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Stillleben auf Sylt

Julius Rodenberg: Stillleben auf Sylt - Kapitel 17
Quellenangabe
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typereport
authorJulius Rodenberg
titleStillleben auf Sylt
publisherVerlag Schuster
printrunDritte vermehrte Auflage
year1979
firstpub1876
isbn3-7963-0163-0
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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III.

Glühend, zur einen Seite des Weges, ein Feuerball, ging die Sonne nieder, während zur andern voll und silbern der Mond heraufkam, als wir hinter Flensburg uns Nordschleswig näherten und aus den Regionen der Ostsee westlich gegen die der Nordsee wandten, Hügel und Wald und wellenförmige Ebene hörten auf, und die große Niederung begann. In dem Coupé, in welchem wir fuhren, wurde viel, ja fast ausschließlich dänisch gesprochen. Bei Tingleff bogen wir von der Hauptlinie ab, und kamen zu guter Abendstunde und bei hellem Mondenschein in Tondern an.

Dieses Tondern ist ein stiller, gemüthlicher Ort, mit alten Giebelhäusern, welche ihre phantastischen Schatten über die Straße werfen, und einem etwas fremdartigen Charakter, ob für den Deutschen im Allgemeinen, oder nur für den Binnenländer, will ich nicht entscheiden. Denn wenn auch das Dänische keineswegs vorherrscht, so hört man es doch noch. Bestimmter tritt der Eindruck hervor, daß man der See nicht mehr fern; es ist Etwas in der Luft, was nach See riecht, eine größere Feuchtigkeit, und als wir am späten Abend hinaus wanderten vor die Stadt, in die Haide, da war Alles lebendig von Möven. Wir konnten sie nicht sehen; aber bald da, bald dort aus der mondhellen Einsamkeit vernahmen wir kurz und scharf den melancholischen Pfiff dieses Vogels, welcher die Küsten umschwirrt, dem Heimkehrenden die Nähe des Landes und dem Ausziehenden die Nähe des Meeres verkündend.

Ein gutes Wirthshaus nahm uns auf, mit Teppichen in den Zimmern und mit Bäumen vor den Fenstern. Ich hätte niemals geglaubt, daß man es in einer entlegenen, kleinen Stadt sich so bequem machen könne. Doch ist es so; und wer nach Tondern kommt, den empfehle ich der Fürsorge des Herrn Weber, in dessen Haus wir uns gar trefflich wohl gefühlt, und dessen Tafel eine Fülle von guten Dingen bietet, kalt und warm, und einen Rothwein, wie man ihn in keiner von unseren Hansestädten besser trinkt. Lieber Leser! Du wirst an diesen Ausführungen merken, um wie viel älter der Schreiber dieser Zeilen seit jenem ersten »Stillleben auf Sylt« geworden ... Aber wer kann es ändern?

Am nächsten Morgen erschien das alterthümliche Städtchen nicht minder ansprechend. Es war so behaglich, in der warmen Sonne zu spazieren, zwischen diesen großen, stillen Häusern, von denen einige etwas Patrizisches haben und alle gar sauber und blank aussehen; auf dieser Straße, wo kaum ein Wagen vorbeifuhr und über die steinerne Brücke mit malerischen Blicken auf das Wasser, welches zwischen überhängendem Grün und Erkerhäusern dahinfließt. Die Läden und Gewölbe sind nicht unansehnlich; hübsche Sachen, sogar Bilder und Bücher, sind an den Schaufenstern, ein schattiger Spaziergang mit freundlichen Anlagen und Ruhesitzen ist vor der Stadt, ein großer Vergnügungsgarten mit Tischen und Bänken unter den Bäumen, mit Kegelbahn u. s. w. ist hinter der Stadt – mein Gott, wie glücklich und zufrieden wird man in Tondern leben können! Was mich betrifft, so muß ich gestehen, daß ich eine ganz entschiedene Passion für Tondern gefaßt habe.

Mittags setzten wir unsere Reise fort in einem Wägelchen, in dem es sich höchst vergnüglich kutschiren ließ. Ein weicher, sommerlicher Wind wehte uns entgegen, und die Landschaft, wenn sie keine Abwechslung bot, hatte doch in ihrer Einförmigkeit etwas ungemein Wohlthuendes. Die grüne Ebene, weit und unabsehbar, wie der Himmel darüber, an dem die Sonne jetzt von einem aufziehenden Gewölk verdeckt ward, jetzt in ganzer Herrlichkeit strahlte – die Haide bald in Schatten tauchend, bald in Gold kleidend, bis an den fernsten Rand des Horizontes. Dieses sind die großen und erhabenen Schauspiele, welche, in ihrer scheinbaren Monotonie so mannigfaltig und in ihrer Ruhe so bewegt, das Auge nicht müde wird zu sehen; vor ihnen verstummt allmälig der tausendfältige Wirrwarr der Welt und die Menschenseele weitet sich und athmet auf in einer Empfindung glücklicher Übereinstimmung mit der Alles bewältigenden Natur, unserer Mutter, welche uns geboren, und an deren Herzen wir einst, wenn der Kampf ausgekämpft, in Frieden – so hoffen wir – ruhen werden.

Dann und wann in dem einsam stillen Marschland, durch welches die Straße sich hinzog wie ein weißer Faden, erschien ein Dörfchen oder ein einzelnes Bauerngehöft, von kräftigem Baumschlag umstanden, wie in einem kleinen Walde für sich, mit stattlichem Wohnhaus und umfangreichen Stallungen, Scheunen, Wirthschaftsgebäuden; hierauf ein altes Schloß, der Sitz, wie man mir sagt, des Grafen Schack, hinter Wall und Graben, mitten in einem düstern, vornehmen Park, ohne daß man doch, äußerlich betrachtet, einen so großen Unterschied zwischen Herrenhof und Bauerngut bemerken könnte, wie meistens anderwärts. Dies hier, längs der ganzen friesischen Westküste ist recht eigentlich das Land der freien Bauern, welche den Adel unter sich nicht duldeten; ja, was von den Geschlechtern desselben sich unter ihnen anzusiedeln versuchte, zu einer gewissen Zeit förmlich verbannten, während die Ostküste immer in den Händen der privilegirten, ritterschaftlichen Gutsherren war. Niemals habe ich hübschere Bauernhäuser gesehn, wie hier; keines von ihnen, einzeln oder in Gruppen, ohne Blumengarten vor der Thür, ohne Blumentöpfe in den Fenstern. Ein Ausdruck zugleich von vollkommener Unabhängigkeit verbindet sich mit dem offenbaren Sinne für Sauberkeit und liebevoller Pflege des Heimwesens, welches, sei es klein oder groß, immer Etwas bedeutet, immer Etwas in sich Geschlossenes darstellt, als ob es des Zusammenhangs mit den übrigen nicht bedürfe.

Man wird an diese Worte des Tacitus (Germania 16) erinnert: »Einsam und abgesondert bauen sie sich an, wo eine Quelle, eine Aue, ein Gehölz ihnen wolgefällt. Dörfer legen sie an; nicht wie wir mit fortlaufenden, aneinander gebauten Häusern, Jeder machte sich einen freien Platz um sein Haus ...« Fohlen tummeln sich in Lust und Freiheit auf den weiten Weideplätzen, schweres Mastvieh lagert auf den Triften und wo der Boden magrer wird, grasen die Schafe.

Wo wir jetzt fahren, war vor sechshundert Jahren Wasser und wo jetzt Wasser ist, waren damals Inseln, die seitdem untergegangen sind. Die Karte des Wattenmeeres ist förmlich besäet mit Namen von versunkenen Ortschaften, und ganze »Harden« sind zu kleinen Ueberbleibseln zusammengeschrumpft oder in Halligen zerbröckelt, auf denen zuweilen nicht mehr als ein Haus und eine Familie Platz hat. Die Festlandsküste, wie wir sie gegenwärtig kennen, existirt erst seit dem Ende des 17. Jahrhunderts; und überall von Gräben durchzogen, durch Dämme befestigt, durch Deiche geschützt, verräth sie dem Auge noch deutlich genug ihren Ursprung, Man meint immer, das Meer müsse nun endlich erscheinen, und von dem weiten Horizont getäuscht, an welchem auch die Wolken immer größer und voller heraufschweben, erwartet man von dem einen Augenblick zum anderen Segelstangen und Mastbäume zu sehen. Aber es sind nur Telegraphenstangen und der Kirchthurm von Mögeltondern; und immer wieder hinter den Deichhügeln dieselbe Landschaft, dieselbe Einsamkeit der Landstraße, jetzt nur unterbrochen durch das Heranrollen eines schweren Gefährts – einer gelben Kutsche mit der Inschrift in Gold: »Deutsche Reichspost.« Der letzte Festlandsort ist Hoyer, woselbst ein wackerer, ehemaliger Schiffscapitain gastlich Hof und Haus hält und von hier sind es noch zehn bis fünfzehn Minuten bis zum Wasser. Dem heiteren Morgen ist ein sonneloser Nachmittag gefolgt; ein schwermüthiger, ächt nordischer Ton liegt in der Luft, und wie wir dahinfahren, gegen Westen gewandt, erscheint plötzlich am Rande des Himmels eine mattglänzende Silberlinie – das Meer. Das Meer macht hier, besonders an einem so ruhigen Tage, keinen irgendwie großartigen Eindruck. Es verengt sich zu einem Canale, der tief in das Land einschneidet und längs dessen Rande und weit hinaus eine haidebewachsene Niederung sich hinzieht. Man verliert die Küste kaum aus den Blicken. Aber dennoch ist es das Meer und ein Athem weht über dasselbe, voll von Verheißung, Möven flattern hin und her, ihr weißes Gefieder scharf abhebend gegen den grauen Wolkenhintergrund. Segel tauchen auf und verschwinden und eine Rauchsäule zeigt sich, das Nahen des kleinen Dampfers verkündend, der von Sylt herüberkommt. Wir gehen ihm am flachen Ufer weit entgegen und wie er nun in den Canal einbiegt, lesen wir am Bugspriet, glänzend noch an diesem umwölkten Septembernachmittag, seinen Namen. Es ist der Dampfer Germania, welcher zusammen mit dem Dampfer Bismarck der Insel Sylt gehört und die regelmäßige Verbindung zwischen Hoyer und Munkmarsch herstellt. Mir aber, indem ich sinnend an unserer fernen Nordwestküste stand, erzählten die Namen dieser beiden Schiffe die ganze Geschichte der verflossenen Jahre.

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