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Stillleben auf Sylt

Julius Rodenberg: Stillleben auf Sylt - Kapitel 16
Quellenangabe
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typereport
authorJulius Rodenberg
titleStillleben auf Sylt
publisherVerlag Schuster
printrunDritte vermehrte Auflage
year1979
firstpub1876
isbn3-7963-0163-0
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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II.

Wenn man aus der Hauptstadt in diese weiten, üppigen Gefilde von Holstein und Schleswig kommt, in diese gesegneten Landschaften, voll saftigen Grün's noch im Herbste, mit Wiesen und Wald und Wasser, mit kleinen Dörfern zur Seite des Weges, mit freundlichen Städten, die von Behäbigkeit glänzen: so hat man ein Gefühl des Wechsels und Wohlbefindens, die beide nicht stärker gedacht werden können. Es ist dieselbe nordische Natur, aber verschönt von allen Reizen, welche die Fruchtbarkeit des Bodens zu verleihen vermag; es ist derselbe Himmel, aber die größere Nähe des Meeres macht ihn stimmungsvoller. Auch der Menschenschlag, welcher diese Gegenden bewohnt, bildet einen auffallenden, aber erklärlichen Gegensatz zu dem Bewohner der Mark und noch mehr zu dem Berliner, welchen die Beimischung fremden Blutes und der Zwang der Verhältnisse rascher, beweglicher, so mit der Hand als mit der Zunge gemacht haben. Der Mensch ist ein Produkt der Bedingungen, unter denen er aufgewachsen; und wenn ich Nichts gegen die Berliner sagen will, die meine Landsleute sind, so brauche ich Nichts für die Schleswig-Holsteiner zu sagen, nach der Fürsprache, welche ihnen jüngst im Reichstage von Seiten Bismarck's zu Theil geworden. Aber – das Wort des Fürsten in Ehren! – ich glaube dennoch, daß es den braven Bewohnern jener neuen Provinz schwerer werden wird, sich an uns zu gewöhnen, als umgekehrt. Nicht nur, weil man bescheiden ist, wenn man aus der Mark kommt, sondern weil uns Alles mit einer gewissen Fülle traut und behaglich anspricht, wenn man nach Schleswig-Holstein kommt: die fetten Marschen und grünen Buchenwälder, die blauen Wasserstreifen und die weißen Segel darauf, die schmucken Dörfer, die malerisch gelegenen Städte, deren rothe Dächer und schlanke Kirchtürme zufrieden und einladend aus üppigen Laubmassen hervorschauen und mit diesen zusammen in den Buchten der See oder den Flußbreiten sich spiegeln. Mehr noch. In eine ferne, germanische Vorzeit versetzt uns diese Fahrt durch Holstein, und besonders durch Schleswig, welche sich zwischen zwei Meeren und zwei Küsten bewegt: der Ostseeküste, mit Hügel und Wald, dem alten Sitze der Angeln,Die gegenwärtige Landschaft Angeln, die von der Ostsee, der Schlei, dem Flensburger Meerbusen und dem großen Haiderücken in der Mitte Schleswig's begrenzt wird, bildet nur einen kleinen Theil des ehemaligen Angel- oder Engellandes, da die Angeln ursprünglich wol das ganze heutige Schleswig bewohnten. Vergl. Kohl, Reisen in Dänemark und den Herzogthümern, I. p. 125. der flachen, marschigen Nordseeküste, mit den Inseln, den Sitzen der Friesen, während weiter unten, nach Süden, in Holstein, bis über die Elbe die Sachsen saßen, und nördlich, wo das Land der Scandinaven begann, die Jüten.

Es ist merkwürdig und doch leicht erklärlich, wie sehr Schleswig an die englische Grafschaft Kent erinnert; denn Angeln, Sachsen und Friesen, denen sich in geringerer Zahl auch Jüten anschlossen, waren die Eroberer Englands und Kent war der Ausgangs- und durch Jahrhunderte der Stützpunkt ihrer Invasion und Eroberung. Ueberall, hier wie drüben, ist man von den alten, scandinavisch-germanischen Erinnerungen umgeben, in dem Aussehn des Landes, in den Namen der Ortschaften, in dem Anbau des Bodens, in der Einhegung der Felder und Wiesen, den »Knicken«, den »hedges« und »fences« und der Haltung des Viehs. Wenn man die Karte von Schleswig mit der Karte von Kent vergleicht, so findet man eine große Aehnlichkeit sogar in der Bodengestalt, in Hügel, Wald, Marschen, Flußläufen und Einschnitten der See – für letztere hat sich in Schleswig noch das scandinavische »Fjord« erhalten in Förde, Föhrde, dasselbe was in Schottland »Firth« heißt (Firth of Forth, Firth of Tay etc.). Das »wick« findet sich hier, wie dort, in Schles wig und Green wich, Wool wich, Sand wich; das »um« in den friesischen Ortsnamen (Keitum, Rantum etc.) ist das hochdeutsche »heim«, das englische »ham«, und das »nis« oder »naes« (Landnase, Vorgebirge) begegnet in Arnis und Sheer neß. Dem dänischen Wold zwischen der Kieler Bucht und dem Eckernförder Meerbusen hier entspricht der kenntische Weald... »Wealde, id est regio nemerosa ....« Camden, Britannica (Edit. Francof. 1816) p. 245. Auch das Wort »wold« hat sich noch erhalten, z. B. in Gloucestershire (the Cot's wold hills). dort, beides ehemals Waldregionen und unseren tapferen, raub- und beutelustigen Vorfahren wolbekannt. Sie übertrugen die Namen und Kennzeichen der Heimath auf das neue Land, welches in seiner natürlichen Beschaffenheit und Lage mannigfache Verwandtschaft zeigte mit demjenigen, welches sie verlassen; und es begreift sich daher, daß sie sich bald heimisch machten und fühlten und daß ihre Spuren am längsten darin hafteten. Nach einem und einem halben Jahrhundert waren die Ueberbleibsel der alten Briten auf die Westküste zurückgedrängt und in jene heut noch unterschiedlichen, jedoch schon damals kaum mehr unter sich zusammenhangenden Bruchstücke von Cornwall, damals West-Wales genannt, im Südwesten, Nord-Wales in der Mitte und Cumbria (Cumberland) im Nordwesten zersplittert, wo die altbritische Sprache und Tradition in Märchen und Sage bis auf den heutigen Tag sich erhalten hat; während auf der Ostseite und von dort aus immer compacter in das Innere vorrückend, sich die neuen Königreiche der Eroberer bildeten, die demnächst unter einander, dann mit den eindringenden Dänen,Der Name »Däne« war damals (gegen 800 n. Chr.) nicht beschränkt wie heute, sondern ein Collectivname für alle Nordmänner. Sie brachten der angelsächsischen Bevölkerung Englands nichts wesentlich Neues; wol aber war dies der Fall mit den Normannen, welche sich seit Anfang des 10. Jahrhunderts in Frankreich (Normandie) angesiedelt hatten und noch im Verlaufe des Jahrhunderts »französische Christen und feudal bis ins Herz« geworden waren. Vgl. Green, A short history ot the English people. p. 68. deren Sprache wenig von der ihrigen abwich, um die Oberherrschaft stritten und mit diesen zusammen endlich in der bereits mit französischen Elementen versetzten normannischen Invasion und Eroberung die staatlichen Bindemittel empfingen, welche ihnen – nach echt germanischer Weise! – bisher gefehlt. – In Kent saßen die Juten und Friesen; an sie schlossen sich die Sachsen, und zwar die Südsachsen im heutigen Sussex, die Mittelsachsen in Middlesex, die Westsachsen in Wessex (ein Name, der sich nicht, wie die vorhergehenden und der nachfolgende in einem einzelnen Shire erhalten hat, sondern den ganzen Südwesten des heutigen Englands bis Cornwall umfaßt) und die Ostsachsen in Essex. Nördlich an die Sachsen schlossen sich die Angeln, und zwar die Ostangeln, das sogenannte Südvolk im heutigen Suffolk und das Nordvolk im heutigen Norfolk, die Mittelangeln oder Mercians, die Männer der Mark, in den heute sogenannten Mittelland-Grafschaften, lange die Mark oder Grenze gegen die Briten, und am Weitesten oben, im Lande nördlich vom Humber, im heutigen Northumberland, die Northumbrier, die bis nach Schottland hineinreichten und deren König Eadwin (617–633) seinen Namen in Eadwin's Burg, dem heutigen Edinburg, verewigt hat.

So weisen Namen und Erinnerungen von hier weit über den Ocean und durch mehr als ein Jahrtausend, und wie ich dieses anmuthige Land im Abendsonnenschein durchfliege, die Wiege Englands und lange der Gegenstand bittren Streites zwischen Dänemark und Deutschland, glaube ich durch allen Hader und den ganzen Tumult politischer Verwicklungen und Entwicklungen die Stimme des gemeinsamen Blutes zu vernehmen, und erkenne in den schroff von einander Getrennten Züge der Verwandtschaft und Familienähnlichkeit, welche, von der Zeit nicht verwischt, in Aussehn, Gesittung und Sprache fortleben, wie vor tausend Jahren.

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