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Stadt und Gebirg

José Maria Eça de Queiroz: Stadt und Gebirg - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJosé Maria Eça de Queiroz
titleStadt und Gebirg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1903
firstpub1903
translatorLuise Ey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060901
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VII

Gegen Ende dieses dunkeln und pessimistischen Sommers, als ich eines Morgens im Bette faulenzte, während durch das von noch bleicher Sonne beschienene Fenster ein noch scheuer Hauch des Frühlings eindrang, erschien Jacintho an der Tür meines Zimmers, in weichen Flanell von Lilienweiße gekleidet. Am Rande meiner Matratze hielt er seine Schritte an, und feierlichen Tons, als wenn er seine Hochzeit oder seinen Tod anzeigte, ließ er die wuchtige Erklärung auf mich hereinbrechen:

»Zé Fernandes, ich reise nach Tormes.«

Der Satz, mit dem ich mich aufrecht setzte, brachte des alten Dom Galiaon schweres Bett aus Guajakholz ins Schwanken.

»Nach Tormes? O Jacintho, wen hast du umgebracht?«

Belustigt von meiner Erregung zog Prinz Glückspilz einen Brief aus der Tasche und las daraus folgende Zeilen, sicherlich schon wieder und wieder gelesen und gründlich studiert:

»›Illustrissimo und Excellentissimo Senhor! Es gereicht mir zur großen Befriedigung, Euer Gnaden mitzuteilen, daß im Laufe dieser Woche die Arbeiten am Kapellenbau beendet werden ...‹«

»Ah, von Silverio?« rief ich aus,

»Ja, von Silverio. ›... beendet werden. Die ehrwürdigen Ueberreste der erlauchten Vorfahren von Euer Gnaden, Herrschaften meines allerhöchsten Respekts, können demnach in kurzem von der St. Josephskirche, wo sie mit gütiger Erlaubnis unsers Pfarrers (der sich Euer Gnaden angelegentlichst empfiehlt) deponiert gestanden haben, übergeführt werden ... Ich verharre untertänigst in Erwartung der geneigten Beschlüsse von Euer Gnaden hinsichtlich dieser majestätischen und trauervollen Zeremonie ...‹«

Voller Verständnis warf ich die Arme in die Luft.

»Aha! Du willst der Ueberführung beiwohnen?«

Jacintho versenkte den Brief in die Tasche.

»Scheint dir das nicht auch geboten, Zé Fernandes? Es ist nicht wegen der andern Vorfahren, deren Gebeine nichts für mich bedeuten, und die ich nicht gekannt habe. Aber um des Großvaters Galiaon willen ... Auch ihn habe ich nicht gekannt. Aber dies Haus ist voll von ihm: Du liegst da in seinem Bett; ich trage noch seine Uhr. Ich kann nicht Silverio und den Kätnern die Sorge überlassen, ihn in seiner neuen Ruhestätte beizusetzen. Ich habe da meine Skrupel moralischen Anstands ... kurz und gut, ich bin entschlossen. Ich habe beide Fäuste an den Kopf gepreßt und geschrieen: ›Ich gehe nach Tormes!‹ Und ich gehe! ... Und du kommst mit!«

Ich schlüpfte in die Pantoffeln und knüpfte die Schnüre des Schlafrocks zusammen:

»Aber weißt du, mein guter Jacintho, daß das Haus in Tormes unbewohnbar ist...«

Er heftete ein paar entsetzte Augen auf mich.

»Scheußlich, was?« »Scheußlich, scheußlich, nein ... Es ist ein schönes Haus aus schönem Stein. Aber die Kätner, die da seit dreißig Jahren wohnen, schlafen auf Pritschen, essen ihren CaldoFleischsuppe aus viererlei Fleisch: Ochsenfleisch, Huhn, Schinken und Salchicho (Fleischwurst) mit feingeschnittenem, zartem Grünkohl; das sehr schmackhafte und kräftige Nationalgericht der Portugiesen. am Herd und verwenden die Wohnräume, um Mais zu trocknen. Ich glaube, das einzige Mobiliar von Tormes besteht, wenn ich nicht irre, in einem Schrank und einem japanisch lackierten Spinett, lahm und ohne Tasten.«

Mein armer Prinz seufzte mit einer Gebärde der Ergebung, mit der er sich dem Geschick überließ.

»Meinetwegen! Alea jacta est! Und da wir erst im April reisen, so ist Zeit genug, Fußböden zu legen, Fensterscheiben einzusetzen. Ich schicke von hier aus Teppiche und Betten. Ein Lissaboner Tapezier kann dann tapezieren und irgendwelche Löcher maskieren. Wir nehmen Bücher mit, eine Eismaschine. Und zudem ist es eine gute Gelegenheit, in eines meiner Häuser in Portugal ein bißchen Wohnlichkeit und Ordnung zu bringen. Findest du nicht? Und noch dazu dies! Ein Haus, das aus dem Jahre 1410 datiert ... da bestand ja noch das byzantinische Reich!«

Ich pinselte mir langsam Seifenflocken ins Gesicht. Mein Prinz zündete sich nachdenklich eine Zigarette an und wich und wankte nicht von meinem Toilettetisch, sah vielmehr der Zurüstung meines äußeren Menschen mit einer tiefsinnigen Aufmerksamkeit zu, die mich genierte.

Schließlich, wie wenn er einen von mir geäußerten Ausspruch wiederkäute, um die Moral und den Saft herauszuschälen:

»Also, Zé Fernandes, du bist der ausgesprochenen Meinung, daß es eine Pflicht, eine ausgesprochene Pflicht meinerseits ist, nach Tormes zu gehen?«

Mit belustigtem Staunen wandte ich mein eingeseiftes Gesicht meinem Prinzen zu:

»O Jacintho! In dir selbst und nur in dir entsprang der Gedanke an diese Pflicht! Und sie gereicht dir zur Ehre, mein Junge. Tritt niemand sonst diese Ehre ab!«

Er warf die Zigarette weg und ging, die Hände in die Taschen seiner Beinkleider versenkt, im Zimmer hin und wider, stieß an die Stühle, stolperte über die gedrechselten Pfosten des alten Bettes von Dom Galiaon, in unsicherem Schwanken, wie ein von seinem sicheren Ankerplatz gelöstes, steuerlos auf offenem Meer treibendes Boot. Schließlich strandete er an dem Tisch, wo ich, nach meiner Gefühlsleiter abgestuft, die Galerie meiner Familie in Reih und Glied aufgestellt hatte, von dem Daguerreotyp meines Vaters bis zur Photographie des Hühnerhundes Carocho.

Und nie zuvor war mir mein Prinz, den ich betrachtete, während ich die Tragbänder festknüpfte, so gebückt, so abgefallen erschienen, so wie von einer Feile abgenutzt, die seit langem an ihm schabte. So also, in diesem in Zivilisation aufgehenden, raffinierten Knochengerüst ohne Muskeln und ohne Energie, sollte die kraftstrotzende Rasse der Jacinthos enden! Dieser haarigen Jacinthos, die auf ihren Hochsitzen von Tormes, nachdem sie am Salado den Mauren und bei Valverde den Kastilianer in die Flucht geschlagen, nicht einmal die schwarze Eisenrüstung auszogen, um ihren Boden zu beackern und die Weinrebe an der Ulme festzubinden, und die das Reich mit der Lanze und dem Grabscheit aufrichteten, beide so scharf und so stark! Und da stand jetzt dieser letzte Jacintho, ein Jacinthiculo, mit der in Aromas getränkten geschmeidigen Haut, die kurze Seele in Philosophien eingewickelt, wie durch einen Hemmschuh gefesselt und leise seufzend in der kleinen Unentschlossenheit, zu leben.

»O, Zé Fernandes, wer ist diese kleine dicke Bäuerin?«

Ich reckte den Hals nach der Photographie, die er aus meiner Galerie in ihrem Ehrenrahmen aus scharlachrotem Plüsch hervorgezogen hatte:

»Bitte, mehr Respekt, Senhor Dom Jacintho ... Ein bißchen mehr Respekt, Verehrtester! Das ist mein Bäschen Joanninha, aus Sandosim, aus dem Hause Flôr da Malva.«

»Flôr da Malva,« wiederholte mein Prinz, »das ist das Haus des Connétable, des Nun'Alvares.Der »Grande Condestavel« Nuno Alvares Pereira, Waffengefährte des Großmeisters von Aviz und späteren Königs Johann I., wurde durch die Vermählung seiner Tochter Brites mit Alfonso, natürlichem Sohn des Königs und erstem Herzog von Braganza, Ahnherr des regierenden Königshauses. Anm. d. Uebers.

»Flôr da Rosa, Mann! Das Haus des Connétable war Flôr da Rosa im Alemtejo ... Welch ein Durcheinander bei dir in Sachen Portugals!«

Mein Prinz ließ lässig die Photographie meiner Base wieder aus den schlaffen Fingern fallen, die er nun zum Gesicht hob, in seiner schauderhaften Gewohnheit, in dem Gesicht den Totenschädel zu betasten. Denn plötzlich reckte er sich mit einem famosen Entschluß und rief:

»Nun gut! Alea jacta est! Wir, reisen also nach der Serra ab! ... Und jetzt kein weiteres Ueberlegen, kein Besinnen! Ans Werk! Und auf nach Portugal!«

Er faßte das vergoldete Türschloß, als wäre es der schwarze Verschluß, der das Schicksal erschließt, und rief im Korridor nach Grillo, mit tönender, gebieterischer Stimme, wie ich sie nie an ihm gehört hatte, und die mich an einen Befehlshaber gemahnte, der die Reveille schlagen läßt, damit das Lager abgebrochen werde und der Heerhaufe sich mit fliegenden Fahnen in Marsch setze.

Gleich am selben Morgen entwickelte er eine Tätigkeit, in der ich die mit Uebelkeit verbundene Eile eines Menschen, der Ricinusöl getrunken hat, wiedererkannte; er schrieb an Silverio und ordnete an, daß das Herrenhaus getüncht, mit Fußböden belegt und mit Fensterscheiben versehen werden sollte. Und nach dem Frühstück erschien er in der Bibliothek und rief durch das Telephon heftig den Direktor der »Compagnie Universelle de Transports« an, um die Ueberführung von Mobilien und andern Bequemlichkeiten mit ihm zu vereinbaren.

Das war ein Mann, der das Plakat seiner Compagnie schien, in einen Ueberrock von dunkelgewürfeltem Zeug eingepreßt, mit Reisegamaschen über weißen Stiefeln, einer Ledertasche über der Achsel und im Knopfloch eine vielfarbige Rosette, die seine exotischen Orden von Madagaskar, Nicaragua, Persien resümierten und andre mehr, die von der Universalität seiner Dienste Zeugnis ablegten. Kaum erwähnte Jacintho »Tormes am Douro ...« so streckte er mit überlegenem Lächeln den Arm aus, als wolle er in seiner genauesten Vertrautheit mit jenen Gegenden alle weiteren Erläuterungen zurückhalten.

»Tormes ... Parfaitement! Parfaitement!«

Auf dem Knie kritzelte er eine flüchtige Notiz in sein Taschenbuch, während ich betreten die Unermeßlichkeit seines chorographischen Wissens bestaunte, das so vertraut war mit den abgelegenen Winkeln einer portugiesischen Serra und mit all ihren alten Herrensitzen. Er hatte das Taschenbuch schon wieder in die Tasche geschoben ... Und wir, seine »verehrten Herren,« hatten nichts weiter zu tun, als für das Einpacken des Gepäcks, der Mobilien, der Kostbarkeiten zu sorgen: er würde seine Wagen schicken, um die Kisten zu holen, die er mit großen Buchstaben in dicker Tinte signieren würde.

»Tormes, parfaitement. Linie Nordspanien-Medina-Salamanca ... Parfaitement! Tormes ... Sehr pittoresk! Und antik, historisch! Parfaitement!«

Er verrenkte sich den Hals in einer abgrundtiefen Verbeugung und enteilte der Bibliothek mit Schritten, die Meilen verschluckten und auf die Raschheit der Beförderung bei ihm deuteten.

»Da siehst du,« sagte Jacintho mit ernsthafter Anerkennung, »welche Promptheit, welche Leichtigkeit! ... In Portugal wäre das eine Tragödie. Es gibt doch nur ein Paris!«

Und so begann denn das kolossale Verpacken aller jener meinem Prinzen unerläßlichen Lebensbedingungen für einen Monat rauhen Gebirgslebens – Betten mit Spiralmatratzen, Badewannen aus Nickel, Carcel-Lampen, tiefe Diwans, Vorhänge, um zugige Spalten zu verhängen, Teppiche, um rohe Fußböden zu bekleiden. Die Bodenräume, wo der schwere Hausrat des Großvaters Galiaon verstaut war, wurden ausgeräumt, denn das mittelalterliche große Haus von 1410 ertrug die romantischen Pfeilerspiegel von 1830. Aus allen Magazinen von Paris strömten jeden Morgen Ballen, Kisten, schreckenerregende Pakete herbei; die Packer öffneten sie und verschütteten dabei die Korridore unter Haufen von Stroh und grauem Packpapier, worin unsre hastigen Schritte sich verwickelten.

Atemlos organisierte der Koch die Zustellung von Koch- und Bratöfen, Eismaschinen, Flaschen mit Trüffeln, Konservedosen, weitbauchigen Mineralwasserflaschen. In dem Gedanken an die Gewitter in den Bergen kaufte Jacintho einen ungeheuren Blitzableiter. Vom Morgengrauen an wurde in den Höfen, im Garten gehämmert, genagelt mit so ausgiebigem Lärm, als gälte es, eine Stadt aus dem Boden zu stampfen. Und der Wagenzug, der, das Gepäck entführend, sich durch die Einfahrt bewegte, rief mir eine Seite aus Herodot ins Gedächtnis, wo er den Marsch der Perser beschreibt. Vom Fenster aus genoß Jacintho mit ausgestrecktem Arm diese Tätigkeit und Disciplin in vollen Zügen:

»Siehst du, Zé Fernandes, welche Leichtigkeit! ... Hier verlassen wir unser 202, kommen dort im Gebirg an und finden unser 202 wieder! Es gibt doch nur ein Paris!«

Aufs neue fing mein Prinz an, die Stadt zu lieben, als er seinen Exodus vorbereitete. Jeden Morgen, wenn er die Packer zur Eile angefeuert, neue Bequemlichkeiten für den verlassenen Herrensitz entdeckt hatte, wenn er lange Listen mit Aufträgen an jegliches Kaufhaus in Paris telephoniert hatte – so kleidete er sich mit Behagen an, parfümierte sich, steckte ein Sträußchen an, versenkte sich in die Viktoria oder sprang auf den Fahrsitz des Phaetons und fuhr nach dem Bois, wo er den talmudischen Bart Ephraims grüßte und die nachtschwarzen Scheitel der Verghane und den Psychologen im Fiaker und die Comtesse de Trèves in ihrer neuen achtfederigen Kalesche ... Und dann scharte er Freunde zusammen zu improvisierten Diners im Voisin oder im Bignon, wo er mit der Ungeduld vergnügten Hungers seine Serviette entfaltete und mit Inbrunst darüber wachte, daß die Bordeauxweine wohl gewärmt und die Champagner gut gekühlt waren. Und im Theater der »Nouveautés« im Palais Royal, in den Buffos lachte er, sich die Schenkel klatschend, über uralte Witze uralter Possen, über stereotype Grimassen stereotyper Komödianten, über die er schon in seiner Kindheit gelacht hatte, vor dem Kriege unter dem dritten Napoleon!

Aufs neue füllten sich zwei Wochen lang die Seiten seiner Agenda zum Ueberfließen. Die Pracht seines Kostümes auf dem Maskenball der Prinzessin Cravon-Rogan, wo er als Friedrich II. von Schwaben erschien, war überwältigend. (Ich war auch dort, als Moçode forcado.Die »Moços de forcado« genannten Stierkämpfer haben die Aufgabe, den erschöpften Stier bei Schwanz und Hörnern zu packen, um ihm die »Farpas« und »Bandarilhas« auszureißen. Anm. d. Uebers. Und im »Verein für die Entwicklung der esoterischen Religionen« führte er in einer schneidigen Rede die Notwendigkeit aus, auf dem Montmartre einen Buddha-Tempel zu errichten!

Zu meinem Staunen fing er auch wieder an, wie in den Schulzeiten von der »famosen Zivilisation im größten Maßstabe« zu reden. Er ließ sein altes Teleskop einpacken, um es in Tormes zu verwenden. Ich fing an, ernstliche Befürchtungen zu hegen, er möchte der Idee Raum geben, da oben auf der Serra eine Stadt mit allen ihren Organen zu schaffen. Wenigstens gab mein Jacintho nicht zu, daß diese Wochen in der Waldabgeschiedenheit von Tormes die unbegrenzte Aufstapelung der Begriffe unterbrächen – denn eines Morgens kam er aufgeregt in mein Zimmer gestürzt und rief trostlos, wir hätten unter all den für Tormes eingepackten Lebensbedingungen und Zivilisationsformen die Bücher vergessen! Und so war es. Wie verdrießlich für unsern Intellekt! Aber welche Wahl treffen unter den Tausenden beredsamer Bände, unter denen sich die Regale bogen? Mein Prinz entschied sich sofort, die Tage seiner Bergeinsamkeit dem Studium der Naturgeschichte zu widmen, und alsobald warfen wir mit eignen Händen auf den Boden einer geräumigen neuen Kiste, als Ballast, die fünfundzwanzig Bände des Plinius. Darauf entleerten wir Arme voll Geologie, Mineralogie, Botanik hinein ... Oben drauf breiteten wir eine luftige Schicht Astronomie. Und um diesen schwankenden Wissenschaften im Kasten mehr Stabilität zu verleihen, verkeilten wir sie ringsum mit Metaphysik.

Als aber die letzte Kiste, gut vernagelt und mit Eisenbändern versehen, auf dem letzten Wagen der »Compagnie Universelle de Transports« zum Tor hinaus geführt war, fiel diese ganze Aufregung Jacinthos zusammen wie der Schaum in einem Champagnerglase. Wir waren schon in den lauen Tagen der Iden des März. Und von neuem dröhnte sein anmutiges, herzerquickendes Gähnen durch das Haus, und von neuem ächzten die Sofas unter dem Gewicht seines Körpers, den er sterbensmüde von Ueberdruß und Langweile darauf fallen ließ, im Wunsche nach ewiger Ruhe, von Schweigen und Einsamkeit umhüllt. Ich verzweifelte. Was! Sollte ich noch länger diesen Prinzen ertragen, wie er idiotisch seinen Totenschädel betastete und, wenn die Dämmerung die Bibliothek verdüsterte, in hohlem Ton auf die Süßigkeit eines plötzlichen Todes durch die barmherzige Geschwindigkeit der Blausäure hinwies? Ach nein, Schwerenot! Und eines Nachmittags, wo ich ihn wieder der Länge nach auf dem Diwan fand, die Arme kreuzweis über die Brust verschränkt, als wenn er seine eigne Marmorstatue auf seinem granitnen Grabmal wäre, schüttelte ich ihn wütend und schrie: »Wach auf, Mensch! Reisen wir nach Tormes! Das Haus muß mittlerweile fertig sein, glänzend, überlaufend von Sachen! Die Gebeine deiner Ahnen verlangt es nach ewiger Ruhe in eigner Gruft! Auf! laß uns die Toten begraben und uns, die Lebenden, leben! Zum Teufel! Wir haben den fünften April! ... Das ist die rechte Zeit fürs Gebirg!«

Mein Prinz kehrte aus der Regungslosigkeit des Steins allmählich wieder zum Leben zurück:

»Der Silverio hat mir nicht geschrieben, nie wieder geschrieben ... Aber, allerdings, es muß alles bereit sein ... Wir haben da schon gewiß Dienerschaft, den Koch von Lissabon ... Ich nehme nur Grillo mit, und Anatole, der die Stiefel schön putzt und Anlage hat zum Leichdornoperateur. Heut ist Sonntag ... (er zog die Uhr) vier Uhr vorbei ...«

Und dann stand er plötzlich mit den Füßen auf dem Teppich: »Gut, am Sonnabend reisen wir!« rief er heldenmütig. »Benachrichtige du Silverio!«

Nun begann das mühevolle und tiefsinnige Studium des Kursbuches, und ruhelos wanderte der dünne Finger Jacinthos über den Plan zwischen Paris und Tormes hin und her. Um den Salonwagen zu wählen, den wir auf der gefürchteten Reise bewohnen sollten, durchliefen wir zweimal das Depot des Bahnhofs Orleans, schlammbespritzt hinter dem uns betäubenden Stationsvorsteher herschreitend. Den einen Wagen lehnte mein Prinz ab wegen der düsteren Farbe der Ueberzüge. Den andern wies er von sich wegen der beängstigenden Enge der Toilette. Eine seiner Hauptsorgen war das Bad an den Morgen, die wir in dem rollenden Material zubringen sollten. Ich wies auf die Handlichkeit einer Gummibadewanne hin. Jacintho seufzte unschlüssig ... Aber nichts entsetzte ihn so sehr, wie das Umsteigen in Medina del Campo, nachts in den Finsternissen Altkastiliens! Vergeblich, daß die Eisenbahngesellschaft von Nordspanien und die von Salamanca durch Briefe und Telegramme ihn zu beruhigen suchten, indem sie versicherten, wenn er in seinem Zuge von Irun ankäme, so würde schon ein andrer Salonwagen, der an den Zug nach Portugal angehängt würde, ihn erwarten, und zwar gut durchwärmt, gut erleuchtet, mit einem Abendessen, das ihm einer der Direktoren, Don Esteban Castillo, offerierte, der oft in 202 ein geräuschvoller und weinfroher Gast gewesen war.

Jacintho strich sich über das Gesicht: Und die Nachtsäcke, die Felle und Pelze, die Bücher, wer würde die von dem Iruner Zug nach dem von Salamanca bringen? Ich schrie verzweifelt, daß die Gepäckträger von Medina die schnellsten und geschicktesten von ganz Europa seien! Er murmelte: »Ja, wenn auch, aber in Spanien, nachts!« Die Nacht, fern von der Stadt, ohne Telephon, ohne elektrisches Licht, ohne Schutzleute, schien ihm von Ueberraschungen und Ueberfällen zu wimmeln. Er beruhigte sich erst, als er auf der Sternwarte unter Garantie des gelehrten Professors Bertrand festgestellt hatte, daß die Nacht unsrer Reise eine Vollmondsnacht wäre.

Am Freitag endlich endete die großartige Organisation jener historischen Reise. Der prädestinierte Sonnabend brach an voll süß umschmeichelnden Sonnenscheins in freigebiger Fülle. Und ich schloß gerade die in graues Papier gewickelten Photographien der süßen kleinen Mädchen in den Koffer, die mich in diesen siebenundzwanzig Monaten meines Pariser Aufenthalts »mon petit chou! mon rat chéri!« genannt hatten, als Jacintho in das Zimmer brach, einen prachtvollen Orchideenstrauß im Knopfloch, blaß und höchst aufgeregt.

»Wollen wir zum Abschied ins Bois fahren?«

Wir fuhren – zum großen Abschied! Und mit Wonne! Sogar in den Polstern und Federn der Viktoria fühlte ich gleich eine wiegendere Elastizität. Nachher in der Avenue du Bois tat es mir beinahe leid, daß ich nicht in alle Ewigkeit so dahinrollen konnte, im rhythmischen Trab der tadellosen Maultiere, im strahlenden Glanz des Lacks und der Metalle über diesen Makadam, der, glatter als Marmor, sich zwischen den wohl gesprengten Blumenbeeten und Rasenplätzen von entzückender Frische dahin streckte, in Begegnungen mit der freien, eleganten Menschheit, die ihre Schokolade aus Sèvres- oder Minton-Porzellan trank, in seidenen Kissen und Teppichen für dreitausend Franken ausfuhr und den Aprilsonnenschein mit Muße, Grazie und Sorglosigkeit trank! Das Bois schimmerte in einer Farbenharmonie von Grün, Blau und Gold. Kein Loch, keine bloße Erde störte die Glätte der polierten Alleen, kein zerzaustes Reis verwirrte die glatten Wogen des Laubwerks, das der Staat beschneidet und wäscht. Kaum, daß sich ein Zwitschern der Vögel erhob, um einen leichten Reiz geflügelten Lebens zu verbreiten; – und natürlicher erschien unter dem geselligen Blätterdach das Knirschen der neuen Sättel, in denen sich schlanke Amazonen wiegten. Vor dem Pavillon d'Armenonville kreuzten wir Madame de Trèves, die uns beide liebkosend mit ihrem Lächeln umfaßte, das zu dieser Stunde durch das noch feuchte Lippenrot desto lebhafter war. Gleich dahinter tauchte, wie ihr schwarzer Schatten, der talmudische Bart Ephraims auf, ebenfalls frisch von der morgendlichen Brillantine, hoch auf einem klingenden Phaeton. Andre Freunde Jacinthos kreisten in dem Akazienwäldchen, und die Hände, die ihm freundlich zuwinkten, trugen frische, strohgelbe, perlgraue oder fliederfarbene Handschuhe. Todelle blitzte auf einem großen Fahrrad dicht an uns vorbei. Dornan lag unter einem blühenden Weißdorn auf einen Stuhl hingeräkelt und sog an seiner riesengroßen Zigarre, wie in das Suchen sensueller Reime vertieft. Weiterhin sahen wir den Psychologen, der uns nicht bemerkte, da er mit gefühlvoller Koketterie in ein Coupé hineinsprach, das einen Alkovengeruch ausströmte, und dem ein dicker Kutscher ein Gepräge von Würde und Anstand verlieh. Und wir rollten noch, als der Herzog von Marizac, zu Pferde, die Gerte erhob und unsre Viktoria anhielt, um Jacintho zu fragen, ob er am Abend an den »lebenden Bildern« bei den Berghanes teil nähme. Mein Prinz knurrte ein: »Nein, ich reise nach dem Süden«, das ihm kaum unter dem schlaffen Schnurrbart hervorkam ... Und Marizac beklagte das, denn es wäre ein verblüffendes Fest. Lebende Bilder aus der heiligen und der römischen Geschichte! ... Madame Berghane als Magdalena, mit entblößten Armen, entblößter Büste, entblößten Beinen, dem Heiland mit ihren Haaren die Füße trocknend! Der Christus ein prachtvoller langer Laban, Verwandter der Trèves, ein Angestellter im Kriegsministerium, kreuzlahm, unter einem Pappkreuz stöhnend! Unter anderm auch Lukretia im Bette, ihr zur Seite Tarquinius, wie er mit dem Dolch in die Leintücher sticht! Und dann Souper an Einzeltischen, alle in ihren historischen Kostümen. Er selbst würde mit Madame de Malbe ein Bild stellen, ein wunderbares Bild! Agrippina tot hingegossen, und Nero, zur Seite, betrachtet und studiert ihre Formen, voll Bewunderung für die einen, andre als unvollkommen geringschätzend. Doch sei man übereingekommen, daß Nero aus Höflichkeit rückhaltlos alle Formen Madame de Malbes bewundern sollte ... Kurz: kolossal und ganz verblüffend instruktiv!

Wir winkten dem heiteren Marizac ein langes Lebewohl zu. Und wir fuhren nach Hause, ohne daß Jacintho sich wieder aus dem stirnrunzelnden Schweigen aufgerafft hätte, in das er mit steif gekreuzten Armen versunken war, als hätte er entscheidende und starke Entschlüsse nochmals zu verarbeiten. Schließlich vor dem Triumphbogen bewegte er den Kopf und murmelte:

»Es ist doch eine ernste Sache, Europa zu verlassen!«

* * *

Wir reisten endlich ab. In der sanften Abenddämmerung, die sich in Nebel gehüllt hatte, verließen wir 202. Grillo und Anatole folgten in einem Fiaker, der unter Büchern, Futteralen, Paletots, Regenmänteln, Kopfkissen, Mineralwassern, Ledertaschen, Plaidriemen mit Reisedecken verschwand; und dahinter knirschte ein Omnibus unter der Ladung von dreiundzwanzig Koffern. Auf dem Bahnhof kaufte Jacintho noch alle Zeitungen, alle illustrierten Blätter und andre Bücher sowie einen Korkzieher von verzwickter und feindseliger Form. Vom Verkehrschef und dem Sekretär der Compagnie geführt, ergriffen wir behaglich von unserm Salonwagen Besitz. Ich setzte meine seidene Reisemütze auf und zog Pantoffeln an. Ein Pfiff durchbohrte die Nacht. Paris flammte vorbei, entfloh in einem letzten Aufleuchten von Fenstern ... Um es bis auf die Neige auszuschlürfen, stürzte Jacintho an das Fenster. Aber wir rollten schon durch die Finsternis der Provinz. Da ließ sich mein Prinz auf die Polster zurückfallen:

»Welch ein Abenteuer, Zé Fernandes!«

Bis Chartres durchblätterten wir schweigend die illustrierten Blätter. In Orleans kam der Schaffner, um respektvoll unsre Betten herzurichten. An allen Gliedern zerschlagen von den vierzehn Monaten Zivilisation, schlief ich ein und erwachte erst, als Grillo uns beflissen unsre Schokolade brachte. Draußen tropfte ein seiner Regen vom Himmel herunter, der wie eine dichte Schicht schmutziger Watte herniederhing. Jacintho, der Mißtrauen hegte gegen die Rauheit und Feuchtigkeit der Leintücher, hatte sich gar nicht niedergelegt. In einen Schlafrock aus weißem Flanell gehüllt, mit borstigem, überwachtem Gesicht, tunkte er ein Cake in seine Schokolade und grollte:

»Scheußlich! Dieser Regen fehlte gerade noch!«

In Biarritz bemerkten wir beide mit indolenter Gewißheit:

»Das ist Biarritz.«

Da erkannte Jacintho, der durch die beschlagenen Fensterscheiben hinausgespäht hatte, den langsamen, storchbeinigen Schritt und die hängende Habichtsnase des Historikers Danjon. Er war's, der wohlberedte Mann, in gewürfelten Beinkleidern, zur Seite einer kugeligen Dame, die eine langhaarige Hündin an der Leine führte. Hastig ließ Jacintho das Fenster nieder und rief den Historiker an, voll Sehnsucht, wenigstens noch durch diesen mit der Stadt, mit 202 zu verkehren! ... Aber der Zug war schon wieder in Regen und Nebel getaucht.

Auf der Brücke bei Bidassoa, wo er das Ende des guten Lebens gekommen wähnte und schon die Klippen der Inzivilisation voraussah, seufzte Jacintho mutlos:

»Nun adieu! Nun fängt Spanien an! ...«

Empört sprang ich, der ich schon die herrliche Luft des gesegneten Landes in mich trank, auf meinen Prinzen zu, und mit Hüftschwenkungen von verblüffendem »Salero«, mit den Fingern wie mit Kastagnetten schnalzend, stimmte ich eine den Umständen angemessene »Petenera« an:

»A la Puerta de mi casa,
Ay Soledad, Soleda
...á ...á ...á ...«

Er streckte stehend die Arme aus: »Zé Fernandes, Hab' Erbarmen mit dem Kranken und Betrübten!«

»Irun! Irun!«

In diesem Irun nahmen wir ein nahrhaftes Frühstück zu uns, denn über uns wachte, als allgegenwärtige Göttin, die Nordgesellschaft. Dann installierte uns der Stationschef höchstselbst in einen andern Salonwagen, ganz neu, mit olivfarbenem Atlas ausgeschlagen, aber so klein, daß eine gute Portion unsers Komforts an Decken, Büchern, Taschen und Regenmänteln in dem Abteil des Sleeping untergebracht werden mußte, wo Grillo und Anatole im Schmuck schottischer Mützen und dicke Zigarren rauchend sich räkelten. »Buen viaje! Gracias! Servidores!« Und pfeifend und fauchend drangen wir in die Pyrenäen ein.

Unter dem Einfluß des alles in Grau hüllenden Regens, der einförmigen Berge, die aus dem Boden aufwuchsen, sich aneinander ketteten und im Nebel zerflossen, fiel ich sacht wieder in einen Halbschlummer; und wenn ich blinzelnd die Lider öffnete, sah ich Jacintho in einer Ecke, wie er, ohne das auf seinen Knieen geschlossen ruhende Buch zu beachten, über dem er die mageren Finger verschränkt hatte, mit der tiefen Niedergeschlagenheit eines Menschen, der in das Land seiner Verbannung einzieht, Berge und Täler betrachtete. Dann kam ein Moment, wo er plötzlich das Buch von sich schleuderte, den weichen Hut tiefer ins Gesicht zog und sich mit solcher Entschlossenheit aufrichtete, daß ich fürchtete, er wollte den Zug anhalten, auf die Bahn springen und durch das Baskenland und Navarra zurücklaufen nach den Champs-Elysées! Ich schüttelte meinen Schlaf ab und rief: »Junge, Junge! ...« Nein! Der arme Freund wollte nur seine Langweile in eine andre Ecke tragen, sie auf einem andern Polster mit einem andern ungeöffneten Buch fortsetzen. Und je mehr das Dunkel des Abends zunahm und mit ihm der Sturmwind und der Regen, eine desto erschreckendere Unruhe bemächtigte sich meines Prinzen, der, von der Zivilisation losgerissen und der Natur zugeschleppt, sich schon von dieser in roher Brutalität umgeben fühlte. Dann befragte er mich unaufhörlich über Tormes:

»Die Nachte sind gewiß grauenhaft, wie, Zé Fernandes? Alles schwarze, fürchterliche Einsamkeit. Und ein Arzt? ... Gibt's einen Arzt?«

Plötzlich hielt der Zug. Heftiger und reichlicher prasselte der Regen gegen die Scheiben. Ueber eine weite, freie Ebene brüllte und heulte die Windsbraut. Die Lokomotive pfiff unheimlich dazwischen. Eine Laterne blitzte auf, verschwand wieder. Jacintho stampfte mit dem Fuß: »Schauderhaft! schauderhaft!« ... Ich öffnete die Wagentür ein wenig. Aus dem Ungewissen Licht der Fenster reckten sich erschrockene Köpfe heraus: »Que hay? Que hay?« Ein mich überflutender Windstoß ließ mich wieder zurückweichen, und so warteten wir langsam schleichende, stumme Minuten, in denen wir verzweifelt die beschlagenen Scheiben rieben, um das Dunkel zu durchdringen. Auf einmal fing der Zug wieder an, ruhig weiter zu rollen.

Bald erschienen die blassen Lichter einer barackenartigen Station. Ein Schaffner in triefendem Oelmantel erkletterte den Salonwagen, und von ihm erfuhren wir, während er hastig die Fahrkarten abstempelte, daß der Zug große Verspätung habe und in Medina vielleicht keinen Anschluß mehr an den Zug von Salamanca finden werde!

»Was dann? ...«

Der Oelmantel glitt vom Fenster fort und verschwand in der Nacht unter Zurücklassung eines Geruchs von Nässe und Oel. Und wir schnitten eine neue Qual an. Wenn der Zug von Salamanca wirklich schon fort war? Der Salonwagen, der bis Medina genommen war, wurde dort abgehakt, und dann wurden unsre werten Körper mitsamt unsern werten Seelen und dreiundzwanzig Koffern in Medina ausgespieen, einfach in den Schlamm gesetzt, in dem rohen spanischen Durcheinander, bei dem Regen und Unwetter!

»O, Zé Fernandes, eine Nacht in Medina!«

Meinem Prinzen erschien eine Nacht in Medina als der Gipfel alles Mißgeschicks, in einer schmutzigen »Fonda«, mit Knoblauchdüften und langen Reihen blutdürstiger Wanzen auf den Betttüchern aus schmutziger Hede! ... Ich verwandte voll Unruhe keinen Blick von den Uhrzeigern, während Jacintho an dem weit aufgesperrten Fenster, von dem wütenden Regen gepeitscht, das nächtliche Dunkel durchbohrte, in der Hoffnung, die Lichter von Medina und einen geduldig rauchenden Zug zu sichten ...

Dann fiel er auf das Polster zurück, trocknete sich Schnurrbart und Augen, verwünschte Spanien. Der Zug keuchte im Kampf mit dem weiten Wind der trostlosen Ebene. Und jeder Pfiff versetzte uns in Aufregung. Medina? ... Nein! Irgend eine obskure Haltestelle, wo der Zug Aufenthalt hatte, erschöpft verschnaufte, während verschlafene Gestalten, in Kapuzen und Mäntel gehüllt, unter dem Wetterdach der Bahnhalle hin und her eilten, die durch das trübe Licht der Laternen nur noch grabesdunkler wurde.

Jacintho schlug sich heftig aufs Knie: »Schwerenot, warum hält denn dieser infame Zug? Es ist gar kein Verkehr, kein Mensch da! O dieses Spanien! ...« Die Glocke läutete wie zum Sterben. Aufs neue spalteten wir die Nacht und den Sturm.

Ergebungsvoll fing ich an, ein altes, noch von Paris mitgenommenes »Jornal do Commercio« zu durchlesen. Jacintho zermalmte den dicken Teppich des Salons mit wütenden Schritten, wozu er knurrte wie ein Raubtier. Und so verfloß, tropfenweise, eine weitere Stunde voll Ewigkeit. Ein Pfiff, noch einer! Stärkere Lichter zucken in der Ferne durch den Nebel auf. Die Räder stampfen unter starkem Schütteln über Weichen und Bahngeleise. Endlich, Medina! ... Weiß schimmert die schmutzige Mauer der Bahnhalle – und heftig wird die Wagentür aufgerissen, ein bärtiger Herr in spanischem Mantel erscheint und ruft nach Don Jacintho!... Schnell, schnell! Der Zug nach Salamanca geht ab!

»Que no hay un momento, caballeros! Que no hay un momento!«

Wie betäubt ergreife ich meinen Paletot und das Jornal do Commercio. In größter Aufregung springen wir hinaus – und über Plattform, Geleise, durch Pfützen und Lachen, über Gepäckstücke stolpernd, vom Winde und dem Mann im spanischen Mantel getrieben, schlüpfen wir in eine andre Tür, die sich mit furchtbarem Krachen hinter uns schließt... Wir waren beide atemlos. Wir befanden uns in einem mit grünem Tuch bekleideten Salon, der das spärliche Licht vollends einschluckte. Und ich reckte den Arm aus, um von den schnellen Gepäckträgern Medinas, den schnellsten Europas, unsre Koffer, unsre Bücher, unsre Reisedecken in Empfang zu nehmen, als schweigend, ohne einen Pfiff, ohne »Abfahren!« der Zug sich in Bewegung setzte und dahinrollte. Wir stürzten beide an die Fenster unter wütendem Geschrei:

»Halt, halt! Unsre Koffer, unsre Reisedecken! ... Hierher! Zu uns! ... Grillo, o Grillo!«

Ein ungeheurer Windstoß entführte unser Rufen. Aufs neue die nachtschwarze, weite, freie Ebene, unter stürzendem Regen. Jacintho hob die geballten Fäuste in einer Wut, die ihn zu ersticken drohte: »O, dieser Eisenbahndienst! Solche Canaillen! So was kann nur in Spanien vorkommen! ... Und nun? Die Koffer sind natürlich verloren!... Kein Hemd, keine Bürste! ...«

Ich beruhigte meinen aufgeregten Freund:

»Hör, ich meine, zwei Gepäckträger gesehen zu haben, die unsre Sachen aufsammelten. Grillo wird das schon überwacht haben. Aber in der Eile hat er natürlich alles in sein Abteil hineingeworfen ... Es war ein Fehler, daß wir Grillo nicht mit uns in den Salonwagen genommen haben. Wir hätten dann sogar Skat spielen können!«

Uebrigens wachte die Sorge der Compagnie, dieser allgegenwärtigen Göttin, über unser Behagen, denn an der Tür des Waschzimmers schimmerte ein Korb mit unserm Abendessen, der auf dem Deckel eine Karte trug, worauf Don Esteban mit Bleistift folgende liebenswürdigen Worte geschrieben hatte: »à D. Jacintho y su egregio amigo,que les dê gusto!«Dom Jacintho und seinem geschätzten Freunde, mit dem Wunsche, daß es ihnen schmecken möge. Ich schnupperte Rebhuhnduft. Und in unser Herz drang eine gewisse Beruhigung, da wir unsre Koffer ebenfalls als dem Schutz der allgegenwärtigen Göttin befohlen betrachteten.

»Bist du hungrig, Jacintho?«

»Nein! Aber entsetzt, wütend, außer mir!... Und müde.«

In der Tat! Nach diesen verschiedenartigen Erregungen hatten nur die Betten etwas Verführerisches für uns, die Betten, die weich und elastisch uns ihre Arme öffneten. Als ich auf den Pfühl fiel, schnarchte mein Prinz, der sich gar nicht entkleidet, sondern nur seine Füße in meinen Paletot, unsre einzige Schutzbekleidung, gewickelt hatte, schon mit Majestät.

Darauf bemerkte ich, erst sehr spät und sehr weit entfernt, neben meinem Lager in dem von den grünen Vorhängen gedämpften Licht des Morgens eine Zollwächteruniform und eine Mütze, unter der es ganz leise und rücksichtsvoll flüsterte:

»Vossas excellenias não teem nada a declarar? ... Nichts Zollbares, meine Herren? Keine Handköfferchen?«

Die heimatliche Sprache! Zu Hause! Ich murmelte leise, mit unendlicher Zärtlichkeit:

»Wir haben hier gar nichts. Fragen Sie gütigst nach Grillo ... Dort hinter uns, in einem Abteil. Er hat die Schlüssel und alles... der Grillo.«

Die Zollwächteruniform verschwand, lautlos, wie ein guter Geist. Und ich schlief wieder ein und träumte von Guiaens, wo die Tante Vicencia, ein weißes Tuch über der Brust gekreuzt, alle Hände voll zu tun hatte, um den Heimkehrenden ein gemästetes Kalb oder ein Spanferkel herzurichten.

Ich erwachte, von einer großen friedlichen Stille eingehüllt. Eine ruhige, sauber gefegte Station, mit weißen Kletterröschen an den Wänden und andre blühende Rosen in Bosketts in einem Garten, wo ein kleines, von grünen Teichlinsen bedecktes Gewässer unter zwei blühenden Mimosen schlief, deren goldne Trauben zu uns herüberleuchteten. Ein blasser Junge in honigfarbenem Paletot betrachtete gedankenverloren den Zug und stemmte dabei sein Stöckchen gegen den Boden, daß es sich krumm bog. An dem Gartengitter lauerte ein altes Weiblein vor ihrem Eierkorb und zählte Kupfermünzen in den Schoß. Auf dem Dach lagen Kürbisse zum Trocknen. Darüber glänzte der tiefe, blaue, sanfte Himmel, nach dem meine Augen sich so lange gesehnt hatten.

Ich rüttelte Jacintho kräftig:

»Wach auf, Mensch, du bist zu Hause!« Er wickelte die Füße aus meinem Paletot, strich sich den Schnurrbart und kam ohne Eile an das Fenster, das ich aufgerissen hatte, um mit seinem Heimatland Bekanntschaft zu machen.

»Das ist also Portugal, was? ... Es riecht gut.«

»Natürlich riecht es gut, du Esel!«

Die Bahnhofsglocke bimmelte sacht, und der Zug glitt gelassen weiter, als führe er zu seinem Vergnügen auf zwei Stahlbändern spazieren, um leise pfeifend die Schönheit der Erde und des Himmels zu genießen.

Mein Prinz breitete trostlos die Arme aus:

»Und kein Hemd, keine Bürste, kein Tropfen Eau de Cologne! ... Ich betrete Portugal verwahrlost, verkommen!«

»In Regoa ist Aufenthalt, da haben wir Zeit, Grillo zu rufen und unser Gepäck zu bekommen ... Sieh doch den Fluß!«

Wir rollten an der Abdachung einer Serra dahin, über Felsen, die zu breiten, rebenbepflanzten Schluchten abfielen. Von unten schimmerte auf einer Terrasse ein Edelsitz weiß herauf, in vornehmer Ruhe, mit einem lichten Kapellchen unter früchtebeladenen Orangenbäumen. Den Fluß hinab, wo das trübe und träge Wasser nicht einmal gegen die Felsen schlug, fuhr mit vollen Segeln ein mit Weinfässern befrachtetes, schwerfälliges Douroboot. Weiterhin stiegen andre Schluchten in blassem Resedagrün mit durch die breiten Berge verengten Olivenpflanzungen zu andern aufragenden Felsen empor, die ganz weiß und sonnengebadet in das unendliche Blau strebten. Jacintho streichelte den glatten Schnurrbart:

»Der Douro, was? Interessant, großartig! Aber, Zé Fernandes, jetzt habe ich einen Hunger! ...«

Den hatte ich auch. Wir deckten also den Korb des Don Esteban ab, dem ein grandioses Festmahl entstieg von Schinken, Lammbraten, Rebhühnern, anderm kalten Braten, die das Gold zweier Flaschen edlen Amontillados im Verein mit zwei Flaschen Rioja mit dem Feuer andalusischer Sonne erwärmte. Während des Schinkens bejammerte Jacintho zerknirscht seinen Fehler, »Tormes, den historischen Herrensitz, so abandonniert und unbewohnt gelassen zu haben!« Welche Wonne, an diesem leuchtenden, lauen Morgen ins Gebirge zu fahren und sein Haus wohl ausgerüstet, wohl zivilisiert zu finden... Um ihn zu animieren, erinnerte ich daran, daß unter den Händen Silverios und mit so viel Kisten voll Zivilisation, die wir von Paris geschickt hatten, Tormes selbst für Epikur annehmbar sein müßte! O, aber Jacintho meinte, es müsse ein vollendeter Palast sein, 202 in der Wildnis! ... Und unter diesen Gesprächen gingen wir zu den Rebhühnern über. Ich entkorkte eine Flasche Amontillado – als der Zug unmerklich in eine Station einlief. Es war Regoa. Sofort legte mein Prinz das Messer beiseite, um Grillo zu rufen und die Koffer zu reklamieren, die unsrer Körper Pflege und Sauberkeit in sich schlössen.

»Warte, Jacintho! Wir haben viel Zeit. Der Zug hält hier eine Stunde... Iß ruhig weiter. Laß uns nicht unser nettes Frühstück mit Verstauung von Koffern verderben. Grillo wird schon kommen.«

Und ich zog sogar die Gardine zu, weil von außen ein hochgewachsener Pater, den Zigarrenstummel in der Mundecke, stehen geblieben war, um indiskreterweise unserm Bankett zuzusehen. Als wir aber die Rebhühner erledigt hatten und Jacintho vertrauensvoll einen Manchegoer Käse aus seiner Verpackung schälte, ohne daß Grillo oder Anatole sich hätten sehen lassen, kam mir die Sache nicht geheuer vor, und ich lief ungeduldig nach der Wagentür, um die saumseligen Knechte anzuspornen... Und in diesem Augenblick glitt der Zug mit derselben schweigenden Heimlichkeit, mit der er eingelaufen war, wieder zur Station hinaus. Für meinen Prinzen war das höchst verdrießlich.

»Da bleiben wir abermals ohne Kamm, ohne Bürste... Und ich wollte das Hemd wechseln! Daran bist du schuld, Zé Fernandes!«

»Das ist zum Kopfstehen!... Er hält hier sonst immer eine Ewigkeit. Heut ist's bloß ein Ankommen und Abfahren. Da ist nichts zu machen, Jacintho. In zwei Stunden sind wir auf der Station von Tormes... Es wäre auch wirklich nicht der Mühe wert, das Hemd zu wechseln, um ins Gebirge zu fahren. Zu Hause nehmen wir ein Bad, vor Tisch ... die Badewanne muß schon eingestellt sein.«

Wir trösteten uns beide mit ein paar Gläschen göttlichen Liqueurs Chinchon. Dann, auf den Sofas ausgestreckt, die Fenster der wundervollen Luft weit geöffnet, genossen wir die zwei uns noch verbleibenden Zigarren und plauderten von Tormes. Auf der Station würde schon Silverio mit den Pferden sein.

»Wie lange dauert's, bis man oben ist?«

»Eine Stunde. Nach ausgiebigen Waschungen wird uns noch Zeit genug bleiben, einen eingehenden Spaziergang durch die Felder zu machen, in Begleitung des Verwalters, des vortrefflichen Melchior, damit der Gebieter von Tormes feierlich und Form und Rechtens von seinem Herrensitz Besitz ergreifen kann. Und am Abend der erste Schmaus mit den landesüblichen Leckerbissen des alten Portugal!«

Jacintho lächelte im Vorgenuß.

»Wollen sehen, was für einen Koch mir dieser Silverio besorgt hat. Ich habe ihm ans Herz gelegt, es sollte ein famoser, klassisch-portugiesischer Koch sein. Aber er müßte einen Truthahn trüffeln und ein Beefsteak in Marksauce dämpfen können, so die einfachen Sachen der französischen Küche!... Das Schlimmste ist, daß du dich nicht aufhältst, sondern gleich nach Guiaens gehst...«

»Aber, lieber Junge, Geburtstag der Tante Vicencia am Sonnabend ... großer Feiertag! Aber ich komm' wieder. In vierzehn Tagen bin ich in Tormes, dann machen wir ein langes Madrigal. Und selbstverständlich wohne ich der Ueberführung bei.«

Jacintho reckte den Arm aus:

»Was ist das dort für ein großes Haus, da auf der Anhöhe, mit dem Turm?«

Ich wußte es nicht. Irgend ein Herrensitz von einem Strohjunker aus dem Douro. Tormes wäre so im vierschrötigen, massiven Genre, bestimmt, die Jahrhunderte zu überdauern, aber ohne Turm.

»Und man sieht's gleich von der Station, Tormes?«

»Nein! Es liegt ganz hoch, in einer Talmulde der Serra, von Bäumen umgeben.«

In meinem Prinzen war offenkundig die Neugier auf sein angestammtes ländliches Erbe erwacht. Er sah ungeduldig auf die Uhr. Noch dreißig Minuten! Dann sog er die Luft und das Licht ein und flüsterte in dem ersten Entzücken eines Neueingeführten:

»Welche Milde, welcher Frieden! ...«

»Halb vier, wir sind gleich da, Jacintho!«

Ich verwahrte mein altes »Jornal do Commercio« in der Tasche meines Paletots, den ich über den Arm hängte, und am Fenster stehend erwarteten wir beide fieberhaft die kleine Station Tormes, das seliggepriesene Endziel unsrer Prüfungen. Endlich wurde sie sichtbar, hell und schlicht, am Flußufer, unter Felsgruppen, mit ihren leuchtenden Sonnenblumen einen schmalen Garten füllend, zwei hohe Feigenbäume, die den Hof beschatteten, und im Hintergrund die mit dichtem, altem Baumwuchs bestandene Serra ... Gleich auf dem Bahnsteig wurde ich mit großer Befriedigung des umfangreichen Bauches und der blühenden Pausbacken des Stationschefs gewahr, des blonden Pimenta, meines Mitschülers in der Unterprima in Braga. Die Pferde warteten gewiß im Schatten, unter den Feigenbäumen.

Kaum hielt der Zug, als wir fröhlich zur Erde sprangen. Die schmerbäuchige Masse Pimentas kugelte gleich freundschaftlich auf mich zu: »Viva, Freund Zé Fernandes!« »O du prächtiger Pimentaon! ...«Die Endung aon (ão) ist Augmentativ und bedeutet: dick, groß; die Endung inha ist Diminutiv und schließt den Begriff einer Liebkosung ein. Ich stellte den Gebieter von Tormes vor. Und dann: »Hör, Pimentinha... Ist Silverio nicht hier?« »Nein... Silverio ist vor fast zwei Monaten nach Castello de Vide gereist, um nach seiner Mutter zu sehen, die von einem Ochsen gestoßen ist.«

Ich warf einen unruhigen Blick auf Jacintho.

»Nanu! Und Melchior, der Verwalter?... Sind die Pferde nicht hier, daß wir zur »Quinta« hinaufreiten können?«

Der würdige Vorstand hob in beträchtlicher Ueberraschung die maisgelben Augenbrauen:

»Nein! ... Weder Melchior, noch Pferde ... Der Melchior ... Schon seit Ewigkeiten habe ich nichts von Melchior gesehen!«

Der Auflader setzte langsam den Klöpfel der Bahnglocke in Bewegung, damit der Zug abfahre. Da, weil wir ringsum auf der menschenleeren und glattgefegten Station weder Diener noch Koffer sahen, stießen wir zugleich denselben Schreckensruf aus:

»Und Grillo? Das Gepäck?«

Wir liefen den Zug entlang und schrieen verzweifelt:

»Grillo! O Grillo! ... Anatole! O Anatole!«

In der Hoffnung, daß Grillo und Anatole wie Tote schliefen, sprangen wir auf die Laufbretter, steckten den Kopf in die Abteile und entsetzten ruhige Leute mit demselben dröhnenden Geschrei: »Grillo, bist du da? Grillo!«

Schon höhnte aus einem Abteil dritter Klasse, wo Viola geklimpert wurde, die kläffende Stimme eines Spaßmachers: »Hat denn kein Mensch eine Grille? Da sind ein paar Herren, die möchten gern eine Grille!« - Kein Anatole, kein Grillo!

Die Glocke ertönte.

»O Pimentinha, warte, Mensch! Du wirst doch den Zug nicht abfahren lassen! Unser Gepäck, Mensch!«

Und mit gramvoller Entschlossenheit stieß und zerrte ich den feisten Vorstand nach dem Gepäckwagen, um unsre dreiundzwanzig Koffer zu ergründen, ans Licht zu bringen! Aber wir stießen nur auf Fässer, Weidenkörbe, Oelkannen, einen mit Tauen umwundenen Koffer ... Jacintho biß sich totenbleich auf die Lippen. Und Pimentinha mit stieren Augen:

»O Menschenkinder, ich kann doch den Zug nicht aufhalten!...« Die Glocke tönte... Und unter schönem, hellem Rauch entschwand der Zug hinter den hohen Steilwänden. Ringsum erschien alles noch stiller und einsamer als zuvor. Da fanden wir uns also ausgesetzt, im Gebirge verloren, ohne Grillo, ohne Geschäftsführer, ohne Verwalter, ohne Pferde, ohne Koffer, ohne Zivilisation! Ich hatte nur den hellen Paletot gerettet mit dem »Journal do Commercio«, Jacintho einen Spazierstock. Das war die Summe unsrer irdischen Güter.

Der Pimentaon betrachtete uns mitleidsvoll aus weitaufgerissenen, zwischen Fettpolstern eingebetteten Aeuglein. Ich erzählte dann diesem Freund von unserm überstürzten Umsteigen in Medina, im Regensturm, und von Grillo, der fortgeschwemmt, mit den dreiundzwanzig Koffern irgendwo gestrandet war oder vielleicht nach Madrid trieb, ohne uns auch nur ein Taschentuch zu lassen...

»Ich habe nicht einmal ein Taschentuch! – Da, dies »Jornal do Commercio« hab' ich. Das ist mein ganzes Weißzeug.«

»Sehr verdrießlich, Caramba!« knurrte Pimenta teilnehmend, »Und nun?«

»Nun,« bellte ich. »heißt's nach der Quinta hinaufkriechen, auf allen vieren ... Wenn man nicht etwa hier irgendwo ein paar Esel aufgabelt.«

Da fiel dem Auflader ein, daß ganz in der Nähe, auf der Giesta, einem Vorwerk, das noch zu Tormes gehörte, der Verwalter, sein Gevatter, eine gute Stute und einen Esel besitze... Und der nützliche Mann machte sich auf den Trab nach der Giesta, während mein Prinz und ich auf eine Bank sanken, erschöpft, überwunden, wie Schiffbrüchige. Der umfangreiche Pimentinha stand vor uns mit den Händen in den Taschen und hörte nicht auf, uns zu betrachten und zu murmeln: »Sehr verdrießlich, Caramba!«

Der Douro vor uns stoß träge und wie unter der schon fühlbaren Hitze des Mai eingeschlafen, dahin und umarmte ohne das leiseste Rauschen eine breite, hellglänzende Felseninsel. Jenseits stieg die Serra in fünften Buckeln auf, mit einer tiefen Bergfalte, wo eng zusammengedrängt und weltvergessen sich ein freundliches Dörfchen eingenistet. In unendlichem Schweigen ruhte der unendliche Raum. In jener Fels- und Waldeinsamkeit schienen die auf dem Dach flatternden Spatzen Vögel von beträchtlicher Größe. Und die kugelige und pausbäckige Masse von Pimentinha beherrschte, versperrte den Horizont. »Es ist alles bereit. Herr! Da kommen die Tiere! Nur ein Sattelchen für die Stute habe ich nicht auftreiben können.«

Es war der Auflader, prächtiger Mensch, der von der Siesta zurückkam und in der Hand zwei Sporen schüttelte, die verrostet waren und nicht zusammengehörten. Und es dauerte nicht lange, so erschienen im Hohlweg eine Fuchsstute, ein Esel mit Saumsattel, ein Bursche und ein Jagdhund. Wir drückten die schweißige Freundeshand Pimentinhas. Die Stute überließ ich dem Gebieter von Tormes. Und dann fingen wir an, den Weg zu erklettern, der weder glatter noch zahmer geworden war seit den Zeiten, wo ihn die eisenbeschlagenen, klobigen Stiefel der Jacinthos des 14. Jahrhunderts betreten hatten. Gleich nachdem wir eine schwankende Holzbrücke überschritten hatten, unter der ein kleiner Fluß über Kiesel hinschäumte, bemerkte mein Prinz mit dem plötzlich geschärften Blick des Besitzers die kraftstrotzende Tragfülle der Oelbäume. Und bald waren unsre Koffer vergessen vor der unvergleichlichen Schönheit jener gesegneten Serra!

Mit welchem Glanz, mit welcher Fülle von Inspiration sie der göttliche Künstler, der die Gebirge aus der Erde wachsen läßt, aufgebaut hat! Wie hat er mit zärtlicher Sorge über sie gewacht, wie hat er ihren Schoß mit reichen Schätzen gesegnet, wie hat er ihre im Licht badenden Häupter mit Sonnenglanz gekrönt in diesem seinem vielgeliebten Portugal! Großartigkeit und Lieblichkeit halten sich die Wage. In die steilen Taleinschnitte steigen Streifen von Waldungen hernieder, so beschnitten und abgerundet, von so jugendlichem Grün, daß sie wie weiches Moos wirken, in dem man sich wälzen möchte. Von den Anhöhen, die zu beiden Seiten des holperigen Hohlwegs aufsteigen, breitet überhängendes Gezweig ein anmutig Sonnenzelt, das uns beim leichten Flügelschlag der Vögel mit Duft überschüttet. Durch die jahrhundertealten Mauern, die im Bunde mit dem Efeu die Ackerkrume schützen, brechen schlangengleich dicke Baumwurzeln hervor, die gleich wieder der Efeu umrankt. Aus jeder Scholle, aus jeder Spalte sprießen Waldblumen. Weiße Felsen dehnen ihre von Wind und Sonne geglätteten nackten Leiber; andre, mit Flechten und blühendem Dorngestrüpp bekleidet, recken sich vor wie das geschmückte Vorderteil einer Galeere; und zwischen denen, die sich auf der Höhe zusammendrängen, lugt hie und da ein glattgedrücktes, schiefes Hüttchen, das bis da hinauf geklettert ist, aus den schwarzen Spalten hervor, während die zerzausten Ranken wilder Schlingpflanzen, die ihm der Wind auf die Ziegel gesät, ihm wie wirre Haarsträhne über das Gesicht hängen. Ueberall rieselndes Wasser, befruchtendes Wasser ... Helläugige, flinke Bächlein fliehen unter den Füßen der Stute und des Esels, und wir hören, wie sie glucksend mit den Kieseln lachen; herrische Wildwasser stürzen krachend von Fels zu Fels; dünne Wasserfäden, gerade und glänzend wie silberne Saiten, zittern und blitzen von den Felsvorsprüngen in die Schluchten hernieder. Und manch eine Quelle, sorglich an den Wegrain gelegt, sprudelt durch eine Röhre, bereit, Mensch und Tier zu erquicken ... Manchmal bildet ein ganzer Berggipfel ein Saatfeld, das ein dickstämmiger, urväterlicher Eichbaum einsam beherrscht als sein Gebieter und sein Hüter. An geschützten Senkungen grünen junge Orangenpflanzungen. Mit cyklopischen Mauern eingefaßte Wege umschließen fette Weiden, auf denen Kühe grasen und Lämmer hüpfen; andre, engere und zwischen höheren Mauern eingeschlossene, führen unter dichtem Weinlaub in ruhige, dämmrige Kühle. – Wir erklommen eine kleine Dorfstraße, zehn oder zwölf Hüttchen, unter Feigenbäumen versteckt, woraus uns der durch die Dachziegel entfliehende weiße und harzduftende Rauch der Pinienzapfen entgegendrang. Auf den entfernteren Bergspitzen schimmerten über die Kronen schwermütiger Kiefernwaldungen weiße Kapellchen und einsame Klausen herüber. Ein verstreutes Klingen von Herdenglocken erstarb in den Schluchten ...

Jacintho, der auf seiner Fuchsstute vorausritt, murmelte:

»Wie schön!«

Und, im Gefolge, auf dem Esel Sancho Pansas, murmelte: »Wie schön!«

Frisches Gezweig streifte mit schmeichelnder Vertraulichkeit unsre Schultern. Hinter den mit Brombeeren beladenen Hecken streckten die Apfelbäume ihre Aeste herüber, um ihre grünen Aepfel anzubieten, da sie keine reifen hatten. Sämtliche Fensterscheiben eines alten Hauses mit seinem Kreuz auf dem First glänzten gastlich, als wir vorüberzogen. Eine lange Weile gab uns eine Amsel das Geleit, von Steineiche zu Ulme, Lobpreisungen singend. Dank dir, Schwester Amsel! Euch Apfelbaumzweigen Dank! Wir sind da, wir sind da! Und bei dir bleiben wir, du gastliche Serra, Serra der gesegneten Fülle und des Friedens, du Gebenedeite unter den Serren!

Im langsamen Schlendern durch diese Wunderwelt gelangten wir bis zu jener Buchenallee, die mich immer durch ihre ernste Vornehmheit entzückt hatte. Unser Bursche verabreichte dem Esel und der Stute einen aufmunternden Hieb und rief, seinem Jagdhund immer auf den Fersen: »Da sein wir, Herrschaften!« Und in der Tat erschien am Ende der Allee das Portal der Quinta von Tormes mit dem Wappenschild aus vielhundertjährigem Granit, bemoost und verwittert. Jenseits bellten die Hunde wie wütend. Und als wir, Jacintho auf seiner schweißtriefenden Stute und ich hinter ihm auf Sanchos Esel, die feudale Schwelle überschritten, kam oben aus der Halle die ausgetretene Steintreppe ein wohlgenährter Mann herab, bartlos wie ein Pfaffe, ohne Weste, ohne Wams, und beruhigte die Hunde, die gegen meinen Prinzen die Zähne fletschten. Das war der Verwalter Melchior... Nicht sobald erkannte er mich, als sich sein Mund zu einem breiten, gastlichen Lächeln öffnete, das nur die Zähne vermissen ließ. Aber nicht sobald auch hatte ich ihm offenbart, daß der Herr mit dem blonden Schnurrbart, der da von der Stute stieg und sich die Schenkel rieb, der Herr von Tormes wäre, als mein guter Melchior mit allen Zeichen des Schreckens und Entsetzens wie vor einem Gespenst zurückwich:

»Ist die Möglichkeit!... Heiliger Herrgott! Ja, ist denn...?«

Und in das Knurren der Hunde hinein und unter ratlosem Gestikulieren stammelte er eine Geschichte, die ihrerseits Jacintho wieder mit Schrecken erfüllte, wie wenn die schwarze Mauer des Hauses sich neigte, um einzustürzen. Melchior erwartete Seine Excellenz nicht. Niemand erwartete Seine Excellenz! ... (Er sagte »Seine Incellenz!«) Der Herr Silverio wäre seit dem März in Castello de Vide bei seiner Mutter, die von einem Ochsen in die Leiste gestoßen wäre. Und sicherlich läge irgend ein Irrtum vor, wären Briefe verloren gegangen ... Denn der Herr Silveno rechnete auf Seine Excellenz erst im September zur Weinlese. Die Bauarbeiten im Hause gingen ganz sacht, sacht vorwärts ... Das Dach an der Südseite wäre noch immer ohne Ziegel; eine Menge Fensterflügel warteten noch auf Scheiben, und um dazubleiben, heilige Jungfrau! Kein einziges Bett sei in Ordnung! ...

Jacintho kreuzte die Arme in wortlosem Zorn, der ihn erstickte. Schließlich mit einem Wutschrei:

»Aber die Kisten? Die Kisten, die ich von Paris geschickt habe, im Februar, vor vier Monaten?« ...

Der unselige Melchior riß die kleinen Augen auf, die sich mit Tränen füllten. Die Kisten?! Es war nichts angekommen, nichts hatte sich sehen lassen! ... Und in seiner Ratlosigkeit sah er sich rings um nach den Bogengängen des Hofes, tastete in den Taschen seiner Beinkleider... Die Kisten?... Nein, die Kisten hatte er nicht!

»Und was nun, Zé Fernandes?«

Ich zuckte die Achseln:

»Jetzt, mein Junge, bleibt nur übrig, daß du mit mir nach Guiaens kommst ... Aber das sind gute zwei Stunden zu reiten. Und wir haben keine Pferde! Das beste wird sein, das Haus zu beaugenscheinigen, das gute Hühnchen zu essen, das unser guter Freund Melchior uns am Spieße brät, auf irgend einem Strohsack zu schlafen, und morgen, ehe die Hitze sich geltend macht, hinauf zu traben zur Tante Vicencia.«

Jacintho entgegnete mit wütender Entschiedenheit:

»Morgen trabe ich, aber hinunter zur Station!... Und dann nach Lissabon!«

Dann stieg er tief gekränkt die ausgetretene Steintreppe seines Herrensitzes hinauf. Oben lief an der ganzen Fassade des mächtigen Gebäudes eine Veranda entlang, unter einem Schutzdach aus verwitterten Balken und zwischen den granitnen Tragpfeilern hölzerne Blumenkästen, in denen Nelken blühten. Ich pflückte eine gelbe Nelke und trat hinter Jacintho in die Hallen und Säle, die er mit einem Murmeln des Schreckens betrachtete. Sie waren weit und widerhallend wie ein Kapitelsaal, mit dicken, von Zeit und Verwahrlosung geschwärzten Mauern, eisig kalt und trostlos nackt; kaum daß in den Ecken etwa ein Haufen Körbe lag oder eine Axt unter Holz. Die hohen Felderdecken aus getäfeltem Eichenholz wiesen große Spalten auf, durch die der blaue Himmel hereinschien. Die scheibenlosen Fenster waren mit schweren Läden versehen, mit Riegeln für die Querbalken, die, geschlossen, keinen Lichtstrahl durchlassen. Unter unsern Schritten ächzte und wich stellenweise der morsche Fußboden.

»Unbewohnbar!« grollte Jacintho. »Eine Scheußlichkeit! Eine Niederträchtigkeit!«

In andern Gemächern indessen wechselte der alte Fußboden mit Flicken aus neuen Dielen. Dasselbe helle Flickwerk sprenkelte die urväterlichen Decken aus schönem dunkelm Eichenholz. Die Wände wirkten fast beleidigend in der blendenden Weiße frischen Kalkanstrichs. Und durch die trüben, von Anstrich und Glaserhänden schmierigen Fenster konnte kaum der Sonnenschein herein.

So drangen wir vor bis zum letzten, größten, von sechs Fenstern erhellten und mit einem Schrank und einer kurzen, grauen Pritsche, die in einer Ecke aufgeschlagen war, ausgestatteten Raum. Neben dieser hielten wir an und legten hoffnungslos auf ihr nieder, was uns von dreiundzwanzig Koffern übrig geblieben war: meinen hellen Paletot, Jacinthos Spazierstock und das »Jornal do Commercio«, das uns gemeinschaftlich gehörte. Durch die öden Fensterhöhlen strömte die Gebirgsluft herein und kreiste darin wie auf einer Dreschtenne mit einem frischen, feuchten Erdgeruch. Vom Rande der Pritsche aus aber sahen wir gerade auf einen Fichtenwald, der einen Berggipfel krönte und von ihm den sanften Abhang hinabstieg wie ein auf dem Marsch befindlicher Heerhaufe, mit einzelnen, detachierten, geraden, mit dunkeln Federbüfchen gekrönten Fichten an der Spitze. Weiter entfernt das seine weiche Violett der Serren jenseits des Flusses; darüber der helle Himmel, glatt, wolkenlos, voll göttlicher Majestät. Und aus den Tälern herauf ertönte die Stimme eines Hirten, der eine melancholische Volksmelodie sang.

Jacintho schritt langsam auf den Steinsitz in einer der Fensternischen zu, wo er völlig zerschlagen vom Mißgeschick niedersank, unfähig, es mit diesem schnöden Verschwinden aller Kultur länger aufzunehmen! Ich betastete und beklopfte die Pritsche, die hart und eiskalt war wie winterlicher Granit. Und wie ich so an die üppigen Springfedermatratzen und Daunenbetten in 202 dachte, machte ich ebenfalls meiner gerechten Empörung Luft:

»Aber die Kisten, Schwermut noch einmal!... Wie können denn mehr als dreißig Kisten von der Größe verloren gehen?«

Jacintho schüttelte erbittert die Achseln:

»Irgendwo liegen geblieben in einem Güterschuppen! . . . Wahrscheinlich in Medina, in diesem grauenhaften Medina. Gleichgültigkeit der Eisenbahnverwaltung, Faulheit des Silverio ... Kurz, die Halbinsel, das Barbarentum!«

Ich stützte die Kniee auf den andern Fenstersitz und ließ den entzückten Blick über Himmel und Berge schweifen:

»Wie schön!«

Nach einem ausdrucksvollen Schweigen murmelte mein Prinz mit in die Hand gestütztem Kinn:

»Wundervoll... Und welcher Friede!«

Unter dem Fenster grünte ein saftstrotzender Gemüsegarten mit krausem Kohl, Bohnenbeeten, Salatfeldern, fetten Kürbisranken. Eine offene Dreschtenne, alt und uneben, beherrschte das Tal, aus dem schon der leichte Nebel irgend eines Waldstroms heraufstieg. Die ganze Ecke des Hauses auf dieser Seite schob sich in eine Orangenpflanzung hinein. Aus einer kunstlosen, unter Zitterrosen halb versteckten Quelle lief ein langer, glänzender Wasserstrahl.

»Mich verlangt unwiderstehlich, von diesem Wasser zu trinken!« erklärte Jacintho ernsthaft.

»Mich auch ... Gehen wir in den Garten hinab? Und dabei können wir mal durch die Küche gehen und uns nach unserm Hühnchen umsehen.«

Wir kehlten zur Veranda zurück. Schon mehr ausgesöhnt mit dem widrigen Schicksal, pflückte mein Prinz eine gelbe Nelke. Und durch eine niedere Tür mit dickem, starkem Rahmen tauchten wir in ein Gemach, das ganz mit Kalk beschmiert war und als Dach nur dicke Balken trug, von denen ein Flug Sperlinge schwirrend aufflog.

»Nun sieh diesen Greuel!« murmelte Jacintho entsetzt.

Wir stiegen eine dunkle Steintreppe hinab und wagten uns in einen finsteren, mit rohen Steinplatten gepflasterten Gang, der von tiefen Truhen gesperrt war, groß genug, um darin das Korn einer Provinz aufzuspeichern. Am Ende lag die ungeheure Küche, eine Masse von schwarzen Formen, schwarzem Holz, schwarzem Gestein, tiefschwarzem, glänzendem Ruß vergangener Jahrhunderte. Und aus dieser Schwärze heraus leuchtete in einem Winkel auf dem schwarzen Erdboden das rote Feuer, leckte an Tiegeln und Töpfen empor und strömte eine Rauchwolke aus, die aus dem in die Mauer eingelassenen Rost entwich und sich zwischen den Zitronenbäumen verteilte. In der ungeheuren Feuerstätte, wo die Jacinthos des Mittelalters ihre großen Schinken und Ochsenviertel räucherten und brieten und die jetzt bei der Frugalität der Häusler unbenutzt blieb, verstaubte ein Haufen Körbe und Gerätschaften. Das ganze Licht strömte durch eine schwere Tür aus Kastanienholz, die weit offen zu einem kleinen ländlichen Garten führte, in dem sich Savoyerkohl und schöne Jonquillen mischten. Um das Feuer herum eine Schar aufgeregter Frauen, die mit heißer und geschwätziger Inbrunst Hühnchen rupften, in den Kasserollen rührten, Zwiebel hackten. Alle verstummten, als wir erschienen, und aus ihrem Kreise heraus kam der arme Melchior, betäubt und mit großem Blutandrang in seinem feisten Pfaffengesicht, zu uns hergelaufen und schwor hoch und teuer, das »Mittagmählchen Ihrer Incellenzen würde kein Vaterunserlang mehr dauern« ...

»Und die Betten, Freund Melchior?«

Der würdige Mann stammelte eine gedämpfte Entschuldigung wegen »Pritschchen auf der Erde« ...

»Das genügt!« kam ich ihm zu Hilfe, um ihn zu trösten. »Auf eine Nacht mit frischgewaschenen Leintüchern...«

»Ah, für die Leintüchlein hafte ich! ... Aber solch ein Leidwesen, Herr! Uns so anzutreffen, ohne eine Wollmatratze, ohne ein Ochsenviertel... Ich habe schon gedacht und auch schon zu meiner Gevatterin gesagt, Eure Incellenzen könnten nach den ›Ninhos‹ gehen und im Hause Silverios schlafen. Da haben sie eiserne Bettstellen und Waschtische... Es ist ja immerhin ein kleines Meilchen bis dahin und ein schlechter Weg.«

Jacintho mischte sich gutmütig ein:

»Nein, nein, Melchior, es wird schon so gehen. Für eine Nacht! Ich möchte auch lieber in Tormes schlafen, in meinem Berghause!«

Wir traten auf den freien Platz hinaus, der einen Abschnitt des Gartens bildete und von dicken Felsen mit grünen Häuptern abgeschlossen war, die ihrerseits wieder an die Bergspalten grenzten, wo blonder Roggen im Winde schaukelte. Mein Prinz legte die Lippen an die Röhre der Quelle und trank wollüstig von dem eisigen, glänzenden Wasser; dann spitzte er die Lippen nach den krausen Salatköpfen und sprang zu den hohen Zweigen eines beschnittenen, früchtebeladenen Kirschbaumes hinauf. Dann passierten wir die alte Kelter, deren Dach unter weißen Taubenflügen verschwand und glitten facht in den Fußweg hinüber, der in den Berghang geschnitten war. Und während wir so beschaulich dahin wandelten, verwunderte sich mein Prinz über die Maisfelder, über die uralten Eichbäume, die von uralten Jacinthos gepflanzt waren, über die Hütten, die da am dunkeln Waldsaum auf den Berghängen verstreut lagen...

Aufs neue betraten wir die Buchenallee und durchschritten das feudale Portal unter dem Bellen der zahmer gewordenen Rüden, die den Herrn witterten. Jacintho erkannte »etwas Edelmännisches« in der Fassade seines Erbes an. Aber insbesondere sagte ihm die lange Allee zu, so breit und gerade, wie dazu geschaffen, daß sich in ihr eine Kavalkade von Rittern mit Federbüfchen und Pagen entfaltete. Als er dann oben von der Veranda aus den neuen Ziegelbau der Kapelle bemerkte, lobte er Silverio, »diesen Faulpelz«, daß er wenigstens für das Gotteshaus Sorge getragen hatte.

»Auch diese Veranda ist angenehm,« sagte er beifällig und tauchte das Gesicht in den Nelkenduft. »Müssen nur ein paar große Lehnsessel hinein, ein paar Sofas aus Rohrgeflecht...«

Drinnen, in »unserm Gemach«, setzten wir uns dann beide auf die steinernen Fenstersitze und gaben uns unter der süßen Stille der Dämmerung, die sich leise über Berg und Tal legte, unsern Betrachtungen hin. Da oben zitterte ein Stern, die funkelnde Venus, die sehnsuchtsvolle Vorläuferin der Nacht. Jacintho hatte niemals diesen Stern mit seinem Liebesgefunkel, der an unserm christlichen Himmel das Gedächtnis der unvergleichlichen heidnischen Göttin verewigt, einer längeren Betrachtung gewürdigt, auch niemals mit wacher Seele dem majestätischen Einschlafen der Natur zugeschaut. Und dies Wachsen der Schatten, die der Nacht vorausschreiten, das müde Verstummen des Laubgeflüsters, das allmähliche Verlöschen der Lichter in den Heimstatten, die Nebeldecke, in die sich die Kühle der Talgründe hüllt und bettet: ein schläfriger Glockenton, der durch die Schluchten rollt, das heimliche Murmeln der Wasser und das Flüstern des dunkeln Grases hatten für ihn den Reiz von Offenbarungen. Von diesem sich auf das Gebirge öffnenden Fenster sah er in ein andres Leben hinein, das nicht nur voll ist vom Menschen und dem lärmenden Gewirr seines Werkes. Und da hörte ich meinen Freund seufzen wie einen, der endlich Ruhe gefunden.

Aus dieser Verzückung riß uns Melchior mit der angenehmen Meldung, daß das Mahl auf »Ihre Incellenzen« warte. Es war in einer andern Halle aufgetragen, die noch nackter und öder war; und da gleich an der Tür stockte der Fuß meines hyperzivilisierten Prinzen, wie erstarrt von der Rauheit, Spärlichkeit und Oede der Dinge. Auf einem Tisch an der von Lampenruß geschwärzten Wand ein Tischtuch aus grobem Hanf; zwei Unschlittkerzen in blechernen Leuchtern erhellten dicke Teller aus gelbem Steingut, flankiert von zinnernen Löffeln und eisernen Gabeln. Die dicken Trinkgläser bewahrten noch den violetten Schimmer von Wein, der in reichen Jahren reicher Weinernten hineingeschenkt war. Der mit Oliven bis zum Rande gestillte irdene Napf würde Diogenes befriedigt haben; in die Kruste eines riesenhaften Brotes gespießt, erglänzte ein riesenhaftes Messer. Und aus dem für meinen Prinzen reservierten feudalen Lehnstuhl mit dem steifen Lederrücken und dem wurmstichigen Holz, der letzten Kostbarkeit der verflossenen Jacinthos, entwich das Roßhaar in Locken aus den Kissen des morschen Sitzes.

Eine Riesenmaid, deren voller Busen unter den eingewirkten Blumen des über der Brust gekreuzten Tuches erzitterte, trat, noch schweißglühend vom Herdfeuer und unter wuchtigem Schritt den Boden zermalmend, mit dampfender Terrine auf. Und Melchior, der mit dem Weinkrug folgte, gab der Hoffnung Ausdruck, Ihre Incellenzen würden ihm verzeihen, daß die Suppe wegen der Kürze der Zeit nicht kräftig wäre ... Jacintho hatte den Urvatersitz inne. Eine ganze Zeit rieb er energisch, zum starren Entsetzen des vortrefflichen Häuslers, mit dem Tischtuchzipfel die schwarze Gabel, den blinden Zinnlöffel. Dann kostete er mißtrauisch die Suppe – es war Hühnersuppe und duftete lieblich. Er kostete – und hob zu mir, seinem Leidensgefährten in schwerer Prüfungszeit, den glänzenden, überraschten Blick. Er schlürfte einen volleren Löffel, mit mehr Zutrauen. Und dann lächelte er voll Staunen: »Ist famos!«

Sie war köstlich! Sie stärkte Herz und Nieren; ihr Duft stimmte zur Rührung; dreimal attackierte ich mit Inbrunst diesen »Caldo«.

»Ich komm' auch noch mal!« rief Jacintho mit überzeugter Entschlossenheit. »Ich habe nämlich einen Hunger ... Himmlische Güte! Seit Jahren habe ich keinen solchen Hunger gehabt.«

Zuletzt schrappte er gar noch gierig den Suppennapf aus. Und dann sah er verlangend nach der Tür, in der Erwartung der Trägerin weiterer Leckerbissen, die schließlich auf der Bildfläche erschien, noch glühender im Gesicht und den Fußboden in bedenkliche Schwankungen versetzend. Sie setzte eine Schüssel nieder, die von Reis mit Bohnen überfloß. Welch ein Mißgeschick! In Paris hatte Jacintho Bohnen immer verabscheut... Trotzdem probierte er scheu eine Gabel voll – und aufs neue erglänzten seine Augen, die der Pessimismus getrübt hatte, zu mir herüber, darauf eine zweite, höher beladene Gabel voll, mit der Langsamkeit eines Mönchs, der sich's wohl sein läßt. Und dann ein Ruf:

»Prachtvoll! Solche Bohnen, ja! Das lass' ich mir gefallen! Was für Bohnen! Wie köstlich!«

Und aus dieser heiligen Gefräßigkeit heraus pries er laut die Serra, die vollendete Kunst der geschwätzigen Weiber, die da unten den Kochlöffel schwangen und in den Kasserollen rührten, den Melchior, der dem Festmahl präsidierte...

»Solch einen Reis mit Bohnen gibt's nicht in Paris, Freund Melchior!«

Der prächtige Mann lächelte, nun völlig entwölkt:

»Das ist hier so das Alltagsgericht der Knechte! Und so jede Schüssel, daß Eure Incellenzen lachen würden ... Aber jetzt werden der Senhor Dom Jacintho hier auch dick und stark werden!«

Der gute Häusler war der aufrichtigen Ueberzeugung, daß der Gebieter von Tormes, verloren da in dem entlegenen Paris und fern von den Fleischtöpfen von Tormes, Hunger leiden und verkommen müßte ... Und tatsächlich schien mein Prinz einen alten, ausgewachsenen Hunger und eine lang überkommene Sehnsucht nach Fülle zu sättigen, wie er so bei wiederholtem Angriff jeder Schüssel in reichliche Lobeserhebungen ausbrach. Bei den knusprigen, am Spieß gebräunten Hähnchen und dem Salat, mit dem er schon im Garten geliebäugelt hatte, erhob er ein Triumphgeschrei: »Das ist ein Göttergericht!« Aber nichts begeisterte ihn so wie der Wein von Tormes, den Melchior in langem Strahl aus dem dickbäuchigen grünen Krug einschenkte – ein frischer, anregender, gehaltvoller Wein, der mehr Seele hatte und mehr Eingang in die Seele fand, als manches Gedicht oder heiliges Buch. Wie er so beim Schein des Talglichts das dicke Glas betrachtete, das der Wein mit einem rosenfarbenen Schaum umränderte, citierte der begeisterte Zecher mit einem Schimmer von Optimismus im Gesicht Virgil:

»Quo te carmine dicam, Rhaetica? Wer wird dich würdig preisen, liebenswerter Wein dieser Serra?«

Da ich es nicht gut vertragen kann, wenn mich ein andrer in klassischer Bildung überholt, stöberte ich auch gleich in meinem Virgil und lobte die Süßigkeit des Landlebens:

»Hanc olim veteres vitam coluere Sabini... Also lebten die alten Sabiner... Also Romulus und Remus ... So wuchs das tapfere Etrurien ... So wurde Rom zum Wunder der Welt!« Und regungslos, mit der Hand den Henkel des Weinkrugs umklammernd, starrte uns Melchior mit unendlicher Verdutztheit und ehrfurchtsvoller Andacht aus weitaufgerissenen Augen an.

O, wir speisten unaussprechlich herrlich, unter der Fürsorge Melchiors – der, als wahre Vorsehung und Schutzengel, uns schließlich noch Tabak lieferte. Und da sich vor uns eine Gebirgsnacht erstreckte, kehrten wir nach den scheibenlosen Fenstern zurück und betrachteten den wundervollen Sommerhimmel. Und dabei gaben wir uns einem gemütlichen und beredsamen Philosophieren hin.

In der Stadt, so bemerkte Jacintho, sieht man niemals nach den Gestirnen, vergißt sie über den Gaslaternen und den Globen elektrischen Lichts, die sie überstrahlen. Und darum, so bemerkte ich, tritt man da nie in diese Gemeinschaft mit dem Weltall, die doch der einzige Preis und Trost des Lebens ist.

Im Gebirge aber, ohne die ungetümen sechsstöckigen Häuserblock, ohne die Atmosphäre von Dunst und Rauch, die uns unsern Gott verhüllt, ohne die Sorgen, die uns wie Bleigewichte die Seele in den Erdenstaub ziehen – sehen ein Jacintho, ein Zé Fernandes, beide frei, rechtschaffen gesättigt, auf den Steinsitzen einer Fensternische ihre Zigarre rauchend, nach den Sternen, und die Sterne schauen auf sie. Die einen ohne Zweifel mit Augen sublimer Unbeweglichkeit oder souveräner Gleichgültigkeit. Aber andre neugierig, mit Interesse, wie ein winkendes, rufendes Licht, als versuchten sie von so weit her ihre Geheimnisse zu offenbaren oder aus der Ferne die unsern zu begrüßen.

»O Jacintho, was für ein Stern ist das dort, da, der da über dem Dachfirst funkelt?«

»Ich weiß nicht... Und der dort, Zé Fernandes, da weiter hin, über dem Pinienwald?«

»Ich weiß nicht.«

Wir wußten es nicht. Ich nicht, wegen der dicken Kruste von Unwissenheit, mit der ich aus dem Schoß von Coimbra, meiner Geistesmutter, hervorgegangen war. Er nicht, weil er in seiner Bibliothek dreihundertundacht Abhandlungen über Astronomie besaß, und das so aufgehäufte Wissen einen Berg bildet, über den man nie hinwegkommt und von dem man nie einen Splitter abreißt. Aber was kümmerte es uns auch, ob jener Stern Sirius und der andre Aldebaran hieß? Und was kümmerten sie sich darum, daß einer von uns Jacintho und der andre Zé war? Sie, die unendlichen Welten, wir, die kleinen Staubkörner auf unsrer Welt, sind alle das Werk des gleichen Willens. Und alle, ob Uranus oder Lorena de Noronha e Sande, bilden wir verschiedene Willensäußerungen eines einzigen Wesens, und unsre abgetrennten, eigentümlichen Verschiedenheiten summieren in der gleichen festen Einheit. Moleküle desselben Ganzen, von demselben Gesetz regiert und demselben Ende zurollend ... Vom Gestirn bis zum Menschen, vom Menschen bis zur Kleeblüte, von der Kleeblüte zum brausenden Meer – alles ist derselbe Körper, in dem, wie das pulsierende Blut, derselbe Gott kreist.

Und kein Erschauern des Lebens, so geringfügig es auch sei, zittert durch eine Fiber dieses sublimen Körpers, das sich nicht durch alle, auch die unscheinbarsten fühlbar macht, ja selbst in den scheinbar unbelebten, leblosen. Wenn eine Sonne, die ich nicht sehe, niemals sehen werde, in den Tiefen an Entkräftung stirbt, so fühlt jener schlanke Ast des Zitronenbaumes da hinten im Garten ein geheimnisvolles Todesschauern: »Und wenn ich hier auf den Fußboden von Tormes aufstampfe, so erzittert der ungeheure Saturn, und dies Erzittern durchschwingt das ganze Weltall!« Jacintho tat einen kräftigen Schlag auf die Fensterbrüstung. Ich rief:

»Sicher! Die Sonne hat gezittert.«

Und dann, so bemerkte ich wieder, müßten wir bedenken, daß auf jedem dieser leuchtenden Staubkörper eine Schöpfung besteht, die unablässig ersteht, vergeht und wieder ersteht. In diesem Augenblick sitzen andre Jacinthos, andre Zé Fernandes an den Fenstern andrer Tormes und betrachten gleichermaßen den Nachthimmel und an ihm ein einziges Lichtpünktchen, das unsre von uns so gepriesene Erde ist. Nicht alle werden gerade diese unsre Gestalt haben, die sehr zerbrechlich, sehr unbequem und unpraktisch und, wenn man vom vatikanischen Apollo absieht und von der Venus von Milo und etwa noch von der Prinzessin Carmen, über die Maßen häßlich und grotesk ist. Aber, ob Scheusale oder von unaussprechlichem Liebreiz, Ungetüme und härter von Fleisch als der Granit, oder leichter als im Aether wallende Gaze, alle sind sie denkende Wesen und haben das Bewußtsein des Lebens – denn sicherlich hat jede Welt ihren Descartes, oder unser Descartes hat schon alle Welten durchlaufen mit seiner Methode, seinem dunkeln Mantel, seinem eleganten Scharfsinn, der die einzige vielleicht sichere Gewißheit formuliert, das große »Ich denke, also bin ich«. Demnach, wenn wir Weltenbewohner an den Fenstern unsrer Wohnstätten sitzen, dort oben auf dem Saturn oder hier auf unserm kleinen Erdball, so erfüllen wir beständig eine urheilige Aufgabe, die uns durchdringt und uns entspricht – nämlich, daß wir im Denken den gemeinsamen Kern unsers Wesens fühlen und dadurch einen Moment lang im Bewußtsein die Einheit des Alls verwirklichen! – »Was, Jacintho?«

»Möglich,« brummte mein Freund, »ich fall' um vor Schlaf.«

»Ich auch. Aber nichts schöner und nichtiger als so ein Plauderstündchen auf hohem Gebirg beim Betrachten der Sterne! Es bleibt also dabei, daß du morgen abreist?«

»Sicher, Zé Fernandes! Mit Descartesscher Gewißheit. »Ich denke, also fliehe ich!« Was soll ich wohl in diesem alten, baufälligen Gemäuer, ohne ein Bett, ohne einen Lehnstuhl, ohne ein Buch?... Der Mensch lebt nicht von Reis mit Bohnen allein! Aber ich bleibe länger in Lissabon, um mit dem Cesimbra, meinem Geschäftsführer, zu sprechen. Und auch, um die Fertigstellung der Bauten abzuwarten, und das Wiederauftauchen der Kisten, damit ich anständig, mit reiner Wäsche, zur Ueberführung zurückkommen kann.«

»Das ist wahr, die Gebeine...«

»Aber da bleibt nun noch der Grillo ... Solch ein Esel! Wohin kann der nur verschlagen sein?«

Unter langsamem Hinundhergehen in dem unendlichen Saal, wo das schon niedergebrannte Talglicht im Blechleuchter wie der Schein einer Zigarre auf weitem Blachfeld war, grübelten wir über das Schicksal Grillos nach. Der geschätzte Neger war entweder mit den siebenundzwanzig Koffern unter Geschrei in Medina in den Dreck geworfen worden – oder war gemütlich schlafend mit Anatole im Zuge nach Madrid gefahren. Aber jeder von diesen beiden Fällen schien meinem Prinzen als für seine Lebensgewohnheiten rettungslos zerstörend.

»Nein, hör, Jacintho. Wenn der Grillo in Medina gestrandet ist, so hat er in der Fonda geschlafen, die Wagen abgesucht und sich heute morgen in aller Herrgottsfrühe nach Tormes aufgemacht. Wenn du morgen um vier Uhr nach der Station kommst, so triffst du da deinen kostbaren Mann mit deinen kostbaren Koffern in dem Zuge, der dich nach Oporto und nach der Hauptstadt bringen soll...«

Jacintho schüttelte die Arme, wie einer, der in den Maschen eines Netzes zappelt:

»Und wenn er nach Madrid gefahren ist?«

»Dann wird er im Laufe dieser Woche hier in Tormes erscheinen, wo er Ordre vorfindet, nach Lissabon zurückzufahren und wieder in dein Gefolge zu treten... So bleibt also noch der interessante Fall meines Gepäcks zu erörtern. Wenn du morgen auf der Station Grillo triffst, so laß meinen schwarzen Koffer, den Nachtsack aus Segeltuch und die Hutschachtel zurück. Grillo kennt es. Und sage dem Pimenta, dem Schmerbauch, er solle mir nach Guiaens Bescheid schicken. Falls Grillo, von Madrid hergeblitzt, mit dem ganzen Kofferkram hier in Tormes landet, so laß meine Sachen hier bei Melchior zurück. Morgen spreche ich mit dem Melchior.«

Jacintho rüttelte wütend an seinem Halskragen.

»Aber wie kann ich nach Lissabon abreisen, morgen, mit diesem Hemd, das ich zwei Tage auf dem Leibe habe und das mich entsetzlich juckt! Und ohne ein Taschentuch! Nicht einmal eine Zahnbürste!«

Fruchtbar an Einfallen, streckte ich mit schöner Schutzengelgebärde die Hände aus:

»Das findet sich alles, mein Jacintho, das findet sich alles! Ich mache mich morgen ganz früh auf, etwa um sechs Uhr, dann bin ich um zehn in Guiaens, noch vor der Hitze. Und noch vor dem Frühstück, und vor dem Plauderstündchen mit der Tante Vicencia schicke ich dir alsobald durch einen Burschen einen Nachtsack mit Wäsche. Meine Hemden und Unterhosen werden dir vielleicht zu weit sein. Aber ein armer Teufel wie du kann keine Ansprüche machen auf Eleganz und guten Sitz. Der Bursche, wenn er gut zutritt, kann um zwei Uhr hier sein; du hast also Zeit, die Wäsche zu wechseln, ehe du nach der Station gehst... Und in die Reisetasche kann ich ja auch eine Zahnbürste stecken.«

»O, Zé Fernandes! Dann steck auch einen Schwamm hinein. Und ein Glas Eau de Cologne!«

»Lavendelwasser, ausgezeichnet, von der Tante Vicencia eigenhändig bereitet...«

Mein Prinz seufzte, niedergedrückt von seinem erbarmungswürdigen Elend und dieser milden Wäschegabe:

»Na, dann laß uns schlafen gehen, ich bin völlig zerschlagen von Gemütsbewegungen und Sterngucken.«

In dem Augenblick öffnete Melchior schüchtern die schwere Tür und meldete, daß »die Betten für Ihre Incellenzen hergerichtet« seien. Und wie wir nun dem guten Häusler, der ein Oellämpchen hochhielt, folgten, was sahen unsre, noch eben mit den Sternen verbrüderten Augen? In zwei Gemächern, die ein offener Türbogen, ein altersgrauer Steinbogen, trennte: zwei Lagerstätten auf dem Fußboden. Am Kopfende der einen, breiteren, die dem Herrn von Tormes zukam, ein blecherner Leuchter auf einem umgestülpten Getreidemaß; zu Füßen ein glasierter irdener Napf auf einem Dreibein als Waschgerät. Für mich, den einheimischen Gebirgler, weder Getreidemaß noch Napf.

Bedächtig betastete mein hyper-kultivierter Freund mit der Fußspitze die Pritsche. Und vermutlich überzeugte er sich, daß er von ihrer unnachgiebigen Härte nichts zu hoffen hatte, denn er blieb über sie geneigt stehen und ließ ratlos die Finger über sein langes Gesicht gleiten.

»Und das Schlimmste ist noch nicht die Pritsche,« brummte er endlich mit einem Seufzer. »Aber ich habe nicht einmal ein Nachthemd, noch Pantoffeln! Und ich kann nicht in gestärkten Faltenhemden schlafen.«

Ich hatte die Eingebung, Melchior um Hilfe anzugehen. Aufs neue spielte dieser verdiente Mann Vorsehung und schleppte zur Erleichterung von Jacinthos Füßen ein Paar schwere Holzpantoffeln herbei und, um seinen verwöhnten Körper einzuhüllen, ein ungeheures Hemd seiner Frau, kräftig aus Hede gewebt und rauh wie ein härenes Büßergewand, mit Besatzstreifen, die krauser und härter als Holzschnitzerei waren.

Um meinen Prinzen zu trösten, erinnerte ich daran, daß Plato, als er sein »Symposion« schrieb, und Vasco da Gama, als er das Kap umschiffte, kein weicheres Lager hatten! Die harten Lager machen starte Seelen, Jacintho! ... Und nur im Büßerhemd kommt man ins Paradies.

»Hast du vielleicht etwas zu lesen?« gab mir mein Freund kurz zurück. »Ich kann nicht ohne Buch einschlafen.«

Ich? Ein Buch?! Ich hatte nichts weiter als die alte Nummer vom »Jornal do Commercio«, die der Versprengung unsrer Habe und unsrer Kultur entgangen war! Ich riß das wundertätige Blatt in der Mitte durch und teilte brüderlich mit Jacintho, der die ihm zufallende Hälfte, den Anzeigenteil, dankbar empfing ... Und wer damals nicht Jacintho, den Gebieter von Tormes, gesehen hat, wie er, am Rande der Pritsche kauernd, die Füße in den Holzpantoffeln verirrt, und er selbst verloren zwischen den rauhen Falten und den steifen Besatzstreifen des Gebirglerhemdes, beim Schein des hinsiechenden Talglichts sich nachdenklich in die Lektüre der Dampfschiffsabfahrten in einem Stück alter Zeitung vertiefte, der kann sich keine Vorstellung davon machen, wie ein wahres Bild der Mutlosigkeit aussteht.

In meinen spartanischen Alkoven zurückgezogen, knöpfte ich in köstlicher Ermüdung die Weste auf, als mein Prinz mich anrief:

»Zé Fernandes...«

»Schick' doch auch einen Stieselknöpfer mit!«

Bequem ausgestreckt auf dem harten Lager, murmelte ich, wie ich immer tue, wenn mich der Schlaf, der Bruder des Todes, umfängt: »Gelobt sei Gott!« Dann griff ich nach der mir zugefallenen Hälfte des »Jornal do Commercio«.

»Zé Fernandes...«

»Was ist los?«

»Du könntest auch Zahnpulver beilegen ... Und eine Nagelfeile... Und einen Roman!« Schon entfiel das halbe Zeitungsblatt meinen müden Händen. Aber aus seinem Alkoven murmelte noch Jacintho, nachdem er das Licht ausgeblasen, gähnend:

»Zé Fernandes...«

»Hm?«

»Schreib nach Lissabon, Hotel Braganza ... Die Betttücher sind wenigstens frisch, riechen gut, gesund!«

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