. Durch die Wölbung sehen wir das blaue Meer zur Linken und schimmernd bis dicht an den jähen Küstenhang rauscht es heran. Kräftiger wettert uns die Meeresluft entgegen; die Halme schwanken, der dürre Sandhafer weht, der langhalmige Dünenroggen schlägt hin und her. Dies ist das Riesgap, Reiseloch, die Bucht der Abreise. Vor uns, am Fuße des rothen Kliffs, steht der Leuchtthurm, dessen wechselnde Flammen wir am späten Abend, im dämmernden Mondeshimmel so gerne betrachten; weit, in blauer Ferne, zeichnen die Thinghügel sanfte Conturen in den Duft des Ostens.

Wo wir nun im Reisegap über ellenhohen Flugsand niedersteigen an die festere Feuchtigkeit, zu den gehäuften Kieseln des Seegestades: da stiegen einst vor vierzehnhundert Jahren wilde Männer, trotzig und halb nackt, mit flachsgelben Haaren, mit kurzen, breiten Schwertern, »Saxe« genannt, und setzten sich in kleine Segelböte von Eschenholz und schwammen hinüber, und schwammen viele Tage, bis sie bei der Insel Thanet, an der Küste von Britannien Anker warfen, und eroberten von der kleinen Insel aus die große Insel, und gaben derselben ihren Namen und ihre Sprache, und herrschen noch immer, nachdem ihre ferne Heimath vom Nordmeere an allen Ecken zerrissen ist, und die kleine Insel, die Insel Thanet, längst keine Insel mehr ist, sondern die letzte Landspitze von Kent bildet. Das Meer ist dasselbe, das die Barken der Angeln und Sachsen und Friesen an's Land trug; die Luft ist dieselbe, die ihre Standarten mit dem schneeweißen Roß flattern ließ, und das schneeweiße Roß ist noch heut das Wappenthier von Kent, von Braunschweig und Hannover.

Gerne sitz' ich auf den Hügeln des Reisegaps und denke an die Männer, die hier niedergestiegen und nach Britannien gefahren sind, und denke an Hengist, ihren grausamen, heldenmüthigen Führer und an Vortigern, den guten, milden, poesiereichen König der britischen Celten, den Freund Merlin's. Dann schlage ich ein Buch auf, das ich mit an das Meer genommen – »Sechs altenglische Chroniken;« ich schlage die britische Geschichte Gottfrieds, des Weihbischofs von Monmouth, auf. Der Meerwind aus Westen saust durch die Blätter, und ich lese:

»Inzwischen aber kehrten die Botschafter von Deutschland zurück, mit achtzehn Schiffen voll der besten Kriegsmannen, die zu finden waren. Sie brachten auch Rowena mit, die Tochter des Hengist, eine der schönsten Jungfrauen jener Zeit. Nach ihrer Ankunft lud Hengist den König ein, seine neuen Gebäude und die neuen Männer zu sehen, die herübergekommen. Der König kam; hier ward er mit einem fürstlichen Banquet unterhalten und als das vorbei war, da kam die junge Dame aus ihrem Gemache mit einer goldenen Schale voll Wein, nahte sich dem Könige damit und sagte unter einer tiefen Verbeugung: »Lord! König, wacht Heil!« Der König, als er das Gesicht der Dame gesehen, war plötzlich eben so erstaunt als bezaubert durch die Schönheit desselben; er rief seinen Dolmetscher, um ihn zu fragen, was sie gesagt habe, und was er antworten solle? »Sie nannte Euch Herr und König,« sagte der Dolmetscher, »und bat um die Erlaubniß, Eure Gesundheit trinken zu dürfen! Ihr müßt nun antworten: Trink Heil!« Vortigern antwortete demgemäß: »Trink Heil!« und bat sie, zu trinken; darauf nahm er die Schale aus ihrer Hand, küßte sie und trank selber. Von jener Zeit bis zu dieser ist es Gebrauch im Britenland geblieben, daß der, welcher einem Andern zutrinkt, sagt: »Wacht Heil!« und dieser Letztere erwiedert: »Trink Heil!«Noch heute finden sich Reste dieses Gebrauches in der Sitte und Sprache Englands. »Wassail« heißt zechen, schmausen, und der »Wassail«-Becher geht noch heut bei Banquet und Festgelag von Hand zu Hand. In der alten Heimath aber, im Friesenland, empfangen die Bauern im Wirthshaus den Neuankommenden noch immer mit dem Gruße Rowena's: »Waes Hial!« und dieser erwiedert wie Vortigern: »Drink Hial!« (S. Hansen, Friesische Sagen, etc. p. 135.) Vortigern war nun trunken von den verschiedenen Getränken, und der Teufel nahm die Gelegenheit wahr, um in sein Herz zu schleichen und ihn in das Mädchen verliebt zu machen, so daß er bei ihrem Vater um sie anhielt. Es geschah, sage ich, durch des Teufels Spiel, daß er, so doch ein Christ war, sich in eine Heidin verliebte. Hier nun entdeckte Hengist, der ein schlauer Mann war, den Leichtsinn des Königs, und er überlegte mit seinem Bruder Horsa und den andern alten Männern, was zu thun sei in Bezug auf des Königs Bitte. Sie riethen ihm einstimmig, seine Tochter dem Könige zu geben und als Gegengabe dafür die Provinz Kent zu verlangen. Demgemäß ward die Tochter ohne Verzug Vortigern übergeben, und Hengist empfing die Provinz Kent, ohne daß Gorangan, der sie verwaltete, Kenntniß davon hatte. In derselben Nacht aber heirathete der König die heidnische Jungfrau und vergnügte sich im höchsten Maße mit ihr; wodurch er den Haß des Adels und seiner eigenen Söhne rasch auf sich lud.«

Und so lieg' ich im Reisegap bei Wenningstedt und denke an den grausamen Hengist, den Sachsen, der seine schöne Tochter Rowena dem weichherzigen König Vortigern zur Frau gab, und ihn später ermorden ließ und sein Reich eroberte ... und der Meerwind streicht durch die Blätter der alten Chronik und dem Westen zugewandt ist mein Auge und der untergehenden Sonne.

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