Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Rodenberg >

Stillleben auf Sylt

Julius Rodenberg: Stillleben auf Sylt - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/rodenber/sylt/sylt.xml
typereport
authorJulius Rodenberg
titleStillleben auf Sylt
publisherVerlag Schuster
printrunDritte vermehrte Auflage
year1979
firstpub1876
isbn3-7963-0163-0
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20110707
projectid7aa25e12
Schließen

Navigation:

 

1875.

– singe getrost, auf daß deiner wieder gedacht werde.
Jesaias 23, 16.

I.

Es war ein heißer Tag, ein sehr heißer Tag, gegen Ende August 1875 und in der Schellingstraße zu Berlin, als ich einen Brief erhielt, der Alles um mich her plötzlich zu verwandeln schien – die blendenden Häuserwände gegenüber, glühend von Sonne, den Staub der Straße, den Dunst des Himmels. Eine andere Luft wehte mich an und andere Zeiten stiegen herauf, vergessene, versunkene – so daß ich an jenem Morgen statt zu arbeiten, meinen Träumen nachhing, bis ich, der Gegenwart und Wirklichkeit ganz entrückt, Gesichter und Plätze wiederzusehen glaubte, die ich seit einer halben Ewigkeit nicht gesehen, nicht einmal mehr in meinen Träumen.

Der Brief, der alle diese Wunder bewirkt, kam weit her – von Westerland, von Sylt; und das Erste, was mich an demselben, auf dem »Briefumschlag« schon (wie es in des Generalpostmeisters Wörterbuch heißt) mächtig bewegte, war die deutsche Reichspostmarke, mit dem Namen »Keitum« quer über den deutschen Reichsadler hin. Solch' eine Zehnpfennigmarke ist sonst ein sehr nützliches, wiewol sehr gewöhnliches und gleichgültiges Ding; aber in diesem Falle rief sie mir auf einen Schlag Alles in's Gedächtniß zurück, was in den verflossenen Jahren mit Sylt und mit uns vorgegangen war – den Krieg von 64, den Krieg von 66, den Krieg von 70, – die »Provinz« Schleswig-Holstein, das deutsche Reich, den Weltpost-Verband und noch Einiges mehr.

Doch es ist Zeit, daß ich den Leser mit dem Inhalt des wunderbaren Briefes bekannt mache. Geschrieben war er von einem Manne, den ich glücklich bin, meinen Nachbarn, und stolz, meinen Freund nennen zu dürfen; von einem Poeten, der das Land der Friesen und die Nordsee sehr liebt und genau kennt, und in seinem herrlichen, in einigen Scenen ganz vom Geiste Shakespeares erfüllten Drama »Die Gräfin« Zeugniß dafür abgelegt, wie gut er den herben Charakter und die kraftvolle Sprache Beider belauscht hat und wiederzugeben versteht. Von ihm – brauche ich nach Allem, was ich gesagt, noch hinzuzufügen, daß es Heinrich Kruse? – war der Brief, und er lautete folgendermaßen:

Nordseebad Westerland auf Sylt.

»Wo kommen Sie denn her?« fragte mich heute der Generalsuperintendent M. (aus M.), als er mir auf dem Wege begegnete.

»Was werden Sie sagen?« antwortete ich, »von einem Besuch bei einem rothwangigen Mädchen ...«

Nämlich von Brigitte Marlo, die in ihrem Häuschen noch gerade so wohnt, wie Sie es beschrieben haben. Sie sieht, trotz ihrer 65 Jahre, noch frisch und unverfallen aus und glich, in ihrer weißen Kopfhülle, den Frauen auf einem altdeutschen Gemälde. Sie füttert ihr Vieh, sie spinnt Wolle und vermiethet im Sommer ihre beiden kleinen Gelasse für 4 Thaler wöchentlich, an einen einzelnen Herrn noch billiger .... Sie lebt zufrieden, obgleich sie, wie sie selbst bemerkte, sonst Nichts besitzt als ihre Zufriedenheit.

Quid brevi fortes jaculamur aevo
Multa?

Diese Zeilen, begleitet von einer kleinen Ansicht des Strandes und der Nachschrift: »ich will hier bis zum 3. September bleiben und die Austern-Saison eröffnen helfen« fielen recht wie eine fröhliche Botschaft des Meeres »in mein sonst so dunkles Leben« – (ich meine es nicht so genau damit, ich citire nur Heine, an den man ja immer denken muß, wenn man an das Meer denkt) – und war es Brigitte, waren es die Austern – kurz, die alte Sehnsucht erwachte wieder, und am 13. September befand ich mich auf der Reise, zu spät, um den Freund noch zu treffen, der, wie ich hoffen durfte, die Monate mit einem »r« würdig inaugurirt; aber noch frühe genug, so schmeichelte ich mir, um mich zu erfreuen an dem, und Gott zu danken für das, was er mir etwa übrig gelassen.

Ich will es trotzdem nicht verhehlen, daß mir vor dem Wiedersehen mit Sylt einigermaßen bangte. Gleich einem von den versunkenen Eilanden im westlichen Meere, welche, wie das Mährchen erzählt, manchmal bei Sonnenuntergang zauberisch aus der Tiefe heraufsteigen, verzehrende Sehnsucht weckend in dem Schiffer, der sie von ferne sieht, und unter dem Wasser verschwindend, wenn er sie zu erreichen strebt: so hatte das Bild dieser Insel oft vor meinem Blicke gestanden: ... »Oh Arranmore, lov'd Arranmore, how oft I dream of thee...«

O! Arranmore, wie oft im Traum
Schwebt mir die Zeit vorbei,
Wo ich an deiner Küste Saum
Gewandert jung und frei.

Wol manch' einen Pfad ging ich seither
Durch wonnig Blumenland,
Doch nie fand ich den Frieden mehr,
Den ich bei dir empfand.

Wie gern auf deinem luft'gen Kliff
Stand ich bei Morgenruh;
Dann flog mein Herz, leicht wie das Schiff,
Dem offenen Meere zu!

Und wenn die Luft vom gold'nen Strahl
Des Westens überquoll,
Wie sucht' ich dann das Ruhethal,
Das dorten liegen soll ...

Das Eden für der Tapfern Schaar,
Nach Lebenskampf und Tod
Das oft der Woge wunderbar
Entsteigt im Abendroth ...

Ach! Traum an Schmerz und Wahrheit reich!
Dort über'm die Meer die Höh'n,
Sie sind dem Glück der Jugend gleich,
So flüchtig und so schön! ...

Dieses Gedicht Thomas Moore's, dessen grüne Heimathinsel ich das Jahr zuvor besucht und dessen »Irish Melodies« mich auf allen meinen Wanderungen begleiteten, hatte ich auf Sylt übersetzt, am Meeresstrande sitzend, oder, um Mittagszeit, in der Haide liegend – damals ohne bestimmtes Gefühl dafür, mit welcher Wehmuth ich einst die halbverwischte Bleifederschrift auf den kleinen, vergilbten Blättern betrachten und an mir selbst den Sinn der Schlußzeile verstehen lernen sollte, .... »so flüchtig und so schön ....«

Immer weiter zurück war die Erinnerung an Sylt getreten – die Linien blasser, die Umrisse undeutlicher geworden, bis sie fast ganz zerflossen. Dann und wann war noch ein vereinzelter Ruf, wie vom Winde getragen, ein Gruß herübergekommen, ein Echo – bis auch dieses verhallt und Alles stumm geworden.

Mir war, als sei mit der Jugend auch dieses ihr sonnigstes, stillstes, reinstes Eden für mich dahingegangen; als ob dieses meerumrauschte Dünen- und Haideland, welches in seiner Einsamkeit und jungfräulichen Abgeschiedenheit ich fast allein gekannt, mir fremd geworden, seitdem es, von Sommergästen umschwärmt, einen gewissen Ruhm in der Welt erlangt hatte.

Doch das Herz vergißt nicht so leicht; und siehe! – da bin ich auf einer zweiten Fahrt nach Sylt, wie zum Wiedersehen und Wiederbegegnen mit einer alten Jugendliebe ... und es ist Herbst und Nachmittag .... einer jener sanften Herbstnachmittage, welche so schön und zuweilen so melancholisch sind in unserem, Norden ....

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.