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Stillleben auf Sylt

Julius Rodenberg: Stillleben auf Sylt - Kapitel 11
Quellenangabe
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authorJulius Rodenberg
titleStillleben auf Sylt
publisherVerlag Schuster
printrunDritte vermehrte Auflage
year1979
firstpub1876
isbn3-7963-0163-0
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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IX.

Am 31. August.

Auf dem Wege, welchen ich von meiner Wohnung in die Mitte des Dorfes gehe, liegt ein freundliches Häuschen, einstöckig und flach, wie die anderen, aber schmucker und behäbiger. Ein grünes Spalier friedet den kleinen Garten vor demselben ein, und mancherlei Gebüsch und Blumenwerk, wie es dem Boden und der späten Jahreszeit angemessen, hält sich hier im geschützten Raume. Die Fenster sind gleichfalls grün gestrichen und Blumentöpfe stehen hinter den Scheiben, und zwischen den Blumen erscheinen oft zwei Mädchenköpfe, der eine braun, der andere blond. In diesem lieben Hause wohnt mein Freund, der Schiffscapitain Dirck Meinerts Hahn, und in seiner Stube sitz' ich oft am Nachmittag, wo mir dann der braune Mädchenkopf eine gute Tasse Kaffee mit prächtiger Sahne, die man nirgends besser hat, als auf Sylt, und der blonde Cigarre und Feuer dazu bringt. Diese Insel, mit der Abgeschiedenheit, in der sie ihre Bewohner hält, ist reich an Originalen; das beste derselben aber ist mein Freund Dirck Meinerts Hahn. Eine seefahrende Familie, wie keine zweite, ist es, aus der er abstammt. Seine Reisen sind weit und lang gewesen, und zahllos und höchst merkwürdig die Abenteuer und Schicksale, die er auf ihnen erlebte. Jetzt ist er ein kleines, munteres Männlein von sechzig Jahren etwa, und sein Gesicht ist braun von allem Wind, Wetter und Sonnenschein, dem es die lange Zeit getrotzt hat; jetzt hat er sich zur Ruhe gesetzt und leidlich hat er sich in die Ruhe, die ihn umgiebt, gefunden. Aber wenn er von seinen Fahrten spricht, da fängt das alte Seemannsherz zu klopfen an, und die kleinen, braunen, freundlichen Augen werden gar lebendig; dann schiebt er wol die Mütze vom Ohr, die er sonst schwerlich vom Kopfe läßt, und seine hartgewordene Hand schlägt auf den Tisch und er lacht dazwischen, als wollte er hier, in seiner stillen, grünen Behausung den Sturm noch einmal verlachen. Seine Frau Hedwig ist längst gestorben, aber sie nimmt den ersten Platz in seiner Erinnerung ein, und er spricht von ihr jeden Tag. Seine älteste Tochter Christine hat sich mit dem Capitain Boysen vor drei Monaten verheirathet; Grete, der braune Mädchenkopf, ist mit dem Steuermann Petersen, der seit April auf der Reise nach Valparaiso ist, verlobt, und sie trägt einen dicken Ring von Gold an ihrem Finger. Das jüngste Mädchen, das blonde, heißt nach der Mutter und ist jetzt siebzehn Jahr alt, ein schlankes, frisches Kind, welches immer lacht, wie der Vater und Schwester Grete. Hahn's einziger Sohn ist Kaufmann. Der Alte hat sich's, in einer dunklen Sturmnacht, wo sein Schiff mastenlos auf dem gefährlichen Sande vor Hollands Küsten herumtrieb, verschworen, daß, wenn er je Söhne bekommen sollte, keiner von ihnen Seemann werden sollte. Aber das Sylter Blut steckte in dem Jungen; er ward Kaufmann, wie es sein Vater wollte, und lernte auf einem Hamburger Comptoir. Als er aber mit der Lehre fertig war, setzte er sich auf das nächste Schiff und ging nach Valparaiso, wo er jetzt seit mehreren Jahren in einem Exportgeschäft arbeitet. Dies ist die Familie meines Freundes, und glücklich, in der Sicherheit des Vergangenen die Einen, in dem festen Vertrauen auf das Kommende und Gottes Vatergüte, welche Beides lenkt, die Anderen, leben sie in ihrem Hause. Sie hören das Meer rauschen, leiser, lauter, wie es Fluth und Ebbe, Wind und Jahreszeit mit sich bringt; sie athmen die reine, süße Luft, welche breit über die Hügel und Blumen der Haide heraufweht. Die Bildnisse der Schiffe, die der Vater geführt, zieren die Wände der kleinen Stube; vornan der »Zebra«, auf welchem er eine der ersten deutschen Kolonien nach Australien führte, die seitdem im fernen Lande bestens prosperirte und ihrem heldenmüthigen Capitain zu Ehren eines ihrer Dörfer »Hahndorf« genannt hat. In der Stube gegenüber hat unser Freund einen Bücherschrank mit einer kleinen hübschen Bibliothek, welche zu mustern mir oft schon Vergnügen gemacht hat. Da haben wir Walter Scott's Novellen, Marryat's und Cooper's Seeromane; da haben wir Mügge's »Vogt von Sylt«, und Heinrich Smidt's – des einstigen Gefährten unseres Freundes – »Zu Wasser und Land«. – Gerstäcker's Weltreisen und Kohl's Beschreibungen fremder Länder sind da. Alles in dieser kleinen Bücherwelt bezieht sich auf das Meer und die Ferne, und zwar in der Weise, wie es sich dem Aug' und Herzen des deutschen Wanderers und seines Stammverwandten, des englischen, dargestellt hat. Denn das Meer und die Ferne, mit dem unwiderstehlichen Reiz, den sie auf unser Gemüth üben – mit dem wehmüthigen Zauber, den sie um die Stunde des Abschiedes verbreiten, mit dem Heimweh, das sie bergen und das oft für die Ziehenden ihr einziger Preis und Gewinn ist – das kennt doch kein romanisch Kind! Das ist unser Eigenthum, und das Zeichen, an dem sich Engländer und Deutsche wiedererkennen ... Auch »David Copperfield« von Dickens fehlt nicht; und, als ob das Buch an dieser Stelle zumeist geöffnet worden: jedesmal beim Aufschlagen habe ich die Schilderung des Schiffbruchs an der Yarmouth-Küste in der Hand, jenes Meisterstück der Malerei, welche die Stimmung der Natur und die der Menschenseele in ihrer düsteren, fast dämonischen Harmonie darstellt. –

Das merkwürdigste Werk dieser Sylter Seemannsbibliothek aber ist ein Werk, welches aus zwei geschriebenen Quartbänden besteht. Es enthält die Lebensgeschichte Dirck Meinerts Hahn's und seiner sämmtlichen Seefahrten Beschreibung, und ist – nachdem er sich zur Ruhe gesetzt – in seinen Mußestunden, theils aus seiner Erinnerung, theils nach seinen Schiffsjournalen von ihm selbst verfaßt. Er gab es mir mit und ich kann gar nicht sagen, wie diese Blätter – aus denen das Meer und der Sturm selbst zu mir redeten – hier, in dieser verwandten Umgebung, meine ganze Seele gefesselt, erschüttert, zum Nachdenken angeregt – wie sie meine Phantasie erfüllt haben. In den einleitenden Worten sagt der Schreiber, daß er sein Werk zum Andenken für seine Kinder begonnen habe und demnächst mit Gottes Hülfe zu beenden hoffe; und ich kann mir vorstellen, wie es in den Händen derselben lebt, wenn er selbst lange nicht mehr ist, und wie es als ein heiliges Vermächtniß vom Vater auf den Sohn geht, durch viele Generationen; und wie vielleicht in vierhundert Jahren der Forscher auf Sylt dieses Buch citirt, wie ich heute das auf ähnliche Weise entstandene des ehrenfesten Hans Kielholt, des Predigersohnes von Alt-Eidum, citirt habe. Dies ist die Genesis unserer Geschichtsquellen.

Es ist späte Nacht. Das eine der beiden Bücher liegt offen vor mir – trotz der dicht geschlossenen Fenster wehen auf meinem Tische die Lichter ängstlich hin und her, und die Rahmen klappern. Es ist eine Unruhe in der Natur, die sich auch der Seele schon mitgetheilt hat. Große Wolken jagen bei mattem Mondenlicht über die Haide, und ihre grotesken, unheimlichen Formen deuten mir die Entstehung der nordischen Sage von fürchterlichen Thieren, die durch die Luft stürmen und den Mond zu verschlingen trachten. Der Wind saust nur in Zwischenräumen durch die Ebene; es ist, als ob er noch irgendwo gefesselt sei und an seinen Ketten rüttele. Aber dumpf und so, daß er mich nicht schlafen läßt, ist der Schlag des Meeres gegen die Dünenwand; und unter dem Eindruck des nahenden Sturmes schreibe ich mir folgende Stelle aus dem Tagebuch Dirck Meinerts Hahn's in das meine.

»1836, in meinem 32. Lebensjahr: ... Bis zu den Azorischen Inseln setzten wir ohne besondere Ereignisse unsere Reise fort, wo uns ein so schwerer Sturm überfiel, wie ich noch früher nie erlebt habe. So wie der Wind zunahm, ließ ich zuerst das Vorluck dicht machen. Dies erkannten die Passagiere schon für eine mißliche Behandlung. Gegen Abend wehete es schon so schwer, daß es nicht zu ändern war, das Hinterluck länger offen zu halten. Ich ging in den Raum nieder und stellte den Menschen vor, wie gefährlich es wäre, mit den offenen Luken unter diesen Umständen zu fahren und sagte, sie müßten zugeben, wenn ich auch das Hinterluck dicht machte. Dieß war aber weit gefehlt, aus allen Ecken überschrieen sie meine Stimme – Luft – Luft wollen wir haben! Gut, erwiderte ich, Ihr sollt Euren Willen haben; erschreckt aber nicht, wenn Gott Euren Ungehorsam bestraft. Mir soll es recht sein, mein Leben hat mir nicht mehr Werth, als Euch das Eurige. Kaum war ich wieder auf Deck gekommen, brach eine furchtbare See jämmerlich über das ganze Schiff. Es war mir mit Hülfe des zweiten Steuermannes nicht möglich, das Luck so geschwind überzulegen, daß nicht eine ungeheure Masse Wasser im Raum zu den Menschen hinunterstürzte. Wir legten jedoch so schleunig wie möglich das Luck über. Nachdem ich mich wieder erholt hatte, ließ ich den zweiten Steuermann das Luck wieder so weit aufheben, daß ich zu dieser muthwilligen Gesellschaft hinunterkam, jedoch ohne daß sie meine Gegenwart bemerkten. Jetzt tönte Heulen und Wehklagen, Geschrei aus allen Ecken – wir sind verloren. Einige beteten, Andere weinten; Einige sangen, wieder Andere schrieen. Ich machte mich nach Vorne, wo die, so katholischer Religion waren, von den Lutheranern abgesondert ihr Lager hatten, zu untersuchen, wie viel Wasser eigentlich im Zwischendeck war und fand zu meiner größten Bestürzung die Betten im Lee alle treibend. Die Eigner saßen auf dem Verschlag ihrer Kojen und überließen ruhig ihr Bettzeug dem Spiel des Seewassers.

In diesem Augenblick, da die Menschen meine Gegenwart nicht (wegen Dunkelheit) bemerkten, ließ ich mir Zeit, meine Neugierde zu befriedigen, ein Gespräch zwischen zwei Katholiken anzuhören, dem ich später nachgedacht habe, und das ich hier ebenfalls mit anführen werde.

Erster (der in der oberen Koy saß). Wie soll es wol werden, Bruder?

Zweiter (aus der unteren Koy). Wie soll es werden – so wie es beinah schon ist. Der Tod, der Tod ist da und nicht mehr auszuweichen.

Erster. O, wir haben ja doch noch Hoffnung zu unserem Leben, denn wenigstens schien der Capitain noch unverzagt zu sein, wie ich ihn zuletzt sahe.

Zweiter. Ja, der ist so, wie andere Lutheraner und Schiffer. Die Menschen werden erst bange, wenn sie den Tod fühlen. Von uns hängt dieses Unglück ab, als eine Strafe von Gott.

Erster. Wie meinst Du das?

Zweiter. Weil wir einem Lutheraner unser Leben anvertraut haben.

Erster. Dieserwegen trag' ich nun gar kein Bedenken, denn der Mann versteht wol sein Schiff zu kommandiren.

Zweiter. Das wol, aber der Mann kann in diesem unseligen lutheranischen Glauben nicht glücklich fahren, und wenn ich das früher gewußt hätte, würde ich mein Leben nicht auf ein Schiff gewagt haben, wo der Capitain nicht einmal katholischen Glauben hat. – Du sollst sehen, das Schiff geht diese Nacht zu Grunde und wir sind verloren, dabei bleib' ich. Du siehst ja, es ist bereits über halb voll Wasser. (Sie glaubten, weil das Wasser nicht vom Zwischendeck lief, das Schiff sei so weit voll.) Ich entfernte mich, unbemerkt wieder auf Deck zu kommen. Neben der Treppe, an Backbord-Seite, lag ein bejahrter, aber bemittelter, ehrlicher und religiöser Bauer, Namens Brick, lutherischer Religion. Ich liebte diesen alten Mann sehr, hatte ihm erlaubt, jeden Abend zu mir in die Kajüte zu kommen, wo er dann gern bis Mitternacht bei mir saß und mir die Langeweile durch seine Erzählungen vertrieb. Dieser hatte eine Familie bei sich von 11 Personen. Ich ließ mir wiederum einen Augenblick Zeit, unbemerkt vor des Alten Bett zu vernehmen, wie er sich bei diesem Umstand hatte. Es ließ sich aber Keiner verlauten, so daß ich mich schon entfernen wollte; fing endlich die jüngste Tochter an, die nur erst fünf Jahre alt war, und in der Mutter Arm zu liegen schien.

Liebe Mutter, warum sind wir doch nicht zu Hause geblieben, wenn wir hier alle sterben sollen. Du hast immer gesagt, in Amerika wäre es besser, zu Hause hat uns aber doch noch nicht so was gedroht?

Ja, mein gutes Kind, erwiderte die Mutter, das wußten wir auch nicht, daß uns Todesnoth begegnen würde auf unserem Wege dahin. Sonst wären wir auch da geblieben – und fing bitterlich an zu weinen.

Wenn wir denn nun sterben, fing das Kind wieder an, willst Du mich dann wol fest in Deinem Arm behalten, Mutter, daß wir nicht von einander kommen?

Hierauf brachen alle übrigen Kinder in Weinen aus, die bereits mehrstens erwachsen waren.

Wiewol mir keine Angst angekommen war, und ich als Seemann diesen Umstand von einer ganz anderen Seite erkannte, wie diese Elenden, und sie gerne getröstet hätte, mußte ich doch in dem Augenblick meiner Feigheit mich schämen, indem ich durch die Sprache dieses Mädchens selbst meine Stimme nicht verlauten lassen mochte. Hielt mich deshalb unbemerkt.

Endlich brach der Alte aus in einem gefaßten und ernsthaften Tone: Kinder, wie könnt Ihr nun weinen, und besonders Du Mutter – Du weißt, wir haben unser Eigenthum in Deutschland verkauft, wo wir unser gutes Auskommen hatten, blos deswegen, daß wir unsere Kinder (weil ihrer so viele waren) nicht unversorgt nach unserem Tode in der Welt zurücklassen wollten. Kämen wir nun auch wirklich nach Amerika hin, so ist es noch eine große Frage, ob wir uns da mehr erübrigen und in dieser Hinsicht unseren Zweck erreichen? Wie kann Gott wol unseren Wunsch besser befriedigen, als wenn er uns nun Alle auf Einmal zu sich nimmt? Dann sterben wir überzeugt, daß Keiner von uns später Noth leidet, Keiner braucht dem Andern nachzutrauern, und was noch mehr, Grete, sagte er zu seiner Frau, noch sind unsere Kinder rein und unverdorben, wie ich und Du, wir werden daher ganz gewiß in jenem Leben alle wieder zusammen kommen, daher betet nur Alle mit mir um ein seliges Ende.

Ich stand während dieses Gespräches neben dem alten Manne, der vor seinem Bette auf einer Kiste saß; ließ mich bemerken, legte meine Hand auf seine sammetne Calotte, die er gewöhnlich auf seinem Haupte trug und sagte: Verzaget nicht, alter, braver Mann, ich werde Euch mit Gottes Hülfe wol nach Amerika bringen. O, erwiderte er freundlich, seid Ihr da, Capitain? Ich verlasse mich auf Sie und Gott.

Ich wollte mich jetzt die Treppe hinauf verfügen, bemerkte aber quer über Steuerbord-Seite ein neues Gespräch, das meine Aufmerksamkeit rege machte.

Es lagen nämlich da zwei Personen bei einander, Einer ein Löffelmacher, der Zweite ein Gerber. Diese hatten einen Krug Branntwein bei sich, gaben einander wechselseitig die Hände und tranken sich fleißig zu, jedesmal sagend: Nun Adje, Bruder, im Himmel sehen wir uns wieder.

Ich lernte aus Vorgehendem erkennen, auf wie viel verschiedenerlei Art die Menschen ihren Trost herleiten – verfügte mich wieder auf Deck, nahm die Lampe mit einigen Matrosen mit mir wieder hinunter, das Wasser im Zwischendeck auszuschöpfen. Wie die Menschen meine persönliche Gegenwart in dem Lampenschein gewahrten, schrien sie alle vereint, besonders die Katholiken: Ach, Capitain, retten Sie uns, retten Sie uns!

Ich tröstete und beruhigte sie wieder, stellte ihnen vor, wenn sie meiner Ordre nicht widerlebt hätten, würden sie dieser Angst überhoben gewesen sein und schilderte ihnen das als Strafe von Gott für ihren Ungehorsam. Von allen Ecken erwiderten sie: Wir wollen uns von nun Alles gefallen lassen, retten Sie nur unser Leben.

Nachdem wir das Wasser ausgeschöpft hatten, wünscht' ich ihnen eine gute Nacht, ging auf Deck und machte die Luke dicht.

Es war in der Nacht zwischen dem 28. und 29. September. Der Sturm nahm derart zu, daß es um 10 Uhr Abends schon orkanmäßig wehete; wir lagen bei vor dem Achterstagsegel und stumpf vom Groß-Märssegel. Um eilf Uhr flog ersteres total weg; wir banden ein Vormarssegel statt dessen unter, das ebenfalls im Beisetzen wegflog. Zu 12 Uhr wehete es einen förmlichen Orkan. Der große Mast bog sich furchtbar, daß er ganz abzubrechen drohte, welches mich bewog, einen Versuch zu machen, das Märssegel zu bergen, das jedoch während des Aufgaiens ebenfalls wegflog. Die zerrissenen Stücke von diesem Segel, das noch neu war, klatschten oben so schwer bei jedem Schlag, den es nahm, als wenn ein Kanonenschuß fiele, wodurch die Menschen im Raum bemerkten, daß was Außerordentliches vorgehe. Fingen daher an, mit Brandholz unter die Luken zu schlagen.

Ich hob eine Luke oben auf und rief zu ihnen hinunter: Könnt Ihr es denn nicht mehr im Trocknen aushalten, wollt Ihr Euer Gelübde schon wieder brechen? Eine Stimme erwiderte: Wenn Sie nur da sind, dann machen Sie nur wieder dicht.

Zuvor habe ich bemerkt, daß zwei Personen unter der Gesellschaft bei einem Kruge Branntwein Abschied tranken. Wie das Segel zu klatschen anfing, hatte einer von diesen den Uebrigen zugerufen: jetzt ist's vorbei, nun ist der Capitain mit allen seinen Leuten schon über Bord und wir segeln hier allein – welches sie zu neuer Unruhe bewogen hatte. Wie sie nun erfuhren, daß ich noch da sei, beruhigten sie sich wieder.

Vermittelst meiner Hängematte, die wir in Besan-Wand ausspannten, lag das Schiff übrigens für Top und Takel ziemlich gut an dem Wind; zu fünf Uhr Morgens sprang der Wind auf Nordost und wurde etwas handsamer, zu sechs Uhr ließ ich wieder eine Luke aufmachen; ich erstaunte über den fürchterlichen Dampf, der bei dieser Oeffnung herauskam. Mit großem Spektakel kam nun Alles nach der Treppe hin, was sich noch bewegen konnte. Der Eine führte mehr Klagen beim Aufsteigen, als der Andere. Wie sie aber die fürchterlich hohe und brechende See gewahrten, hatte Keiner ein Wort weiter zu sagen.

Wie hierauf das Wetter besser wurde, war kein Einziger bange gewesen, vielweniger daß er den Tod gefürchtet hätte, außer dem vorbenannten Bauer Brick. Dieser gestand mir offenherzig, wie ihm zu Muthe gewesen war und was er von den Uebrigen gesehen und gehört hatte.«

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