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Stadt und Gebirg

José Maria Eça de Queiroz: Stadt und Gebirg - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJosé Maria Eça de Queiroz
titleStadt und Gebirg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1903
firstpub1903
translatorLuise Ey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060901
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VIII

In aller Herrgottsfrühe stand ich sachte auf, um meinen Jacintho nicht zu wecken, der mit über der Brust gekreuzten Händen wie ein Gerechter auf seiner granitharten Matratze schlief, und ritt fort nach Guiaens.

Nach Verlauf einer Woche, als ich eines Morgens zum Frühstück nach Hause kam, stieß ich auf dem Vorplatz auf meine so sehr vermißten Koffer, die ein Bursche vom Vorwerk Giesta mit »Grüßen vom Senhor Pimentinha« gebracht hatte.

Meine Gedanken sprangen zu meinem Prinzen. Und ich ließ durch den Telegraphen nach Lissabon, Hotel Braganza, den Freudenschrei ertönen: »Bist du da? Erfahre, daß Grillo und Zivilisation wieder angelangt! Hurra! Umarmung!«

Erst nach einer weitern Woche, während der wir angenehm damit beschäftigt waren, die Spargel abzuernten, mit denen ich früher den Garten der Tante Vicencia kultiviert hatte, fiel mir das Schweigen Jacinthos auf. Auf einer Postkarte erneuerte, entwickelte ich den Freundschaftsschrei: »Bist du da? Machen dich die Vergnügungen der »Baixa«Lissabon, das amphitheatralisch an und auf einem Berge liegt, zerfällt in die »Alta« (Oberstadt) und die »Baixa« (Unterstadt). Letztere ist der vornehme Stadtteil, in dem auch die »Avenida«, der Rendezvousplatz der vornehmen Gesellschaft, die Theater ec. liegen.
Anm. d. Uebers.
so taub und stumm?

Ich ganz Spargel! Antworte, wann du kommst! Herrliches Wetter! 23 Grad im Schatten. Und die Gebeine... ?«

Dann kam die fromme Wallfahrt nach Unsrer Lieben Frau da Roqueirinha. Während des Neumonds hatte ich mit Heidehauen auf dem Gebiet von Corcas zu tun. Die Tante Vicencia verdarb sich den Magen an Blutwurst. Und das Stillschweigen meines Prinzen war undankbar und empörend.

Eines Nachmittags schließlich, als ich von meiner Cousine Joanninha zurückkam, kehrte ich in Sandofim bei Manoel Rico ein, um da ein Gläschen eines Weißweines zu trinken, den meine Seele kennt – und immer verlangt.

Gegenüber vor der Tür des Hufschmieds saß der Severo, der Neffe vom Melchior von Tormes, und der beste Roßarzt in der ganzen Serra, breitspurig auf einer Bank und kaute sein Priemchen. Ich ließ ein zweites Maß Wein kommen; er kraute meiner Stute den Hals, denn er hatte sie auch schon von einer Erkältung kuriert. Und wie ich so nach unserm Melchior fragte, erzählte Severo, daß er tags zuvor bei ihm in Tormes zu Mittag gegessen und daß er auch mit dem Fidalgo gesprochen hätte...

»Ist die Möglichkeit! Dann ist der Senhor Dom Jacintho in Tormes?«

Mein Erstaunen belustigte Severo.

»Aber Euer Excellenz wissen doch... Seit über fünf Wochen ist er in Tormes und ist nicht einmal fortgegangen. Und vermutlich bleibt er zur Weinlese da, und es soll da hoch hergehen! Ueberhaupt großartig da oben!«

Himmelherrgott! Anderntags, Sonntag, nach der Messe trabte ich, ohne mich von der schon drückenden Hitze abschrecken zu lassen, in großer Aufregung nach Tormes. Beim Anschlagen der Hofhunde, als ich das feudale Portal durchschritt, lief die Gevatterin des Melchior aus der Gegend der Stallungen herbei, eine Waschbalje gegen die Hüfte gestützt. – Wo war der Senhor Dom Jacintho? ... Der Senhor Dom Jacintho ginge da hinten mit dem Silverio und dem Melchior in den Feldern von Freixomil ...

»Und der Senhor Grillo, der Neger?«

»Den Hab' ich auch vor einer Weile im Obstgarten wahrgenommen, wie er mit dem Franzosen Limonetten pflückte.«

Alle Fenster des Solars glänzten von neuen, blanken Fensterscheiben. In einem Winkel des Hofes gewahrte ich Mulden mit Kalk und Farbentiegel. Eine Maurerleiter lehnte in Sonntagsruhe gegen das Dach. Und neben der Kapellenmauer schliefen zwei Katzen auf Haufen von Stroh, das zur Verpackung beträchtlicher Kisten gedient hatte.

»Schön,« dachte ich bei mir. »Da haben wir die Zivilisation.«

Ich brachte die Stute in den Stall und sprang die Steintreppe hinauf. In der Veranda glänzte auf einem Haufen Latten eine Zinkbadewanne im Sonnenschein. Im Innern des Hauses fand ich sämtliche Fußböden ausgebessert und mit Heide abgescheuert. Die weißgetünchten nackten Wände strömten Kälte aus wie die eines Klosters. Ein Gemach, zu dem ich mit gebirglenschem Freimut durch drei sperrangelweit offene Türen gelangte, war jedenfalls das von Jacintho bewohnte: an hölzernen Kleiderriegeln hingen Kleidungsstücke; das eiserne Bett barg scheu seine jungfräuliche Herbheit unter einer Barchentdecke in einem Winkel zwischen der Mauer und dem Bänkchen, auf dem ein Blechleuchter neben einem Band Don Quichotte glänzte. Auf dem in Bambusimitation gelb angestrichenen Waschständer fanden kaum die Wasserkanne, das Waschbecken und ein klobiges Stück Seife Platz; und ein kleines Wandbrett genügte für die tadellose Rangordnung von Bürste, Schere, Kamm, einem kleinen Jahrmarktsspiegel und dem Fläschchen Lavendelwasser, das ich aus Guiaens geschickt hatte. Die drei gardinenlosen Fenster blickten auf die Schönheit der Serra hinaus und atmeten eine feine, weiche Luft, die den Harzgeruch der Kiefernwälder und den Duft der Rosen aus dem Garten aufgesogen. Gegenüber, jenseits des Vorplatzes, wiederholte sich dieselbe Einfachheit in einem andern Zimmer. Sicherlich hatte die Fürsorge meines Prinzen dies für seinen Zé Fernandes bestimmt. Ich hänge sogleich meinen glanzseidenen Staubrock an den Kleiderhaken.

In dem unermeßlichen Saal aber, wo wir beim Betrachten der Sterne so viel philosophiert hatten, hatte Jacintho einen Mittelpunkt für Ruhe und Studium eingerichtet und die ›Großartigkeit‹ entfaltet, die dem Severo solchen Eindruck gemacht hatte. Die aus Weiden geflochtenen Sessel von Madeira, geräumig und mit Armlehnen, boten den Luxus zitzbezogener Kissen. Auf dem riesigen Tische aus rohem Holz und in Tormeser Arbeit bewunderte ich ein dreiarmiges Messinglämpchen, ein klösterliches Tintenfaß mit Gänsekielen und eine Kirchenblumenvase, die von Nelken überfloß. Zwischen zwei Fenstern eine urväterische Kommode mit eingelegter Arbeit und schmiedeeisernem Zierat, die auf ihrem rosaschimmernden Marmor das fromme Gewicht einer Krippe trug, wo die drei morgenländischen Könige, Hirten mit augenfälligen Hirtentaschen, Lämmer mit zerzausten Vließen sich durch enge Felsspalten zum Jesusknaben zwängten, der, von einer ungeheuren königlichen Krone gekrönt, ihnen in seiner Grotte die Arme entgegenbreitete. Ein hölzernes Wandbort füllte ein andres Stück Wand aus, zwischen zwei schwarzen Porträts in schwarzen Rahmen. In einem seiner Fächer ruhten zwei Flinten. In den andern harrten zerstreut, wie die ersten Doktoren in den Bankreihen eines Konzils, einige vornehme Bücher, ein Plutarch, ein Virgil, die Odyssee, das Handbuch des Epiktet, die Chroniken von Froissart. Dann eine sittsame Reihe neuer, frischlackierter Rohrstühle. Und in einer Ecke ein Bündel Feldstöcke.

Alles glänzte vor Sauberkeit und Ordnung, die angelehnten Fensterläden hielten die Sonne ab, die auf jener Seite von Tormes stand und die steinernen Fensterbrüstungen durchglühte. Von dem leicht besprengten Fußboden stieg in dem sanften Dämmerlicht eine angenehme Frische auf. Die Nelken dufteten. Kein Laut, weder im Hause noch in den Feldern. Tormes schlief in sonnenmorgendlicher Sonntagsruh. Und von dieser herzerquickenden, ländlich klösterlichen Stille durchdrungen, streckte ich mich schließlich in einen der Weidensessel neben dem Tisch aus, öffnete träge einen Band Virgil und murmelte, den aufgeschlagenen Vers parodierend:

Fortunate Jacinthe, hic, inter arva nota
Et fontes sacros, frigus captabis opacum...

Glücklicher Jacintho, wahrhaftig! Jetzt, in Gefilden, die dein Eigentum, und zwischen Quellen, die dir heilig sind, findest du endlich Schatten und Frieden!

Ich las noch mehr Verse. Und in der Ermüdung von dem zweistündigen Ritt und der Hitze schlief ich unehrerbietigerweise über dem göttlichen Sänger ein – bis mich ein freundlicher Zuruf erweckte! Es war mein Prinz. Und nachdem ich mich aus seiner kräftigen Umarmung losgemacht, drängte sich mir der sehr entschiedene Vergleich Jacinthos mit einer Pflanze auf, die, im Dunkel zwischen Teppichen und Seidenpolstern verkümmert und welk geworden, nun an Luft und Sonne gebracht und reichlich begossen ist, neue Triebe ansetzt, frisch ergrünt und der Natur Ehre macht! Jacintho ging schon nicht mehr geneigt. Ueber die kalte Blässe des Hyperzivilisierten hatte die Berglust, das Naturleben einen warmen, braunen Ton erneuerten Blutes verbreitet, das ihm ein prachtvoll männliches Aussehen gab. Aus den Augen, die in der Stadt immer weltabgewandt dahindämmerten, strahlte jetzt das freimütige, zielbewußte Feuer des Südländers, der beglückt die Schönheit der Dinge in sich trinkt. Selbst der Schnurrbart hatte sich gekräuselt. Und schon ließ er nicht mehr die enttäuschte Hand über das Gesicht gleiten, sondern schlug sich voll Lebensfreude damit auf den Schenkel. Kurz, ein völlig neuer Jacintho. Und einer, der mich beinahe erschreckte, weil ich in diesem neuen Prinzen die neuen Weisen und Ideen zu lernen, zu durchdringen hatte.

»Caramba, Jacintho, aber so was ...?« Er zuckte frohgelaunt die breiter gewordenen Achseln. Und er wußte, während er mit seinen weißen, staubbedeckten Schuhen den ausgebesserten Fußboden in kräftigem Auf- und Abgehen trat, nur zu erzählen, daß, als er an jenem Morgen in Tormes erwacht sei und nach einem Bade im Tränktrog meine Wäsche angelegt habe, er sich plötzlich wie »entwölkt«, wie »losgebunden« vorgekommen sei. Er hätte eine Schüssel voll Eier und Wurst gefrühstückt – sublim! Dann wäre er durch die ganze Gebirgsherrlichkeit gegangen mit leichten Gedanken voll Freiheits- und Friedensgenuß. Er hätte von Oporto ein Bett und ein paar Kleiderhaken kommen lassen... Und da war' er nun...

»Für den ganzen Sommer?«

»Nein! Aber für einen Monat... zwei Monate! Solange es Wurst gibt und mir das Quellwasser, aus dem Ziegel oder einem Kohlblatt getrunken, so göttlich schmeckt!«

Ich fiel auf einen Weidenstuhl und betrachtete meinen Prinzen aus weitaufgerissenen, fast stieren Augen! Er rollte unterdes gleichmütig in ein Leinentuch grob geschnittenen Tabak, den er einem Suppennapf entnahm, und rief aus:

»Seit Sonnenaufgang durchstreife ich die Berge. Ich habe heut schon vier prachtvolle Forellen gefangen ... da unten, in Naves, ein Bergbach, der durch das Serandatal stürzt... da haben wir heut gleich was zum Mittagessen!«

Aber ich, begierig auf diese Wiedergeburtsgeschichte:

»Dann bist du gar nicht in Lissabon gewesen? ... Ich habe telegraphiert...«

»Ach was, Telegraph! Und was schiert mich Lissabon! Da oben bin ich gewesen, bei der Liraquelle, da hab' ich im Schatten eines großen Baumes gesessen. Sub tegmine von ich weiß nicht was, und habe diesen anbetungswürdigen Virgil gelesen... Und dann hab' ich mir meinen Palast eingerichtet! Was meinst du, Zé Fernandes? In drei Wochen alles gedielt, Fenster eingesetzt, getüncht, ›bestühlt‹! ... Das ganze Kirchspiel hat mitgearbeitet! Ich selber habe angestrichen mit einem Riesenpinsel. Hast du schon die Futterraufe gesehen?«

»Nein.«

»Na, dann komm und bewundere die Schönheit in der Einfachheit, Barbar!«

Es war dasselbe Gemach, wo wir den Reis mit Bohnen so sehr gepriesen hatten, – aber jetzt gehörig gescheuert und getüncht, mit einer Fußleiste, die, grellblau angestrichen, mich das Werk meines Freundes erraten ließ. Ein Tischtuch aus Guimarenser Leinwand bedeckte den Tisch, und seine Fransen streiften den Fußboden. In der Mitte der dicken Steingutteller leuchtete ein gelber Hahn. Es war derselbe Hahn und dasselbe Geschirr, in dem bei uns in Guiaens die Pflüger ihre Bohnen aufgetischt bekommen ...

Im Hofe blafften die Hunde. Und Jacintho enteilte in die Veranda, mit einer neugierigen Geschwindigkeit, die mich belustigte. Ah, entschieden, das Netz, dessen unsichtbare Maschen ihn sonst umstrickt gehalten, war zerrissen! – In diesem Augenblick erschien Grillo in Leinenjacke und in jeder Hand eine Flasche weißen Weins. Er verklärte sich, als er in der Quinta ›seinen Sio Fernandes‹ sah. Aber sein ehrwürdiges Gesicht erglänzte schon nicht mehr wie in Paris in dem heitern, glücklichen Ebenholzglanz. Es schien mir sogar, als ginge er gebückt... Als ich ihn über diese Veränderung befragte, streckte er achselzuckend die wulstige Unterlippe vor:

»Dem jungen Herrn gefällt's hier, also gefällt's mir auch ... Die Luft ist hier ja sehr gut, Sio Fernandes, die Luft ist sehr gut!«

Dann setzte er mit trostloser Gebärde nach dem Steingutgeschirr von Barcellos, den Messern mit Heften aus Bein und den tannenen Geschirrbrettern, die an ein Refektorium der Franziskaner erinnerten, leise hinzu:

»Aber schmale Kost, Sio Fernandes, schmale Kost!«

Jacintho kam mit einem Bündel Zeitungen unter Kreuzband zurück.

»Das war der Briefbote. Du siehst, daß ich nicht etwa ganz mit der Zivilisation gebrochen habe. Da ist die Presse... Aber nichts von »Figaro« oder von der entsetzlichen »Deux Mondes«! Landwirtschaftliche Zeitungen! Um zu lernen, wie man diese lachenden Ernten erzielt, und unter welchem Zeichen man die Rebe der Ulme vereint, und welcher Pflege die sorgende Biene bedarf ... Quit faciat laetes segetes ... Uebrigens hätte mir zu dieser edlen Erziehung schon Birgits Georgien genügt, von der du natürlich keinen Dunst hast!« Ich lachte:

»Holla! Nos quoque gens sumus et nostrum Virgilum sabemus!« Aber mein neugeborener Freund hatte sich zum Fenster hinausgebeugt und klatschte in die Hände, wie Cato, wenn er im schlichten Rom die Diener herbeirief.

»Anna Vaqueira!« rief er, »ein Glas Wasser, gut gespült, von der alten Quelle!« Ich sprang sehr belustigt auf: »Jacintho, und die kohlensauren Wasser? Und die Phosphorsäulen? Und die sterilisierten? Und die Sodawasser? ...«

Mein Prinz zuckte wegwerfend die Achseln und begrüßte beifällig das Erscheinen eines großen, von der eisigen Frische des funkelnden Wassers ganz beschlagenen Glases, das ein schönes junges Weib auf einem Teller hereinbrachte. Ich bewunderte hauptsächlich das junge Frauenzimmer ... Diese Augen, von welch tiefem, ernstem Schwarz! Im Gang, im Wiegen der Hüfte die harmonische Anmut einer lateinischen Nymphe!

Und kaum war die Prachterscheinung wieder durch die Tür entschwunden, so rief ich:

»O Jacintho, in einem kleinem Augenblick will ich auch Wasser! Und wenn es diesem Prachtweibe obliegt, das Verlangte herzuschaffen, so will ich alle fünf Minuten was! ... Diese Augen! Diese Gestalt ... Donnerwetter, Menschenkind! Das ist Leben gewordene Poesie der Berge...«

Mein Prinz lächelte gleichmütig: »Nein, bilden wir uns nur nichts ein, Zé Fernandes! Machen wir kein Arkadien! Es ist ein schönes Frauenzimmer, aber es ist die Schönheit eines Tieres ... Da ist nicht mehr Poesie darin, nicht mehr Empfindsamkeit, auch noch nicht einmal mehr Schönheit als in einer schönen jungen Kuh. Sie verdient ihren Namen Anna Vaqueira. Sie arbeitet gut, verdaut gut, bringt gesunde Kinder zur Welt. Dafür hat die Natur sie so gesund und kräftig gemacht; und diese Aufgabe erfüllt sie. Der Gemahl indes scheint nicht befriedigt, denn er prügelt sie. Auch er ist ein schönes Tier.... Nein, mein Junge, die Serra ist wunderbar, und ich bin ihr sehr dankbar ... Aber wir finden hier die weibliche Hälfte der Menschheit lediglich in ihrem tierischen Zustand, und die männliche in ihrem vollentwickelten Egoismus ... Aber sie sind darum um so echter, wahrhaft echt! Und diese Erkenntnis, Zé Fernandes, ist für mich eine Tröstung.«

Langsam, die Frische, Stille und freie Weite des geräumigen Hauses genießend, kehrten wir wieder in den Saal zurück, den Jacintho schon ›die Bibliothek‹ benamst hatte. Und plötzlich, wie ich in einer Ecke eine halbgeöffnete Kiste stehen sah, verschluckte ich mich beinahe vor Neugier:

»Und die Kisten? O Jacintho? ... Der ganze ungeheure Kistenkram, den wir voll Zivilisation gepfropft hatten? Hast du was davon erfahren? Sind sie wieder ans Licht gekommen?«

Mein Prinz hielt den Schritt an und schlug sich vergnügt aus den Schenkel:

»Famos! Du erinnerst dich doch noch des Männchens mit der karierten Jacke, mit der Ledertasche über der Achsel, das wir so sehr bewunderten wegen seines Scharfsinns, seiner geographischen Kenntnisse? ... Erinnerst dich? Kaum, daß ich nur Tormes erwähnte, rief er ja, das kenne er und kritzelte eine Notiz ... Weiter war ja gar nichts nötig! »O Tormes, parfaitement, très ancien, très curieux!« Na, und dann hat er den ganzen Kram nach Alba-de-Tormes in Spanien geschickt! Da liegt nun alles in Spanien!«

Ich kratzte mir das Kinn in trostloser Enttäuschung:

»Nein, so was, so was ... So ein gewitzter Mensch, so gewandt, der dem Fortschritt solche Ehre machte! Alles nach Spanien hin! ... Und hast du's schon reklamiert?«

»Nein! Später vielleicht ... Fürs erste, Zé Fernandes, genieße ich diese Wonne, früh aufzustehen und nur eine einzige Bürste zu haben, um mir das Haar zu glatten.«

Erinnerungsvoll äugte ich meinen Freund.

»Sonst hattest du so etwa neun Stück davon.«

»Neun? Zwanzig! Vielleicht gar dreißig! Und das war eine ewige Wirrsal! Nie fand ich, was ich brauchte! ... Niemals bin ich in Paris gut gekämmt gegangen. Ebenso mit meinen siebzigtausend Bänden: Es waren so viele, daß ich nie einen las. Und mit meinen Geschäften: die lasteten so sehr auf mir, daß ich nie etwas Nützliches getan habe!«

Am Nachmittag, als die Hitze vorbei war, schlenderten wir auf den sich windenden Wegen der reichen Quinta, die sich zwei Meilen durch Berg und Tal wogend erstreckt. Seit jenem weit zurückliegenden Tage unsers Intermezzos, wo er sich in dem gesellschaftlichen und polizeibewachten Bois de Montmorency so unglücklich gefühlt hatte, war ich mit Jacintho nicht wieder in der freien Natur gewesen. Ah, aber jetzt, – mit welcher Sicherheit und idyllischen Liebe er durch diese Natur schritt, von der ihn so viele Jahre lang Theorie und Gewohnheit ferngehalten hatten! Die tödliche Feuchtigkeit des Rasens flößte ihm keine Furcht mehr ein; er empörte sich nicht mehr gegen das ihn dreist streifende Gezweig, noch beurunhigte ihn die Stille auf den ragenden Höhen als eine Entvölkerung des Alls. Mit Wonne, mit der Befriedigung neugewonnener Widerstandsfähigkeit grub er seine derben Schuhe in die weiche Erde, als fühlte er sich in seinem natürlichen, angestammten Element. Ohne alle Notwendigkeit ließ er die bequemen Pfade links liegen, um durch verflochtenes Gezweig zu dringen und an der Wange die Liebkosungen zarten Laubes zu fühlen. Auf den Anhöhen blieb er regungslos stehen und wehrte meinen Bewegungen und fast meinem Atem, um sich an dem Schweigen und dem Frieden zu berauschen: und zweimal überraschte ich ihn, wie er zu einem geschwätzigen Bach herniederlauschte und lächelte, als horchte er, was ihm dieser zu erzählen hätte ...

Sodann philosophierte er unaufhörlich mit dem Enthusiasmus eines Bekehrten, den es nun verlangt, andre zu bekehren:

»Wie die Vernunft sich hier befreit, wie? Und wie alles von starkem, tiefem Leben genährt wird! ... Und da meinst du nun, Zé Fernandes, hier gäbe es kein Denken ...«

«Ich?! Ich habe gar nichts gemeint, Jacintho...« »Nun, das ist eine sehr beschränkte und plumpe Weise, nachzudenken.«

»Das ist noch besser! Aber ich ...« »Nein, nein, du verstehst das nicht. Das Leben beschränkt sich nicht bloß aufs Denken, mein verehrter Doktor ...« »Bin kein Doktor!«

»Das Leben ist wesentlich Wille und Bewegung: und auf jenem Stück Acker, das mit Mais bestanden ist, findet sich eine ganze Welt von Impulsen, von sich offenbarenden Kräften, die ihren höchsten Ausdruck in der Form erreichen. Nein, diese deine Philosophie ist noch äußerst roh ...«

»Donnerwetter! Ich habe ja gar nicht ...«

»Und dann, mein Junge, welche unerschöpfliche, welche wunderbare Mannigfaltigkeit der Formen ... Und alle schön!«

Er packte meinen armen Arm und verlangte, ich solle mit Andacht Umschau halten. In der Natur würde ich niemals einen häßlichen oder einen wiederholten Umriß finden! Nie zwei Efeublätter, die in Farbe oder Schnitt gleich wären! In der Stadt im Gegenteil wiederholt jedes Haus sklavisch das andre Haus, alle Gesichter zeigen dieselbe Gleichgültigkeit oder dieselbe Unruhe. Die Gedanken haben alle denselben Wert, denselben Stempel, dieselbe Gestalt, wie die Geldstücke. Und selbst im Persönlichsten, im Innerlichsten, in der Illusion, sei überall dasselbe: alle atmen sie, alle verlieren sich in ihr, wie in einem Nebel ... Die »Uebereinheit«, das ist der Schrecken der Städte!

»Aber hier! Sieh da mal den Kastanienbaum an! Seit drei Wochen sehe ich ihn nun jeden Morgen, und jedesmal scheint er mir anders ... Der Schatten, die Sonne, der Wind, die Wolken, der Regen geben ihm unablässig einen verschiedenen Ausdruck, der immer neu und interessant ist. Niemals könnte mich der Verkehr mit ihm ermüden ...«

Ich murmelte:

»Schade, daß er nicht reden kann!«

Mein Prinz wich zurück, flammenden Blicks, mit Apostelaugen. »Wieso nicht reden? Er ist ja gerade ein unübertrefflicher Redner! Selbstverständlich hat er keine Schlagwort«, noch Gemeinplätze, schwatzt auch nicht über Theorien, oro rotundo. Aber niemals gehe ich an ihm vorüber, ohne daß er mir einen Gedanken eingibt oder mir eine Wahrheit enthüllt ... Noch heute, als ich vom Forellenfang zurückkam ... Ich blieb stehen: und gleich ließ er mich spüren, wie sein ganzes Pflanzenleben nichts weiß von der Arbeit, der Begierde, der Anstrengung, die das Menschenleben auferlegt. Er braucht nicht zu sorgen um den Unterhalt, nicht um die Kleidung, noch um die Wohnung; als ein liebes Kind Gottes empfängt er von Gott seine Nahrung, ohne daß er sich regt oder sich sorgt... Und gerade diese ruhige Sicherheit verleiht ihm so viel Anmut und Majestät. Ja findest du das nicht?«

Ich lächelte, stimmte zu. All dies war ja sicher gesucht und trügerisch. Aber was kümmerten mich denn die wohlgeformten Metaphern und diese unreife Metaphysik, die da in aller Eile von den Zweigen eines Kastanienbaumes gepflückt war? Unter diesem ganzen Begriffsdusel schimmerte eine vortreffliche Wirklichkeit: die Aussöhnung meines Prinzen mit dem Leben. Seine Auferstehung aus vieljährigem Begrabensein, aus dem weichlichen Grab, in dem er wie eine in Pessimismus gewickelte Mumie gelegen hatte, war eine vollendete Tatsache!

Und wie dieser Prinz mich an diesem Nachmittag in Atem hielt! Er schnüffelte mit unersättlicher Neugier in allen Spalten und Mulden der Serra herum! Im Lauftritt erkletterte er die Bergspitzen, wie in der Hoffnung, von dort oben den noch nie gesehenen Glanz einer unbekannten Welt zu entdecken. Und sein ganzer Kummer war, daß er nicht die Bäume bei Namen kannte, und das Rankengewächs, das einer Felsspalte entsproß ... Fortwährend durchblätterte er mich wie ein botanisches Wörterbuch.

»Ich habe, wer weiß was für Kurse durchgemacht, habe die gelehrtesten Professoren Europas zu Lehrern gehabt, besitze über dreißigtausend Bände und weiß bei alledem nicht einmal, ob der alte Herr da unten ein Faulbaum oder ein Korkbaum ist ...« »Das ist eine Steineiche, Jacintho.« Schon lagerten Abendschatten auf dem Bergbild, als wir langsam heimkehrten. Und dieser ganze ruhevolle Himmelsfrieden, die lauschende Andacht der Felder, wo jedes Blättchen in dem leise erblassenden Licht des schwindenden Tages in beschaulicher Reglosigkeit verharrte, durchschauerte Jacintho so tief daß ich ihn in dem tiefen Schweigen wohlig seufzen hörte.

Und dann mit tiefem Ernst: »Du sagst, in der Natur gebe es kein Denken...« »Schon wieder! Hör, du wirst langweilig! Ich...« »Aber gerade, weil das Denken in ihr unterdrückt ist, wird ihr das Leiden erspart! Wir Unglücklichen können das Denken nicht unterdrücken, aber sicherlich können wir es erziehen und verhindern, daß es ausarte, auf Abwege gerate, wie in dem großen Backofen der Stadt, indem es sich Genüsse ersinnt, die sich nie verwirklichen, und Ziele erstrebt, die nie zu erreichen sind! ... Und das predigen diese Bäume und diese Bergwelt unsrer wachen, regen Seele: daß sie im Frieden stillen Träumens lebe und nichts erjagen wolle, nichts fürchte, gegen nichts sich auflehne und die Welt ihre Bahnen rollen lasse, ohne von ihr mehr zu erhoffen, als ein einlullendes, harmonisches Summen, das es ihr leicht macht, in Gottes Hand zu ruhen und zu schlafen. Meinst du nicht auch, Zé Fernandes? »Möglich. Aber dann muß man in einem Kloster leben mit dem Temperament des heiligen Bruno, oder hundertundvierzig Contos Einkünfte haben und ein gewisser Jacintho sein ... Und dann meine ich auch, wir haben uns schon einige Meilen unter die Füße gelegt, und ich bin kreuzlahm und hab' einen schmählichen Hunger!«

»Um so besser für die Forellen und für den Lammbraten, der uns erwartet...«

»Bravo! Wer kocht dir denn?«

»Ein Patenkind vom Melchior. Famoses Frauenzimmer! Die Hühnersuppe mit Reis sollst du mal sehen! Und das Schwarzsauer! Sie selbst ist ein Scheusal, fast eine Zwergin, mit schielenden Augen, eins grün, eins schwarz. Aber eine Zunge! Ein Kochgenie!« In der Tat! Horaz würde diesem an kirschholzenem Spieß gebratenem Lamm eine Ode gewidmet haben. Und mit den Forellen und Melchiors Wein und dem Schwarzsauer, worin die famose Zwergin mit den Schielaugen Inspirationen niedergelegt hatte, die nicht von dieser Welt waren, und bei der Milde des Juniabends, der durch die offenen Fenster drang und uns in seinen dunkeln Sammet hüllte, wurde mir so wohl zu Mut, daß ich in dem Zimmer, wo uns der Kaffee erwartete, in einen Weidensessel sank (es war der gemächlichste und der die besten Kissen hatte,) und vor reiner Wonne stöhnte.

Dann kam mir eine Erinnerung:

»O Jacintho,« und dabei wischte ich mir den Kaffee aus dem Schnurrbart, »weißt du noch, wie wir in Paris mit dem Pessimismus auf dem Buckel einhergingen und stöhnten, daß alles nur Illusion und Leiden wäre?«

Mein Prinz, den der Lammbraten noch heiterer gestimmt hatte, ging mit großen Schlitten auf und nieder und rollte sich eine Zigarette: »O, dieser tiefsinnige Esel, dieser Schopenhauer! Und ein viel größerer Esel ich selber, der ich ihn eintrank und mich mit Inbrunst entmutigte! Und dennoch,« fuhr er fort und rührte in seiner Kaffeetasse, »der Pessimismus ist eine sehr tröstliche Theorie für die, die leiden, weil er das Leiden desindividualisiert, es verallgemeinert, es zu einem Naturgesetz, zum eigentlichen Lebensgesetz macht. Demzufolge nimmt es ihm den verletzenden Charakter einer persönlichen Ungerechtigkeit, die ein feindseliges und meuterisches Schicksal gegen den Leidenden begeht. Tatsächlich erbittert uns unser Uebel ganz besonders, wenn wir das Gute, das unser Nachbar genießt, betrachten oder es uns vorstellen, weil wir uns dadurch als vom Unstern erwählt und abgesondert fühlen, während wir wie er für das Glück geboren sein könnten. Wer würde sich beklagen, lahm zu sein, wenn die ganze Menschheit hinkte? Und welch ohrenbetäubendes Wutgebrüll würde nicht derjenige ausstoßen, den Kälte und Schneesturm eines Privatwinters umhüllte, der extra im Weltenraum organisiert wäre, um ganz allein ihn einzuschließen, während ringsumher die ganze Menschheit sich der lichtvollen Milde eines Frühlings erfreute?«

»In der Tat,« pflichtete ich bei, »der arme Kerl hätte genügend Grund zu einem Wutgeheul...«

»Und dann,« erörterte mein Freund weiter, »der Pessimismus ist vorzüglich für die Trägen, weil er ein Milderungsgrund für den unsympathischen Frevel der Trägheit ist. Wenn alles Ziel nur ein Berg von Leiden ist, an dem die Seele zerschellt, warum dann durch die Hindernisse der Welt auf dies Ziel lossteuern? Und im übrigen predigen alle Lyriker und Theoretiker des Pessimismus, von Salomo zum bösen Schopenhauer, ihr hohes Lied oder ihre Doktrin nur, um die Demütigung ihrer Misere zu maskieren, indem sie sie einem allgemeinen Lebensgesetz, einem kosmischen Gesetz, unterstellen und so die kleinen Tücken ihres einzigen Schicksals oder die durch ihr Temperament erzeugten Mißgeschicke mit dem Glorienschein eines nahezu göttlichen Ursprungs schmücken.

»Der gute Schopenhauer formuliert seinen ganzen Schopenhauerismus, als er noch ein Philosoph ohne Verleger, ein Lehrer ohne Schüler ist; er leidet ganz entsetzlich unter eingebildeten Schrecken: verbirgt sein Geld unter den Dielen des Fußbodens; macht seine Berechnungen auf griechisch, in der ewigen Qual des Mißtrauens; lebt in Kellerräumen aus Furcht vor Feuersbrünsten; reist mit einem zinnernen Krug in der Tasche, um nicht aus einem Glase zu trinken, das vielleicht die Lippen von Aussätzigen verpestet haben! ... Schopenhauer ist damals also düsterer Schopenhauerist. Aber kaum gelangt er zu Berühmtheit, kaum beruhigen sich seine elenden Nerven, kaum umgibt ihn lieblicher Friede, als es in ganz Frankfurt keinen optimistischeren Bürger, kein vergnügteres Gesicht gibt und keinen, der behaglicher die Wohltaten des Geistes und des Lebens genösse! ...

»Und der andre, der Israelit, der pedantische König von Jerusalem! Wann entdeckt dieser famose Schönredner, daß die Welt Täuschung und Eitelkeit ist? Mit fünfundsiebzig Jahren, als die Macht seinen zitternden Händen entsinkt und ihm sein Serail von dreihundert Kebsweibern zu einer lächerlichen Ueberflüssigkeit wird. Da brechen die prunkvollen Klagelieder los! Alles ist Eitelkeit und Betrübnis der Seele! Nichts Dauerndes gibt's unter der Sonne! Allerdings, mein guter Salomo, alles ist vergänglich, vorzugsweise das Vermögen, dreihundert Kebsweiber zu unterhalten! Aber man soll nur dem betagten, mit Literatur gesalbten asiatischen Sultan seine Manneskraft zurückgeben, und wo wird die Klage des Predigers Salomonis bleiben? Sie wird sich in eine zweite, triumphierende Ausgabe des Hohenlieds der Liebe verwandeln!...«

So folgerte mein Freund in dem nächtlichen Schweigen von Tormes. Ich glaube, er stellte über den Pessimismus noch andre lustige, tiefsinnige oder elegante Dinge auf; aber ich schlief, in Optimismus und süßes Nichtstun gehüllt, selig darüber ein.

Bald darauf aber ließ mich ein lautes, herzhaftes und echtes Gelächter in die Höhe fahren und die schweren Lider aufreißen. Es war Jacintho, der, in einen Sessel gestreckt, im Don Quichotte las ... O du glücklicher Prinz Glückspilz! Da hatte er sich den Scharfsinn bewahrt, aus einer noch grünen Maisstaude Theorien zu ziehen, und von Gottes Gnaden, die den trockenen Stamm neu ausschlagen läßt, hatte er die göttliche Gabe wiedergefunden, über die dummen Streiche eines Sancho zu lachen!

Während ich ihm zwei Wochen lang in ruhefrönender Bergeinsamkeit Gesellschaft leistete, bereitete Jacintho die so viel besprochene und begrübelte Zeremonie vor, die Ueberführung der Gebeine der jacinthischen Urväter, der »ehrwürdigen Gebeine«, wie der gute Silverio an diesem Freitagmorgen, wo er in einem staunenerregenden, mit blauer Seide verbrämten gelben Sammetjackett mit uns frühstückte, mit einer Verbeugung murmelte. Die Zeremonie forderte übrigens die größte Schlichtheit, weil jene Ueberreste, die wir in dem neuen, kalten, noch so nackten und seelenlosen Kapellchen des Carrçia-Tales beisetzen wollten, so unbestimmt, beinahe unpersönlich waren.

»Denn schließlich begreifen Excellenz,« begründete Silverio und wischte mit der Serviette über das breite, schweißgebadete Gesicht und über den ungeheuren schwarzen Bart, der ihn einem Turko ähnlich machte, »in diesem Mischmasch ... O, ich bitte um Entschuldigung! In der Verwirrung, als alles abstürzte, konnten wir nicht mehr erkennen, wem die Gebeine gehörten. Auch wußten wir, die Wahrheit zu sagen, nicht einmal, welche würdigen Ahnen von Ezcellenz in der alten Kapelle ruhten, die, uralt wie die verwischten Inschriften, sicherlich höchst ehrwürdige, aber, wenn Excellenz gestatten, nunmehr auch sehr zerfallene Herrschaften sein dürften ... Nun kam der Unfall, das Durcheinander. Und dann bestimmte ich nach reiflicher Ueberlegung folgendes: Ich ließ so viele Bleisärge anfertigen, wie Totenschädel da unten zwischen Schutt und Kieselsteinen in der Carriça gefunden wurden. Es waren sieben und ein halber Schädel ... Ich will sagen, sieben ausgewachsene Schädel und ein kleines Schädelchen. Nun legten wir jeden Schädel in seinen Sarg für sich. Und dann ... was sollten wir machen? Wir konnten uns nicht anders helfen! Und hier der Senhor Fernandez mag sagen, ob er nicht findet, daß wir geschickt zu Werke gegangen sind: jedem Schädel fügten wir eine Portion Knochen bei, eine anständige Portion ... Was sollten wir anders tun? ... Nicht alle Knochen wurden aufgefunden; Schienbeine zum Beispiel fehlten. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß die Rippen von einem jener Herren den Kopf von einem andern aufgesetzt bekommen haben ... Aber wer konnte das wissen? Gott allein. Kurz und gut, wir taten, was von der besten Einsicht geboten war ... Einstmals am Tage des Gerichts mag dann jeder dieser Fidalgos die ihm zugehörigen Knochen aufweisen.«

Diese schaudererregenden, makabren Dinge warf er, von Ehrfurcht durchdrungen, fast mit Majestät, so hin, wobei er bald mich, bald meinen Prinzen mit den scharfen und wie schwarzer Schmelz glitzernden Aeuglein spießte.

Ich pflichtete dem pittoresken Mann bei:

»Sehr richtig! Haben's sehr richtig gemacht, Freund Silverio. Alle diese Urahnen sind ja so unbestimmt, so anonym! Nur schade, sehr schade, daß die Ueberreste vom Großvater Galiaon auch durcheinander gekommen sind!«

»Ist gar nicht hier gewesen!« fiel mir Jacintho in die Rede. »Ich bin ganz expreß nach Tormes gekommen wegen des Großvaters Galiaon, und schließlich ist seine Grabstätte nie hier gewesen, in der Carriça-Kapelle... Zum Glück!«

Silverio schüttelte tiefdenkerisch die braune Glatze:

»Wir haben nie das Vergnügen gehabt... hm, hm! Will sagen. Seine Excellenz, der Herr Galiaon haben hier nie zu ruhen geruht. Seit hundert Jahren, Herr Fernandos, seit hundert Jahren ist in der alten Kapelle kein Fidalgo aus diesem Hause beigesetzt worden.«

»Wo mag er denn sein?«

Mein Prinz zuckte die Achseln. »Irgendwo im Reich ... Im Kirchlein, auf dem Friedhof eines der zahlreichen Kirchspiele, wo er Güter besaß. Ein so weit ausgedehnter Besitz!«

»Schön!« schloß ich. »Da es sich also um ganz unbestimmte, namen- und datenlose Gebeine handelt, ist es angemessen, nur eine kleine, schlichte Zeremonie zu veranstalten.«

»Ganz still, ganz still!« murmelte Silverio und blies pfeifend in seinen Kaffee.

Und sie war ganz schlicht, von ländlicher, milder Einfachheit, die Bestattungsfeier jener hohen Herrschaften. Früh an einem lichten Nebelmorgen schwankten die acht kleinen Särge unter einer roten Sammetdecke, die mehr zu einem Freudenfest als zu einer Leichenfeierlichkeit paßte, und unter blühenden Rosen mit ihrem Häuflein unbestimmter Knochen auf den Schultern der Totengräber und der Gutsleute aus der St. Josephskirche heraus. Und das Glöcklein klang durch den weichen Morgennebel, so fein und leise wie die Klage eines betrübten Vögleins. Voraus schritt ein hochgewachsener Knabe im Chorhemd und hielt inbrünstig das alte silberne Kruzifix empor. Den Hals in ein ungeheures blaukariertes Schnupftuch gehüllt, schwang der altersgebeugte Küster nachdenklich den Weihrauchkessel; und der gute Pfarrer von St. Joseph, mit dem Zeigefinger in dem geschlossenen Brevier, bewegte die Lippen in langsamem Gebetsmurmeln, das in der linden Luft das Ohr wie Liebkosungen berührte. Nicht hinter dem letzten Schrein, dem kleinsten, der den kleinen Schädel enthielt, schritt Jacintho, und ich platzte neben ihm in einem ihm gehörigen schwarzen Anzug, der in aller Eile einem der Pariser Koffer entnommen war, da ich mich erst am selben Morgen und also zu spät, um nach Guigens zu schicken, erinnert hatte, daß ich nur Fest- und Hirtengewänder bei mir führte.

Hinter uns marschierte Silverio feierlichen Schrittes, mit ungeheurer Hemdenbrust, auf die der ungeheure, pechschwarze Bart herabwallte. Im Frack, mit hängender Unterlippe und hängender Nase, – es hing alles an ihm überhaupt infolge der Melancholie der Beisetzungsfeier, die sich der Melancholie der Serra gesellte, – schritt Grillo dahin; am Arm hing ihm ein riesiger Kranz aus Rosen und Efeu. Den Beschluß machte Melchior in einer Gruppe von Frauen, die, im Schatten der schwarzen Kopftücher versunken und lange Rosenkränze zwischen den Fingern, abwechselnd dumpfe Ave Marias murmelten und langgezogene Seufzer ausstießen, so trostlos und schmerzlich, als wenn ihnen der Verlust dieser zerfallenen Jacinthos tief zu Herzen ginge. So zog die Prozession durch die von Bächen durchschnittenen Talgründe, stieg langsam die Berghänge hinauf, glitt schneller die holperigen Hohlwege hinab, und das vorausragende silberne Kruzifix erglänzte hin und wieder in einem kurzen Sonnenstrahl, der aus den zerrissenen Nebelschwaden blinkte. Vom Elsbeerbaum oder den Weiden niederhängendes Gezweig glitt wie eine Liebkosung über den Sammet der Särge.

Ein Bach lief hier und da neben uns her, mit gedämpftem Glitzern unter grünem Grase, und gluckste und murmelte geschäftig, als bete er eifrig mit; und aus schattigen Bauernhöfen heraus ließen bei unserm Vorüberkommen die Hähne von ihrem Heidehaufen herab ihre Festtrompete ertönen.

Später, jenseit der Liraquelle, da der Weg sich lang hinzog und wir unsern alten Pfarrer zu schonen wünschten, nahmen wir einen Richtweg durch ein Saatfeld, dessen hohe, fast reife Aehren ganz mit blühendem Mohn vermischt waren. Die Sonne leuchtete: unter der weiten Brise, die den Nebel verscheucht hatte, wogte das Korn in großen goldenen Wellen, in denen sich die Totenschreine schaukelten; und wie eine Riesenmohnblume loderte der feuerrote Sonnenschirm, der sogleich vom Küster zum Schutz für den Pfarrer aufgespannt war.

Jacintho berührte meinen Ellbogen:

»Wie festlich unser Zug ist! Sieh dir die Natur an ... Bei einer schlichten Bestattung von Knochen, welche Anmut, welche Schönheit!«

Vor der neuen Kapelle, die das Carriça-Tal beherrschte, in einem noch unebenen, rasen- und strauchlosen Vorplatz, hielten zwei Burschen an der Tür Bündel von Wachsfackeln, die Silverio mit langsam feierlichem Schritt und einer jeweiligen Kopfneigung verteilte. Im Innern der Kapelle wurde das trübe Gelb der kurzen Flammen von der schimmernden Weiße der getünchten Wände und dem heiteren Tageslicht, das aus hohen, blanken Scheiben einfiel, völlig eingeschluckt. Die auf schwarzbehangenen Bahren stehenden Särge umkreisend, murmelte der Pfarrer lateinische Gebetsworte, während im Hintergrund die Frauen aus dem Schatten ihrer schwarzen Tücher heraus helle »Amen!« seufzten und ein ehrfurchtsvolles Schluchzen erstickten. Dann ergriff der gute Pfarrer den Weihwedel und besprengte zu letzter Reinigung die zweifelhaften Gebeine der zweifelhaften Jacinthos. Und dann defilierten wir alle vor meinem Prinzen, der sich schüchtern an den Türpfosten gelehnt hatte, an seiner Seite Silverio, der seinen ungeheuren Bart gegen die Hemdenbrust zerdrückte, das Gesicht geneigt, die Lider geschlossen, wie wenn sie Tränen zurückhielten.

Im Atrium zündete sich mein Prinz gemächlich eine Zigarette an, die er von Melchior erbeten:

»Nun, Zé Fernandes, wie gefiel dir denn die kleine Feier?«

»Sehr ländlich, sehr hübsch, sehr angemessen ... reizend!«

Aber schon erschien der Pfarrer, der sich in der Sakristei umgekleidet hatte, mit seinem großen Alpaka-Ueberrock und dem alten Schlapphut, den ihm der Bursche in einem Kattunsack aus der Wohnung hergebracht hatte. Jacintho sprach ihm sogleich seinen Dank aus für alle Sorgfalt, für die liebenswürdige Gastfreundschaft, mit der er während des Kapellenbaus die Gebeine beherbergt hatte. Und der freundliche Greis mit dem weißen Gesicht und den noch jugendlich rosigen Wangen lobte Jacintho mit einem hellen Lächeln seiner gesunden Zähne, daß er von so weit hergekommen sei, um diese fromme Enkelpflicht zu erfüllen. »Es sind sehr entfernte Ahnen, und nun auch so durcheinander!« meinte Jacintho lächelnd.

»Um so größer ist Ihr Verdienst. Einem toten Großvater die letzte Ehre erweisen, das ist ganz alltäglich. Aber den Gebeinen eines Ahnen in fünfter, in siebenter Linie! ...«

»Besonders, Herr Pfarrer, wenn man von ihnen gar nichts weiß, und sie vielleicht nie etwas geleistet haben.«

Der Alte schüttelte lächelnd den fetten Finger:

»Nun, wer weiß, wer weiß? Vielleicht waren es vortreffliche Menschen! Und schließlich, wer sich lange in dieser Welt aufhält, wie ich, überzeugt sich am Ende, daß darin kein Ding und kein Wesen unnütz ist. Noch gestern las ich in einer Portuenser Zeitung, daß man entdeckt hat, daß schließlich die Regenwürmer den Boden düngen und durchgraben, bevor der Landmann und die Ochsen mit dem Pflug kommen. Selbst die Regenwürmer sind nützlich. Es gibt nichts Unnützes ... Ich hatte da bei mir zu Hause eine Anzahl Disteln in einer Gartenecke, die mich schon lange ärgerten. Am Ende dachte ich nach und habe sie schließlich in Sirup gekocht und mich daran gepflegt. Ihre Vorfahren haben hier gelebt und gearbeitet und gelitten. Folglich sind sie hier nützlich gewesen. Und auf jeden Fall, wenn wir für ihre Seelen ein Vaterunser beten, so kann ihnen das nur gut tun, ihnen und uns.«

Und so sacht philosophierend, gelangten wir zu einer Eichenpflanzung, wo die steinalte Stute des Pfarrers wartete, da der heilige Mann seit dem Reißen des letzten Winters den harten Pfaden des Bergwalds nicht mehr so kräftig Trotz bieten konnte wie früher. Damit er aufsteigen könnte, hielt Jacintho ihm zuvorkommend den Steigbügel. Und während die Stute den Hohlweg hinaufstolperte, fast verschwindend unter dem mächtigen roten Sonnenschirm, der den alten Herrn überdachte, kehrten wir nach Hause zurück durch die Serra da Lombinha, durch Maisfelder, – sehr eilig, denn die Fesseln der schwarzen Gewandung, in die man mich gezwängt, drohten zu zerreißen.

»Nun sind diese Herrschaften endlich zur Ruh gebracht, Zé Fernandes! Erübrigt nur noch, das vom Pfarrer empfohlene Vaterunser für sie zu beten ... Nur, ich besinne mich nicht mehr recht ...«

»Sorge dich darum nicht, Jacintho: ich bitte die Tante Vicencia, daß sie für mich und für dich betet. Die Tante Vicencia betet immer die Vaterunser für mich.«

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